Wenn Ver­trauen alles ist – COVID-19 in einer pola­ri­sier­ten Ukraine

© photowalking/​ Shut­ter­stock

Die Reak­tion der ukrai­ni­schen Regie­rung auf die Pan­de­mie hat dra­ma­tisch unter­schied­li­che Bewer­tun­gen erhal­ten. Die Regie­rung Selen­skyj hat schon früh eine strikte Qua­ran­täne erklärt und das Groß­ka­pi­tal mobi­li­siert. Die Maß­nah­men erfreuen  sich einer breiten Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung, aber Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fer und eta­blierte Intel­lek­tu­elle bleiben miss­trau­isch. Nata­lyia Gume­nyuk fragt, wem sie ver­trauen kann.

This article first appeared in English in Euro­zine and was published in col­la­bo­ra­tion with The Insti­tute for Human Sci­en­ces. It was trans­la­ted with the author’s and Eurozine’s authorization.

Aus den dut­zen­den Mel­dun­gen auf meinem Handy sticht ein Kom­men­tar beson­ders hervor: „Die Regie­rung kom­mu­ni­ziert nicht genug“. Am 2. März, dem Tag, als der erste COVID-19-Fall in der Ukraine bestä­tigt wurde, kün­digte Prä­si­dent Selen­skyj die ersten Lock­down-Maß­nah­men an. Seitdem ist die öffent­li­che Meinung gespal­ten. Der vom Gesund­heits­mi­nis­te­rium ein­ge­rich­tete Viber-Kanal „Covid­Info“ hat fast 3,6 Mil­lio­nen Abon­nen­ten. Lei­tende Beamte der Gesund­heits­äm­ter und Bür­ger­meis­ter über­tra­gen täglich Brie­fings im Fern­se­hen, auf YouTube, Tele­gram und sogar TikTok. Warum sollte das nicht genug sein? Warum denken gerade Intel­lek­tu­elle so kri­tisch über die Maß­nah­men des Staates?

Als Mit­be­grün­de­rin eines unab­hän­gi­gen ukrai­ni­schen TV-Senders bin ich gut im In- und Ausland ver­netzt. Als sich mein Bewe­gungs­ra­dius auf den zehnten Stock eines Apart­ment­hau­ses beschränkte, hatte ich mehr Zeit als sonst, Bei­träge in Medien und den Kom­men­tar­spal­ten zu ver­fol­gen. Was ich mit­be­kom­men habe, hat mich zwar nicht über­rascht, aber erschüttert.

Von Netz­wer­ken und Meinungsblasen

Mir ist klar, wie Mei­nungs­bla­sen per­sön­li­che Vor­ur­teile befeu­ern. Deshalb möchte ich Trans­pa­renz zeigen- mein Netz­werk besteht aus frü­he­ren und amtie­ren­den Minis­tern, Abge­ord­ne­ten (viele davon in der Oppo­si­tion aktiv), Ver­tre­tern der Zivil­ge­sell­schaft, Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten, Wirt­schafts­exper­ten und Anti­kor­rup­ti­ons-Akti­vis­ten, Kriegs­frei­wil­li­gen, erfah­re­nen Jour­na­lis­ten, pro­mi­nen­ten Autoren, Kolum­nis­ten, Musi­kern und Universitätsprofessoren.

Das gleiche Netz­werk nutzen die meisten Poli­tik­ex­per­ten und Redak­teure im Westen, um sich über die Ukraine zu infor­mie­ren. Hin und wieder schrei­ben sie über das Ende von Selen­skyj. Es ist jetzt ein Jahr her, dass 73 Prozent der Ukrai­ner den Ex-Come­dian Wolo­dymyr Selen­skyj zum Prä­si­den­ten wählten. Jene, die sich mit mir in einer Mei­nungs­blase bewegen, wählten ihn sicher nicht. Viele haben ganz offen den ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten und Olig­ar­chen Petro Poro­schenko unter­stützt. Dessen Wahl­kam­pa­gne grün­dete auf dem Slogan: „Wahre Ukrai­ner trauen keinem linken Komiker, der Frieden mit Russ­land will und der die Politik der natio­na­len Einheit in Kriegs­zei­ten ablehnt.“ Zwar hat Poro­schenko die Prä­si­den­ten­wahl ver­lo­ren. Viele Stimmen aus dem Estab­lish­ment, die früher unter­ein­an­der zer­strit­ten waren, hat er aber gegen Selen­skyj ver­ei­nen können, dar­un­ter Pro­fes­so­ren, Tech­no­kra­ten, Anti­kor­rup­tion-Akti­vis­ten, Kriegs­ve­te­ra­nen und Intel­lek­tu­elle. Niemand von ihnen ver­traute einem Außen­sei­ter aus dem Showbusiness.

