„Sie sind die stärks­ten unter uns“. Reinte­gra­tion von Veteranen

Superhumans Center in Lwiw
Foto: IMAGO /​ Anadolu Agency

Der andau­ernde Krieg in der Ukraine hat hun­dert­tau­sende Kriegs­ve­te­ra­nen geschaf­fen, die zwi­schen Front, Trauma und Neu­an­fang stehen. Außer­ge­wöhn­li­che Initia­ti­ven für den Umgang mit den Folgen des Krieges sind ent­stan­den – von Thea­ter­pro­jek­ten bis zu High­tech-Reha­zen­tren. Barbara von Ow-Freytag über ein vom Krieg gezeich­ne­tes Land und die außer­ge­wöhn­li­che Energie seiner Zivilgesellschaft.

„Ein gutes Thea­ter­stück ist eines, zu dem du deine Mutter besser nicht ein­lädst“, sagt Maksym Kur­och­kin und lächelt. Der Mit­grün­der des ukrai­ni­schen Veterans‘ Theatre, der selbst im Osten der Ukraine gekämpft hat, weiß, wie nahe Kunst und Schmerz bei­ein­an­der­lie­gen. Sein Projekt ver­steht sich als „dra­ma­tur­gi­sches Labor“ – und gehört zu den unge­wöhn­lichs­ten Initia­ti­ven, um ukrai­ni­sche Vete­ra­nen wieder ins zivile Leben zurück­zu­füh­ren. Seit 2024 zieht das Format inter­na­tio­nale Auf­merk­sam­keit auf sich.

In Work­shops, wie jüngst in Lwiw, lernen auch schwer ver­wun­dete Sol­da­ten – manche ampu­tiert, ent­stellt oder blind – ihre Front­er­fah­run­gen in Texte zu fassen. In drei Monaten ent­stan­den elf zutiefst per­sön­li­che Stücke, auf­ge­führt bei einem Fes­ti­val, Seite an Seite mit pro­fes­sio­nel­len Schau­spie­lern. Das tra­di­ti­ons­rei­che Marija-San­kowezka-Theater stellte Technik und Requi­si­ten zur Ver­fü­gung. Was hier ent­steht, ist mehr als Theater: Es ist der Versuch, Sprache für Kriegs­trau­mata zu finden – und ein erster Weg zurück in die Gesellschaft.

Das Veterans‘ Theatre ist eine von zahl­lo­sen Initia­ti­ven, mit denen die vom Krieg gezeich­nete Ukraine ver­sucht, der rapide wach­sen­den Zahl ehe­ma­li­ger Sol­da­ten neue Per­spek­ti­ven im zivilen Leben zu eröff­nen. Die gesell­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung ist enorm. Schon heute zählt das Land 1,5 bis 1,8 Mil­lio­nen Vete­ra­nen. Sollte der Krieg andau­ern, könnten es doppelt so viele oder mehr werden – gemes­sen an der Bevöl­ke­rungs­zahl eine der größten Vete­ra­nen­grup­pen welt­weit. Anders als in vielen Staaten sind die meisten nicht Teil einer Berufs­ar­mee; rund 90 Prozent waren vor dem Krieg Zivi­lis­ten: Lehrer, Hand­wer­ker, Bauern, IT-Spe­zia­lis­ten oder Künst­ler, die mobi­li­siert wurden oder sich frei­wil­lig mel­de­ten. Fast jede Familie, jede Schule, jedes Unter­neh­men ist betrof­fen. Die Reinte­gra­tion der Sol­da­ten ist keine Rand­frage der Sozi­al­po­li­tik, sondern eine zen­trale Zukunfts­auf­gabe des Landes.

Kriegsveteranen, Superhumans Center, Lwiw
Foto: Barbara von Ow-Freytag

Die Zivil­ge­sell­schaft treibt die Ent­wick­lung voran

Eine Demo­bi­li­sie­rung gibt es bislang nicht; bis heute bleiben Vete­ra­nen Teil der „ope­ra­ti­ven Reserve“. „Wie sollen sie sich in ein ziviles Leben inte­grie­ren, wenn sie rechnen müssen, jeder­zeit wieder an die Front geschickt zu werden?“, fragt Olha Hal­chenko, die bei der Renais­sance Foun­da­tion Vete­ra­nen­pro­gamme koor­di­niert. Die anhal­tende Unsi­cher­heit erschwert nicht nur die psy­chi­sche Ver­ar­bei­tung des Krieges, sondern auch Arbeits­su­che, Fami­li­en­le­ben und lang­fris­tige Perspektiven.

