Selen­skyj und der Donbas-Kon­flikt

Auch ein wesent­lich ver­jüng­tes und neu zusam­men­ge­setz­tes Par­la­ment wird Prä­si­dent Selen­skyj nicht nutzen, im Donbas über einen Waf­fen­still­stand hin­aus­zu­kom­men und den Kon­flikt mit Russ­land gänz­lich zu lösen. Andreas Umland erläu­tert in seiner Analyse, wieso die EU ihre Sank­tio­nen gegen­über Russ­land deut­lich ver­schär­fen muss, um ein Ende des Kon­flikts in der Ost­ukraine abseh­bar zu machen.

Portrait von Andreas Umland

Dr. Andreas Umland ist Senior Non­re­si­dent Fellow am Zentrum für Euro­päi­sche Sicher­heit des Insti­tuts für Inter­na­tio­nale Bezie­hun­gen Prag.

Als im Früh­jahr 2019 klar wurde, dass sich an der Füh­rungs­spitze der Ukraine ein fun­da­men­ta­ler Wandel voll­zie­hen wird, nährte dies bei vielen Beob­ach­tern Hoff­nun­gen. Die weit ver­brei­tete Erwar­tung war, dass nun womög­lich sogar eine umfas­sende Lösung des Kon­flikts im Donez­ker Bassin (Donbas), welche über einen bloßen Waf­fen­still­stand hin­aus­geht, möglich wird. Inzwi­schen hat die Ukraine einen neuen Prä­si­den­ten, Woloy­myr Selen­skyj, der weniger natio­na­lis­tisch auf­tritt als vordem Petro Poro­schenko. Letz­te­rer vollzog – ähnlich seinem Vor­läu­fer, Exprä­si­dent Wiktor Juscht­schenko, zehn Jahre zuvor – zum Ende seiner Amts­zeit einen demons­tra­ti­ven Rechts­schwenk.

Sowohl Juscht­schenko im Jahr 2009 als auch Poro­schenko ein Jahr­zehnt später ver­kal­ku­lier­ten sich mit ihren betont patrio­ti­schen Wahl­kampf­lo­sun­gen. Die beiden frü­he­ren Amts­in­ha­ber wurden mit, in beiden Fällen, höchst pein­li­chen Wahl­er­geb­nis­sen von erfolg­rei­chen russo­pho­nen Nach­fol­gern als Prä­si­den­ten abge­löst. Auch die Zusam­men­set­zung des Par­la­ments und der Regie­rung der Ukraine werden sich im Sommer 2019 bezüg­lich der Hin­ter­gründe, Lebens­al­ter und ideo­lo­gi­schen Aus­rich­tun­gen der neuen Abge­ord­ne­ten und Minis­ter erheb­lich ändern. Das Land wird sich in naher Zukunft mit einer weithin ver­jüng­ten, kos­mo­po­li­ti­sche­ren und weniger aus­drück­lich kreml­feind­li­chen poli­ti­schen Elite neu kon­sti­tu­ie­ren.

Die ost­ukrai­ni­sche Sack­gasse

Aller­dings wird dies nicht zu einer prin­zi­pi­el­len Ände­rung der Haltung und des Kurses der Ukraine gegen­über Russ­land führen. Ange­sichts der klaren Fronten und eiser­nen Logik des Donbas-Kon­flikts werden Prä­si­dent Selen­skyj und seine neue Mann­schaft kaum in der Lage sein, prin­zi­pi­ell anders zu agieren als sein Vor­gän­ger Poro­schenko und dessen zwei Regie­run­gen zwi­schen 2014 bis 2019. Die Tonlage der Ver­hand­lun­gen mag sich ändern und womög­lich zu einem dau­er­haf­ten Waf­fen­still­stand führen. Die sub­stan­zi­elle Dif­fe­renz zur Zukunft der Ost- und Süd­ukraine wird jedoch bleiben. Trotz ent­spre­chen­der Begehr­lich­kei­ten im Kreml, kann Selen­skyj zur Errei­chung einer dau­er­haf­ten Eini­gung mit Russ­land weder ukrai­ni­sches Ter­ri­to­rium abtre­ten noch ukrai­ni­sche Sou­ve­rä­ni­tät im Donbas oder auf der Krim opfern.