Viele glauben, dass die Maß­nah­men der Regie­rung gegen die Aus­brei­tung von COVID-19 über­trie­ben sind. Obwohl die Rege­lun­gen in der Ukraine denen in anderen euro­päi­schen Ländern ähneln, gibt es bei uns die Befürch­tung, dass die Aus­wir­kun­gen schwer­wie­gen­der sein könnten. Bei so wenigen bestä­tig­ten Infek­tio­nen schei­nen die Maß­nah­men zunächst unver­hält­nis­mä­ßig: Bis zum 15. April gab es offi­zi­ell 3764 Infi­zierte, 180 Men­schen sind ver­stor­ben und 143 Men­schen waren bereits genesen. [Bis zum 30. April gibt es laut Gesund­heits­mi­nis­te­rium 10406 Infi­zierte, 261 Ver­stor­bene und 1238 Gene­sene – Anm. der Redaktion.]

Wie der Lock­down das öffent­li­che Leben einschränkt

Der Lock­down scheint in der gegen­wär­ti­gen Notlage eine dem Kriegs­recht vor­zu­zie­hende Maß­nahme zu sein. Dennoch bleiben die Anti­kor­rup­ti­ons-Akti­vis­ten wachsam. Bisher schrän­ken die Maß­nah­men die Mei­nungs­frei­heit theo­re­tisch nicht ein. Die Akti­vis­ten glauben aber, dass die Regeln darauf abzie­len, einen neuen Gene­ral­staats­an­walt ein­zu­set­zen, der dem Prä­si­den­ten gegen­über loyal ist. Ein Akti­vist ist zum Bei­spiel erstaunt darüber, dass die Regie­rung einen Deal mit Uber gemacht hat, um medi­zi­ni­schem Per­so­nal 30.000 freie Taxi­fahr­ten zur Ver­fü­gung zu stellen. „Das beweist, dass die staat­li­chen Struk­tu­ren nicht funk­tio­nie­ren.“ Weil der öffent­li­che Nah­ver­kehr in Kyjiw lahm­ge­legt wurde, gibt es nicht genug Busse für die Men­schen, die noch immer jeden Tag zur Arbeit müssen. Auch der Fern­un­ter­richt wurde an Pri­vat­un­ter­neh­men dele­giert. Wochen­tags in den Vor­mit­tags­stun­den über­tra­gen kom­mer­zi­elle Fern­seh­sen­der Unter­richt.

Die Ukraine, die zweit­be­völ­ke­rungs­reichste Ex-Uni­ons­re­pu­blik, leidet unter einem kaput­ten und kor­rup­ten Gesund­heits­sys­tem, das bisher keine Regie­rung zu refor­mie­ren ver­mochte. Darüber hinaus besitzt die Ukraine nicht aus­rei­chend Beatmungs­ge­räte, um COVID-19-Pati­en­ten auf den Inten­siv­sta­tio­nen zu behan­deln. Bis zu 5 Mil­lio­nen Men­schen, die unter der rus­si­schen Besat­zung auf der Krim und im Donbas leben, sind in Gefahr. Diese Gebiete sind für staat­li­che ukrai­ni­sche und inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tio­nen unzu­gäng­lich. Beson­ders der hohe Anteil von Rent­nern in diesen Regio­nen sorgt in Corona-Zeiten für Beun­ru­hi­gung. Viele junge Leute haben den Donbas ver­las­sen. In den letzten sechs Jahren wurden im Zusam­men­hang mit dem rus­sisch-ukrai­ni­schen Kon­flikt 14.000 Men­schen getötet und fast 30.000 Men­schen ver­wun­det. Trotz Waf­fen­still­stand geht der Kon­flikt weiter. Zusätz­lich bedroht nun auch das Coro­na­vi­rus das Leben der Men­schen in den besetz­ten Gebieten.

