Ukrainische Seeleute in der russischen Schattenflotte

Laut einer neuen Analyse der ukrainischen Forschungsorganisation KRONOS arbeiten wohl zwischen 12 und 18 Prozent der ukrainischen Tankerbesatzungsmitglieder auf sanktionierten Schiffen. Diese Erkenntnis verweist auf einen weitgehend übersehenen Teil der russischen Schattenflotte: die Menschen, die die alternden Tanker auf See halten. „Ukraine verstehen“ veröffentlicht die KRONOS-Recherche nun in deutscher Sprache.
Russlands sogenannte Schattenflotte hat sich trotz westlicher Sanktionen und der Preisobergrenze der G7 zu einem der wichtigsten Mechanismen für den Transport von russischem Öl entwickelt. Es handelt sich um ein Netzwerk, das sich auf veraltete Tanker, undurchsichtige Eigentümerstrukturen, billige Flaggen und eine Reihe von maritimen Dienstleistungen stützt, die es schwierig zu ermitteln machen, wer die Schiffe letztendlich kontrolliert.
Die EU nimmt zunehmend nicht nur einzelne Schiffe, sondern das gesamte Ökosystem um sie herum ins Visier. Bis Juli 2026 wurden mehr als 670 Schiffe auf die Schattenflottenliste der EU gesetzt. Die EU-Maßnahmen richten sich auch gegen Unternehmen und Einzelpersonen, die am Betrieb oder an der Unterstützung des Netzwerks beteiligt sind.
Doch es gibt noch einen weiteren Teil des Systems, dem weitaus weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird: die Besatzungen.
Recherchen zu sanktionierten Tankern
Die Ukraine ist seit Langem eine der weltweit wichtigsten Quellen für Arbeitskräfte in der Seeschifffahrt. Vor der Vollinvasion Russlands waren laut KRONOS rund 76.400 ukrainische Seeleute auf dem internationalen Arbeitsmarkt tätig.
Der Krieg hat die geografische Verteilung dieser Arbeitskräfte dramatisch verändert. Zehntausende ukrainische Seeleute befanden sich bereits außerhalb des Landes oder verließen es kurz nach der Invasion, und viele wechseln nun zwischen maritimen Drehkreuzen in Rumänien, Bulgarien, Polen, der Türkei, Zypern und den Vereinigten Arabischen Emiraten hin und her.
Die meisten arbeiten für seriöse internationale Reedereien. KRONOS schätzt jedoch, dass zwischen drei und fünf Prozent der aktiven ukrainischen Seeleute direkt in die russische Schattenflotte involviert sein könnten. Speziell bei Tankerbesatzungen steigt der mutmaßliche Anteil auf 12 bis 18 Prozent.
KRONOS geht davon aus, dass jährlich zwischen 600 und 900 ukrainische Seeleute über „graue“ Rekrutierungskanäle in das System der Schattenflotte gelangen. Das bedeutet, dass demnach aktuell zwischen 1.500 und 2.500 ukrainische Staatsbürger auf Schiffen der russischen Schattenflotte im Einsatz wären.
Bei diesen Zahlen handelt es sich um Schätzungen und nicht um eine vollständige Erfassung der Besatzungen. KRONOS kombiniert bei seiner Analyse Informationen aus Seeverkehrskontrollen, Hafenstaatkontrollen und anderen öffentlich zugänglichen Quellen. Einige der Zahlen basieren auf Modellrechnungen und sollten nicht als direkter Beweis für Straftaten gewertet werden.
Die Rolle ukrainischer Besatzungsmitglieder
Ukrainische Seeleute sind besonders in den technischen Rängen der Tankerbesatzungen vertreten: als Chefingenieure, Zweite Ingenieure, leitende Deckoffiziere und elektrotechnische Offiziere.
Dies ist von Bedeutung, da viele Schiffe der Schattenflotte alt sind und unter Bedingungen betrieben werden, die in der konventionellen Schifffahrt ernsthafte Sicherheitsbedenken aufwerfen würden.
Die Recherchen von KRONOS beinhalten mehrere Fälle von ukrainischen Besatzungsmitgliedern an Bord von sanktionierten oder mutmaßlichen Tankern der Schattenflotte. Beim Tanker „Grinch“, der im Februar 2026 von französischen Seebehörden festgesetzt worden ist, bestand das gesamte Maschinenraumteam des Schiffes aus ukrainischen Ingenieuren, die über Vermittler im Mittelmeerraum angeworben worden waren.
Auf der „Arina 1“, die nach einem Motorschaden im Kieler Kanal angehalten wurde, fanden Inspektoren neben schwerwiegenden technischen Mängeln auch gefälschte Zertifikate und ausstehende Löhne vor. Zum Maschinenraumteam des Schiffes gehörten ukrainische und russische Offiziere.
Eine europaweite Rekrutierungskette
Die Anwerbung erfolgt über ein komplexes Netzwerk, das sich über die Ukraine, Moldau, EU-Länder, die Türkei und den Nahen Osten erstreckt.
