Staats­grün­dung, „Brot­frie­den“ und Pogrome: Die Ukraine in Krieg, Revo­lu­tion und Bür­ger­krieg (1917–1921)

Post­karte von 1918, via Wiki­me­dia Commons

Die Zeit von 1917 bis 1921 stand für die Ukraine nicht nur im Zeichen von Krieg und Revo­lu­tion, sondern auch der trau­ma­ti­schen Erfah­rung einer ver­such­ten aber geschei­ter­ten Staats­grün­dung.

Bereits kurz nach der Febru­ar­re­vo­lu­tion 1917 hatte sich in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt Kyjiw als natio­na­les Vor­par­la­ment die Zen­tral­rada gebil­det. Sie sollte sich bald zum stärks­ten Kon­tra­hen­ten der Pro­vi­so­ri­schen Regie­rung und später der Bol­sche­wiki in der Peri­phe­rie ent­wi­ckeln. Die Petro­gra­der Sowjet­re­gie­rung führte ab Dezem­ber 1917 Krieg gegen die Zen­tral­rada, die im Januar 1918 die Ukrai­ni­sche Volks­re­pu­blik als sou­ve­rä­nen Staat ausrief. In einer Groß­of­fen­sive erober­ten die Bol­sche­wiki am 8. Februar Kyjiw und ver­trie­ben die Ver­tre­ter der Zen­tral­rada aus der ukrai­ni­schen Haupt­stadt. Par­al­lel hatten sich inner­halb der Ukraine mehrere auto­nome Sowjet­re­pu­bli­ken gebil­det.

Der „Brot­frie­den“: Mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung für Getreide

Dies waren die Rah­men­be­din­gun­gen, unter denen es am 9. Februar 1918 in Brest-Litowsk zum Abschluss eines Sepa­rat­frie­dens zwi­schen der Ukraine und den Mit­tel­mäch­ten (Deutsch­land, Öster­reich-Ungarn, Bul­ga­rien, Osma­ni­sches Reich) kam. Da die Ukraine sich im Gegen­zug für mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung gegen Sowjet­russ­land zu Getrei­de­lie­fe­run­gen an die Mit­tel­mächte ver­pflich­tete, ging dieser Vertrag auch als „Brot­frie­den“ in die Geschichts­bü­cher ein.

Die Mit­tel­mächte kamen der ukrai­ni­schen Regie­rung nun zur Hilfe, besetz­ten in wenigen Wochen die gesamte Ukraine, erober­ten am 1. März Kyjiw zurück und setzten die Zen­tral­rada wieder ein. Sowjet­russ­land erkannte die Sou­ve­rä­ni­tät der Ukraine schließ­lich am 3. März an.

Deut­sche Besat­zung 1918

Die fol­gende, knapp acht­mo­na­tige Beset­zung der Ukraine durch die Mit­tel­mächte im Jahr 1918 wird von ukrai­ni­schen His­to­ri­kern heute oft als sta­bilste Phase der ukrai­ni­schen Revo­lu­tion ange­se­hen. Die Deut­schen wurden in dieser Zeit weniger als Besat­zer, sondern als Ver­bün­dete wahr­ge­nom­men – als Weg nach Europa und Mög­lich­keit der Tren­nung von Moskau.

Der „Brot­frie­den“ mit den Mit­tel­mäch­ten wird in diesem Sinne häufig als Erfolgs­ge­schichte der ukrai­ni­schen Diplo­ma­ten in Brest-Litowsk beschrie­ben. Immer­hin hatte die ukrai­ni­sche Dele­ga­tion nach harten Ver­hand­lun­gen die Aner­ken­nung der ukrai­ni­schen Unab­hän­gig­keit durch alle vier Mit­tel­mächte und Russ­land erreicht. Mit dieser Dar­stel­lung wehren sich ukrai­ni­sche His­to­ri­ker teil­weise auch zu Recht gegen eine Geschichts­schrei­bung, die die Ukraine nur als Objekt oder Opfer in der Grand stra­tegy der Groß­mächte betrach­tet und die agency ukrai­ni­scher Akteure voll­stän­dig aus­blen­det. Aus den Memoi­ren des dama­li­gen öster­rei­chi­schen Außen­mi­nis­ters Czernin wissen wir aber auch, dass es für die Diplo­ma­ten in Brest-Litowsk damals offen­bar schwer ein­zu­schät­zen war, wer nun eigent­lich die Macht in Kyjiw hatte.

