Humanitäre Hilfe trifft auf Drohnenkrieg: Das Dilemma beim Schutz der Beschützer

Hilfsorganisationen, die in der Ukraine in Frontnähe arbeiten, sind akut durch Drohnenangriffe gefährdet. Wie können die NGOs ihre Mitarbeiter schützen, ohne selbst zu Kombattanten zu werden? Und welche ethischen Abwägungen müssen sie dabei treffen?
Für humanitäre Organisationen an der ukrainischen Front verwischt die Grenze zwischen Selbstschutz und militärischen Aktivitäten immer stärker. Kleine Drohnen, besonders FPV-Drohnen (FPV steht für „First Person View“: die Piloten nehmen mittels einer speziellen Brille die Perspektive der Drohnenkamera ein), durchdringen immer mehr das Kriegsgebiet, was Hilfslieferungen und Evakuierungen zunehmend gefährlich macht.
Dadurch entsteht ein Dilemma, das außerhalb der Ukraine nur selten Beachtung findet: Wie können humanitäre Organisationen ihre Mitarbeitenden schützen, ohne dabei zu militärischen Akteuren zu werden?
Humanitäre Organisationen setzen zum Beispiel elektronische Warngeräte ein, welche die Frequenz von Drohnen in der Nähe aufspüren und ein Alarmsignal abgeben. Mitarbeitende von Hilfswerken können so bei Drohnenalarm umkehren oder in Deckung gehen. Ukrainische humanitäre Organisationen und internationale NGOs wie Nonviolent Peaceforce, für die der Autor in der hart umkämpften Region Donezk tätig war, haben sich dafür eingesetzt, dass ihre Teams mit solchen Frequenzdetektoren ausgestattet werden.
Das Dilemma besteht darin, dass humanitäre Organisationen die tödliche Gefahr einer sich nährenden Drohne zwar registrieren können, sie aber nicht abwehren dürfen.
Eine tödliche Asymmetrie
Die traditionelle Unterscheidung zwischen Selbstschutz und Bekämpfung einer Bedrohung machte in einer herkömmlichen Kriegszone durchaus Sinn. Im gegenwärtigen Drohnenkrieg in der Ukraine bewegen sich humanitäre Teams jedoch in einem Umfeld, in dem Drohnen jede ihrer Bewegungen verfolgen und innerhalb von Sekunden zuschlagen können.
Die Vereinten Nationen haben wiederholt davor gewarnt, dass Drohnen die Möglichkeiten von humanitären Missionen stark einschränken, und fordern deshalb mehr Investitionen in gepanzerte Fahrzeuge sowie elektronische Warngeräte.
Für Lokale ukrainische Organisationen ist das Problem besonders akut. Sie sind meist diejenigen, die am ehesten willens sind, nahe der Front zu arbeiten. Ein neuer Bericht zeigt, dass lokale Mitarbeitende ein unverhältnismäßig großes Risiko tragen.
Das führt zu einer manchmal tödlichen Asymmetrie. Internationale Organisationen reduzieren ihr Risiko, indem sie sich aus den gefährlichsten Gebieten zurückziehen. Lokale Organisationen sind oft in den Regionen verwurzelt, in denen sie Hilfe leisten. Ihre Mitarbeitenden sind weniger schnell bereit, ein Gebiet zu verlassen, in dem sie viele Menschen persönlich kennen und sich für diese verantwortlich fühlen. Die Frage ist oft nicht, ob eine humanitäre Organisation weiterarbeiten kann, sondern, wie viel Risiko sie bereit ist einzugehen.
Humanitäre Organisationen dürfen nicht als Kombattanten wahrgenommen werden
Wenn herkömmliche Schutzmaßnahmen nicht mehr ausreichen, fangen Organisationen an, sich anzupassen. Sie ändern ihre Routen, ihre Zeitplanung, ihre Fahrzeuge und Kommunikationsmittel. Sie verlassen sich auf lokal erhältliche Informationen zur Sicherheitslage und koordinieren sich eng mit dem Militär. Zum einen ist das einfach eine Realität des Krieges, zum anderen führen solche Anpassungen mit der Zeit auch zur Erosion der humanitären Prinzipien.
Der bloße Kontakt mit dem Militär oder die Nutzung eines Drohnendetektors macht eine humanitäre Organisation noch nicht zum militärischen Akteur. Entscheidend ist das operative Umfeld. Wenn eine Organisation ständig auf militärische Netzwerke und Informationen angewiesen ist und Ausrüstung der elektronischen Kriegsführung verwendet, nimmt der Gegner sie verstärkt als Kombattant wahr und nicht mehr klar als humanitären Akteur.
