Wie man in der ukrai­ni­schen Öffent­lich­keit über das Babyn Yar Holo­caust Memo­rial Center streitet

Das „Spie­gel­feld“ als Teil der audio­vi­su­el­len Instal­la­tion zum 79. Jah­res­tag der Tra­gö­die © Evgen Kotenko /​ Imago Images

Bis zu 40.000 Juden und Jüdin­nen wurden bei Kyjiw in der Schlucht Babyn Jar ermor­det. Den Plan, ein großes Museum zu ihrem Andenken zu erbauen, gibt es seit 2016. Doch vor allem in den letzten Monaten wurde Babyn Jar zum Spalt­pilz der ukrai­ni­schen Gedächt­nis­de­batte, wobei das Geden­ken das Nach­se­hen hat. Tobias Wals berich­tet über den aktu­el­len Stand.

Ende Sep­tem­ber 1941, kaum eine Woche nach der deut­schen Ein­nahme von Kyjiw, erschos­sen die Besat­zer in Babyn Jar, einer Schlucht am Rande der Stadt, über dreißig Tausend der ört­li­chen Juden, Mehr als bei jedem anderen ein­zel­nen Mas­sa­ker des „Holo­causts durch Kugeln“. Unter den Opfern waren vor allem Frauen, Kinder und Greise, dienten doch die meisten Männer in der sowje­ti­schen Armee. In einer unüber­seh­bar langen Schlange zogen sie durch die Stadt, in der Erwar­tung depor­tiert zu werden. Als sie ver­stan­den, was die Besat­zer mit ihnen vor­hat­ten, gab es schon keinen Weg zurück.

Das Morden setzte sich durch die Besat­zung hin­durch fort, bis die Rote Armee die Deut­schen im Novem­ber 1943 aus Kyjiw ver­trieb. Getötet wurden in Babyn Jar auch Kriegs­ge­fan­gene, Wider­stands­kämp­fer, ukrai­ni­sche Natio­na­lis­ten und nicht-jüdi­sche Bür­ge­rin­nen und Bürger. Der Groß­teil der Opfer fiel aber in jenen Sep­tem­ber­ta­gen im Jahr 1941.

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Ende Sep­tem­ber 2020 wurde in Babyn Jar, heut­zu­tage einem Stadt­park, eine audio­vi­su­elle Instal­la­tion eröff­net, um der grau­sa­men Gescheh­nisse zu geden­ken. Blick­fang ist eine Samm­lung gigan­ti­scher Sen­sen­män­ner, umringt von Laut­spre­chern, aus denen Musik der Zwi­schen­kriegs­zeit sowie die Namen der Ermor­de­ten ertönen. Ein zweiter Teil der – übri­gens tem­po­rä­ren – Instal­la­tion besteht aus mit Kugel­lö­chern gespren­kel­ten Spie­gel­säu­len, in denen man sich selbst betrach­ten kann. Die Löcher ent­spre­chen angeb­lich dem Kaliber der damals benutz­ten Waffen.

Es ist der erste greif­bare Beitrag von Ilya Khrzha­novsky, dem neuen „Art Direc­tor“ des geplan­ten Babyn Yar Holo­caust Memo­rial Centers (BYHMC). Mit dem BYHMC, einer pri­va­ten Initia­tive, soll endlich eine würdige Gedenk­stätte errich­tet werden, um der his­to­ri­schen Bedeu­tung dieses belas­te­ten Orts gerecht zu werden. „Auf dem Niveau von Yad Vashem in Jeru­sa­lem und dem Holo­caust­me­mo­rial in Washing­ton,“ so Kyjiws Bür­ger­meis­ter Klitschko bei der Eröff­nung der Installation.

Doch seit Khrzha­novs­kys Antritt, Ende 2019, sieht sich das BYHMC hef­ti­ger Kritik aus­ge­setzt. Die ukrai­ni­sche Öffent­lich­keit erregt sich über Khrzha­novs­kys frag­wür­di­gen Hin­ter­grund als Skan­dal­re­gis­seur und über die Tat­sa­che, dass sowohl Khrzha­novsky als auch drei wich­tige Spon­so­ren rus­si­sche Staats­an­ge­hö­rige sind. Außer­dem wird dem BYHMC Ver­nach­läs­si­gung der nicht-jüdi­schen Opfer Babyn Jars vor­ge­wor­fen. Staat­li­che Insti­tu­tio­nen arbei­ten unter­des­sen an einer alter­na­ti­ven Gedenk­stätte. Dennoch besitzt das BYHMC nach wie vor die Unter­stüt­zung wich­ti­ger Poli­ti­ker, neben dem Bür­ger­meis­ter auch von Prä­si­dent Selenskyj.