Während die Regie­rung um trag­fä­hige Lösun­gen ringt, prägen zivil­ge­sell­schaft­li­che Gruppen – und Vete­ra­nen selbst – die Ent­wick­lung im Land. Rund 1.000 größere und klei­nere Vete­ra­nen­in­itia­ti­ven gibt es in der Ukraine inzwi­schen, schätzt Hal­chenko. Der neue Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Fedorow treibt zwar eine große Armee­re­form voran, die auch die frag­men­tierte Vete­ra­nen­po­li­tik neu ordnen soll, doch die Umset­zung zieht sich hin.

Kriegsveteranen, Superhumans Center, Lwiw
Foto: Barbara von Ow-Freytag

Weg vom alten sowje­ti­schen System

Neben grö­ße­ren Vete­ra­nen­ver­bän­den setzt vor allem die NGO Pryncyp wich­tige Impulse. Seit 2022 drängt sie auf bessere staat­li­che Rege­lun­gen. Ihre Bera­tungs-App „Rechts­na­vi­ga­tor“ wird von Sol­da­ten, Vete­ra­nen und Ange­hö­ri­gen genutzt. Mit Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen stellte Pryncyp Ende 2025 ein umfas­sen­des Konzept für eine zeit­ge­mäße Vete­ra­nen­po­li­tik vor, die auch Fami­lien ein­be­zieht. „Vete­ra­nen sind die Stärks­ten unter uns“, sagte Vete­ra­nen­mi­nis­te­rin Natalia Kal­my­kova, mit der Pryncyp eng zusam­men­ar­bei­tet. „Ziel des Staates muss es sein, ihre Fähig­kei­ten zu entfalten.“

Kriegsveteranen, Superhumans Center, Lwiw
Foto: Barbara von Ow-Freytag

Genau darum bemühen sich zahl­lose gesell­schaft­li­che Initia­ti­ven und NGOs, allen voran die hoch­mo­der­nen Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­tren Unbro­ken und das Super­hu­mans Center. Mit Ope­ra­tio­nen, Pro­the­sen, Phy­sio­the­ra­pie und psy­cho­lo­gi­scher Betreu­ung helfen die Zentren Schwerst­ver­wun­de­ten dabei, wieder ins Leben zurück­zu­fin­den. Zum Angebot gehören Aqua­the­ra­pie, Kunst­kurse oder Trai­nings­räume, in denen Betrof­fene üben, selbst­stän­dig zu duschen oder mit nur einem Arm zu kochen. „Unser Ziel ist, dass die Sol­da­ten ihr Leben wieder selbst bewäl­ti­gen können“, sagt Olga Rud­nieva, die Lei­te­rin von Super­hu­mans.

„Wir müssen weg vom alten sowje­ti­schen System, das nur auf Sozi­al­leis­tun­gen setzt“, betont Olha Hal­chenko. Wich­ti­ger als Woh­nun­gen und freie Bus­fahr­ten seien Empower­ment, Eigen­ver­ant­wor­tung und gesell­schaft­li­che Teil­habe. Ent­spre­chend rückt bei vielen Initia­ti­ven Wei­ter­bil­dung und Kom­pe­tenz­ent­wick­lung in den Mit­tel­punkt. „Sol­da­ten sind unser wich­tigs­tes Human­ka­pi­tal, sie haben unter extre­men Bedin­gun­gen Ver­ant­wor­tung und Führung gelernt“, sagt Tetiana Fish­chuk, CEO der Pro­jec­tor Foun­da­tion. Ihre Bil­dungs­platt­form für IT- und Krea­tiv­be­rufe richtet die Pro­gramme seit kurzem auch für Vete­ra­nen und deren Fami­lien aus. Ziel sei es, Rück­keh­rer für neue Auf­ga­ben zu qua­li­fi­zie­ren – in Armee, Wirt­schaft oder Politik. „Wenn wir heute ihr Poten­zial fördern, werden viele morgen eine neue Elite mit Vor­bild­funk­tion sein.“

