Der rus­si­sche Auf­marsch ist mehr als nur Drohgebärde

Foto: Corona Borea­lis Studio /​ Shut­ter­stock

Die rus­si­schen Trup­pen­be­we­gun­gen in und um die Ukraine beherr­schen die Schlag­zei­len vieler Medien. Exper­ten strei­ten, ob dieser Auf­marsch nur eine Drohung ist, oder doch eine ernst­hafte Kriegs­vor­be­rei­tung, und wenn zwei­te­res, wie ein mög­li­cher Krieg abzu­wen­den sei. Bei letz­te­rer Aufgabe hat sich Europa nicht gerade mit Ruhm bekle­ckert. Von Gustav Gressel

Zunächst zum mili­tä­ri­schen: Die von der „Washing­ton Post“ und der „Bild“-Zeitung kol­por­tier­ten rus­si­schen Angriffs­pläne decken sich durch­aus mit dem in Russ­land und besetz­ten Teilen der Ukraine beob­acht­ba­ren Trup­pen­auf­marsch. In Jelnja im Gebiet Smo­lensk ziehen sich Teile der 41. Armee zusam­men, die ent­we­der über Homel in Belarus oder über Brjansk in Rich­tung Kijyw vor­sto­ßen könnten. Die 20. Armee, ohnehin an der nord­öst­li­chen Grenze der Ukraine sta­tio­niert, befin­det sich in voller Gefechts­be­reit­schaft. Sie wird ver­stärkt durch Ein­hei­ten der ersten Gar­de­pan­zer­ar­mee, die sich am Trup­pen­übungs­platz Pogo­nowo an der ukrai­ni­schen Grenze sammeln. Im Umland von Kursk wurden Ein­hei­ten aus dem West­li­chen Mili­tär­be­zirk gesich­tet. Die 8. Armee im Gebiet Rostow-am-Don ist in voller Gefechts­be­reit­schaft, in den ver­gan­ge­nen Wochen inten­si­vierte sich die Ver­le­gung rus­si­scher Truppen und Muni­tion in den Donbas – wo die Streit­kräfte der soge­nann­ten Sepa­ra­tis­ten der 8. Armee unterstehen.

Auch auf der Krim ziehen sich Truppen aus dem Nord­kau­ka­sus und Krasno­dar zusam­men, Lan­dungs­schiffe der Nord­meer­flotte, die bereits im März in das Schwarze Meer verlegt wurden, erhöhen die amphi­bi­sche Schlag­kraft dieser Flotte. Die 4. Luft­ar­mee im süd­li­chen Mili­tär­be­zirk und die 6. Luft­ar­mee im west­li­chen Mili­tär­be­zirk befin­den sich in erhöh­ter Ein­satz­be­reit­schaft, letz­tere konnte am 21. Novem­ber den frisch reno­vier­ten und erwei­ter­ten Stütz­punkt Woro­nesch-Bal­ti­mor in Betrieb nehmen.

Auf­marsch mit mehr Verschleierung

Im Ver­gleich zum Früh­jahr ver­sucht das rus­si­sche Militär, den Auf­marsch und vor allem Details davon der Beob­ach­tung zu ent­zie­hen – Truppen werden bei Nacht verlegt, kurz­fris­tige Manöver sollen die Ver­le­gun­gen ver­schlei­ern und weite Teile des Grenz­ge­bie­tes zur Ukraine wurden zum Sperr­ge­biet erklärt, das west­li­che Jour­na­lis­ten nicht mehr betre­ten dürfen.

Daher sind viele Details schwer zu bewer­ten. Muni­ti­ons- und Treib­stoff­kon­vois wurden gesich­tet, aber das genaue Ausmaß der logis­ti­schen Vor­be­rei­tung ist schwer abzu­schät­zen. Eine Ver­le­gung von Natio­nal­garde-Ein­hei­ten – eine para­mi­li­tä­ri­sche Orga­ni­sa­tion, die im Falle eines Ein­mar­sches für die Errich­tung des Besat­zungs­re­gimes zustän­dig wäre – wurde bisher nur im Donbas beob­ach­tet. Sollte eine weit­räu­mi­gere Erobe­rung und dau­er­hafte Besat­zung geplant sein, müssten weitere Ein­hei­ten verlegt werden.