All­mäh­lich wächst Babyn Jar zum Spalt­pilz der ukrai­ni­schen Gedächt­nis­de­batte, wobei das Geden­ken das Nach­se­hen hat. Wie konnte es soweit kommen? Und was sagt der Streit ums BYHMC über die ukrai­ni­sche Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung aus? Dies ist ein Versuch, das Knäuel zu ent­wir­ren und erst­mals eine Antwort auf diese Fragen zu formulieren.

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Babyn Jar wird ein Ort des Ver­ges­sens genannt. Das Sowjet­re­gime hat nach dem Zweiten Welt­krieg alles getan, um die Erin­ne­rung an die deut­schen Ver­bre­chen zu ver­drän­gen, weil sie nicht der Hel­den­my­tho­lo­gie des „Großen Vater­län­di­schen Krieges“ ent­sprach. Die Schlucht wurde auf­ge­füllt mit Schlamm aus einer nahe­lie­gen­den Zie­gel­fa­brik. Heim­li­che Gedenk­ze­re­mo­nien wurden von Ord­nungs­hü­tern zer­schla­gen. Und als sich das Régime durch wach­sen­den inter­na­tio­na­len Druck gezwun­gen sah, doch ein Denkmal zu errich­ten, war dies den „erschos­se­nen Sowjet­bür­gern und Kriegs­ge­fan­ge­nen“ gewid­met – so die übliche sowje­ti­sche Gen­denk­for­mel. Auf keinen Fall sollten die jüdi­schen Opfer her­vor­ge­ho­ben werden.

Erst nach der ukrai­ni­schen Unab­hän­gig­keit 1991 wurde ein beschei­de­nes Denkmal für die jüdi­schen Opfer in Form einer Menora errich­tet. Später kamen ein Denkmal für die ermor­de­ten Roma und ein spe­zi­el­les Kin­der­denk­mal hinzu. Darüber hinaus wurden im Laufe der Zeit mehrere Denk­mä­ler für ukrai­ni­sche Natio­na­lis­ten auf­ge­stellt, die tat­säch­lich auch in (der Nähe von) Babyn Jar ermor­det worden waren. Die natio­na­lis­ti­sche Dich­te­rin Olena Teliha ist bisher das einzige Opfer, das das Pri­vi­leg eines per­sön­li­chen Denk­mals genießt.

Im Jahr 2000 wurde auch eine neue Metro­sta­tion eröff­net, die quer durch das ehe­ma­lige Mas­sen­grab hin­durch­ge­trie­ben worden war: Eine Abscheu­lich­keit, die oft fälsch­li­cher­weise den Sowjets zuge­schrie­ben wird.

Schon seit den neun­zi­ger Jahren gab es Pläne, in Babyn Jar ein umfas­sen­de­res Gedenk­pro­jekt zu rea­li­sie­ren. Alle schei­ter­ten sie in der Kon­zept­phase, bis 2016 die Pro­jekt­idee eines Babyn Yar Holo­caust Memo­rial Center Gestalt annahm, die zugleich pro­fes­sio­nell und rea­lis­tisch erschien: eine Platt­form für For­schung und Bildung, mit einer Dau­er­aus­stel­lung, die wie­derum auf einem „Basic His­to­ri­cal Nar­ra­tive“ basie­ren sollte. Ein wis­sen­schaft­li­cher Beirat wurde ins Leben gerufen, mit ukrai­ni­schen und aus­län­di­schen His­to­ri­kern, und ein Archi­tek­tur­wett­be­werb aus­ge­schrie­ben. Die mil­lio­nen­schwere Finan­zie­rung kam von pri­va­ter Seite, aber die Kyjiwer Behör­den sagten ihre Unter­stüt­zung zu und stell­ten ein Gelände zur Ver­fü­gung. Alles sollte von einem Auf­sichts­rat mit klang­vol­len Namen über­wacht werden, dar­un­ter der ehe­ma­lige deut­sche Außen­mi­nis­ter Joschka Fischer.

