Erin­ne­rung bewah­ren — Захистимо пам’ять

© Ukraine Calling

Auf dem Ter­ri­to­rium der heu­ti­gen Ukraine wurden über 1,5 Mil­lio­nen jüdi­sche Kinder, Frauen und Männer von der deut­schen Besat­zungs­macht ermor­det. «Holo­caust durch Kugeln» ist bis heute in West­eu­ropa eine Leer­stelle der Geschichts­schrei­bung geblie­ben. Das Projekt »Erin­ne­rung bewah­ren« hat sich zum Ziel gesetzt, auf die Mas­sen­morde auf­merk­sam zu machen und die Erschie­ßungs­stät­ten von Juden und Roma in der Ukraine als würdige Gedenk- und Infor­ma­ti­ons­orte zu gestal­ten.

Für viele jüdi­sche Kinder, Frauen und Männer war der Holo­caust mit dem Kriegs­ende nicht zu Ende. Mit der Ein­wei­hung der zwei Gedenk­orte auf einem Feld bei Lypo­vetz, rund 200 Kilo­me­ter süd­west­lich von Kyjiw, gehe aber der Holo­caust für diese Opfer zu Ende, so Rabbi Hers­zaft vom Komitee für den Schutz jüdi­scher Fried­höfe in Europa in seiner Rede bei der Ein­wei­hungs­ze­re­mo­nie des Gedenk- und Infor­ma­ti­ons­or­tes an die hier ermor­de­ten ca. 1000 Opfer in ukrai­ni­schem Lypowez.

Portrait von Bozhena Kozakevych

Bozhena Koza­ke­vych ist wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Lehr­stuhl für Ent­ang­led History of Ukraine, Europa-Uni­ver­si­tät Via­drina Frank­furt.

Im Rahmen des deutsch-ukrai­ni­schen Pro­jekts »Erin­ne­rung bewah­ren« wurden zwi­schen dem 16. und dem 19. Sep­tem­ber 2019 neun Gedenk- und Infor­ma­ti­ons­orte in den Gebie­ten Shy­to­myr und Win­nyzja sowie eine Frei­luft­aus­stel­lung in Ber­dyt­schiw der Öffent­lich­keit über­ge­ben. Das Projekt wird geför­dert vom Aus­wär­ti­gen Amt und getra­gen von der Stif­tung Denkmal und vom Ukrai­ni­schen Zentrum für Holo­caust-Studien.

Eröff­nung der Aus­stel­lung: Das Geden­ken der ermor­de­ten Juden von Ber­dyt­schiw

Während der jähr­li­chen Gedenk­ze­re­mo­nie für die etwa 12.000 Opfer der größten Mas­sen­er­schie­ßung auf dem Gebiet der heu­ti­gen Ukraine am 15. Sep­tem­ber 1941 in Ber­dyt­schiw, wurde am 16. Sep­tem­ber 2019 am zen­tra­len Erin­ne­rungs­ort der Stadt eine Frei­luft­aus­stel­lung eröff­net. Sie besteht aus drei­spra­chi­gen Infor­ma­ti­ons­ta­feln über das jüdi­sche Leben der Stadt, seine Aus­lö­schung und den schwie­ri­gen Weg zu einer ange­mes­sene Wür­di­gung der ermor­de­ten Juden. Ber­dyt­schiw war bis zum Holo­caust eines der größten jüdi­schen Kul­tur­zen­tren des Rus­si­schen Reiches. Die Bio­gra­fien der Fami­lien Vain­s­hel­boim und Bur­menko stehen bei­spiel­haft für den Mas­sen­mord und das Über­le­ben in dieser Stadt.

Die Bot­schaf­te­rin der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Anka Feld­hu­sen, die Son­der­be­auf­tragte für Bezie­hun­gen zu jüdi­schen Orga­ni­sa­tio­nen und Anti­se­mi­tis­mus­be­kämp­fung im Aus­wär­ti­gen Amt, Michaela Küchler, der Bot­schaf­ter des Staates Israel, Joel Lion, und der Ver­tre­ter der Bot­schaft der USA, Samuel Fontela, beton­ten in ihren Reden die Bedeu­tung der Erin­ne­rung an den Holo­caust und wür­dig­ten die Arbeit unseres deutsch-ukrai­ni­schen Pro­jek­tes. Die Aus­stel­lung ist in enger Zusam­men­ar­beit mit der Stadt­ver­wal­tung, der jüdi­schen Gemeinde, dem Stadt­mu­seum und dem jüdi­schen Museum von Ber­dyt­schiw ent­stan­den.