Dennoch ist die an der ukrai­ni­schen Grenze und den besetz­ten Gebie­ten ver­sam­melte Streit­macht nicht uner­heb­lich. Allein auf rus­si­schem Gebiet tummeln sich 45 tak­ti­sche Batail­lons­kampf­grup­pen (BTG), hinzu kommen weitere Kampf­un­ter­stüt­zungs­trup­pen (Artil­le­rie, Rake­ten­ar­til­le­rie, Pio­niere, Flie­ger­ab­wehr) und die rus­si­schen Kräfte im Donbas (noch einmal mehr als 20 BTG, aller­dings teils mit gerin­ge­rer Kampf­kraft als regu­läre rus­si­sche Ein­hei­ten). Drei Luft­lan­de­di­vi­sio­nen (die 56. in Krasno­dar, die 96. und 104. im Raum Moskau) könnten zudem noch relativ kurz­fris­tig verlegt werden.

Gefahr droht schon zu Weihnachten

Damit wäre die rus­si­sche Armee schon heute in der Lage, die Ukraine erfolg­reich anzu­grei­fen – wenn auch nicht dau­er­haft zu besetz­ten. Die Zeit um Weih­nach­ten, wenn im Westen Ent­schei­dun­gen etwas länger dauern – könnte bereits gefähr­lich werden. Sollte eine lang­fris­tige Besat­zung ange­strebt werden, müssten weitere Kräfte, ins­be­son­dere Natio­nal­garde und Spe­zi­al­kräfte zur Gue­ril­l­a­be­kämp­fung her­an­ge­führt werden, was für den in der „Washing­ton Post“ und „Bild“ zitier­ten Angriffs­ter­min von Januar-Februar 2022 mit weit mehr Kräften (75–100 BTG zum Ein­marsch, 50–100 BTG für Besat­zungs­auf­ga­ben) spricht.

Die rus­si­schen Kriegs­vor­be­rei­tun­gen sind also als ernst­haft zu betrach­ten. Aller­dings gehören auch die Vor­be­rei­tung und Vor­übung mög­li­cher mili­tä­ri­scher Sze­na­rien zu den Auf­ga­ben einer Armee, so dass das  nicht auto­ma­tisch heißt, dass Prä­si­dent Wla­di­mir Putin auch einen Einsatz befeh­len wird. Was könnte ihn davon abhalten?

Zunächst muss man leider davon aus­ge­hen, dass Moskau den Willen der Ukraine, Wider­stand zu leisten – auch über einen rus­si­schen Sieg hinaus – als gerin­ger ein­schätzt als es sollte. Selbst relativ libe­rale Kreise bezeich­nen wider­stands­be­reite Ukrai­ner als „Natio­na­lis­ten“ und nehmen die Mög­lich­keit einer eigen­stän­di­gen ukrai­ni­schen Reak­tion – unab­hän­gig von Ent­schei­dun­gen des Westens – nicht beson­ders ernst. Dies ist frei­lich Mos­kauer Wunsch­den­ken, hat sich aber durch jahr­zehn­te­lange Pro­pa­ganda so ver­in­ner­licht, dass es für Tat­sa­chen gehal­ten wird.

Des­wei­te­ren hat massive Repres­sion in Ver­bin­dung mit stren­ger Über­wa­chung digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­tion nach chi­ne­si­schem Vorbild bereits erfolg­reich zur Unter­drü­ckung von Oppo­si­ti­ons­be­we­gun­gen in Belarus und Russ­land bei­getra­gen. Der Kreml könnte dieses Problem für lösbar halten. Die öffent­li­che Meinung in Russ­land scheint einen Krieg derweil zu unter­stüt­zen, es fragt sich nur wie lange und zu welchem Preis sie das weiter tun würde, wenn einmal die Blase vom „gemein­sa­men Volk“ blutig geplatzt ist.

Luft­ver­tei­di­gung ist die Achil­les­ferse der Ukraine

Zumin­dest aus Putins Welt­sicht pro­ble­ma­tisch ist der Faktor Zeit. Die ukrai­ni­sche Armee ist schon lange nicht mehr in dem deso­la­ten Zustand von 2014, als erwar­tet wurde, dass Russ­land in drei bis vier Tagen zur rumä­ni­schen Grenze durch­mar­schiert. Sieben kampf­erprobte luft­be­weg­li­che Bri­ga­den aus Berufs­sol­da­ten, vier Panzer- und neun mecha­ni­sier­ter Bri­ga­den bilden das Rück­grat der ukrai­ni­schen Ver­tei­di­gung. Diese erst einmal nie­der­zu­rin­gen dauert trotz aller mate­ri­el­len Über­le­gen­heit Russ­lands Zeit. Polen hielt 1939 in ähnlich aus­sichts­lo­ser Lage die Wehr­macht fünf Wochen hin, der Kara­bach-Krieg 2020 war auch früh ent­schie­den, dauerte aber trotz klei­ne­rer geo­gra­fi­scher Aus­deh­nung eine Woche länger.