Auf genau dies jedoch meint Moskau einen legi­ti­men Anspruch zu haben – zumal im Lichte der erheb­li­chen poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und sozia­len rus­si­schen Ein­bu­ßen infolge der beiden Ukrai­ne­aben­teuer des Kremls. Während die all­ge­meine Logik des Völ­ker­rechts eine Wie­der­her­stel­lung der ter­ri­to­ria­len Inte­gri­tät der Ukraine vor­schreibt, dik­tiert das inner­rus­si­sche Kosten-Nutzen-Kalkül der Mos­kauer Inter­ven­tion, dass Russ­lands ver­deckte Inva­sion durch Kyjiw und den Westen in Form von rele­van­ten Kon­zes­sio­nen belohnt werden muss. Solche Kyjiwer Zuge­ständ­nisse wie­derum sind jedoch weder völ­ker­recht­lich ver­tret­bar, noch inner­halb der Ukraine poli­tisch durch­setz­bar.

Viel­mehr würde ein von vielen aus­län­di­schen Diplo­ma­ten und Poli­ti­kern gewünsch­ter dau­er­hafte Kom­pro­miss zwi­schen Kyjiw und Moskau in der Ost- und Süd­ukraine erheb­li­che innen­po­li­ti­sche Tur­bu­len­zen in der Ukraine nach sich ziehen. Nach dem Tod tau­sen­der, der Ver­stüm­me­lung bezie­hungs­weise Trau­ma­ti­sie­rung zehn­tau­sen­der und der Ver­trei­bung hun­dert­tau­sen­der Ukrai­ner, ist die Tole­ranz­schwelle von Mil­lio­nen Ukrai­nern gegen­über Russ­land niedrig. Ein schluss­end­li­ches „Ein­kni­cken“ Kyjiws gegen­über Moskau – wie das zumin­dest ins­ge­heim viele west­li­che Beob­ach­ter erwar­ten, wenn nicht her­bei­seh­nen – könnte gar zu eben jenem inne­ru­krai­ni­schen Bür­ger­krieg führen, den Russ­land und einige ober­fläch­li­che west­li­che Ukrai­ne­be­ob­ach­ter bereits seit Jahren beschwö­ren. Obwohl sich die meisten Ukrai­ner einen sta­bi­len Frieden und fun­da­men­ta­len Neu­start der rus­sisch-ukrai­ni­schen Bezie­hun­gen sehn­lich wün­schen, ist nur eine Min­der­heit bereit, hierfür den von Moskau erwar­te­ten ter­ri­to­ria­len und poli­ti­schen Preis zu zahlen.

Auch die im Minsker Abkom­men vom Februar 2015 erwähnte Dezen­tra­li­sie­rung der Ukraine, die gele­gent­lich als ein Lösungs­mo­dell für das Donbas-Problem gehan­delt wird, ist als Frie­dens­in­stru­ment unge­eig­net. Voll­kom­men unab­hän­gig von den ost­ukrai­ni­schen Kämpfen und Ver­hand­lun­gen Kyjiws mit Moskau imple­men­tiert die Ukraine bereits seit April 2014 eine weit­rei­chende Dezen­tra­li­sie­rungs­re­form. Diese umfasst das gesamte Land und über­trägt nicht nur in der Ost­ukraine, sondern überall Ver­wal­tungs­kom­pe­ten­zen an soge­nann­ten amal­ga­mierte Ter­ri­to­ri­al­ge­mein­den. Die schon fünf Jahre andau­ernde und von der EU resolut geför­derte Devo­lu­tion poli­ti­scher Macht vom Zentrum an Städte und Kom­mu­nen half Poro­schenko jedoch nicht dabei den Donbas-Kon­flikt zu lösen.

Die fort­schrei­tende Dezen­tra­li­sie­rung der Ukraine wird auch Selen­skyj bei seinen Kon­flikt­lö­sungs­be­mü­hun­gen kaum von Nutzen sein. Die lau­fende Gebiets- und Ver­wal­tungs­re­form wird erst nach Rück­füh­rung der besetz­ten Gebiete unter voll­stän­dige Kyjiwer Kon­trolle für die admi­nis­tra­ti­ven Neu­ge­stal­tung der derzeit von Russ­land kon­trol­lier­ten Teile des Donez­be­ckens rele­vant werden. Die dyna­misch fort­schrei­tende ukrai­ni­sche Dezen­tra­li­sie­rung wird jedoch weder für die zunächst not­wen­dige Befrie­dung noch die dar­auf­fol­gende Demi­li­ta­ri­sie­rung der okku­pier­ten Gebiete – höchst­wahr­schein­lich durch eine inter­na­tio­nale Frie­dens­mis­sion – von Nutzen sein.