Unter der deut­schen Besat­zung kam es schon bald zu Kon­flik­ten mit der ukrai­ni­schen Regie­rung. Im April 1918 ersetz­ten die Deut­schen diese durch eine „Marionetten“-Regierung unter dem Hetman Pavlo Skoropads’kyj, einem ehe­ma­li­gen General der Zaren­ar­mee und Groß­grund­be­sit­zer. Von ihm erhoff­ten sie sich eine bessere Erfül­lung der ver­spro­che­nen Lebens­mit­tel­lie­fe­run­gen. Das Pro­gramm der Regie­rung Skoropads’kyjs bestand darin, den Guts­be­sit­zern ihr Land zurück­ge­ben. Vor allem die Masse der Ukrai­ni­schen Bauern lehnte das kon­ser­va­tive Régime Skoropads’kyjs ab und es kam zu Mas­sen­auf­stän­den ukrai­ni­scher Bauern. Auch die hohen Getrei­de­ab­trans­porte führten in der Bevöl­ke­rung zu mas­si­ven Pro­tes­ten.

Die Pogrome unter Pet­l­jura

Auf den Abzug der deut­schen Truppen und die Flucht Skoropads’kyjs nach Deutsch­land folgte im Dezem­ber die etwa ein­jäh­rige Herr­schaft des Direk­to­ri­ums der Ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik, in dem bald der natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Mili­tär­füh­rer Symon Pet­l­jura die Ober­hand gewann. Unter seiner Herr­schaft kam es im Bür­ger­krieg 1919 zu grau­sa­men Pogro­men an der jüdi­schen Bevöl­ke­rung.

Pet­l­jura selbst war kein Anti­se­mit und hatte anti­se­mi­ti­sche Aus­schrei­tun­gen seiner Truppen sogar unter Strafe gestellt. Der Regie­rung der Ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik gehör­ten auch Juden an. Unter der Zen­tral­rada war sogar ein eigen­stän­di­ges Minis­te­rium für jüdi­sche Ange­le­gen­hei­ten ein­ge­rich­tet worden und der jüdi­schen Min­der­heit in der Ukraine war erst­mals ein gesetz­lich garan­tier­ter Auto­no­mie­sta­tus gewährt worden. Im Chaos des Bür­ger­kriegs gelang es Pet­l­jura aber nicht die Gewalt­aus­schrei­tun­gen seiner Truppen zu kon­trol­lie­ren, was ihn einer Mit­ver­ant­wor­tung nicht enthebt.

Für die Pogrome an der jüdi­schen Bevöl­ke­rung waren aller­dings nicht nur Pet­l­jura-Truppen, sondern auch Ver­bände der Weißen unter dem General Denikin, ver­schie­dene para­mi­li­tä­ri­sche Bau­ern­ver­bände unter der Führung lokaler Otamane und ver­ein­zelt und in sehr viel gerin­ge­rem Ausmaß auch Truppen der Roten Armee ver­ant­wort­lich. Die Pogrom­tä­ter waren in erster Linie ukrai­ni­sche und rus­si­sche Sol­da­ten.

Die Zah­len­an­ga­ben zu den Pogrom­to­ten weichen stark von­ein­an­der ab und liegen zwi­schen 40.000 und 200.000 jüdi­schen Opfern, die in meh­re­ren Hundert ukrai­ni­schen Ort­schaf­ten ermor­det wurden. Die jüngere For­schung ten­diert dabei mitt­ler­weile zu eher höheren Opfer­zah­len. Lokal­stu­dien zu ein­zel­nen Pogro­men haben gezeigt, dass die Zahl der Opfer in einer Ort­schaft manch­mal bis zu 2.000 erreichte – so bei­spiels­weise im Früh­jahr 1919 in Pro­s­ku­riv, dem heu­ti­gen Chmel­nyzkyj. Neben den Morden kam es zu viel­fäl­ti­gen anderen Formen der Gewalt und demons­tra­ti­ven Demü­ti­gun­gen. Zahl­rei­che jüdi­sche Frauen wurden Opfer von Ver­ge­wal­ti­gun­gen.

