Ukraine – mehr als eine Bio­korn­kam­mer Europas

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Auf weniger als einem Prozent aller land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flächen in der Ukraine wird Bio­land­wirt­schaft betrie­ben. Doch die Anzahl an Bio-Betrie­ben wächst rasant, waren es 2002 noch 31 Bio-Betriebe, sind es mitt­ler­weile mehr als 300, Tendenz weiter stark stei­gend. Kann sich die Ukraine zur Bio­korn­kam­mer Europas ent­wi­ckeln? Tobias Eisen­ring, Toralf Richter und Natalie Pro­kop­chuk, die alle drei Mit­ar­bei­ter beim For­schungs­in­sti­tut für bio­lo­gi­schen Landbau sind, ana­ly­sie­ren die Ent­wick­lung.

Land­wirt­schaft als zen­tra­ler Wirt­schafts­sek­tor der Ukraine

Die Ukraine war und ist auch heute noch einer der wich­tigs­ten Agrar­pro­du­zen­ten Europas. Gemäß dem ukrai­ni­schen Minis­te­rium für wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, Handel und Land­wirt­schaft1 expor­tierte die Ukraine im Jahr 2018 Agrargüter im Wert von rund 17 Mil­li­ar­den Euro. Von August 2018 bis Juli 2019 stiegen die Agrar­ex­porte in die EU um 34 % auf 6,7 Mrd. US-Dollar, wie die Euro­päi­sche Kom­mis­sion kürzlich mit­teilte. Die Ukraine gehört zu den welt­weit wich­tigs­ten Pro­du­zen­ten und Expor­teu­ren von Son­nen­blu­men, Mais, Weizen, Raps, Gerste und Walnüssen. Rund 20 Prozent der erwerbs­tä­ti­gen Bevöl­ke­rung arbei­tet im Agrar­sek­tor.

Bio­lo­gi­scher Landbau als lukra­ti­ver Wachs­tums­markt

Die bio­lo­gi­sche Pro­duk­tion in der Ukraine ist in den letzten zwei Jahr­zehn­ten stetig gewach­sen. Pri­mä­rer Anreiz für dieses Wachs­tum waren Export­mög­lich­kei­ten ins­be­son­dere für den euro­päi­schen Markt. Ende 2017 wurden rund 289.000 Hektar Land bio­lo­gisch bewirt­schaf­tet. Viele Bio­be­triebe werden auf den Feldern ehe­ma­li­ger Kol­cho­sen betrie­ben. Sie werden mitt­ler­weile privat geführt und arbei­ten oft mit moderns­tem agro­no­mi­schen Wissen und Technik.

Auch wenn derzeit noch weniger als ein Prozent der gesam­ten Land­wirt­schafts­flä­che in der Ukraine für den bio­lo­gi­schen Landbau genutzt wird, so wächst dieser Sektor stark. Lag die Zahl der bio­lo­gisch zer­ti­fi­zier­ten Betriebe im Jahr 2002 erst bei 31, gab es Ende 2017 mit 304 bereits zehn Mal so viele Bio­be­triebe. Die große Mehr­heit sind Acker­bau­be­triebe ohne Tier­hal­tung. Dank der günstigen Markt­be­din­gun­gen hat in den letzten drei Jahren aber auch die Anzahl der Betriebe mit Tier­hal­tung, beson­ders im Bereich der Honig­pro­duk­tion, zuge­nom­men.

Gemäß der EU-Import­sta­tis­tik hat die Ukraine 2018 Agrar­pro­dukte aus zer­ti­fi­zier­ter bio­lo­gi­scher Erzeu­gung im Umfang von knapp 267.000 Tonnen in die Euro­päi­sche Union (EU) expor­tiert. Dies ent­spricht nach Schät­zun­gen der ukrai­ni­schen Zer­ti­fi­zie­rungs­stelle »Organic Stan­dard« einem Wert von rund 95 Mil­lio­nen Euro. Zu den wich­tigs­ten Abneh­mern gehören die Nie­der­lande, Deutsch­land, Italien, England und die Schweiz. Ein Groß­teil des Bio­ex­ports sind unver­ar­bei­tete Roh­wa­ren, ins­be­son­dere Getreide und Ölsaa­ten. Der Anteil an teil- und wei­ter­ver­ar­bei­te­ten Export­er­zeug­nis­sen, die auch das Poten­zial haben, eine höhere Wert­schöp­fung direkt in der Ukraine zu gene­rie­ren, ist nach wie vor gering.