Der mutmaßliche Mechanismus ist dabei relativ simpel: Einem Seemann wird über einen Vermittler ein Kurzzeitvertrag angeboten – manchmal für ein Schiff, das als Eigentum einer neutralen oder einer Offshore-Reederei dargestellt wird. Das tatsächliche Schiff oder die Ladung wird womöglich erst später bekannt.
KRONOS-Recherchen identifizierten 18 in der Ukraine registrierte Besatzungsagenturen und sechs damit verbundene Strukturen in Lettland und Zypern, die mutmaßlich Besatzungen für Schiffe rekrutiert haben, die mit der Schattenflotte in Verbindung stehen.
Zu den Unternehmen gehören Novomar, Eurobulk, Zolos Shipping und Vista Shipping. Die Recherchen bringen diese Unternehmen mit einem Netzwerk in Verbindung, das wohl Besatzungen für rund 30 Schiffe bereitgestellt hat, die russisches Öl transportierten.
Es handelt sich um schwerwiegende Vorwürfe gegen identifizierbare Unternehmen und Personen. Sie erfordern daher eine unabhängige Überprüfung anhand von Unternehmensunterlagen, Sanktionsdatenbanken, maritimen Datenbanken und den Stellungnahmen der betroffenen Unternehmen. Bei den Rechercheergebnissen von KRONOS handelt es sich nicht um eine gerichtliche Feststellung von Fehlverhalten.
Die europäische Sanktionspolitik
Für die europäischen Länder geht es hier nicht nur um die Umgehung von Sanktionen, sondern auch um die Gefährdung der Sicherheit im Seeverkehr. Die EU hat gewarnt, dass die Schattenflotte Risiken wie Umweltschäden, Seeunfälle und Bedrohungen für die kritische Unterwasserinfrastruktur sowie Verstöße gegen internationale Seeverkehrsstandards birgt.
Die Sanktionspolitik der EU geht daher mittlerweile über einzelne Tanker hinaus. Im April 2026 wurden weitere 46 Schiffe in das Sanktionsregime aufgenommen. Im Juli fügte die EU noch einmal 41 Schiffe hinzu und weitete die Beschränkungen auf Schiffe aus, die Dienstleistungen für die Schattenflotte erbringen. Wichtig ist, dass das Maßnahmenpaket auch auf Organisationen abzielt, die innerhalb des Ökosystems der Schattenflotte tätig sind, darunter erstmals eine Besatzungsvermittlungsagentur.
Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die europäische Sanktionspolitik allmählich erkennt, dass die Schattenflotte mehr ist als einfach nur eine Ansammlung von Schiffen.
Ein Dilemma für die Ukraine
Für die Ukraine ist die Angelegenheit besonders kompliziert. Ukrainische Seeleute sind nicht gleichbedeutend mit der russischen Schattenflotte. Die überwiegende Mehrheit ist in der legitimen internationalen Schifffahrtsbranche tätig. Doch der Krieg hat Tausende von Schifffahrts-Fachkräften von internationalen Beschäftigungsnetzwerken außerhalb der Ukraine abhängig gemacht. Dies schafft Möglichkeiten für Vermittler, die in einer Grauzone agieren.
Die Frage ist daher nicht einfach, wie Seeleute bestraft werden sollten, die sich auf einem sanktionierten Schiff befinden. Es geht vielmehr darum, die Rekrutierungskette so transparent zu gestalten, dass ein risikobehaftetes Schiff identifiziert werden kann, bevor ein Seemann an Bord geht.
Mögliche Maßnahmen umfassen eine strengere Überprüfung von Arbeitsverträgen, systematische Abgleiche mit internationalen Sanktionsdatenbanken und einen verstärkten Informationsaustausch zwischen Seeverkehrsbehörden und europäischen Hafenbehörden.
Die jüngste Entscheidung der EU, eine Besatzungsagentur mit Sanktionen zu belegen, zeigt, dass die Personalvermittlung selbst zunehmend Teil der Sanktionsdebatte wird. Russlands Schattenflotte kann ohne Schiffe, Versicherungen, Häfen, Finanzierung und Logistik nicht funktionieren. Aber sie kann auch nicht ohne Menschen funktionieren. Hinter jedem in die Jahre gekommenen Tanker, der russisches Öl transportiert, stehen Ingenieure, Offiziere und Seeleute, deren Arbeit das Schiff in Bewegung hält.
Für europäische Entscheidungsträger kommt so eine Frage auf, die noch weitgehend unbeantwortet ist: Wie können Sanktionen gezielt gegen die Netzwerke vorgehen, die Besatzungen für die Schattenflotte rekrutieren, ohne dabei die Tausenden ukrainischen Seeleute zu kriminalisieren, deren Lebensunterhalt von der internationalen Schifffahrtsindustrie abhängt?
Die Analyse in ukrainischer Sprache: Тіньовий флот РФ: Від 12% до 18% українських танкеристів працюють на підсанкційні рейси
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