Kritik gab es von Anfang an, in erster Linie von Josyf Sisels, dem Co-Prä­si­den­ten der Asso­zia­tion der Jüdi­schen Zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen und Gemein­schaf­ten der Ukraine. Er miss­bil­ligte die Betei­li­gung der rus­si­schen Olig­ar­chen Michail Fridman, German Chan und Pavel Fuks, vor allem im Kontext des rus­si­schen (Informations)krieges gegen die Ukraine. Seine Kritik fand zunächst keinen Wider­hall in der breiten Öffent­lich­keit, die vom BYHMC kaum Notiz nahm.

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Das änderte sich rasch nach dem Bekannt­wer­den von Ilya Khrzha­novs­kys Kon­zept­fas­sung Anfang dieses Jahres. Darin ent­fal­tete der Kino­re­gis­seur, der vor allem bekannt ist für sein mehr obs­zö­nes als gelun­ge­nes Mega­gesamt­kunst­werk DAU, seine Pläne, die Besu­cher des künf­ti­gen Memo­ri­al­zen­trums einer „immer­sive expe­ri­ence“ zu unter­wer­fen. Was unter anderem bedeute, in die Haut von Opfer oder Täter zu schlüp­fen. Die Auf­re­gung war vor­stell­bar immens, nicht nur in der Ukraine. Eine Reihe pro­mi­nen­ter Ukrai­ne­rIn­nen for­derte in einem offenen Brief die Ent­las­sung des Art Direc­tors. Khrzha­novsky gab anschei­nend nach: es gehe nur um ein Konzept, die letzt­end­li­che Fassung werde noch aus­ge­ar­bei­tet und erst Ende 2020 ver­öf­fent­licht. Alles nur ein Miss­ver­ständ­nis! Doch die Wogen haben sich seitdem nicht mehr geglättet.

Eigent­lich kam der Shit­s­torm recht spät, wenn man sich vor Augen hält, dass es im BYHMC schon mona­te­lang gerum­ort hatte. Ende 2019 war nicht nur Khrzha­novsky ange­stellt, sondern die gesamte Geschäfts­füh­rung des Zen­trums kur­zer­hand aus­ge­wech­selt worden. Die Posi­tion des Art Direc­tors hatte es zuvor nicht einmal gegeben. Der nie­der­län­di­sche Vor­sit­zende des wis­sen­schaft­li­chen Beirats, Karel Berk­hoff, nahm dies zum Anlass, sich aus dem Projekt zurück­zu­zie­hen. Weitere Pro­mi­nente folgten.

Nun bemüht sich die neue Führung, den Ein­druck von Trans­pa­renz zu erwe­cken, zum Bei­spiel mittels einer öffent­li­chen Sitzung des Auf­sichts­rats (auf Youtube abruf­bar) und der Ein­rich­tung eines „Zivil­ge­sell­schaft­li­chen Rates“. Allen Bemü­hun­gen zum Trotz hat jedoch alles den Anschein, dass Khrzha­novsky wie ein Poten­tat über das Projekt herrscht. So wan­derte das preis­ge­krönte Sie­ger­mo­dell des Archi­tek­tur­wett­be­werbs einfach in den Papier­korb, weil es mit Khrzha­novs­kys Plänen nicht kom­pa­ti­bel war. Das­selbe Schick­sal traf das mit großem Aufwand erstellte „Basic His­to­ri­cal Nar­ra­tive“, das zwar noch auf der Website steht, aber nicht mehr erwähnt wird.

Bezeich­nend ist auch, dass Khrzha­novsky die neue audio­vi­su­elle Instal­la­tion von seinem DAU-Sound­ope­ra­tor hat ent­wer­fen lassen. Ohnehin bietet die Instal­la­tion wenig Anlass zur Beru­hi­gung: Der Art Direc­tor ist offen­kun­dig noch immer mehr damit befasst, den Horror nach­zu­stel­len, als der Opfer zu geden­ken. Durch so etwas wie die Inter­na­tio­nal Memo­rial Museums Charter will er sich die Hände nicht binden lassen.

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Die Kritik an Khrzha­novsky ist ebenso begrün­det wie not­wen­dig, sodass es schwer nach­zu­voll­zie­hen ist, dass der Auf­sichts­rat sowie die höheren Ebenen der ukrai­ni­schen Politik noch immer auf ihn setzen. Bemer­kens­wert ist aber, dass sich die Ableh­nung Khrzha­novs­kys in kurzer Zeit zu einer viel grö­ße­ren Kri­tik­welle ent­wi­ckelt hat. Dabei steht zur Dis­kus­sion, wessen eigent­lich gedacht werden soll und wer am Geden­ken betei­ligt sein darf.

