Spra­chen­po­li­tik in der Ukraine

© Volo­dy­myr Niki­tenko

Seit jeher ist die Ukraine ein zwei­spra­chi­ges Land. War Rus­sisch lange Zeit vor­herr­schend, wan­delte sich das seit der Unab­hän­gig­keit zuguns­ten des Ukrai­ni­schen. Welches Kon­flikt­po­ten­zial steckt in der Spra­chen­po­li­tik?

Die Ukraine ist ein zwei­spra­chi­ges Land und steht damit in Europa kei­nes­wegs allein. Aller­dings hat das zumeist ent­spannte, manch­mal aber auch kon­flikt­ge­la­dene Neben­ein­an­der der ukrai­ni­schen und rus­si­schen Sprache seine Beson­der­hei­ten, die in dieser Form nir­gendwo in Europa eine Par­al­lele finden. Bekannt­lich ist die Ukraine ein Nach­züg­ler auf der euro­päi­schen Bühne. Jahr­hun­der­te­lang ohne eigene Staat­lich­keit, haben die Ukrai­ner ihre Iden­ti­tät wesent­lich im Medium der ukrai­ni­schen Sprache bewahrt. Es war deshalb fol­ge­rich­tig, dass die neue Ukraine nach 1991 in ihrer Ver­fas­sung die ukrai­ni­sche Sprache zur allei­ni­gen Staats­spra­che erklärte. Aller­dings bedeu­tete dies kei­nes­wegs die Aus­schal­tung des Rus­si­schen, ja man kann sagen, die Erklä­rung des Ukrai­ni­schen zur Staats­spra­che war vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert eher ein Wechsel auf die Zukunft als eine lebens­welt­li­che Rea­li­tät.

Die weit­ver­brei­tete Zwei­spra­chig­keit von Mil­lio­nen Ukrai­nern sucht in Europa ihres­glei­chen

Die Wirk­lich­keit ist viel­mehr durch eine weit­ver­brei­tete Zwei­spra­chig­keit von Mil­lio­nen Ukrai­nern bestimmt, die in Europa ihres­glei­chen sucht. Aller­dings ist diese Zwei­spra­chig­keit im Land höchst unter­schied­lich ver­teilt: Im Westen des Landes ist die erste dieser zwei Spra­chen das Ukrai­ni­sche und im Osten das Rus­si­sche, wobei es keine scharf mar­kierte Grenze gibt. Die in der geo­gra­phi­schen Mitte gele­gene Haupt­stadt Kiew ist in gewis­sem Sinn das Herz dieser Zwei­spra­chig­keit: Man spricht (noch) über­wie­gend wie der Osten, ori­en­tiert sich aber poli­tisch wie der Westen. Auf dem Euro-Majdan in Kiew 2013/​14 wurde haupt­säch­lich Rus­sisch gespro­chen, aber das Ziel war die West­in­te­gra­tion der Ukraine.

Zwei grund­sätz­li­che Momente sind zu beden­ken: Erstens, die weit ver­brei­tete Bilin­gua­li­tät ver­min­dert das Kon­flikt­po­ten­tial, und zwei­tens, die ukrai­ni­sche Sprache drängt seit der Unab­hän­gig­keit in vielen Berei­chen nach vorn. Die Ukraine wird dennoch ein zwei­spra­chi­ges Land bleiben.

Der his­to­ri­sche Hin­ter­grund

Wie ist die Zwei­spra­chig­keit ent­stan­den? Sie ist in vieler Hin­sicht der his­to­ri­schen Ent­wick­lung geschul­det. In den letzten Jahr­zehn­ten des 19. Jahr­hun­derts war die ukrai­ni­sche Sprache im Zaren­reich im öffent­li­chen Raum ver­bo­ten. Es gab vor 1905 keine einzige Schule mit ukrai­ni­scher Unter­richts­spra­che und keine Kir­chen­ge­meinde, in der Ukrai­nisch gepre­digt wurde. Der Druck ukrai­ni­scher Bücher war ver­bo­ten. Der rus­si­sche Impe­ria­lis­mus behaup­tete (und behaup­tet dies bis heute), die Ukrai­ner seien kein eigen­stän­di­ges Volk, sondern ein Teil der groß­rus­si­schen Nation. Das alles galt nicht für die west­li­chen, bis 1918 zu Öster­reich-Ungarn gehö­ren­den Ter­ri­to­rien der Ukraine, wo die mut­ter­sprach­li­che Kultur und Wis­sen­schaft im Gegen­teil einen großen Auf­schwung nahmen.