Die Gründe für die posi­tive Ent­wick­lung des Bio­sek­tors in der Ukraine sind viel­sei­tig. Einer­seits war und ist die große Nach­frage aus West­eu­ropa, vor allem für Fut­ter­mit­tel­zwe­cke, ein wich­ti­ger Grund für die Umstel­lung auf eine bio­lo­gi­sche Pro­duk­tion. Diese wird stark begünstigt durch die Abwer­tung der Hrywnja infolge der Wirt­schafts­krise von 2014, als die Währung gegenüber US-Dollar und Euro binnen Wochen mehr als die Hälfte ihres Wertes einbüßte. Die schwa­che Währung macht Bio-Importe aus der Ukraine inter­es­sant für aus­län­di­sche Händler. Gleich­zei­tig sah sich die kon­ven­tio­nelle Land­wirt­schaft mit gestie­ge­nen Import­prei­sen für syn­the­ti­sche Dünger und Spritz­mit­tel kon­fron­tiert, was für die Bio-Land­wirt­schaft nicht zutraf.

Mutige Pio­niere prägen den Bio­sek­tor in der Ukraine

Einer der ersten Bio­pio­niere der Ukraine, Semen Antonez, Eigentümer des land­wirt­schaft­li­chen Betriebs Agroeco­logy in der Region Poltawa, hat bereits in den 1970er Jahren mit der soge­nann­ten Direkt­saat begon­nen. Bei dieser Acker­bau­me­thode wird ohne Boden­be­ar­bei­tung die nächste Kultur gesät, mit dem Ziel, zusätz­li­chen Koh­len­stoff im Boden zu binden und damit Erosions‑, Wasser- und somit auch Kli­ma­schutz zu errei­chen. Antonez baut auf rund 7.000 Hektar ver­schie­dene Getrei­de­sor­ten an, dar­un­ter Weizen, Gerste, Son­nen­blu­men und Raps. Der Betrieb ist gemäß den offi­zi­el­len Bio­st­an­dards der EU, Nord­ame­ri­kas und der Schweiz zer­ti­fi­ziert. Noch heute hat Agroeco­logy für viele Bio­land­wirte aus der Ukraine und Ost­eu­ropa Modell­cha­rak­ter und ist einer der Demons­tra­ti­ons­be­triebe, auf dem jedes Jahr besu­cher­starke Bio­feld­tage statt­fin­den.

Daneben gibt es viele Quer­ein­stei­ger – die vormals Möbel­bauer, Lehrer, Inge­nieure oder Regio­nal­po­li­ti­ker waren –, welche die junge Bio­be­we­gung prägen. Es sind soziale, öko­lo­gi­sche und öko­no­mi­sche Über­le­gun­gen, die diese Quer­ein­stei­ger dazu ermun­tert haben, in den Bio­land­bau zu inves­tie­ren. Die Wett­be­werbs­fä­hig­keit dieser Bio­land­bau­be­triebe, wie bei­spiels­weise Galeks-Agro, Eth­no­Pro­duct, Porytske oder Agro­firm Pole basiert meist auf – ver­gli­chen mit west­eu­ro­päi­schen Stan­dards – grö­ße­ren Bewirt­schaf­tungs­struk­tu­ren. Ent­spre­chend sind sie wich­tige lokale Arbeitgeber.vMit der Umstel­lung auf eine bio­lo­gi­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se­vund dem Aufbau zusätz­li­cher Ver­ar­bei­tungs­struk­tu­ren, wie bei­spiels­weise Bio­mol­ke­reien oder Biomühlen, schaf­fen diese Betriebe diverse Beschäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten (z. B. in den Berei­chen Qua­li­täts­si­che­rung oder Mar­ke­ting) im länd­li­chen Raum.