Die Hoff­nung auf ein Ein­len­ken Putins

Ins­ge­samt gibt es nur wenige neue Mittel, mit denen Selen­skyj eine nach­hal­tige Lösung des Donbas-Kon­flikts seitens der Ukraine for­cie­ren kann. Viel­mehr bestand die mit Selen­skyj ver­bun­dene neue Hoff­nung darin, dass Putin ein russ­land­freund­li­che­res Image der Ukraine nach der Wahl nutzen würde, um vor hei­mi­schem Publi­kum eine weniger kon­fron­ta­tive Vor­ge­hens­weise gegen­über Kyjiw zu recht­fer­ti­gen. Dieser Opti­mis­mus grün­dete auf der Annahme, dass die Sank­tio­nen der EU seit Sommer 2014 ihre Aufgabe erfüllt haben. Demnach würde Moskau mittels Lösung des Donbas-Kon­flikts – und weniger aus Achtung ukrai­ni­scher Sou­ve­rä­ni­tät oder Sorge um euro­päi­sche Sta­bi­li­tät – einen Neu­be­ginn in den rus­sisch-west­li­chen Bezie­hun­gen suchen.

Man hoffte, dass der Kreml aus län­ger­fris­ti­gem Eigen­in­ter­esse heraus künftig ent­ge­gen­kom­men­der werden würde, da er die EU – ange­sichts fort­ge­setz­ter öko­no­mi­scher Zurück­hal­tung Chinas – als poten­ten Aus­lands­in­ves­tor sowie ernst­haf­ten Moder­ni­sie­rungs- und Han­dels­part­ner für Russ­land braucht. Mit einem rus­sisch­spre­chen­den neuen Prä­si­den­ten der Ukraine, so die Kal­ku­la­tion, sollt eine Ver­bes­se­rung der rus­sisch-ukrai­ni­schen Bezie­hun­gen ein­fa­cher als mit dem laut­star­ken Putin-Gegner Poro­schenko sein, dessen Rhe­to­rik sich während der fünf Jahre seiner Prä­si­dent­schaft immer mehr ver­schärft hatte. Poro­schen­kos Repu­ta­tion unter den Russen war durch unab­läs­sige Dif­fa­mie­rung seitens der kreml­kon­trol­lier­ten Mas­sen­me­dien voll­stän­dig zer­stört worden. Dahin­ge­gen ist Selen­skyj nicht nur in der Ukraine eine pro­mi­nente und sym­pa­thi­sche Person. Der neue ukrai­ni­sche Prä­si­dent ist auch populär in Russ­land, wo der eins­tige Enter­tai­ner und Schau­spie­ler in zahl­rei­chen rus­si­schen Fern­seh­sen­dun­gen und Kino­fil­men zu sehen war.

Trotz solcher anschei­nend ermu­ti­gen­den neuen Umstände nach den Prä­si­dent­schafts­wah­len in der Ukraine, sind bislang keine wesent­li­chen Fort­schritte bei der Rück­füh­rung der besetz­ten Gebiete unter Kyjiwer Kon­trolle in Sicht. Viel­mehr gab Moskau kurz nach Selen­skyjs spek­ta­ku­lä­rem Wahl­er­folg eine signi­fi­kante Erleich­te­rung der Pro­ze­dur zur Erlan­gung der rus­si­schen Staats­bür­ger­schaft für die Bevöl­ke­rung zunächst der beiden sepa­ra­tis­ti­schen so genann­ten „Volks­re­pu­bli­ken“ und schließ­lich des gesam­ten ukrai­ni­schen Donbas bekannt. Diese klar irre­den­tis­ti­sche Stra­te­gie wandte der Kreml bereits in den abtrün­ni­gen Gebie­ten Nord­ge­or­gi­ens unter der Bezeich­nung „Pass­por­ti­sie­rung“ an.