Es heißt, das BYHMC sei ein tro­ja­ni­sches Pferd des Kremls und eta­bliere eine anti-ukrai­ni­sche Fassung der Geschichte. Sehr scharf wurde diese Posi­tion in einem offenen Brief for­mu­liert, den 335 ukrai­ni­sche Jüdin­nen und Juden unter­zeich­ne­ten. Das BYHMC, so meinen sie, werde „zu einer mäch­ti­gen Waffe der rus­si­schen Pro­pa­ganda“, die ver­su­che, „die Ukrai­ner als radi­kale Natio­na­lis­ten und Anti­se­mi­ten dar­zu­stel­len.“ Diese Ein­schät­zung fußt vor allem auf der Ein­be­zie­hung rus­si­scher Staat­an­ge­hö­ri­gen, wobei neben dem Art Direc­tor vor allem die schon erwähn­ten Spon­so­ren unter Ver­dacht stehen.

Andere Kom­men­ta­to­ren gehen noch weiter, indem sie in Frage stellen, dass der Holo­caust in den Mit­tel­punkt des Geden­kens gerückt werden solle. Sie fordern mehr Auf­merk­sam­keit für (ethnisch-)ukrainische Opfer, ins­be­son­dere die ermor­de­ten Natio­na­lis­ten. So argu­men­tiert der ehe­ma­lige Sowjet­dis­si­dent Myroslaw Marynowytsch in (wie­derum) einem offenen Brief für ein „brei­te­res Mosa­ik­bild, in dem die ukrai­ni­schen Leiden ein gewich­ti­ger Teil der welt­wei­ten Tra­gö­die dar­stel­len“ sollen. Ohne Aus­nahme bezeich­nen die Kri­ti­ker die Kon­trolle übers Ver­mächt­nis von Babyn Jar als eine Frage der „staat­li­chen Sub­jek­ti­vi­tät“ und „natio­na­len Sicherheit“.

Diese Sorgen sind nicht voll­stän­dig unbe­grün­det. Seit der ukrai­ni­schen Unab­hän­gig­keit ver­sucht der Kreml, Teile der ukrai­ni­schen Gesell­schaft pro-rus­sisch zu prägen. Der Mythos des „Großen Vater­län­di­schen Krieges“ spielt dabei eine zen­trale Rolle, weil er instru­men­ta­li­siert wird, das his­to­ri­sche Band mit Russ­land zu betonen und jede andere his­to­ri­sche Deutung zu dis­kre­di­tie­ren. Nach dieser Lesart wird absur­der­weise die Tat­sa­che, dass ein Teil der ukrai­ni­schen Natio­na­lis­ten mit den Deut­schen koope­riert hatte, auf alle Ukrai­ner über­tra­gen. Diese Tendenz ver­stärkte sich massiv nach der pro-west­li­chen Majdan-Revo­lu­tion von 2014, als rus­si­sche Staats­me­dien mit Berich­ten von einem „faschis­ti­schen Putsch“ in Kyjiw den Angriff auf die Ukraine rechtfertigten.

Grund­satz der moder­nen ukrai­ni­schen Geschichts­schrei­bung ist eben die Bekämp­fung dieser sowjet­rus­si­schen Vor­stel­lun­gen. Pro­ble­ma­tisch ist aller­dings, dass dabei die Nuance oft ver­lo­ren geht. Die Ent­lar­vung sowje­ti­scher Mythen führt so zur totalen Ver­un­glimp­fung alles Rus­si­schen und zur kri­tik­lo­sen Ver­herr­li­chung ukrai­ni­scher Frei­heits­kämp­fer, wobei deren Schat­ten­sei­ten igno­riert oder schön­ge­re­det werden. Jeder Einwand dagegen wird als pro-rus­sisch abgestempelt.

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Diesen erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Reflex hat nun das BYHMC getrig­gert.  Es ist zwar begreif­lich, dass die rus­si­sche Betei­li­gung am Geden­ken in Babyn Jar einen emp­find­li­chen Nerv trifft. Zugleich jedoch muss der kri­ti­sche Beob­ach­ter fest­stel­len, dass die Kom­men­tare häufig ihr Ziel ver­feh­len – und in bestimm­ten Fällen auf unlau­te­ren Argu­men­ten beruhen.