Ähn­li­ches gilt für Russ­lands Mög­lich­keit, die Ukraine durch eine stra­te­gi­sche Luft­of­fen­sive in die Knie zu zwingen. Zwar ist die Luft­ver­tei­di­gung die Achil­les­ferse der ukrai­ni­schen Armee – Flug­zeuge und Flie­ger­ab­wehr­lenk­waf­fen sind alle aus sowje­ti­scher Pro­duk­tion, Russ­land könnte diese Systeme gut loka­li­sie­ren, stören und bekämp­fen -, doch die Liste mög­li­cher Ziele ist lang: zuerst müssten Luft­waffe und Luft­ver­tei­di­gung aus­ge­schal­tet werden, dann die stra­te­gi­sche Füh­rungs­in­fra­struk­tur, wich­tige Bewe­gungs­li­nien und logis­ti­sche Ein­rich­tun­gen (Depots, etc.) zer­stört werden, dann erst kann man sich der Zer­schla­gung der Armee aus der Luft widmen. Es besteht kein Zweifel, dass die rus­si­schen Luft­streit­kräfte, unter­stützt durch Angriffe mit Marsch­flug­kör­pern und bal­lis­ti­schen Raketen, das könnten. Aber sie brau­chen dafür Zeit.

Der Zeit­fak­tor wird vor alle dann ein Problem, wenn eine Reak­tion der USA und der NATO nicht aus­ge­schlos­sen werden kann. Um das zu unter­bin­den, müssten etwa im Fall einer Inva­sion mög­li­che Auf­marsch­räume in der West­ukraine früh­zei­tig durch Fall­schirm­jä­ger in Besitz genom­men werden. Diese würden dann aber Tage bis Wochen ohne Anschluss and andere rus­si­sche Ein­hei­ten durch­hal­ten müssen, tief in feind­li­schem Gebiet umgeben von ukrai­ni­schen Gar­ni­sons­stät­ten. Im Falle eines stra­te­gi­schen Bom­ben­krie­ges müsste dieser auf die gesamte zivile Ver­kehrs­in­fra­struk­tur im Westen aus­ge­dehnt werden, und somit wie­derum vom eigent­li­chen Ziel, der Zer­schla­gung der ukrai­ni­schen Führung und des Mili­tärs, ablenken.

Daher ist eher zu erwar­ten, dass Moskau eine mili­tä­ri­sche Aggres­sion zunächst mit begrenz­ten Zielen beginnt: eine Offen­sive der „Sepa­ra­tis­ten“ würde noch keine for­melle rus­si­sche Kriegs­be­tei­li­gung bedeu­ten. Da die Ukraine aber auf­grund der akuten Bedro­hung über der Grenze ihre Reser­ven zurück­hal­ten müsste, um die eigene Tiefe zu schüt­zen, könnte sie auf eine solche Eska­la­tion nicht adäquat reagie­ren. Auch ein begrenz­ter rus­si­scher „Sieg“ im Donbas würde die Ukraine innen­po­li­tisch desta­bi­li­sie­ren, das Ver­trauen in die Armee und poli­ti­sche Führung erschüt­tern. Auch könnte dann Moskau sehen, ob mit dem Westen zu rechnen sei oder nicht. Sollte die Ukraine dann rus­si­sche Bedin­gun­gen nicht erfül­len und der Westen kneifen, kann immer noch eine der beiden oberen Optio­nen rea­li­siert werden. Werden die Kosten als über­pro­por­tio­nal hoch bewer­tet, kann Putin immer noch zurück­set­zen ohne innen­po­li­ti­sche Glaub­wür­dig­keit aufs Spiel zu setzten.