Im Anschluss fuhr die inter­na­tio­nale Dele­ga­tion zur Ein­wei­hung des Gedenk- und Infor­ma­ti­ons­or­tes in Chashyn bei Ber­dyt­schiw, dem topo­gra­fisch schwie­rigs­ten Pro­jekt­ort, und besuchte acht weitere Mas­sen­er­schie­ßungs­stät­ten rund um die Stadt, um der ins­ge­samt min­des­tens 18.000 ermor­de­ten jüdi­schen Kinder, Frauen und Männer zu geden­ken. Beson­ders ein­drucks­voll waren die Bei­träge von Holo­caust­über­le­ben­den Halyna Bak­mai­eva, Mikhail Vain­s­hel­boim und Halyna Shu­lia­ty­cka.

Ein­wei­hung der Gedenk­orte an die ermor­de­ten Juden in der Zen­tral­ukraine

Die Ein­wei­hungs­ze­re­mo­nie des Gedenk- und Infor­ma­ti­ons­or­tes an die etwa 170 ermor­de­ten Juden aus Bara­schi und der Umge­bung fand unter breiter Betei­li­gung der lokalen Bevöl­ke­rung am 17. Sep­tem­ber statt. Die Leh­re­rin der hie­si­gen Schule, Liliia Var­v­ar­chuk, Teil­neh­me­rin des päd­ago­gi­schen Pro­gramms des Pro­jek­tes, sprach von der jüdi­schen Geschichte als Teil der ukrai­ni­schen Geschichte und wür­digte all die Vor­rei­ter, die sich seit Anfang der 1990er Jahre für ein Erin­ne­rungs­zei­chen am Ort der Ermor­dung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung aus Bara­schi ein­ge­setzt hatten.

In Sam­ho­ro­dok wird die Erin­ne­rung an die etwa 500 ermor­de­ten Juden – dar­un­ter 240 Kinder – aus dem Ort und der Umge­bung in der Gemeinde bewahrt. Am Nach­mit­tag des 17. Sep­tem­ber wurde der Gedenk­ort unter reger Anteil­nahme von Schü­lern ein­ge­weiht. »Ins­ge­samt wurden 1,5 Mil­lio­nen jüdi­sche Kinder, Frauen und Männer auf dem Gebiet der heu­ti­gen Ukraine zwi­schen 1941 und 1944 von der deut­schen Besat­zungs­macht erschos­sen. An Orten wie diesen wird der Mas­sen­mord greif­bar. Wir sind sehr dankbar, dass wir zusam­men mit unseren ukrai­ni­schen Part­nern dieses Projekt umset­zen konnten. Dieser Ort soll Ort der Erin­ne­rung und des wür­di­gen Geden­kens sein. Gleich­zei­tig soll dieser Ort auch dazu auf­for­dern, dass unsere beiden Völker gemein­sam für die Demo­kra­tie und die Unver­letz­lich­keit der Grenzen in Europa kämpfen sollten, damit sich Geschichte nie wie­der­holt«, so Uwe Neu­mär­ker, Direk­tor der Stif­tung Denkmal. Schüler ver­la­sen die Namen einiger Opfer. Ihnen ihre Namen zurück­zu­ge­ben, macht das mensch­li­che Ausmaß der Tra­gö­die deut­lich. Nach dem Kad­disch gedach­ten die Gäste der auf dem Jüdi­schen Fried­hof Erschos­se­nen, wo am selben Tag auf lokale Initia­tive zwei Gedenk­steine auf­ge­stellt worden waren.

Bei der Ein­wei­hungs­ze­re­mo­nie in Tschu­kiw am 18. Sep­tem­ber wurden die etwa 300 ermor­de­ten jüdi­schen Frauen und Männer, über­wie­gend aus dem rumä­ni­schen Besat­zungs­ge­biet in der Ukraine (Trans­nis­trien), gewür­digt. Sie starben weit von zu Hause, so dass ihr Schick­sal ihren Fami­lien unbe­kannt blieb, erzählte Dorfrat Volo­dy­myr Kal­ni­cki. Mykhailo Tyaglyy von Ukrai­ni­schen Zentrum für Holo­caust-Studien betonte, dass mit der Errich­tung des Gedenk- und Infor­ma­ti­ons­or­tes die Erin­ne­rung in die Gemeinde ein­kehrt. Die Mas­sen­er­schie­ßungs­stätte befin­det sich mitten auf dem Feld; um zum Gedenk­ort zu gelan­gen, muss man die Grund­stü­cke von drei Land­wir­ten über­que­ren. Sie haben mit Ver­ständ­nis das Anlie­gen, den Zugang von der Straße zum Gedenk­ort zu ver­schaf­fen, ange­nom­men und die Gestal­tung des Zugangs geneh­migt.