Mitt­ler­weile haben Öko­no­men die Wirt­schaft der Ukraine für tot erklärt. Im Ver­gleich zu wirt­schafts­star­ken Ländern wie Groß­bri­tan­nien und den USA, wo die Zahl der Infek­tio­nen höher liegt und wo dennoch weniger strenge Maß­nah­men ein­ge­setzt werden, sei der Lock­down für die Ukraine nicht zu ver­kraf­ten. Eine Gesell­schaft, in der die meisten Men­schen ohne Erspar­nisse aus­kom­men müssen, ist wirt­schaft­lich leicht ver­wund­bar. Einige Men­schen in meinem Bekann­ten­kreis haben eine Woche nach Ein­füh­rung der Corona-Maß­nah­men ihre Ein­kom­mens­quelle ver­lo­ren. Italien war für ukrai­ni­sche Gast­ar­bei­ter ein belieb­tes Ziel. Auf­grund der geo­gra­phi­scher Nähe bezwei­felte kaum jemand, dass die Pan­de­mie die Ukraine erreicht. Manche bezwei­fel­ten, dass die Regie­rung in der Lage sein wird, die Krise zu bewäl­ti­gen. Sie glaub­ten, dass das Land den Kampf gegen das Virus schon ver­lo­ren hat.

„Der Prä­si­dent wirkt in seiner Rede an die Nation nicht über­zeu­gend“, schreibt ein Chef­re­dak­teur. „Selen­skyj war in seiner Video-Anspra­che wie Putin“, kom­men­tiert ein Kollege – obwohl der rus­si­sche Prä­si­dent sein erstes COVID-19-State­ment zu dem Zeit­punkt noch gar nicht abge­ge­ben hatte. In einer anderen Kritik heißt es: „Merkel dankt dem Volk. Eine Schande – unser Prä­si­dent tut das nicht.“ Dabei habe ich Selen­skyj in seiner Anspra­che sagen hören:„Danke, dass Sie zu Hause bleiben“. 

„Herr und Frau Selen­skyj ver­fal­len schon wieder in Geschlech­ter­rol­len“, kri­ti­siert eine bekannte ame­ri­ka­ni­sche Ana­lys­tin des Atlan­tic Coun­cils. Die Frau des Prä­si­den­ten nämlich emp­fiehlt in einem Video mit weib­li­chen Pro­mi­nen­ten, wie sich Frauen während der Pan­de­mie ver­hal­ten sollen. „Wo sind die ukrai­ni­schen Väter und wieso nimmt man sich an ihnen kein Bei­spiel?“, schließt die Autorin ihre Kolumne. Wäh­rend­des­sen läuft auf meinem Laptop ein Clip, in dem berühmte ukrai­ni­sche Väter über COVID-19 sprechen.

„Selen­skyj ernennt Feu­dal­herr­scher in jeder Region“, heißt es in einem Kom­men­tar, nachdem der Prä­si­dent ein frag­wür­di­ges Treffen mit den reichs­ten Ukrai­nern, dar­un­ter berüch­tigte Olig­ar­chen, in seinem Büro abge­hal­ten hat. Der Prä­si­dent ermu­tigte die Unter­neh­mer, die Regie­rung zu unter­stüt­zen. Viel­leicht könnten diese, so die Bitte des Prä­si­den­ten, Beatmungs­ge­räte an Kran­ken­häu­ser spenden oder wenigs­tens die Lokal­re­gie­run­gen unter­stüt­zen. Weil die Geschäfts­leute die größten Arbeit­ge­ber in ihren Regio­nen seien, könnten ihre Ange­stell­ten wert­volle Frei­wil­li­gen­dienste über­neh­men. Bis jetzt haben Groß­un­ter­neh­men 36 Mil­lio­nen Euro an Kran­ken­häu­ser und andere Ein­rich­tun­gen gespen­det– für die Ukraine eine unge­wöhn­lich hohe Summe.