Eine Schwer­punkt­set­zung auf dem Holo­caust ist schon ange­sichts des unge­heu­ren Aus­ma­ßes des Mas­sa­kers im Sep­tem­ber 1941 unver­meid­lich. Dies steht Auf­merk­sam­keit für die anderen Opfer Babyn Jars kei­nes­wegs im Wege. Auch ist die Aner­ken­nung, dass bestimmte ukrai­ni­sche Natio­na­lis­ten am Blutbad betei­ligt gewesen waren, voll ver­ein­bar mit einem abge­wo­ge­nen Urteil über die ukrai­ni­sche Natio­nal­be­we­gung als Ganze. Das Basic His­to­ri­cal Nar­ra­tive betrach­tet diesen kom­ple­xen Zusam­men­hang übri­gens durch­aus dif­fe­ren­ziert, wobei der Holo­caust nicht als Ein­zel­er­eig­nis dar­ge­stellt, sondern im Kontext der all­ge­gen­wär­ti­gen Gewalt in der besetz­ten Ukraine behan­delt wird.

Eine andere Frage ist, ob das Nar­ra­tiv über­haupt noch maß­ge­bend ist. Khrzha­novsky & Co. schmie­den zwar viele Kon­zept­ideen, äußern sich aber nicht zur inhalt­li­chen Seite der Gestal­tung. Das führt uns zurück zum eigent­li­chen Problem: dem Mangel an Trans­pa­renz, der seit Khrzha­novs­kys Antritt im BYHMC herrscht. Der Auf­sichts­rat hätte spä­tes­tens dann ein­grei­fen müssen, als pro­mi­nente His­to­ri­ke­rIn­nen dem Projekt den Rücken kehrten.

Das Gleiche gilt der Finan­zie­rung durch rus­si­sche Spender. Zuge­ge­ben hängt die rus­si­sche Olig­ar­chie von der Gnade des Kremls ab, wodurch das rus­si­sche Régime theo­re­tisch ein Druck­mit­tel in Händen hält, um das Gedächt­nis von Babyn Jar zu steuern. Diese Gefahr wird aber erst dann konkret, wenn Trans­pa­renz und Kon­trolle fehlen. Den Olig­ar­chen zu ver­wei­gern, sich am Geden­ken um Babyn Jar zu betei­li­gen, ist meiner Meinung nach schon des­we­gen unmög­lich, weil sie Wurzeln in der Ukraine haben und Ver­wandte German Chans sogar in Babyn Jar ermor­det worden waren. Die Debatte um die Her­kunft der Spon­so­ren führt vom eigent­li­chen Kern des Pro­blems weg, nämlich der feh­len­den Aufsicht.

Allen Que­re­len zum Trotz hat das BYHMC übri­gens im letzten Jahr neue Spender gewin­nen können, wodurch die Finan­zie­rung nach eigenen Angaben zu mehr als 50% von ukrai­ni­schen Bürgern stamm: eine Ent­wick­lung, die in jeder Hin­sicht zu begrü­ßen ist. Aller­dings hat sie nicht gereicht, um das Ver­trauen der ukrai­ni­schen Öffent­lich­keit zurück­zu­ge­win­nen. Die Stim­mung ist mitt­ler­weile so ver­gif­tet, dass die Gegner hinter jeder Annä­he­rung eine Liste vermuten.

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Was sind die Alter­na­ti­ven? Manche Kri­ti­ker setzten ihre Hoff­nung in das „Konzept für eine Umfas­sende Ent­wick­lung (der Memo­ra­li­sie­rung) von Babyn Jar“. Dieses Alter­na­tiv­pro­jekt wurde 2019 vom Insti­tut für Natio­na­les Gedächt­nis vor­ge­stellt und soll unter anderem ein Holo­caust­mu­seum und ein Memo­ri­al­mu­seum fürs Gedächt­nis der Opfer der Tra­gö­die von Babyn Jar umfas­sen. Kon­krete Pläne bestehen aller­dings nur für das zweite Museum, das sich also nicht vor­der­gründ­lich mit dem Holo­caust befasst. Es sollte eigent­lich schon nächs­tes Jahr seine Türen öffnen, leitet jedoch unter einem chro­ni­schen Finan­zie­rungs­man­gel, wodurch die Rea­li­sie­rung alles andere als sicher ist, jeden­falls unter der heu­ti­gen Regie­rung. Es ver­steht sich, dass die Ent­ste­hung zwei kon­kur­rie­ren­der Gedenk­stät­ten in Babyn Jar eine Blamage wäre.

