Das, was Dich ausmacht

Foto: Miguel Gutier­rez /​ Imago Images

Gedan­ken über den Krieg, über das, was war und das, was bleibt. Von Volo­dymyr Yermolenko

Der Krieg ent­reißt Dir alles, was Dich aus­ge­macht hat, was immer Deins war. Er lässt Dich allein mit kleinen Über­bleib­seln von Dir. Denn Du bist nicht Du ohne die Farbe Deiner Wände. Denn Du bist nicht Du ohne die Risse im Asphalt Deines Hofes. Denn Du bist nicht Du ohne das Quiet­schen einer Schau­kel am nächs­ten Spiel­platz. Denn Du bist nicht Du ohne den Blick einer Nach­ba­rin, die immer lacht, wenn sie Deine Kinder sieht.

Die, die ihre Städte ver­las­sen haben, schrei­ben ihnen Lie­bes­briefe. Sie googeln sie in den Nach­rich­ten, taggen sie in sozia­len Netz­wer­ken, laden sie im Traum zu einem Wie­der­se­hen ein. Was ist aus dem Eck­la­den in der Sei­ten­straße gewor­den, in den ich jeden Morgen gegan­gen bin? Wer von den Nach­barn ist geblie­ben, wer ist gegan­gen und wer ist viel­leicht schon zurück­ge­kehrt? Funk­tio­nie­ren die Ampeln an Kreu­zun­gen? Blühen die Apri­ko­sen in Deinem Garten?

Die Men­schen sind so unsi­cher. So ent­wur­zelt. Sie sind jetzt Rei­sende. Doch plötz­lich stellt sich heraus, dass sie ihre Wurzeln in ihrem Land geschla­gen haben. Wie Pflan­zen, wie Blumen. Sie klam­mern sich an die Wurzeln der feuch­ten Ziegel ihrer Gebäude. Froh kehren sie dorthin zurück, wo das Zurück­zu­keh­ren früher banal oder sogar traurig war. Ver­wandte oder Freunde, die hier zurück­ge­blie­ben sind, sollen mir ein Foto von meinem Hof ​​schi­cken. Geh in meine Wohnung und sag ihr, dass ich sie liebe.

Unsere Räume, unsere Körper

Aber einige werden nir­gendwo hin­ge­hen können. Ihre Räume sind ampu­tiert, und sie werden lange brau­chen, sich neue zuzu­le­gen. Einen Raum ein­zu­rich­ten ist wie Kinder groß­zie­hen. Erst küm­merst Du Dich um sie, dann kümmern sie sich um Dich. Wenn Dein Raum weg ist, merkst Du plötz­lich: Du hast keinen Körper mehr. Denn dieses obdach­lose, ver­lo­rene Stück Materie mit Armen und Beinen kann nicht Dein Körper genannt werden. Es ist zu klein. Zu schwach. Zu wenig menschlich.

Der Krieg lehrt uns, dass wir viel mehr sind, als wir sind. Dass unsere Körper den Raum unserer Häuser und unserer Städte und unseres Landes mit ein­schlie­ßen. Dass unsere Erin­ne­rung viel tiefer geht als die Erin­ne­rung an unsere Lebens­jahre. Dass in uns die Geister unserer Ver­stor­be­nen spre­chen, ein­ge­webt in die Körper derer, die wir künftig zur Welt bringen werden.

Der Krieg lehrt uns, was die Dinge sagen. Dass sie auch das Recht haben, ihre Bedeu­tung zu ändern. In dieser Welt ist ein Fenster kein Fenster mehr, sondern viel­leicht eine Gefah­ren­quelle. Und Licht ist nicht mehr Licht, sondern ein Weg­wei­ser für den Feind. Und ein Selfie an einem Kon­troll­punkt kann jeman­den das Leben kosten. Und ein Teller Reis­brei, den ein Frei­wil­li­ger für einen Flücht­ling zube­rei­tet, ist ein Zeichen der Liebe.

Leben nach dem Zufallsprinzip

Dinge sind zu Texten gewor­den, die uns neue Geschich­ten erzäh­len. Du bewer­test die Rea­li­tät um Dich herum mit einer ein­fa­che­ren und stren­ge­ren Logik: Was hilft uns zu über­le­ben und was kann uns töten? Der Raum ist nicht mehr homogen: Zehn Kilo­me­ter nörd­lich, und Du befin­dest Dich an einem Ort, an dem Du getötet werden kannst. Die Zeit ist nicht mehr homogen: ein paar Stunden Ver­spä­tung, und Du wirst den heu­ti­gen Tag viel­leicht nicht über­le­ben. Zeit und Raum sind heute Höhen und Tiefen. Jeder baut seine eigenen Pfade darin und kei­ner­lei Satel­li­ten können dabei helfen. Jeder läuft nach dem Zufallsprinzip.

Der Krieg gibt uns ein Gefühl dafür, wie falsch der Indi­vi­dua­lis­mus ist. Wie wir in eine Spit­zen­sti­cke­rei kol­lek­ti­ver Körper ein­ge­stickt wurden. Wie wir unsere Leute fühlen, wie wir wissen, dass die Men­schen auf den Straßen, in den Städten, unter den Ruinen, mit Waffen, im Hin­ter­grund – dass sie wir sind. Und die­je­ni­gen, die vor hundert Jahren durch diese Straßen gingen, sie schufen und kämpf­ten – auch wir sind. Und die­je­ni­gen, die nach uns kommen, die diese Gegen­den wieder auf­bauen oder neue Pla­ne­ten erkun­den werden. Sie sind auch wir.

Diese Men­schen, diese Dinge, diese Erin­ne­run­gen, diese Hoff­nun­gen – das alles lebt mit Dir. Der Krieg ent­reißt sie Dir, lässt sie Dich aber noch stärker fühlen. Krieg ist ein Zustand beschleu­nig­ten Ver­lusts. Es ver­stärkt die Chancen, alles zu ver­lie­ren, was wir lieben. Alles, was uns aus­macht. Ver­wandte, Freunde, uns selbst. Aber es kann auch eine Gele­gen­heit für Gewinn sein.

Das Gesetz der Geschichte

Russ­land hat diesen Krieg begon­nen, weil es sich vor langer Zeit ver­lo­ren hat. Seine wahn­sin­nige Destruk­ti­vi­tät hat nur ein Ziel: Auch anderen das Gefühl zu geben, ver­lo­ren zu sein. Auf, dass Ver­luste zum Gesetz der Geschichte werden. Wenn es sich selbst ver­lo­ren hat, welches Recht haben dann andere, auf sich aufzupassen?

Aber Russ­land ist für uns schon lange kein Gesetz mehr. Und egal wie schmerz­haft unsere Ver­luste sind, wir passen auf uns auf und ent­wi­ckeln uns weiter. Wir können uns nicht ver­lie­ren, weil wir uns bereits gefun­den haben.

Wir haben gefun­den, wovon wir leben, was immer uns aus­macht, was immer Teil von uns sein wird. Dein Wald, Dein Stück Land, Dein Dorf, Dein Kon­troll­punkt, Deine Lieben, Deine Zukunft. Das werden wir nicht ver­lie­ren. Denn uns macht das aus, was wir zu ver­tei­di­gen bereit sind. Das, was auch immer wir uns bemühen, bei uns zu behalten.

Ins Deut­sche über­setzt von Chris­tian Weise.

Textende

Portrait von Volodymyr Yermolenko

Volo­dymyr Yer­mo­lenko ist ukrai­ni­scher Phi­lo­soph und Chef­re­dak­teur von UkraineWorld.org.

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