Gesetz­ge­bung ange­lehnt an EU-Normen

Der Reak­tor­un­fall von Tscher­no­byl im Jahr 1986 sowie der inten­sive Einsatz von Pes­ti­zi­den und syn­the­ti­schen Düngemitteln in der Zeit der Sowjet­union und ihre nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die Natur und den Men­schen haben die Bevöl­ke­rung sen­si­bi­li­siert. Mehr Öko­lo­gie wird gefor­dert, auch seitens des ukrai­ni­schen Staates. Somit ist die För­de­rung des bio­lo­gi­schen Land­baus ein Schwer­punkt der Reform­stra­te­gie »Land­wirt­schaft­li­che und länd­li­che Ent­wick­lung 2015–2020« und ihrer stärker kon­kre­ti­sier­ten Version, der soge­nann­ten »3+5 Stra­te­gie« gewor­den. Eine wich­tige Umset­zungs­maß­nahme in diesem Zusam­men­hang ist, dass ab 2017 das dama­lige Minis­te­rium für Agrar­po­li­tik und Ernäh­rung begon­nen hat, Daten zum Bio­land­bau zu sammeln. Dies war der erste Schritt zu einer kon­se­quen­te­ren Kon­trolle der 18 Bio­zer­ti­fi­zie­rungs­stel­len, die derzeit in der Ukraine aktiv sind.

Das ukrai­ni­sche Gesetz »Über die Grund­prin­zi­pien und Anfor­de­run­gen an die Her­stel­lung, den Handel und die Kenn­zeich­nung von bio­lo­gi­schen Erzeug­nis­sen « (Nr. 2496-VIII) wurde 2018 vom ukrai­ni­schen Par­la­ment ver­ab­schie­det und ist seit dem 2. August 2019 in Kraft. Dieses Gesetz ist das Ergeb­nis einer mehr als zehn Jahre anhal­ten­den Dis­kus­sion zur Ver­ab­schie­dung einer natio­na­len Bio­ge­setz­ge­bung, wobei über viele Jahre kein poli­ti­scher Wille bestand, die Ent­wick­lun­gen zu for­cie­ren. Erst mit der Rati­fi­zie­rung des Asso­zia­ti­ons­ab­kom­men zwi­schen der Ukraine und der EU ent­stand zusätz­li­cher Hand­lungs­druck. Derzeit arbei­ten Politik, lokale Akteure und inter­na­tio­nale Partner daran, ent­spre­chende Ver­ord­nun­gen zur Umset­zung dieses Geset­zes zu ent­wer­fen. Von zen­tra­ler Bedeu­tung ist die Akkre­di­tie­rung und die effi­zi­ente Über­wa­chung der Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­len durch den ukrai­ni­schen Staat mit dem Ziel, die Ver­brau­cher zu schützen und Betrug zu bekämp­fen.

Die Öko­lo­gi­sie­rung der Land­wirt­schaft ist auch zuneh­mend von stra­te­gi­scher Wich­tig­keit in den Regio­nen der Ukraine. In den letzten Jahren haben ver­schie­dene Oblaste, dar­un­ter Schy­to­myr, Poltawa, Lwiw, Odesa, Tscher­ni­hiw und Sumy, begon­nen, die Ent­wick­lung des Bio­land­baus zu for­cie­ren. Sie unterstützen bei­spiels­weise Pro­du­zen­ten bei der Umstel­lung auf bio­lo­gi­sche Land­wirt­schaft durch Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen oder mit Zuschüssen zu den Zer­ti­fi­zie­rungs­kos­ten. Die Agrar­ver­wal­tun­gen der Oblaste Poltawa und Lwiw haben Daten zur Ent­wick­lung der bio­lo­gi­schen Land­wirt­schaft in ihre Bericht­erstat­tung inte­griert oder unterstützen Reisen für Medi­en­ver­tre­ter zu Bio­pro­du­zen­ten und tragen so zur Bewusst­seins­bil­dung bei.

