Zwölf Jahre Krieg, nicht vier

Russische Halbkettenfahrzeuge auf dem Weg nach Simferopol, 28. Februar 2014
Foto: IMAGO /​ Anadolu Agency

Russ­land begann seinen Krieg vor zwölf, nicht vor vier Jahren. Das anzu­er­ken­nen sei unab­ding­bar, um die rich­ti­gen poli­ti­schen Schluss­fol­ge­run­gen zu ziehen, argu­men­tiert Nata­liya Pryhornytska.

Der rus­si­sche Angriff auf die Ukraine begann nicht am 24. Februar 2022. Er begann im Februar 2014. Diese Fest­stel­lung ist keine Frage poli­ti­scher Haltung, sondern his­to­ri­scher und völ­ker­recht­li­cher Präzision.

Am 20. Februar 2014 ver­letz­ten rus­si­sche Ein­hei­ten das bestehende Sta­tio­nie­rungs­ab­kom­men mit der Ukraine, als sie began­nen, die ukrai­ni­sche Halb­in­sel Krim zu beset­zen. Bewaff­nete rus­si­sche Sol­da­ten ohne Hoheits­ab­zei­chen über­nah­men Ver­wal­tungs­ge­bäude, blo­ckier­ten ukrai­ni­sche Truppen und schal­te­ten ukrai­ni­sche Medien ab.

Wenige Wochen später folgte ein unter den Bedin­gun­gen der Besat­zung orga­ni­sier­tes Refe­ren­dum, das die Anne­xion demo­kra­tisch legi­ti­mie­ren sollte. Doch es ent­sprach weder der ukrai­ni­schen Ver­fas­sung noch dem Völ­ker­recht. Die Anne­xion der Krim stellte einen klaren Verstoß gegen Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta dar, wonach die Anwen­dung von Gewalt gegen die ter­ri­to­riale Unver­sehrt­heit eines Staates aus­drück­lich ver­bo­ten ist.

Im Früh­jahr 2014 weitete Moskau seine Aggres­sion auf den öst­li­chen Teil der Ukraine aus. Was als „Auf­stand lokaler Sepa­ra­tis­ten“ insze­niert wurde, war von Beginn an eine durch rus­si­sches Mili­tär­ge­rät, Per­so­nal und rus­si­sche Geheim­dienste koor­di­nierte Ope­ra­tion. Schwe­res Mili­tär­ge­rät gelangte über die Grenze, während soge­nannte Refe­ren­den nach­träg­lich poli­ti­sche Fakten an jenen Orten schaf­fen sollten, wo mili­tä­ri­sche Gewalt bereits zur Rea­li­tät gehörte.

Im Juli 2014 nahm Russ­lands Krieg gegen die Ukraine unüber­seh­bar inter­na­tio­nale Maß­stäbe an. Der Abschuss des von Ams­ter­dam aus gestar­te­ten Pas­sa­gier­flu­ges MH17 durch eine rus­si­sche BUK-Rakete tötete 298 Men­schen. Spä­tes­tens zu diesem Zeit­punkt war klar: Dieser Krieg bedroht nicht nur die Ukraine, sondern die euro­päi­sche Sicher­heits­ord­nung als Ganze.

Ein oft unter­schätz­tes Instru­ment der rus­si­schen Kriegs­füh­rung ist die soge­nannte „Pass­port­sie­rung“. In den besetz­ten Teilen der Gebiete Donezk und Luhansk begann Russ­land schon lange vor 2022 mit einer schlei­chen­den, büro­kra­ti­schen Anne­xion. Durch die mas­sen­hafte erzwun­gene Vergabe rus­si­scher Pässe an die lokale Bevöl­ke­rung wurden Tat­sa­chen geschaf­fen. Diese Zwangs­rus­si­fi­zie­rung ver­folgte zwei Ziele. Zum einen den Iden­ti­täts­raub: Die ukrai­ni­sche Staats­bür­ger­schaft wurde sys­te­ma­tisch ent­wer­tet. Wer keinen rus­si­schen Pass besaß, verlor den Zugang zu Gesund­heits­ver­sor­gung, Renten oder Eigen­tums­rech­ten. Zum anderen kam so ein Vorwand zur Inter­ven­tion zustande: Moskau schuf sich eine „rus­si­sche Bevöl­ke­rung“ auf ukrai­ni­schem Boden, um künf­tige mili­tä­ri­sche Inter­ven­tio­nen als völ­ker­recht­lich „Schutz­maß­nah­men für eigene Staats­bür­ger“ zu legitimieren.