Moskaus demons­tra­ti­ver Poli­tik­wech­sel in der ukrai­ni­schen Wahl­pe­ri­ode stellt nicht nur einen Affront gegen­über der Ukraine und ihrem neuen Prä­si­den­ten dar. Er unter­gräbt auch die Logik der in den Minsker Abkom­men von 2014 und 2015 umris­se­nen Ver­ein­ba­run­gen zur schritt­wei­sen Reinte­gra­tion der derzeit besetz­ten Gebiete in den ukrai­ni­schen Staats­ver­band. Eine künf­tige Situa­tion, in der ein großer Teil der Bevöl­ke­rung des ukrai­ni­schen Donbas die rus­si­sche Staats­bür­ger­schaft hat, muss zudem im Kontext der aggres­si­ven außen­po­li­ti­schen Doktrin Moskaus gesehen werden.

Die „Pass­por­ti­sie­rung“ als Rich­tungs­ent­schei­dung

Eine Reihe offi­zi­el­ler rus­si­scher Doku­mente erlau­ben es bezie­hungs­weise zwingen Moskau, einen aktiven „Schutz“ rus­si­scher Bürger im Ausland zu betrei­ben. Russ­lands unnach­gie­bi­ges Vor­ge­hen zur Wahrung der ver­meint­li­chen Inter­es­sen aus­län­di­scher „Lands­leute“ würde in vollem Maße auch die frisch­ge­ba­cke­nen rus­si­schen Staats­bür­ger im ukrai­ni­schen Donbas betref­fen. Damit bleibt selbst im posi­tivs­ten Falle einer voll­stän­di­gen Umset­zung der Minsker Abkom­men unklar, ob der Kreml letzten Endes tat­säch­lich alle Kon­trolle der derzeit okku­pier­ten Gebiete des Donez­be­ckens abgeben wird. Es stellt sich sogar die Frage, ob er das im Lichte der rus­si­schen Geset­zes­lage über­haupt kann, sollten viele Ost­ukrai­ner bis dahin rus­si­sche Staats­bür­ger werden. Dass Moskau eine solch weit­rei­chende Ver­än­de­rung des Status quo ver­kün­dete als bereits klar war, dass sowohl Poro­schenko als auch seine Gefolg­schaft von den Füh­rungs­po­si­tio­nen des ukrai­ni­schen Staates abtre­ten und von einer eher ost­ukrai­ni­schen neuen Mann­schaft abge­löst wird, ver­heißt wenig Gutes für eine künf­tige nach­hal­tige Kon­flikt­lö­sung in der Ukraine.

In der best­mög­li­chen Aus­le­gung bedeu­tet Putins Ankün­di­gung, dass der Kreml ledig­lich seine Ver­hand­lungs­po­si­tion ver­bes­sern wollte, bevor er mit dem neuen Prä­si­den­ten der Ukraine in Gesprä­che über Lösungs­op­tio­nen tritt. Im schlech­tes­ten Falle bedeu­tet die „Pass­por­ti­sie­rung“ des Donez­be­ckens, dass Moskau ent­schie­den hat, inof­fi­zi­ell oder womög­lich gar offi­zi­ell die Gebiete um Donezk und Luhansk der Rus­si­schen Föde­ra­tion ein­zu­ver­lei­ben. Je nach aktu­el­ler Situa­tion könnte der Kreml dabei seinen ver­schie­de­nen frü­he­ren und straf­los geblie­be­nen Okku­pa­ti­ons­mo­del­len in Trans­nis­trien, Abcha­sien und Süd­os­se­tien folgen, ja sich womög­lich für eine voll­stän­di­gen Anschluss nach dem Vorbild der Kri­man­ne­xion ent­schei­den. Welche genauen Inten­tio­nen hinter dem fol­ge­schwe­ren Schritt des Kremls sich auch immer ver­ber­gen mögen, eines sollte für den Westen klar sein: Die derzeit im Zusam­men­hang mit den Minsker Abkom­men ver­häng­ten Sank­tio­nen sind offen­sicht­lich ohne nen­nens­wer­ten poli­ti­schen Effekt in Moskau geblie­ben.

Die ver­schie­de­nen, im Sommer 2014 Russ­land von­sei­ten der EU auf­er­leg­ten öko­no­mi­schen und anderen Beschrän­kun­gen ver­hin­der­ten weder die blu­ti­gen Eska­la­tio­nen um Ilo­wa­jsk im Sep­tem­ber 2014 sowie bei Debal­zewe im Februar 2015 noch den rus­si­schen Stell­ver­tre­ter­krieg nied­ri­ger Inten­si­tät gegen die Ukraine der letzten vier Jahre. Sie unter­ban­den auch nicht die gefähr­li­che Eska­la­tion im Asow­schen Meer und die Ver­haf­tung von 24 ukrai­ni­schen See­leu­ten durch Russ­land am Novem­ber 2018. Und sie taugten eben­falls nicht dazu, Moskaus kürz­lich begon­nene „Pass­por­ti­sie­rung“ des Donbas zu ver­hin­dern.