Die sowje­ti­sche Spra­chen- und Natio­na­li­tä­ten­po­li­tik for­cierte die rus­si­sche Sprache und Kultur

Die Ent­fal­tung der ukrai­ni­schen Nati­ons­bil­dung im Zaren­reich wurde zusätz­lich durch die Indus­tria­li­sie­rung gebremst, die im Osten der Ukraine ihren Schwer­punkt hatte. Im Zuge der Indus­tria­li­sie­rung wan­der­ten Hun­dert­tau­sende Russen und Rus­sisch­spra­chige in die neuen Indus­trie­zen­tren ein. Der ersten Indus­tria­li­sie­rungs­welle in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts folgte eine zweite in sowje­ti­scher Zeit. Bis heute sind deshalb die Städte ins­be­son­dere im Osten und Süden der Ukraine rus­sisch geprägt, das Umland aber spricht ukrai­nisch. Die Ukrai­ner waren bis weit ins 20. Jahr­hun­dert hinein im Wesent­li­chen eine bäu­er­li­che Bevöl­ke­rung.

Die sowje­ti­sche Spra­chen- und Natio­na­li­tä­ten­po­li­tik for­cierte – nach einer kurzen pro-ukrai­ni­schen Phase in den 1920er Jahren – die rus­si­sche Sprache und Kultur und redu­zierte das Ukrai­ni­sche in der Tendenz auf die Funk­tion einer dörf­li­chen Umgangs­spra­che. Deshalb war die Ukraine am Ende der Sowjet­zeit in hohem Maß sprach­lich rus­si­fi­ziert. In vielen Berei­chen wie den Hoch­schu­len, in den Medien oder der Wirt­schaft domi­nierte das Rus­si­sche. Es gab – außer im Westen des Landes – Mil­lio­nen von Ukrai­nern, für die das Rus­si­sche zur Erst­spra­che gewor­den war.

Der aktu­elle Hin­ter­grund

Vieles hat sich seit der Unab­hän­gig­keit geän­dert. Das Pres­tige des Ukrai­ni­schen hat deut­lich zuge­nom­men. In vielen Berei­chen, wie in der Politik auf der gesamt­staat­li­chen Ebene, in der Bel­le­tris­tik oder im Hoch­schul­we­sen domi­niert heute das Ukrai­ni­sche. In anderen Berei­chen, wie in den Print­me­dien oder der Unter­hal­tungs­in­dus­trie ist nach wie vor das Rus­si­sche vor­herr­schend.

91% der Bürger bezeich­nen sich als Ukrai­ner

91% der Bürger bezeich­nen sich laut einer neuen Umfrage als Ukrai­ner, 6% als Russen. Das ist eine deut­li­che Ver­schie­bung seit der letzten sowje­ti­schen Volks­zäh­lung von 1989, als sich 72% als Ukrai­ner und 22% als Russen dekla­rier­ten. Die stark rus­sisch gepräg­ten, jetzt besetz­ten Ter­ri­to­rien des öst­li­chen Donbas und der Krim werden aller­dings in den Umfra­gen seit 2014 nicht mehr erfasst. Das Sprach­ver­hal­ten hat mit der natio­na­len (Neu)Identifizierung nicht Schritt gehal­ten. 69% der Ukrai­ner geben jetzt Ukrai­nisch als ihre Mut­ter­spra­che an, 27% das Rus­si­sche. Nach der glei­chen Umfrage erklä­ren 55%, zu Hause über­wie­gend ukrai­nisch zu spre­chen, 41% über­wie­gend rus­sisch. Diese Zahlen zeigen: Viele Ukrai­ner, ins­be­son­dere im Osten und Süden des Landes spre­chen rus­sisch, iden­ti­fi­zie­ren sich aber als Ukrai­ner. Eine Dis­kri­mi­nie­rung der rus­si­schen Sprache ist eine Erfin­dung der rus­si­schen Pro­pa­ganda.