Die Schlacht um Ilo­wa­jsk im August 2014 mar­kierte dabei einen Wen­de­punkt. Ukrai­ni­schen Ein­hei­ten wurde ein siche­rer Abzug zuge­si­chert, doch auf dem ver­ein­bar­ten Kor­ri­dor gerie­ten sie unter Beschuss. Der Einsatz regu­lä­rer rus­si­scher Truppen ließ keinen Zweifel mehr an der direk­ten mili­tä­ri­schen Ver­ant­wor­tung Moskaus. Die Minsker Abkom­men I und II änder­ten daran wenig. Sie froren die Front zeit­weise ein, been­de­ten den Krieg jedoch nicht. Russ­land setzte Waf­fen­lie­fe­run­gen, Per­so­nal­ro­ta­tio­nen und die poli­ti­sche Kon­trolle der besetz­ten Gebiete fort. Im Jahr 2021 ver­dich­te­ten sich die Hin­weise auf umfas­sende mili­tä­ri­sche Vor­be­rei­tun­gen. Bereits im Früh­jahr 2021 ver­legte Russ­land zehn­tau­sende Sol­da­ten, schwere Waffen und mili­tä­ri­sche Aus­rüs­tung in Grenz­re­gio­nen zur Ukraine sowie auf die besetzte Krim; dabei wurden auch Feld­la­za­rette, Muni­ti­ons­la­ger und eine logis­ti­sche Infra­struk­tur auf­ge­baut – ein klares Indiz dafür, dass mit mehr als einem bloßen Manöver zu rechnen war.

Zwi­schen 2014 und 2021 hatte Russ­lands Krieg bereits über 15.000 Todes­op­fer gefor­dert und mehr als zwei Mil­lio­nen Men­schen zur Flucht inner­halb der Ukraine gezwun­gen. Diese Jahre bilden keinen Vor­spann, sondern gehören zum rus­si­schen Krieg gegen die Ukraine. Somit stellte der 24. Februar 2022 keine his­to­ri­sche Zäsur dar, sondern die kon­se­quente Aus­wei­tung eines bereits seit Jahren geführ­ten Krieges.

His­to­ri­sche Genau­ig­keit ist keine Frage der Defi­ni­tion, sondern der poli­ti­schen Ver­ant­wor­tung. Sie ent­schei­det darüber, ob Ursa­chen benannt, Ver­ant­wor­tung über­nom­men und Lehren aus den Ereig­nis­sen gezogen werden. Der rus­si­sche Krieg gegen die Ukraine begann 2014 – jede andere Datie­rung ver­fälscht die Rea­li­tät und schwächt die poli­ti­sche Urteilsfähigkeit.

Der bis­he­rige Druck auf Russ­land hat die Angriffe nicht gestoppt. Abschre­ckung wirkt nur dann, wenn sie glaub­wür­dig, kon­se­quent und spürbar ist. Die zuge­sagte ent­schlos­se­nere Unter­stüt­zung der Ukraine, ein­schließ­lich weit­rei­chen­der Systeme wie Taurus, ist daher keine Eska­la­tion, sondern Aus­druck sicher­heits­po­li­ti­sche Ver­nunft. Wer Start­plätze für Drohnen und Raketen aus­schal­tet, schützt Zivi­lis­ten und kri­ti­sche Infrastruktur.

Die Ukraine benö­tigt jetzt alles, was sie schützt: Luft­ver­tei­di­gung, Muni­tion und poli­ti­sche Klar­heit. Denn in der Ukraine ent­schei­det sich die Zukunft und Sicher­heit ganz Europas.

Portrait von Nataliya Pryhornytska

Nata­liya Pry­hor­nytska ist eine in der Ukraine gebo­rene und in Berlin lebende Politikwissenschaftlerin.

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