Die Kata­stro­phe von Ilo­wa­jsk

© Євген Силкін [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en)] via Wiki­pe­dia

Im August 2014 mar­schier­ten regu­läre rus­si­sche Mili­tär­ver­bände in den Donbas ein. Sie brach­ten die Wende im Krieg um die Ost­ukraine. Bei der Schlacht um Ilo­wa­jsk starben Hun­derte ukrai­ni­sche Sol­da­ten – viele von ihnen wurden beim Abzug aus der Stadt getötet.

Der leblose Körper eines ukrai­ni­schen Sol­da­ten hing über einem Strom­ka­bel im Dorf Nowo­ka­ter­i­niwka. Die Explo­sion seines gepan­zer­ten Fahr­zeugs hatte ihn dort hinauf kata­pul­tiert. In den Trüm­mern am Boden befand sich die ver­kohlte Leiche eines Kame­ra­den. Gerade dort, wo er zuletzt saß.

Es waren scho­ckie­rende Bilder, die der bri­ti­sche Jour­na­list Tim Judah im Spät­som­mer 2014 in der Ost­ukraine zu Gesicht bekam. „Am 3. Sep­tem­ber zählte ich auf einer sech­zehn Meilen langen Strecke vom Dorf Nowo­ka­ter­i­niwka zur Stadt Ilo­wa­jsk die Über­reste von acht­und­sech­zig Mili­tär­fahr­zeu­gen, Panzern, gepan­zer­ten Trup­pen­trans­por­tern, Pick-ups, Bussen und Last­wa­gen, in denen zwi­schen dem 28. August und dem 1. Sep­tem­ber eine große, aber noch unbe­kannte Anzahl von ukrai­ni­schen Sol­da­ten auf der Flucht aus dem Gebiet starben“, notierte Judah in einem Blog­bei­trag für den „New York Review of Books“.

Was Judah beschrieb, waren die Über­bleib­sel einer mili­tä­ri­schen Kata­stro­phe. Der zer­störte Konvoi gehörte zu jenen ukrai­ni­schen Mili­tär­ver­bän­den, die an der Schlacht von Ilo­wa­jsk teil­ge­nom­men hatten. Im August 2014 kämpf­ten sie dort um die Kon­trolle über die 14.000-Einwohner-Stadt unweit der Grenze zu Russ­land.

Portrait von Sebastian Christ

Sebas­tian Christ arbei­tet als Jour­na­list, Autor und Zukunfts­for­scher in Berlin. Er beschäf­tigt sich seit mehr als einem Jahr­zehnt beruf­lich mit Ost­eu­ropa und hat ein Jahr lang in Kyiv gelebt, wo er zur Majdan-Bewe­gung geforscht hat.

Vor Ilo­wa­jsk waren die ukrai­ni­schen Streit­kräfte in der Offen­sive

Die Kämpfe um Ilo­wa­jsk waren ein Wen­de­punkt im Krieg in der Ost­ukraine. Bis dahin machte die „Anti-Terror-Ope­ra­tion“ gegen die Sepa­ra­tis­ten bedeu­tende Fort­schritte. Im Juli hatten ukrai­ni­sche Mili­tär­ver­bände die Groß­stadt Sla­wjansk zurück­er­obert, bis zum 10. August wurde mit Donzek die einzige Mil­lio­nen­stadt im Herr­schafts­be­reich der Auf­stän­di­schen ein­ge­schlos­sen. Die Kämpfe um Ilo­wa­jsk, wo sich ein stra­te­gisch wich­ti­ger Güter­bahn­hof befand, brachen am 10. August aus.

Zwei Wochen später, am 24. August, meldete das ukrai­ni­sche Militär in der bis dato von der Regie­rung in Kiew gehal­te­nen Stadt Nowo­a­sowsk hef­ti­gen Artil­le­rie­be­schuss. Die Sepa­ra­tis­ten waren hier bis dahin gar nicht präsent gewesen. Auch an anderen Teilen der Grenze zu Russ­land wurden mili­tä­ri­sche Akti­vi­tä­ten gemel­det. Viele Indi­zien spre­chen dafür, dass an diesem Datum – dem ukrai­ni­schen Natio­nal­fei­er­tag – regu­läre rus­si­sche Truppen die Grenze über­quer­ten und ukrai­ni­sches Staats­ge­biet besetz­ten. Das Ein­grei­fen Russ­lands bringt die Wende.