Kolo­mo­js­kyj und Boden­re­form sind bestim­men wei­ter­hin die poli­ti­sche Debatte

„Die Zustim­mung für den Prä­si­den­ten sinkt“ und „diese Regie­rung ist inak­zep­ta­bel“ – so lau­te­ten die Reak­tio­nen auf eine zehn­stün­dige Par­la­ments­de­batte, in der es um eine kon­tro­verse Land­re­form und einen IWF-Kredit in Höhe von fünf­ein­halb Mil­li­ar­den Dollar ging. Nur ein paar Wochen zuvor war das Gesetz, um das auf poli­ti­scher Ebene regel­recht gefeilscht wurde, bei den Wählern höchst unpo­pu­lär. Jetzt, wo sich eine Rezes­sion am Hori­zont abzeich­net, ist klar, dass die Wirt­schaft ohne aus­län­di­sche Hilfe kaum über­le­ben wird. Hätte Selen­skyj per­sön­lich ins Par­la­ment gehen sollen und seine Abge­ord­ne­ten antrei­ben sollen, um einer Ver­zö­ge­rung zuvor­zu­kom­men? Nach 19 Jahren Mora­to­rium dürfen die Ukrai­ner land­wirt­schaft­li­che Flächen kaufen und veräußern.

Am selben Tag hatten die Abge­ord­ne­ten, alle mit Atem­mas­ken und in Hand­schu­hen, in der ersten Lesung das so genannte „Anti-Kolo­mo­js­kyj-Gesetz“ unter­stützt. Das Gesetz wird es ver­bie­ten, dass die größte ver­staat­lichte Bank der Ukraine wieder an ihren frü­he­ren Eigen­tü­mer, Ihor Kolo­mo­js­kyj, geht. Das ist einer jener Olig­ar­chen, die dem Prä­si­den­ten nahe stehen soll. Für beide Gesetze hatte Selen­skyj nicht genug Stimmen aus seinem Lager, der Partei „Diener des Volkes“, erhal­ten. Dadurch gewann die Oppo­si­tion an Bedeutung.

Oppo­si­ti­ons­kreise ver­trauen einer anderen Minis­te­rin aus Poro­schenko-Zeiten, einer ver­bis­se­nen Kämp­fe­rin gegen die Vet­tern­wirt­schaft im Gesund­heits­sek­tor. Ulana Suprun, die in den USA geboren wurde und aus der ukrai­ni­schen Dia­spora stammt, genießt tiefs­tes Ver­trauen bei den Anti­kor­rup­ti­ons-Akti­vis­ten. Ihr Ziel, ein kaput­tes, post­so­wje­ti­sches und kos­ten­lo­ses Gesund­heits­sys­tem in eine funk­tio­nie­rende Branche umzu­wan­deln und ihre ame­ri­ka­ni­sche Her­an­ge­hens­weise finden breite Unter­stüt­zung. Mich würde man sogar einen Anti-Refor­mer nennen, wenn ich die ehe­ma­lige Minis­te­rin kri­ti­sie­ren würde.

„Schau Dir das Foto an“, sagt ein poli­ti­scher Kor­re­spon­dent zu mir, als er die Ähn­lich­keit eines neuen Minis­ters [Illia Jemez – Anm. der Redak­tion] mit dem sowje­ti­schen Staats­füh­rer Bre­sch­new her­vor­hebt. Nach nur 30 Tagen galt der Minis­ter als nicht mehr effi­zi­ent genug, sogar für Selen­skyj und das von seiner Partei gelei­tete Gesund­heits­ko­mi­tee. Bald wurde ein neuer Minis­ter [Maksim Ste­pa­nov – Anm. der Redak­tion] berufen, bereits dieses Mal inmit­ten der Krise – dieser gilt als effi­zi­en­ter Manager. Ich konnte einiges über ihn lesen, aber sein Wer­de­gang ist kurz. Anstatt auf die Meinung ein­zel­ner Leute stütze ich mein Ver­trauen auf die Aus­sa­gen einer Viel­zahl von Per­so­nen. „Was für eine Mas­ke­rade aus neuen Gesich­tern!“, ruft der­selbe Kri­ti­ker ein paar Tage später aus, als der Minis­ter schließ­lich ersetzt wird.