Lau­warme Reak­tio­nen der Bevöl­ke­rung auf Putin

Was eine noch ent­schie­de­nere Zer­stö­rung der euro­päi­schen Nach­kriegs­ord­nung durch den Kreml in der Ost­ukraine bislang ver­hin­dert, sind offen­bar weniger die EU-Sank­tio­nen. Viel­mehr sind die rela­tive Gleich­gül­tig­keit ein­fa­cher Russen gegen­über Moskaus Donbas-Aben­teuer sowie zöger­li­che Reak­tion der Ost­ukrai­ner gegen­über Putins Offerte rus­si­scher Staats­bür­ger­schaft schein­bar für das sto­ckende Vor­ge­hen Russ­lands im Donez­be­cken ver­ant­wort­lich. Mei­nungs­um­fra­gen zufolge unter­stüt­zen die meisten Russen eine Anne­xion des ukrai­ni­schen Donbas nicht.

Viele befür­wor­ten nicht einmal die Ausgabe von Pässen der Rus­si­schen Föde­ra­tion (RF) an ver­meint­lich pro­rus­si­sche Ost­ukrai­ner. Grund dafür ist, dass die rus­si­sche Staats­bür­ger­schaft Ansprü­che auf Sozi­al­leis­tun­gen beinhal­tet, die aus dem RF-Staats­haus­halt finan­ziert werden, wie zum Bei­spiel Renten. Viele Russen arg­wöh­nen offen­bar, dass solche zusätz­li­chen Ver­pflich­tun­gen auf­sei­ten der rus­si­schen Regie­rung ihre eigenen Zuwen­dun­gen etwa aus der rus­si­schen Pen­si­ons­kasse schmä­lern werden.

Hinzu kommt, dass bislang nur etwa 8.000 Ukrai­ner Putins öffent­li­chem Angebot rus­si­scher Staats­bür­ger­schaft gefolgt sind. Mög­li­cher­weise fürch­ten die Ein­woh­ner des Donbas zum Bei­spiel den Verlust ihres – in Hin­sicht auf welt­weite Rei­se­frei­heit wert­vol­le­ren – ukrai­ni­schen Passes, falls die ukrai­ni­sche Regie­rung von ihrer Annahme der rus­si­schen Staats­bür­ger­schaft Kennt­nis erlangt. Solange die EU nicht die für Ukrai­ner seit 2017 gel­tende Visa­frei­heit im Schen­gen­raum auch rus­si­schen Staats­bür­gern gewährt bezie­hungs­weise sogar an Ost­ukrai­ner aus­ge­ge­bene rus­si­sche Rei­se­do­ku­mente nicht aner­kennt, mögen viele ukrai­ni­sche Bürger des Donbas befürch­ten, mit der Annahme eines rus­si­schen Passes mehr zu ver­lie­ren als zu gewin­nen.

Sank­ti­ons­un­wil­len versus euro­päi­sche Ordnung

Die bislang unge­min­derte Fort­set­zung der Kriegs­füh­rung nied­ri­ger Inten­si­tät gegen die Ukraine durch Russ­land sowie Moskaus kürz­lich getrof­fene Ent­schei­dung, Ukrai­nern auf ver­ein­fach­tem Wege die rus­si­sche Staats­bür­ger­schaft zuzu­er­ken­nen, sind ernüch­ternd. Sie deuten darauf hin, dass das gegen­wär­tige relativ mode­rate EU-Sank­ti­ons­re­gime inef­fek­tiv ist. Für die eben­falls vom Kreml bereits über viele Jahre auf­recht erhal­te­nen Ter­ri­to­ri­al­kon­flikte in Trans­nis­trien, Abcha­sien und Süd­os­se­tien ist Russ­land noch nie durch ziel­ge­rich­tete west­li­che Sank­tio­nen belegt worden.