Karte des Donbas © Euro­mai­dan Press

Huma­ni­tä­rer Kor­ri­dor“ wird zur Todes­falle

Ilo­wa­jsk wird ein­ge­kes­selt, etwa 7.000 ukrai­ni­sche Sol­da­ten sitzen in der Falle. Der WDR-Repor­ter Udo Lie­lisch­kies war damals zufäl­lig mit einem Kame­ra­team vor Ort. Er wollte Mit­glie­der eines ukrai­ni­schen Frei­wil­li­gen­ba­tail­lons für einen Doku­men­tar­film por­trai­tie­ren, als er und seine Mit­ar­bei­ter im Güter­bahn­hof von Ilo­wa­jsk in die Schuss­li­nie gerie­ten. Lie­lisch­kies beob­ach­tete, wie der Beschuss von schwe­rer Artil­le­rie immer weiter zunahm. Und er filmt zahl­rei­che Mit­glie­der der ukrai­ni­schen Frei­wil­li­gen­ver­bände, die in ihren impro­vi­sier­ten Uni­for­men aus ame­ri­ka­ni­scher, deut­scher und bri­ti­scher Pro­duk­tion am Abend des 28. August auf den Rückzug warten.

Viele von ihnen starben am nächs­ten Tag. Es gab Ver­hand­lun­gen über einen „huma­ni­tä­ren Kor­ri­dor“ für den Abzug, offen­bar stell­ten die Sepa­ra­tis­ten die For­de­rung, dass die ukrai­ni­schen Streit­kräfte dafür ihr schwe­res mili­tä­ri­sches Gerät zurück­las­sen müssen. Noch während die Ver­hand­lun­gen laufen, begin­nen die ukrai­ni­schen Ver­bände mit dem Abzug – und werden bei­der­seits der Straße mit schwe­rer Artil­le­rie ange­grif­fen.  Lie­lisch­kies nennt das in seinem Film eine „anschei­nend vor­be­rei­tete Falle“. Die ver­wen­dete Artil­le­rie­mu­ni­tion ist so stark, dass sie mühelos Pan­ze­run­gen durch­bre­chen kann. Viele Männer sterben an Split­ter­ver­let­zun­gen, einige Leichen sind derart ent­stellt, dass sie nachher lange Zeit nicht iden­ti­fi­ziert werden können. Laut einem im August 2018 ver­öf­fent­lich­ten Bericht des Büro des Hohen Kom­mis­sars der Ver­ein­ten Natio­nen für Men­schen­rechte (OHCHR) wurde sogar ein Ver­wun­de­ten­trans­por­ter beschos­sen, der weithin sicht­bar als Kran­ken­fahr­zeug gekenn­zeich­net war. Fast alle der kampf­un­fä­hi­gen Sol­da­ten in diesem Last­wa­gen wurden dabei getötet.

Zahl der Gefal­le­nen ist umstrit­ten

Einigen der Ein­ge­schlos­se­nen gelingt die Flucht. So auch dem Team von Lie­lisch­kies, das mit anderen Repor­tern in einem unge­pan­zer­ten SUV an den Panzern vorbei über die Straße prescht. 300 ukrai­ni­sche Sol­da­ten gerie­ten in Gefan­gen­schaft. Laut Angaben des OHCHR kam der letzte von ihnen erst am 27. Dezem­ber 2017 frei.

Über die Zahl der Men­schen, die in der Schlacht von Ilo­wa­jsk ums Leben gekom­men sind, gibt es unter­schied­li­che Angaben. Die kon­kre­ten Zahlen sind Gegen­stand der poli­ti­schen Debatte.

Zuerst sprach die ukrai­ni­sche Regie­rung von 214 Gefal­le­nen. Im August 2015 ver­öf­fent­lichte das ukrai­ni­sche Militär eine Erhe­bung, der zur Folge 366 Ange­hö­rige der ukrai­ni­schen Streit­kräfte getötet und 429 ver­wun­det wurden. Im OHCHR -Bericht über die Kampf­hand­lun­gen in Ilo­wa­jsk ist von „min­des­tens 366“ Gefal­le­nen die Rede. Eine Unter­su­chungs­kom­mis­sion des ukrai­ni­schen Par­la­ments ging im August 2015 von noch viel höheren Ver­lus­ten aus: Deren Vor­sit­zen­der, Andrij Sent­schenko, schätzte die Zahl der Gefal­le­nen im Groß­raum Ilo­wa­jsk auf etwa 1.000. Anton Her­ascht­schenko, Rada-Abge­ord­ne­ter der Volks­front, sprach kurze Zeit später eben­falls von 1.000 Gefal­le­nen. Als erster hatte diese Zahl im Sep­tem­ber 2014 Kon­stan­tin Grischin genannt, der unter dem Namen Semen Sement­schenko das Frei­wil­li­gen­ba­tail­lon Donbas in die Schlacht von Ilo­wa­jsk führte.