Superhumans Center, Lwiw
Foto: Barbara von Ow-Freytag

Höchs­tes gesell­schaft­li­ches Vertrauen

Schon heute genie­ßen Armee und Vete­ra­nen in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft das höchste Ver­trauen. Laut aktu­el­len Umfra­gen ver­trauen 96 bis 97 Prozent der Bevöl­ke­rung den Streit­kräf­ten; Vete­ra­nen genie­ßen Zustim­mungs­werte von über 90 Prozent – deut­lich mehr als Regie­rung, Par­la­ment oder poli­ti­schen Par­teien. Wichtig sei, die sozia­len und poli­ti­schen Kom­pe­ten­zen der Rück­keh­rer zu stärken, betonen viele – damit Vete­ra­nen künftig nicht bloß als patrio­ti­sche Sym­bol­fi­gu­ren auf­tre­ten, sondern das Land auf allen Ebenen mitprägen.

Unter­des­sen sprie­ßen im Land immer mehr Anlauf­punkte für rück­keh­rende Sol­da­ten aus dem Boden. Am häu­figs­ten sind soge­nannte Vete­ra­nen-Hubs, die Rechts­be­ra­tung, Sozi­al­dienste, psy­cho­lo­gi­sche Betreu­ung, Sport­an­ge­bote, und regel­mä­ßige Com­mu­nity-Treffen anbie­ten, immer öfter auch auf Initia­tive lokaler Behör­den. Ander­orts haben Vete­ra­nen Buch­lä­den, Restau­rants und Cafés gegrün­det, einer sogar eine Tanz­schule. Zusam­men mit dem LUN IT-Unter­neh­men und dem Fahr­dienst Uklon hat die ukrai­ni­sche Vete­ra­nen­stif­tung eine inter­ak­tive Karte vete­ra­nen­ge­führ­ter Unter­neh­men ent­wi­ckelt. Sie reicht von Werk­stät­ten über IT-Firmen bis zu Land­wirt­schafts­be­trie­ben – erfolg­rei­che Bei­spiele für Reinte­gra­tion durch Unternehmertum.

Noch sind die Auf­ga­ben gigantisch

Doch noch schaf­fen längst nicht alle Front­rück­keh­rer den Über­gang ins zivile Leben. Viele geraten in soziale Not­la­gen, kämpfen mit post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen oder Sucht­er­kran­kun­gen. Hinzu kommen rund 12.000 Häft­linge, die – unter stren­gen Auf­la­gen – aus ukrai­ni­schen Straf­an­stal­ten für den Kriegs­dienst rekru­tiert wurden und nun eigene Inte­gra­ti­ons­pro­gramme benö­ti­gen. Am schwers­ten haben es ver­wun­dete aus­län­di­sche Frei­wil­lige – etwa aus Belarus, Geor­gien, Kolum­bien oder sogar Russ­land, die auf ukrai­ni­scher Seite kämpfen. Sie finden bislang kaum Anlauf­stel­len oder insti­tu­tio­nelle Unterstützung.

Noch sind die Auf­ga­ben gigan­tisch. Die größte Hoff­nung auf die Ein­glie­de­rung hun­dert­tau­sen­der Sol­da­ten in das zivile Leben bleibt auf abseh­bare Zeit die außer­ge­wöhn­li­che Energie der ukrai­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft, in der Frei­wil­lige, Exper­ten, Unter­neh­mer, Stu­den­ten und Nach­barn viele Lücken des Staates füllen – weil vielen bewusst ist, dass am Ende sie selbst dieser Staat sind.

 Porträt Freytag

Barbara von Ow-Freytag ist eine deut­sche Jour­na­lis­tin, Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin und Exper­tin für zivil­ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen in Ost­eu­ropa, Russ­land und Zentralasien.

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestellen

Tragen Sie sich in unseren News­let­ter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich einverstanden.