Diljara Abdul­la­jewa: „Seit 2014 erlebt die Krim die gröbs­ten Menschenrechtsverstöße“

© Anton Naumliuk

Auf der von Russ­land okku­pier­ten Krim sind vor allem Krim­ta­ta­ren poli­ti­scher Ver­fol­gung aus­ge­setzt. Diljara Abdul­la­jewa von der Bür­ger­ver­ei­ni­gung „Krims­kaja Soli­dar­nost“ berich­tet von der Ver­haf­tung ihrer Söhne.

„Dum spiro, spero“ („Solange ich atme, hoffe ich“) lautet ein Satz des Marcus Tullius Cicero, welches die Geschichte der Krim­ta­ta­ren treff­lich wider­spie­gelt. Und ihren langen, zer­mür­ben­den Kampf um das Recht zur Rück­kehr auf die Krim nach der Depor­ta­tion 1944 und die Wahrung ihrer Identität. 

Das Jahr 2014 brachte neue Her­aus­for­de­run­gen. Vor sieben Jahren wurde die Krim durch die Rus­si­sche Föde­ra­tion besetzt und hat sich seitdem zu einem Ort der Angst gewan­delt. Haus­durch­su­chun­gen, Mas­sen­ver­haf­tun­gen, Ent­füh­run­gen, poli­tisch moti­vierte Straf­pro­zesse und die Ein­schrän­kung der Mei­nungs- und Reli­gi­ons­frei­heit und wei­te­rer Grund­rechte gehören zum Alltag. Die Reihe „Solange ich atme, hoffe ich – Fünf Lebens­ge­schich­ten von der Krim“ wurde ini­tiert von Vik­to­ria Savchuk in Koope­ra­tion mit dem Berlin Info-Point Krim.

Der Vater meiner Kinder ver­schwand aus unserem Leben, als mein ältes­ter Sohn gerade andert­halb, mein jün­ge­rer fünf Monate, und ich selbst 21 Jahre alt war. Man könnte sagen, dass wir gemein­sam groß gewor­den sind und gelernt haben, dieses Leben allein zu bestrei­ten, in der großen Stadt Baku, wohin meine Eltern nach Jahr­zehn­ten in der usbe­ki­schen Ver­ban­nung gezogen waren. Erst im Herbst 1996 habe ich es geschafft, mit meinen Söhnen in unsere Heimat – die Krim – zurückzukehren.

Wir haben viel durch­ma­chen müssen. Ich habe meine Söhne allein auf­ge­zo­gen und ihnen den Vater ersetzt. Zumin­dest habe ich es ver­sucht. Die Kinder haben mir diese Rolle zuge­stan­den, sie ange­nom­men, denn der Vater fehlte ihnen sehr. Jungen brau­chen ein Vorbild, ein Bei­spiel an Stärke. Das ist wichtig. Viel­leicht haben wir deshalb ein so ver­trau­tes, auf­rich­ti­ges Ver­hält­nis zueinander.

Was soll ich sagen. Mein Leben war hart, und nun kommt die Unge­rech­tig­keit hinzu, dass meine ehren­wer­ten Söhne in Unfrei­heit leben müssen. Ich denke, dass meine Lebens­er­fah­rung mich für solche Situa­tio­nen abge­här­tet und mir zusätz­li­che Weis­heit und Reife ver­schafft hat. Ich würde sagen, dass ich die Uni­ver­si­tät des Lebens abge­schlos­sen habe. Ich habe gelernt, nach Miss­erfol­gen und tiefen Stürzen die Ver­ant­wor­tung wieder an mich zu reißen, für das Leben der Enkel­kin­der und der eigenen unschul­di­gen Söhne, und den Kampf für ihre Frei­heit aufzunehmen.

Ich habe zwei höhere Abschlüsse und eine Dok­tor­ar­beit zum Thema „Mikro­ele­mente und Vit­amine“ in der Tasche. Meine Arbeits­er­fah­rung ist viel­fäl­tig. Aber mitt­ler­weile habe ich das Leben unter anderen Bedin­gun­gen stu­diert, unter jenen, in denen meine unschul­di­gen Söhne in rus­si­schen Kerkern sitzen.  Ich habe gelernt, für Gerech­tig­keit zu kämpfen. Das Schick­sal meiner Söhne schmerzt mich sehr. Die Zeit heilt diese Wunden nicht. Du lernst ledig­lich mit ihnen zu leben. Wie soll man lernen, mit dieser Situa­tion fertig zu werden und wie weit ist es noch bis zur Gerech­tig­keit? Wo ist die Wahr­heit zu suchen? Was ist die Wahrheit?