Wie wir aus Berich­ten von Über­le­ben­den wissen, han­delte es sich zumeist um spon­tane Gewalt­ak­tio­nen, bei denen lang­jäh­rige Nach­barn plötz­lich zu Pogrom­tä­tern werden konnten. Die Sowjet­re­gie­rung unter­suchte seit 1920 einige der Pogrome und ver­ur­teilte einige Täter in Gerichts­ver­fah­ren. Viele Pogrome wurden von den lokalen jüdi­schen Gemein­schaf­ten mit schrift­li­chen Berich­ten, Fotos, und in Ein­zel­fäl­len auch Film­auf­nah­men sorg­fäl­tig doku­men­tiert.

Viele Juden sahen später vor allem Pet­l­jura als Haupt­ver­ant­wort­li­chen für die Pogrome, die sie in den Kontext eines ver­meint­li­chen jahr­hun­der­te­al­ten ukrai­ni­schen Anti­se­mi­tis­mus seit dem schreck­li­chen Pogrom im Zuge des Kosa­ken­auf­stan­des unter dem Hetman Chmel­nyzkyj im 17. Jahr­hun­dert stell­ten. Pet­l­jura wurde 1926 im Exil in Paris von dem Juden Schwartz­bard erschos­sen, der beteu­erte er habe damit die Pogrome rächen wollen. Im Ergeb­nis des welt­weite Auf­merk­sam­keit erre­gen­den Straf­pro­zes­ses wurde Schwartz­bard schließ­lich frei gespro­chen. Die sowje­ti­sche Pro­pa­ganda nutzte den Fall, um das oftmals bis heute wirk­mäch­tige Ste­reo­typ des ukrai­ni­schen Natio­na­lis­ten und Anti­se­mi­ten in der inter­na­tio­na­len Öffent­lich­keit zu ver­brei­ten.

Pogrome schufen Vor­aus­set­zun­gen für den Holo­caust

Die Pogrome der Bür­ger­kriegs­zeit besaßen nach Ansicht der jün­ge­ren For­schung viel weit­rei­chen­dere Folgen als von His­to­ri­kern bisher ange­nom­men wurde. Nach Ansicht einiger For­scher stell­ten sie einen wich­ti­gen Erfah­rungs­hin­ter­grund für den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Holo­caust dar, der sich zwei Jahr­zehnte später oftmals an den glei­chen Orten ereig­nete, und schufen quasi die Vor­aus­set­zun­gen dafür, dass der Juden­mord von der Bevöl­ke­rung als bekann­tes Muster wahr­ge­nom­men wurde. Zugleich spiel­ten die Pogrom­erfah­rung und der zumeist erfah­rene Schutz unter der Sowjet­herr­schaft auch eine zen­trale Rolle für die Trans­for­ma­tion der Juden in Sowjet­bür­ger und ihre Haltung zur Sowjet­macht. Hier hat mög­li­cher­weise ein Wandel statt­ge­fun­den. Denn wie wir aus Wahl­er­geb­nis­sen wissen, hegten im Revo­lu­ti­ons­jahr 1917 nur sehr wenige Juden Sym­pa­thien für die Bol­sche­wiki.

In der Ukraine erfährt die Geschichte von Krieg, Revo­lu­tion und Bür­ger­krieg gerade auch in einer jün­ge­ren Genera­tion von His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­kern eine starke Auf­merk­sam­keit. In Deutsch­land zeich­net sich das For­schungs­in­ter­esse am Thema leider nicht glei­cher­ma­ßen ab. Dabei gibt es auch für die deut­sche His­to­rio­gra­phie noch zahl­rei­che „weiße Flecken“ zur Geschichte der deut­schen Besat­zung in der Ukraine oder zur Kriegs­er­fah­rung der Sol­da­ten und der Zivil­be­völ­ke­rung an der Ost­front zu füllen. Ein tie­fe­res Ver­ständ­nis der kom­pli­zier­ten und viel­fäl­tig ver­floch­te­nen Ereig­nisse vor hundert Jahren ist auch deshalb drin­gend not­wen­dig, weil es einen Schlüs­sel für die Analyse der aktu­el­len Kon­flikte liefert.

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