Zum jet­zi­gen Zeit­punkt sind rund 95 Prozent aller Bio­pro­dukte, die in der Ukraine pro­du­ziert und auf dem hei­mi­schen oder dem Export­markt ver­kauft werden, mit dem grünen Bio-Logo der EU gekenn­zeich­net. Der Pri­vat­sek­tor hatte sich, mangels einer natio­na­len Bio­ge­setz­ge­bung und mit Blick auf den wich­tigs­ten Export­markt, dazu ent­schie­den, sich an den Kri­te­rien des EU-Bio­la­bels zu ori­en­tie­ren. Die Bekannt­ma­chung des ukrai­ni­schen staat­li­chen Logos für zer­ti­fi­zierte bio­lo­gi­sche Pro­dukte, mit dem in Zukunft bio­lo­gi­sche Pro­dukte aus der Ukraine gekenn­zeich­net werden sollen, ist ein wich­ti­ges Anlie­gen und Bestand­teil der neuen Bio­ge­setz­ge­bung. Bisher sind noch keine ukrai­ni­schen Bio­pro­dukte für den hei­mi­schen Markt mit dem natio­na­len Logo gekenn­zeich­net, da die Bio­ge­setz­ge­bung noch nicht imple­men­tiert ist. Bei­spiele aus anderen Ländern zeigen, dass die Einführung eines natio­na­len Logos für Bio­pro­dukte viel Zeit und Res­sour­cen braucht, so dass es auch in der Ukraine noch dauern könnte, bis das neue Logo eingeführt und eta­bliert ist.

Trotz höherer Preise liegt Bio im Trend

Der hei­mi­sche Markt für Bio­pro­dukte ist zuneh­mend zu einem zweiten Stand­bein für ukrai­ni­sche Pro­du­zen­ten gewor­den. Anfäng­lich wurde vor allem impor­tierte Bioware in der Ukraine ver­kauft, ins­be­son­dere Gemüse, Kin­der­nah­rung und Frucht­säfte. Seit rund zehn Jahren stehen nun auch hei­misch pro­du­zierte Bio­pro­dukte in den Regalen der Super­märkte. Diese setzen ganz bewusst auf Bio­pro­dukte, um kauf­kräf­tige und wach­sende Kun­den­seg­mente zu bedie­nen, ins­be­son­dere im städ­ti­schen Umfeld. Die wich­tigs­ten Ver­triebs­ka­näle sind heute Super­märkte bzw. inter­na­tio­nal agie­rende Ein­zel­han­dels­kon­zerne wie Auchan aus Frank­reich oder Metro aus Deutsch­land sowie ukrai­ni­sche Ein­zel­händ­ler wie Good­wine, Fozzy Group und Novus. Neben diesen grös­se­ren Unter­neh­men gibt es auch klei­nere Läden, die zu den Pio­nie­ren im Verkauf von bio­lo­gi­schen Pro­duk­ten zählen und eine beson­ders gesund­heits­be­wusste Kli­en­tel anspre­chen. Der Bio­pro­du­zen­ten­ver­band »Organic Fede­ra­tion of Ukraine« schätzt den Umsatz mit bio­lo­gi­schen Pro­duk­ten auf dem ukrai­ni­schen Markt für das Jahr 2017 auf knapp 30 Mil­lio­nen Euro.

Trotz dem noch relativ gering aus­ge­präg­ten Bio­be­wusst­sein in der breiten Bevöl­ke­rung gehört es inzwi­schen auch für viele jüngere Kon­su­men­ten in den Groß­städ­ten wie Kiew, Odesa, Charkiw und Lemberg zum guten Ton, Bio­pro­dukte zu kon­su­mie­ren. Glaubwürdigkeit, Trans­pa­renz und der Stolz auf die Ukraine als Pro­duk­ti­ons­stand­ort sind für diese neue Genera­tion wich­tige Werte, die sich auch in ihrem Kauf­ver­hal­ten reflek­tie­ren.

Das Sor­ti­ment an Bio­pro­duk­ten, die in der Ukraine ange­baut, ver­ar­bei­tet und ver­kauft werden, umfasst Milch- und Fleisch­pro­dukte, Mehl, Teig­wa­ren, pflanz­li­che Öle, Getränke (Frucht- und Gemüses.fte, Bir­ken­saft, Kräu­ter­tee), Kon­ser­ven (z. B. Beeren, Sirup, Mar­me­lade), einige Gemüse, Früchte und Eier – ins­ge­samt fast 180 Artikel.