Anschlie­ßend fuhr die Dele­ga­tion nach Lypowez. Trotz des starken Windes nahmen viele Teil­neh­mer an der bewe­gen­den Zere­mo­nie teil. Lypowez war ein Schtetl, wo mehrere Jahr­hun­derte lange ver­schie­de­nen Ethnien neben- und mit­ein­an­der lebten. Der zweite Welt­krieg setzte diesem Zusam­men­le­ben ein Ende. Josef Zissels, Vor­sit­zende des Bundes der jüdi­schen Orga­ni­sa­tio­nen und Gemein­den, sprach von wei­te­ren 2000 Mas­sen­grä­ber, die es in der Ukraine gibt und  die geschützt werden müssen. Der Holo­caust endet für die Opfer, indem ihre Ruhe gewähr­leis­tet sei. Das sei der Fall in Lypowez, so Rabbi Hers­zaft in seiner Rede.

Jüdi­sche Geschichte als Bestand­teil der ukrai­ni­schen Natio­nal­ge­schichte

Das seien unsere Nach­barn gewesen, beton­ten die Redner bei der Ein­wei­hungs­ze­re­mo­nie der beiden Gedenk­orte für die über 500 ermor­de­ten jüdi­schen Kinder, Frauen und Männer in Wach­niwka am 19. Sep­tem­ber. Sowohl die Ange­hö­ri­gen der Fami­lien der Holo­caust-Über­le­ben­den als auch der Fami­lien, die ihnen gehol­fen haben, waren zugegen. Der neue jüdi­sche Fried­hof – ein Ort des Mordes – war über die Jahr­zehnte ver­wil­dert und ver­ges­sen worden. Die letzte Jüdin am Ort, Taisa Slo­bo­dia­niuk, hatte das Projekt «Erin­ne­rung bewah­ren» auf das dortige Mas­sen­grab auf­merk­sam gemacht. Nunmehr ist das Gelände wieder erkenn­bar und der Stand­ort der Erschie­ßungs­grube ist mar­kiert. Im Wald von Wach­niwka konnte eine bau­fäl­lige Gedenk­an­lage instand gesetzt, durch eine Gedenk­ta­fel und eine Infor­ma­ti­ons­stele ergänzt werden.

Der Holo­caust fand nicht nur in abge­le­ge­nen Gruben und Pan­zer­grä­ben, auf Feldern oder in Wäldern statt, sondern – wie in Plyskiw – mitten im Ort, zwi­schen Wohn­häu­sern, vor aller Augen, so Uwe Neu­mär­ker bei seiner Rede. In Anwe­sen­heit von Ange­hö­ri­gen der Fami­lien von Holo­caust­über­le­ben­den aus Aus­tra­lien (Familie Shabshis) und Israel (Familie Bosis) wurden zwei Gedenk­orte ein­ge­weiht. In seiner Rede bat der Enkel­sohn eines  Über­le­ben­den aus Aus­tra­lien, Ben­ja­min Need­le­man, im Wald vor dem Ort die Ein­woh­ner darum, die Opfer nicht zu ver­ges­sen und die Gedenk­orte zu pflegen.

Ins­ge­samt wurden zwi­schen 2016 und 2019 zwölf Infor­ma­ti­ons- und Gedenk­orte an die ermor­de­ten Juden und drei an die ermor­de­ten Roma in den Gebie­ten Shy­to­myr und Win­nyzja in enger Zusam­men­ar­beit mit lokalen Gemein­den errich­tet und ein­ge­weiht. Im Pilot­pro­jekt – getra­gen von Ame­ri­can Jewish Comit­tee Berlin – wurden zwi­schen den Jahren 2010 und 2015 fünf Gedenk- und Infor­ma­ti­ons­orte an die ermor­de­ten Juden in der West­ukraine gestal­tet.

Mit der Zere­mo­nie in Plyskiv endeten die Ein­wei­hun­gen, die tief bewe­gen­den Ein­drü­cke jedoch halten an.

 

Mehr Infor­ma­tio­nen zum Projekt unter: https://www.erinnerungbewahren.de

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