Eine mili­tä­ri­sche Eska­la­tion ist also nicht unaus­weich­lich, es gibt Stell­schrau­ben, die bewegt werden können, um Putin vor einem Waf­fen­gang abzu­schre­cken. Wirt­schafts- und per­so­nen­be­zo­gene Sank­tio­nen allein werden dies aber nicht tun. Der Westen muss sich zumin­dest eine mili­tä­ri­sche Reak­tion offen­hal­ten, so unwahr­schein­lich sie ist, allein um die rus­si­sche mili­tä­ri­sche Planung mit Unwäg­bar­kei­ten zu kon­fron­tie­ren. Eine Vor­wärts­sta­tio­nie­rung von Truppen in Polen, Rumä­nien und der Slo­wa­kei würde den Abschre­ckungs­ef­fekt verstärken.

Obwohl die Ukraine formell kein NATO-Mit­glied ist, sollte ihr Über­le­ben als unab­hän­gi­ger, sou­ve­rä­ner Staat den Euro­pä­ern nicht gleich­gül­tig sein. Auf­grund der mili­tä­ri­schen Unent­schlos­sen­heit des Westens besteht durch­aus die Chance, dass sich Putin zu einem Angriff auf die Ukraine ent­schließt, im eigenen Wunsch­den­ken ver­haf­tet, dort auf wenig Wider­stand zu stoßen. Die Kosten eines solchen Unter­fan­gens werden erst im Nach­hin­ein offen­sicht­lich, wenn sich Ver­luste in Men­schen und Mate­rial häufen.

Frei­lich wird Putin dann nicht etwa zurück­tre­ten. Wahr­schein­lich ist, dass er erneut mit Härte ant­wor­tet: Mit Repres­sion im Inneren Russ­lands, um die Dis­kus­sion um die Sinn­haf­tig­keit des Krieges zu unter­drü­cken, und mit totaler Repres­sion in der Ukraine, um Wider­stand mit den bereits im Donbas ange­wen­de­ten Mitteln aus­zu­schal­ten: Die Errich­tung eines eng­ma­schi­gen Lager­net­zes für Inhaf­tie­rung und Folter, in denen uner­wünschte Per­so­nen kon­zen­triert werden.

Wenn wir heute nicht für die Ukraine kämpfen wollen, werden wir morgen für uns selbst kämpfen müssen 

Externe Aggres­sion und interne Repres­sion standen schon in der Ver­gan­gen­heit in enger Wech­sel­wir­kung, und die Ver­ro­hung und Ent­hem­mung des rus­si­schen Sicher­heits­ap­pa­ra­tes in der Ukraine würde sich auch in einer Radi­ka­li­sie­rung rus­si­scher Außen­po­li­tik nie­der­schla­gen, zumal ja schon aus Pro­pa­gan­da­grün­den der Westen an den hohen Ver­lus­ten in der Ukraine schuld sein müsse. Dass die ukrai­ni­sche Kolonie dann gegen den west­li­chen Feind vor­wärts ver­tei­digt werden muss – mit direk­ten mili­tä­ri­schen Vor­be­rei­tun­gen gegen die NATO- und EU-Länder in Süd­ost­eu­ropa – ver­steht sich von selbst.

Wenn wir also heute nicht für die Ukraine kämpfen wollen, werden wir morgen für uns kämpfen müssen. Selbst ein Ein­ge­hen auf die rus­si­schen For­de­run­gen am Ver­hand­lungs­tisch wird daran nichts ändern: eine Iso­la­tion der Ukraine von jeg­li­cher NATO-Unter­stüt­zung soll eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion Russ­lands nur erleich­tern. Moskaus angeb­li­chen „Sicher­heits­sor­gen“ sind reine Fiktion. Auch wird ein Russ­land, dem man unter vor­ge­hal­te­ner Waffe nach­ge­ge­ben hat, die mili­tä­ri­sche Droh­karte öfter und viel­sei­ti­ger ein­set­zen als in der Ver­gan­gen­heit, da sie schein­bar schnel­ler zum Ziel führt als lange Ver­hand­lun­gen. Es wird auf diesem Feld also den Euro­pä­ern nichts erspart bleiben. Russ­land ist nur durch Stärke und mili­tä­ri­scher Abschre­ckung bei­zu­kom­men. Je früher, desto besser.

Textende

Portrait von Gustav Gressel

Gustav C. Gressel ist seit Novem­ber 2014 Senior Policy Fellow im Wider Europe Pro­gramme des Euro­pean Council on Foreign Rela­ti­ons (ECFR) in Berlin. Die Schwer­punkte seiner Arbeit liegen auf mili­tä­ri­schen und stra­te­gi­schen Fragen in Ost­eu­ropa, ins­be­son­dere dem Krieg in der Ukraine. 

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