Unschul­dig ver­ur­teilt zu lang­jäh­ri­ger Haft

Ich sagte bereits, dass ich auf der Krim lebe. Die Krim ist momen­tan im Fokus der Ereig­nisse. Sie sind heute die am meisten dis­ku­tier­ten Nach­rich­ten in den Medien rund um den Globus. Die Krim ist ein ein­zi­ger großer Trup­pen­übungs­platz, auf dem die Krim­ta­ta­ren mit Repres­sio­nen und Mas­sen­ver­haf­tun­gen über­zo­gen werden. Seit jeher began­nen die Repres­sio­nen bei den Gläu­bi­gen. Die Blüte des krim­ta­ta­ri­schen Volkes, seine Jugend, unsere gelieb­ten und ehren­wer­ten Söhne sind weg­ge­sperrt worden. Dut­zende unschul­dig Ver­ur­teilte. Die Halb­in­sel, deren „Anschluss an die Rus­si­sche Föde­ra­tion“ von der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft und den Ver­ein­ten Natio­nen nicht aner­kannt wird, bleibt rus­sisch besetz­tes Ter­ri­to­rium. Seit dem Moment der Beset­zung erlebt die Krim die gröbs­ten Men­schen­rechts­ver­stöße. Es sind hun­derte Fälle poli­ti­scher Ver­fol­gung, fabri­zier­ter Straf­pro­zesse und töd­li­cher Urteile, denn Haft­stra­fen von 17 Jahren bedeu­ten den Tod. Hun­derte Fälle, in denen unsere Söhne von der Krim zum Absit­zen ihrer „Strafe“ auf das Ter­ri­to­rium Russ­lands ver­bracht wurden.

Immer habe ich dieses schreck­li­che Bild vor Augen, wie sie meine Söhne abführ­ten – nein, nicht abführ­ten, sondern mit Säcken über dem Kopf und in Hand­schel­len von mir weg­zerr­ten. Und all das vor den Augen ihrer kleinen Kinder, meiner Enkel­kin­der. Sie sind Zeugen echten Terrors geworden.

Man brach in ihr Haus ein, als sie gerade schlie­fen. Nachdem sie die Türen und Fenster auf­ge­bro­chen hatten, schrien die mas­kier­ten, mit kugel­si­che­ren Westen und Sturm­ge­weh­ren aus­ge­rüs­te­ten Männer: „Sofort ein­frie­ren! Wir sind berech­tigt zu schießen!“.

Auf wen hätten sie schie­ßen sollen, frage ich mich. Auf die Kinder? Bei meinem älteren Sohn waren ledig­lich er, seine Frau und vier kleine Kinder zuhause. Bei meinem jün­ge­ren Sohn waren es er, seine Frau und fünf Kinder, das kleinste gerade drei Monate alt. Meine Kinder wohnen ihn einem Dop­pel­haus, das sie selbst gebaut haben. Die geziel­ten Repres­sio­nen gegen bestimmte Fami­lien auf der Krim began­nen bei meiner eigenen, als man meine Brüder und meine Söhne abholte, und mich mit meinen Schwä­ge­rin­nen und ohne Ver­sor­ger zurückließ.

Diljara Abdul­la­jewa ist Bür­ger­recht­le­rin bei „Krims­kaja Solidarnost“.

Aus dem Rus­si­schen von Dario Planert.

Die Essay­reihe „Solange ich atme, hoffe ich – Fünf Lebens­ge­schich­ten von der Krim“ macht auf die Men­schen­rechts­si­tua­tion auf der besetz­ten Krim auf­merk­sam. Diese ist durch schwere Ver­let­zun­gen der Mei­nungs- und Reli­gi­ons­frei­heit, des Rechts auf Frei­heit und Sicher­heit, auf ein faires Ver­fah­ren sowie des Verbots von Folter gekenn­zeich­net. Durch die Essays stellen wir die per­sön­li­chen Schick­sale Betrof­fe­ner von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen dar. Die poli­ti­schen Ziele dieser Men­schen oder der ihnen nahe­ste­hen­den Orga­ni­sa­tio­nen und reli­giö­sen Gruppen machen wir uns nicht zu eigen.

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