Es besteht vor diesen his­to­ri­schen Erfah­run­gen wenig Grund zu der – etwa in Deutsch­land erstaun­lich weit ver­brei­te­ten – Annahme, dass Moskaus Ent­ge­gen­kom­men wachsen würde, falls die EU ihre öko­no­mi­sche Bestra­fung Russ­lands für seine der­zei­tige Ukrai­ne­po­li­tik zurück­fährt oder ein­stellt. Die mol­daui­schen bezie­hungs­weise geor­gi­schen Bei­spiele lehren, dass eine Sank­ti­ons­min­de­rung bezie­hungs­weise ‑been­di­gung wenig Sinn macht. Die Sank­tio­nen sollten erst zurück­ge­fah­ren werden, wenn die fak­ti­sche Beset­zung des öst­li­chen Donbas durch mos­kau­ge­lenkte irre­gu­läre Truppen, ja teils durch regu­läre rus­si­sche Mili­tärs tat­säch­lich endet.

Mehr noch: Die Lehren aus Russ­lands Kon­flik­ten mit Moldau, Geor­gien und der Ukraine bedeu­ten, dass der Westen sein gegen­wär­ti­ges Sank­ti­ons­re­gime (womög­lich signi­fi­kant) ver­schär­fen muss, wenn er – von der Krim-Frage einmal ganz abge­se­hen – zumin­dest den Donbas-Kon­flikt lösen will. Zwar kann man sich einen Waf­fen­still­stand oder auch gewisse andere Erleich­te­run­gen auch ohne weitere größere Straf­maß­nah­men des Westens vor­stel­len. Eine Been­di­gung der De-Facto-Okku­pa­tion des Donbas, wie in etli­chen ent­spre­chen­den Beschlüs­sen der EU, des Euro­pa­rats, der OSZE und wei­te­rer Orga­ni­sa­tio­nen gefor­dert, wird jedoch offen­bar nur bei erhöh­tem öko­no­mi­schem Druck auf Moskau möglich werden. Man könnte allen­falls noch darauf spe­ku­lie­ren, dass Russ­lands gene­relle Wirt­schafts­pro­bleme bezie­hungs­weise nied­rige Welt­markt­preise für Roh­stoffe in der Zukunft die rela­tive Effek­ti­vi­tät der bereits auf­er­leg­ten Sank­tio­nen auch ohne deren Ver­schär­fung erhöhen.

Wie auch immer es letzt­lich zu einer Ver­stär­kung des öko­no­mi­schen Drucks auf Moskau kommen mag, werden die dar­auf­fol­gen­den öko­no­mi­schen Pro­bleme für Russ­land auch weitere Kosten für die sank­tio­nie­ren­den Staaten ins­be­son­dere der EU nach sich ziehen. Diese Ver­luste mögen für indi­vi­du­elle private und Wirt­schafts­ak­teure schmerz­lich sein. Schluss­end­lich könnten die Kon­flikt­kos­ten für Europa, falls keine wei­te­ren Maß­nah­men durch Brüssel ergrif­fen werden, aller­dings sehr viel höher aus­fal­len. Nicht nur das Völ­ker­recht ins­ge­samt und die Logik des Atom­waf­fen­sperr­re­gimes im Beson­de­ren blieben im Lichte von Kyjiws frei­wil­li­ger Abtre­tung des großen ukrai­ni­schen Nukle­ar­waf­fen­ar­se­nals in den 1990ern dau­er­haft beschä­digt.

Sollte sich der Westen nicht merk­lich stärker in Ost­eu­ropa enga­gie­ren, wird es offen­bar weiter hohe Insta­bi­li­tät in der gesam­ten Ukraine und einen hohen Migra­ti­ons­druck gen Westen geben. Russ­lands gezielte Abschre­ckung aus­län­di­scher Inves­to­ren ins­be­son­dere in der Ost- und Süd­ukraine wird weiter Erfolg haben. Last but not least wird es auch wei­ter­hin einen mili­tä­ri­schen Kon­flikt­herd in unmit­tel­ba­rer Nähe des größte Atom­kraft­werks Europas im süd­ost­ukrai­ni­schen Sapro­rishja geben. Die meisten Euro­päer nehmen den Donbas-Kon­flikt als eine rein ukrai­ni­sche Her­aus­for­de­rung wahr. Dessen Fort­set­zung und Eska­la­tion könnten sich jedoch leicht zu einem exis­ten­ti­el­len gesamt­eu­ro­päi­schen Problem aus­wach­sen – mit mög­li­cher­weise ver­hee­ren­den Folgen nicht nur für die Ukraine.

Ein frühere Version des Textes wurde aus dem Eng­li­schen über­tra­gen von Thomas Meyer.

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