Nachdem Mit­glie­der der Regie­rungs­par­tei „Diener des Volkes“ erklär­ten, dass sie die Pläne der Regie­rung zur Kürzung der Mittel für Kultur und Bildung ableh­nen, orga­ni­sier­ten Kul­tur­schaf­fende einen Online-Protest unter dem Motto „Wir lehnen die Partei und den Prä­si­den­ten ab, die das Kul­tur­le­ben zer­stö­ren.“ Ein paar tausend Men­schen schlos­sen sich dem Protest an. Am Ende wurde das Budget für den Kul­tur­sek­tor zwar gekürzt, aber in klei­ne­rem Ausmaß. Dennoch hört man den Auf­schrei: „Die Kultur wird ermor­det.“ Inzwi­schen hat die Partei „Diener des Volkes“ ent­schie­den, staat­li­che Bei­hil­fen, die sie nach der Wahl bekam, für den Kampf gegen die Pan­de­mie einzusetzen.

Wie geht das Ausland mit der Pan­de­mie um?

In der inter­na­tio­na­len Presse stoße ich auf einen BBC-Report, dem­zu­folge Briten wegen gestri­che­ner Flüge in aller Welt fest­hän­gen. In der Ukraine wurde der Flug­ver­kehr mit dem Beginn des Lock­downs gestri­chen. Das Außen­mi­nis­te­rium hatte zehn Tage Zeit, die Rück­kehr von Rei­sen­den zu orga­ni­sie­ren, wobei sich die Rei­sen­den an den ent­stan­de­nen Kosten betei­li­gen mussten. Eine private Airline, die einem Kon­kur­ren­ten eines dem Prä­si­den­ten nahe ste­hen­den Olig­ar­chen [Ihor Kolo­mo­js­kyj besitzt Ukrai­nian Inter­na­tio­nal Air­lines – Anm. der Redak­tion] gehört, half beim Rück­trans­port von 80.000 Men­schen. Trotz­dem kri­ti­sie­ren etliche Akti­vis­ten in meinem News­feed diese Ent­schei­dung, obwohl sich zahl­rei­che Mit­be­woh­ner meiner Mei­nungs­blase unter den Eva­ku­ier­ten befinden.

Inzwi­schen zeigt eine CBS-Umfrage zur Pan­de­mie keine über­ra­schen­den Ergeb­nisse: 72 Prozent der befrag­ten Demo­kra­ten sagen, dass sie den Medien trauen und nur 14 Prozent trauen dem Prä­si­den­ten Donald Trump. Dem­ge­gen­über trauen nur 13 Prozent der Repu­bli­ka­ner den Medien und 90 Prozent dem Prä­si­den­ten. Ob wir den Ent­schei­dun­gen der Regie­rung zustim­men, hängt also von unseren poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen ab, die sub­jek­tiv durch Ver­trauen oder Miss­trauen geprägt sind.

Ich frage mich, ob ich in Panik ver­fal­len soll. Kann ich inner­halb meiner Mei­nungs­blase niemals falsch liegen? Ver­traue ich plötz­lich einer nicht-ver­trau­ens­wür­di­gen Regie­rung? Igno­riere ich die Absicht, „die Macht zu ergrei­fen und alles Putin oder den Olig­ar­chen zu über­las­sen, die jede Gele­gen­heit nutzen, um sich zu berei­chern“? Die Absich­ten mögen redlich sein –doch was, wenn wir auf­grund von Unver­mö­gen großen Schaden erleiden?

Ich bin Jour­na­lis­tin und habe darum kein Recht, poli­tisch vor­ein­ge­nom­men zu sein. Habe ich meinen Beruf verfehlt? 

In den letzten sechs Jahren habe ich über die Revo­lu­tion, die Anne­xion der Krim und einen Krieg berich­tet, dessen Ende nicht abseh­bar ist. Unter solchen Umstän­den ist eine Spal­tung der Gesell­schaft unver­meid­bar. Die Öffent­lich­keit will wissen, wer Freund und wer Feind ist. Das zu mög­lichst sach­lich erör­tern, habe ich durch meine Berichte erreicht, denke ich. Aber wie geht es weiter?

Ich beob­achte, wie andere Länder auf die Corona-Krise reagie­ren: Chinas Auto­ri­ta­ris­mus, das Ersti­cken der Demo­kra­tie in Ungarn, Deutsch­lands Libe­ra­lis­mus, die mode­rate Haltung in Schwe­den, die harten Strafen in der Türkei und Indien und das Abstrei­ten der Pan­de­mie in Russ­land. Gleich­zei­tig bewerte ich die Reak­tio­nen der ukrai­ni­schen Regie­rung. Aber was sehe ich? Haben wir es mit den übli­chen Maß­nah­men in einer Not­si­tua­tion zu tun, die von einer nor­ma­len Regie­rung getrof­fen wurden, einer Regie­rung, die zwar Fehler macht, aber alles in ihrer Macht ste­hende versucht?