Andere Kri­ti­ker fordern eine größere Rolle im BYHMC für den ukrai­ni­schen Staat und die Zivil­ge­sell­schaft. Tat­säch­lich könnte Abstim­mung mit mehr „Sta­ke­hol­ders“ die öffent­li­che Akzep­tanz stärken. Es ist aber unklar, wie so etwas in die Praxis umge­setzt werden soll. Wie bereits erwähnt wurde, hat die Führung des BYHMC einen „Zivil­ge­sell­schaft­li­chen Rat“ ein­ge­rich­tet, der sich im Sep­tem­ber zum ersten Mal getrof­fen hat. Was bei diesem Treffen genau vorging, ist nicht bekannt, außer dass die Schlüs­sel­ent­würfe der Führung „bespro­chen und auf­recht­erhal­tet“ worden sind. Eine der­ar­tige Pseu­do­trans­pa­renz wird wohl bei nie­man­den Ver­trauen schaf­fen. Gleich­wohl erhebt sich die Frage, ob die Gegner über­haupt noch zu einem Dialog bereit wären.

Ist es denkbar, dass das ganze BYHMC gestri­chen wird? Letzt­end­lich muss der erste Stein noch gelegt werden. Ange­sichts Selen­skyjs Bekennt­nis zum Projekt ist die nukleare Option unwahr­schein­lich, obwohl nicht aus­ge­schlos­sen werden kann, dass der Prä­si­dent unter zuneh­men­dem Druck eine Wende machen wird. Auch nach der nächs­ten Wahl 2024 kann sich alles wieder ändern. Frei­lich würde ein Schei­tern des BYHMC rie­si­gen Image­scha­den für die Ukraine mitbringen.

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Khrzha­novsky bleibt unter­des­sen neue Pläne aus­hän­gen. Den letzten Berich­ten nach ist er mit dem Kyjiwer Hauptra­bi­ner über­ein­ge­kom­men, eine Syn­agoge in Babyn Jar zu errich­ten, und zwar noch vor dem acht­zigs­ten Jah­res­tag des Mas­sa­kers im Sep­tem­ber 2021. Ernst und Mach­bar­keit der Idee finde ich schwie­rig ein­zu­schät­zen. Auch auf­merk­same Beob­ach­ter haben mitt­ler­weile den Faden verloren…

Vor Ende dieses Jahres soll Khrzha­novsky sein Total­kon­zept für das BYHMC prä­sen­tie­ren (zwar lässt es sich nicht aus­schlie­ßen, dass er seine eigene Dead­line unter Beru­fung auf Covid-19 ins neue Jahr ver­schiebt). Erst dann kann das end­gül­tige Urteil über seine Rolle gefällt werden, obwohl viele Wahr­si­gna­len auf Rot stehen. Hof­fent­lich wird sich der Auf­sichts­rat der öffent­li­chen und aka­de­mi­schen Meinung gegen­über nicht taub stellen und nöti­gen­falls den Mut zum Ein­grei­fen auf­brin­gen. Ande­rer­seits ist das nur dann möglich, wenn die Kritik, die es sicher­lich geben wird, konkret und zutref­fend ist. Und nicht, wie bisher oft der Fall war, die gesamte Grund­lage des Pro­jek­tes torpediert.

Trotz allem bietet das BYHMC noch immer eine ein­zig­ar­tige Gele­gen­heit, die Erin­ne­rung an die Opfer von Babyn Jar – aller Opfer von Babyn Jar – wach­zu­hal­ten. Eine Gele­gen­heit auch, um der tra­gi­schen Geschichte der Ukraine inter­na­tio­nal mehr Auf­merk­sam­keit zu ver­schaf­fen. Man kann nur hoffen, dass die Auf­re­gung ein wür­di­ges Geden­ken von Babyn Jar am Ende nicht verhindert.

Textende

Portrait von Tobias Wals

Tobias Wals pro­mo­viert am Münch­ner Insti­tut für Zeit­ge­schichte über die ukrai­ni­sche Stadt Schy­to­myr im Zweiten Weltkrieg.

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