Das ist wichtig, denn es geht nicht um einen bloßen rechtlichen Zivilisten-Status, sondern auch um dessen Anerkennung durch den militärischen Gegner sowie dessen Verhalten. Wenn eine humanitäre Organisation als Teil einer Kriegspartei wahrgenommen wird, birgt das zusätzliche Risiken für deren Mitarbeitende und die durch diese versorgten Menschen.
Wenn Organisationen ihre Mitarbeitenden nicht mehr adäquat beschützen können, werden sie sich aus den am schwersten betroffenen Gebieten zurückziehen. Das führt zu einem Dilemma: Insbesondere lokale Organisationen müssen sich oft entscheiden, ob sie ein Risiko eingehen, das für ausländische Organisationen inakzeptabel hoch ist oder ob sie Menschen, die niemand anders versorgt, im Stich lassen. Hier wird das Prinzip der Fürsorgepflicht relevant.
Die Lokalisierung wirft weitere Fragen auf
Deutschland und andere internationale Geber unterstreichen zunehmend ihre Bestrebungen, humanitäre Hilfe lokaler zu gestalten. Dabei sollen ukrainische NGOs mehr Verantwortung übernehmen, mehr Ressourcen selbst verwalten und mehr Entscheidung bei der humanitären Arbeit selbst treffen.
Aber diese „Lokalisierung“ überträgt auch einen größeren Teil der Risiken auf lokale Akteure. Ein Bericht der Humanitären NGO Platform aus dem Jahr 2025 ermittelte große Unterschiede zwischen internationalen und lokalen Organisationen in puncto Schutzausrüstung, Versicherungsschutz und Fürsorgepflichten. Der Bericht spricht sich dafür aus, dass die Fürsorgepflicht über die Angestellten einer Organisation hinaus gehen und deren Partnerorganisationen miteinschließen sollte. Schutz sollte sich nicht nur auf Ausrüstung beschränken, sondern psychosoziale Schutzmaßnahmen beinhalten, die Verteilung von humanitären Gütern besser koordinieren und auf faire Partnerschaftsabkommen achten. All das wirft die Frage auf, ob Verantwortung wirklich lokalisiert werden kann, wenn die Risiken auf lokale Organisationen übertragen werden, ohne auch die Ressourcen und Entscheidungskompetenzen bezüglich dieser Risiken zu übertragen.
Für humanitäre Teams in der Ukraine kann ein Ausrüstungsgegenstand, der Drohnen abfängt, eine andere Bedeutung haben als für eine Entscheidungsträger in Berlin, Brüssel oder Genf.
Das heißt nicht, dass Geber einfach jede Technologie bewilligen sollten, die humanitäre Teams an der Front gerne haben möchten. Elektronische Interventionsmittel werfen legitime Bedenken auf. Sie können auch Systeme unterbinden, die außerhalb der intendierten Schutzfunktion liegen, und können so den Eindruck verstärken, dass eine humanitäre Organisation an einer militärischen Auseinandersetzung beteiligt ist. Solche Technologien pauschal zu verbieten, löst das Problem aber auch nicht.
Eine Debatte, die jetzt geführt werden muss
Es geht nie einfach um eine Wahl zwischen „humanitärer“ und „militärischer“ Technologie. Stattdessen müssen humanitäre Organisationen, die ukrainische Regierung, internationale Geber und Juristen gemeinsam entscheiden, welche Schutzmaßnahmen aufgrund ihrer Auswirkungen auf das operative Umfeld akzeptabel sind.
Passive Warnsysteme sind ein gutes Beispiel. Sie erlauben es humanitären Teams, Entscheidungen über ihre Sicherheit zu treffen, ohne die Drohnen selbst zu bekämpfen. Aktivere Schutzmaßnahmen verlangen hingegen mehr Abwägungen.
Die zentrale Frage dabei sollte sein, wie humanitäre Akteure ihren Status als Zivilisten behalten und sich gleichzeitig ausreichend schützen können – in einer Umgebung, die zunehmend von Drohnen und elektronischer Kriegsführung geprägt ist. Für internationale Geber wie Deutschland ist das auch ein Test, wie weit Lokalisation wirklich gehen kann. Ukrainische Organisationen sollten nicht Risiken hinnehmen müssen, die für internationale Organisationen inakzeptabel sind. Stattdessen sollten ukrainische Organisationen eng in die Frage eingebunden werden, wie humanitäre Prinzipien in der sich rasch verändernden Kampfzone verankert werden können.
Das Ziel ist nicht, humanitäre Hilfe zu militarisieren. Es geht schlicht darum, humanitäre Organisationen nicht in die Lage geraten zu lassen, in der sie ihre Funktion nicht mehr ausüben können. Die Herausforderung ist, nicht außerhalb humanitärer Prinzipien zu arbeiten, sondern diese an den modernen Krieg anzupassen.
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