Ich schalte das ukrai­ni­sche Fern­se­hen ein, auf das sich aus­län­di­sche Exper­ten kaum berufen. Ein LKW des­in­fi­ziert die Straßen, dort, wo COVID-19 erst­ma­lig aus Italien von einem ukrai­ni­schen Gast­ar­bei­ter ein­ge­schleppt wurde. Ich sehe Berichte von der geschlos­se­nen Grenze zu Russ­land, wo es wenig Gedränge gibt. Ein anderer Beitrag zeigt Bilder von einem Bahnhof, wo Fahr­gäste ihre unbe­nutz­ten Fahr­scheine gleich­mü­tig umtau­schen. Ich lese eine weitere Mei­nungs­um­frage über COVID-19, diesmal eine Umfrage aus der Ukraine. Die Umfrage zeigt, dass 40 Prozent der Ukrai­ner einen stren­ge­ren Lock­down befür­wor­ten würden, wobei 33 Prozent der Befrag­ten die bis­he­ri­gen Maß­nah­men für ange­mes­sen halten. Ins­ge­samt stehen also 73 Prozent der Ukrai­ner hinter den Maß­nah­men – so viel, wie auch für Selen­skyj gestimmt haben. Wahr­schein­lich bewegen sich die meisten Unter­stüt­zer des Prä­si­den­ten außer­halb meiner Meinungsblase.

Wenn die Pan­de­mie etwas Nütz­li­ches bewirkt hat, dann, dass Wis­sen­schaft­lern und Aka­de­mi­kern wieder Ver­trauen ent­ge­gen­ge­bracht wird. Aber das ist nicht genug. 

Ich frage mich, wie wir Ver­trauen ins­ge­samt, in den Staat und seine Insti­tu­tio­nen, in die Poli­ti­ker, in jene von uns ver­trau­ten Infor­ma­ti­ons­ka­näle und in die Öffent­lich­keit zurück­ge­win­nen können. Wie kann ich Ver­trauen in eine Person zurück­ge­win­nen, die ich früher bewun­dert habe, weil sie Kriegs­ver­bre­chen auf­klärte, jetzt aber Ver­schwö­rungs­theo­rien über angeb­li­ches Kriegs­recht ver­brei­tet? Einen poli­ti­schen Kor­re­spon­den­ten, für den das Erschei­nungs­bild eines Minis­ters das Wich­tigste ist? Einen Pro­fes­sor, der einer­seits erklärt, wie man nicht in Panik ver­fällt und ande­rer­seits vom Ende der Demo­kra­tie spricht? Einen Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten, der zum Krieg aufruft, während er behaup­tet, dass die Regie­rung die Pan­de­mie zum Vorwand nimmt, um über Frieden zu ver­han­deln? Wird mir noch irgend­je­mand ver­trauen, nachdem ich diese Kolumne ver­öf­fent­licht habe? Online-Kom­mu­ni­ka­tion begüns­tigt das Zustan­de­kom­men von Mei­nungs­bla­sen und nährt Miss­trauen. Was können wir besser machen, als unsere Zweifel für uns zu behal­ten und still­zu­sit­zen – gerade jetzt, wo es beson­ders schwer fällt, in der Iso­la­tion Brücken der Ver­stän­di­gung zu bauen

„Ein Krieg gegen das Virus“ – so haben einige Poli­ti­ker die Krise bezeich­net. Moderne Kriege enden heut­zu­tage weniger durch mili­tä­ri­sche Siege, als durch diplo­ma­ti­sche Kon­flikt­lö­sun­gen, die eigenen Regeln unter­lie­gen. Ver­trauen wird sel­te­ner durch Gesprä­che, als durch gemein­same Hand­lun­gen zurück­ge­won­nen. Viel­leicht besteht darin die Lösung?

Dieser Artikel erschien zuerst bei Euro­zine auf Eng­lisch. Über­setzt wurde er von Irina Eichhofer. 

Portrait von Nataliya Gumenyuk

Nata­liya Gume­nyuk ist eine ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin. Sie ist Mit­be­grün­de­rin und Lei­te­rin von Hromadske.TV.

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