Der ins vierte Jahr gehende Krieg hat aber auch an der Spra­chen­front Spuren hin­ter­las­sen: Die Politik fördert jetzt in bestimm­ten Berei­chen aktiv die ukrai­ni­sche Sprache. Das wird von der Mehr­heit der Men­schen unter­stützt. Manche rus­si­sche soziale Netz­werke wurden in der Ukraine abge­schal­tet, weil sie von rus­si­schen Sicher­heits­diens­ten genutzt wurden, auch um kriegs­re­le­vante Daten abzu­fi­schen. Ebenso wurden manche rus­sisch­spra­chige Bücher, sowie Radio- und Fern­seh­sen­dun­gen wegen anti­ukrai­ni­scher Pro­pa­ganda ver­bo­ten. Der Import rus­si­scher Bücher ist seit 2017 gene­rell erschwert. Dadurch soll nicht zuletzt die ukrai­ni­sche Buch­pro­duk­tion sti­mu­liert werden, die bislang im Schat­ten rus­si­scher Bücher stand, die wegen hoher Auf­la­gen bil­li­ger ange­bo­ten werden. Schließ­lich ver­ab­schie­dete das Par­la­ment 2017 ein Gesetz, das die elek­tro­ni­schen Mas­sen­me­dien, die lan­des­weit senden, ver­pflich­tet, 75% der Zeit in ukrai­ni­scher Sprache aus­zu­strah­len. Für die regio­na­len Radio- und Fern­seh­sta­tio­nen gilt eine Quote von 50%.

Ein wich­ti­ges Medium der Ukrai­ni­sie­rung ist seit vielen Jahren das Schul- und Vor­schul­we­sen. Heute besu­chen fast 90% der Schüler Schulen mit ukrai­ni­scher Unter­richts­spra­che. Dieser Anteil ist höher als der Anteil der Ukrai­ner an der Bevöl­ke­rung, ent­spricht aber in etwa dem Anteil der Bürger, die sich als Ukrai­ner iden­ti­fi­zie­ren (siehe oben), sich also der ukrai­ni­schen poli­ti­schen Nation zurech­nen. 9% der Schüler lernen an Schulen mit rus­si­scher Unter­richts­spra­che; zudem haben 25% der Schüler Rus­sisch als obli­ga­to­ri­sches Unter­richts­fach (Ukraine-Ana­ly­sen 189, S.10–14).

Das neue Bil­dungs­ge­setz vom Sep­tem­ber 2017 hat zu einem inter­na­tio­na­len Streit über Schul­spra­chen geführt. Das Gesetz sieht eine Inten­si­vie­rung des Ukrai­nisch­un­ter­richts in den Min­der­hei­ten­schu­len des Landes vor. Dagegen hat ins­be­son­dere die unga­ri­sche Regie­rung laut­star­ken Protest auf inter­na­tio­na­ler Bühne bis in die Nato hinein erhoben. Der Vorwurf lautet: Das neue Gesetz führe zur Schlie­ßung der ungarn­spra­chi­gen Min­der­hei­ten­schu­len in Trans­kar­pa­tien. Hier leben 150.000 Ungarn, die 12% der Bevöl­ke­rung Trans­kar­pa­ti­ens aus­ma­chen. Die ukrai­ni­sche Regie­rung weist die Vor­würfe zurück und betont, am Fort­be­stand der ungarn­spra­chi­gen wie auch der Bil­dungs­ein­rich­tun­gen der anderen Min­der­hei­ten werde nicht gerüt­telt. Aller­dings werde man den Ukrai­nisch­un­ter­richt an allen Min­der­hei­ten­schu­len inten­si­vie­ren, weil die Schul­ab­sol­ven­ten derzeit erheb­li­che Mängel im Ukrai­ni­schen auf­wie­sen und deshalb auf dem Arbeits­markt und in den Hoch­schu­len nicht kon­kur­renz­fä­hig seien. Dieser Streit zeigt, wie rasch die Spra­chen­frage sich poli­tisch instru­men­ta­li­sie­ren lässt. Hier lauert stets Kon­flikt­po­ten­tial. Darüber darf aber nicht in Ver­ges­sen­heit geraten, dass die all­ge­gen­wär­tige ukrai­nisch-rus­si­sche Zwei­spra­chig­keit im Alltag in aller Regel erstaun­lich rei­bungs­los funk­tio­niert.

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