Russ­land leugnet wei­ter­hin eigene Trup­pen­prä­senz

Es spricht einiges dafür, dass es wohl zumin­dest „viele Hundert“ ukrai­ni­sche Sol­da­ten waren, die ihr Leben ver­lo­ren. In der WDR-Doku­men­ta­tion von Udo Lie­lisch­kies etwa sagt ein ukrai­ni­scher Infan­te­rist, der mit seinen Kame­ra­den von außen auf den Bela­ge­rungs­ring vor­rückte, dass allein aus seiner Einheit bereits 200 von 276 Sol­da­ten ums Leben gekom­men seien – das Inter­view fand noch vor dem Rückzug statt und reflek­tiert darüber hinaus nicht die Ver­luste, die es inner­halb des Kessels gab.

Wie viele Sepa­ra­tis­ten und rus­si­sche Sol­da­ten ums Leben kamen, ist umstrit­ten. Da Wla­di­mir Putin immer noch leugnet, dass rus­si­sche Sol­da­ten im Donbas aktiv sind, gibt es keine offi­zi­el­len Sta­tis­ti­ken über gefal­lene und ver­letzte Sol­da­ten. Der Kreml-Kri­ti­ker Boris Nemzow hatte bis zu seiner Ermor­dung im Februar 2015 an einem Bericht über die rus­si­sche Ver­wick­lung im Ukrai­ne­krieg gear­bei­tet. Seinen Recher­chen folgend, die auf Augen­zeu­gen­be­rich­ten und Lie­fer­auf­trä­gen für Särge basie­ren, starben allein in Ilo­wa­jsk 150 regu­läre rus­si­sche Sol­da­ten. Eine im Früh­jahr 2018 ver­öf­fent­lichte Daten­ana­lyse auf Basis von Ver­si­che­rungs­fäl­len im rus­si­schen Militär kommt zu dem Ergeb­nis, dass im Jahr 2014 ins­ge­samt 200 rus­si­sche Sol­da­ten in Kriegs­hand­lun­gen starben, 500 bis 800 weitere wurden ver­wun­det. Das ukrai­ni­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium sprach von „300 toten rus­si­schen Sol­da­ten“ bei der Schlacht von Ilo­wa­jsk.

Trauma in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft

Die von regu­lä­ren rus­si­schen Truppen unter­stütz­ten Sepa­ra­tis­ten bleiben nach Ilo­wa­jsk in der Offen­sive. Anfang Sep­tem­ber nehmen sie die Vororte der 500.000-Einwohner-Stadt Mari­u­pol unter Beschuss. Erst mit dem Minsker Abkom­men vom 11. Februar 2015 kam der Bewe­gungs­krieg zu einem Ende.

Die Schlacht von Ilo­wa­jsk ist bis heute für viele Men­schen in der Ukraine mit trau­ma­ti­schen Erin­ne­run­gen ver­bun­den. Sowohl für jene, die damals an den Kämpfen teil­nah­men und mit dem Leben davon kamen, als auch für jene, die Ange­hö­rige und Freunde ver­lo­ren. Zahl­rei­che Inter­views und auch erste Bücher sind zu diesem Thema erschie­nen.

Bis heute steht Ilo­wa­jsk für die schlimmste Nie­der­lage der ukrai­ni­schen Streit­kräfte im Donbas. Sepa­ra­tis­ten und rus­si­schen Streit­kräf­ten wird wegen des Beschus­ses von abzie­hen­den Truppen oft Heim­tü­cke vor­ge­wor­fen. Gleich­zei­tig hat Ilo­wa­jsk aber auch eine Debatte um die Moder­ni­sie­rung der ukrai­ni­schen Armee vor­an­ge­trie­ben. Heute gibt die Ukraine sechs Prozent ihres Staats­haus­halts für die Lan­des­ver­tei­di­gung aus.

Textende

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestel­len

Tragen Sie sich in unseren News­let­ter ein und bleiben Sie auf dem Lau­fen­den.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich ein­ver­stan­den.