Eine aktu­elle Preis­stu­die von »Organic Ukraine«, einem der zwei natio­na­len Bio­pro­du­zen­ten­ver­bände, zeigt, dass Bio­pro­dukte in der Ukraine ähnlich wie in west­eu­ro­päi­schen Ländern teurer sind als kon­ven­tio­nelle Lebens­mit­tel: Fri­sche­pro­dukte wie Milch­pro­dukte, Obst oder Gemüse im Durch­schnitt um zwei Drittel. Doch die Preis­un­ter­schiede vari­ie­ren zwi­schen den Pro­dukt­grup­pen stark. Während eine Bio-Was­ser­me­lone im Ein­zel­fall zehn Prozent teurer sein kann als ein kon­ven­tio­nell erzeug­tes Ver­gleichs­pro­dukt, können Blau­bee­ren aus dem Bio­land­bau fast 90 Prozent mehr kosten als her­kömm­lich erzeugte Beeren. Die Gründe liegen meist in den unter­schied­lich hohen Pro­duk­ti­ons­kos­ten.

Auch ein Preis­ver­gleich von Bio­pro­duk­ten in ukrai­ni­schen Super­märk­ten (durchgeführt im August 2019 durch »Organic Ukraine«) mit Bio­pro­duk­ten in deut­schen Super­märk­ten ist inter­es­sant. Da in der Ukraine bisher relativ wenige Anbie­ter Bio­pro­dukte für den hei­mi­schen Markt pro­du­zie­ren, sind die Preise für Bio­pro­dukte im Ver­gleich zu Deutsch­land ver­gleichs­weise hoch. Bei­spiels­weise kostete zum Zeit­punkt der Umfrage die günstigste Bio­milch in einem ukrai­ni­schen Super­markt umge­rech­net 1,27 Euro pro Liter (in Deutsch­land 1,05 Euro), Wei­zen­mehl 1,77 Euro pro Kilo­gramm (in Deutsch­land 1,00 Euro) oder Joghurt 2,83 Euro pro Kilo­gramm (in Deutsch­land 1,70 Euro). Viele Bio­pro­dukte in der Ukraine befin­den sich also immer noch im Hoch­preis­seg­ment. Mit einem zuneh­men­dem Pro­dukt­an­ge­bot werden aber ver­mut­lich auch in der Ukraine Bio­pro­dukte zukünftig günstiger.

Stetig stei­gende Diver­si­fi­zie­rung von Export­pro­duk­ten

Wie bereits ange­spro­chen, hat sich die Ukraine in den letzten zehn Jahren zu einem wich­ti­gen Anbie­ter von Bio­pro­duk­ten ent­wi­ckelt. Die wich­tigs­ten bio­lo­gi­schen Export­pro­dukte sind nach wie vor acker­bau­li­che Erzeug­nisse wie bei­spiels­weise Getreide, Ölpflan­zen und Hülsenfrüchte. Pro­dukte aus der Wild­samm­lung, wie etwa Wild­bee­ren, Pilze, Kräuter, sind volumen- und wert­mä­ßig stark gewach­sen. Aber auch beim Honig, ange­bau­ten Beeren und Nüssen sind die Export­zah­len rasant gestie­gen. Gemäß den Angaben der lokalen Zer­ti­fi­zie­rungs­stelle »Organic Stan­dard« wurde 2017 der erste Bio­ho­nig expor­tiert. Ein Jahr danach waren es bereits 300 Tonnen. Bei gefro­re­nen Him­bee­ren wuchs das Export­vo­lu­men inner­halb kurzer Zeit auf 400 Tonnen und bei bio­lo­gisch zer­ti­fi­zier­ten Zucker aus Zuckerrüben auf rund 800 Tonnen.

Inzwi­schen bieten die ukrai­ni­schen Expor­teure mehr als 70 ver­schie­dene Bio­pro­dukte auf dem inter­na­tio­na­len Markt an. Dazu zählen auch immer häu­fi­ger ganz- oder teil­ver­ar­bei­tete Pro­dukte, wie zum Bei­spiel Son­nen­blu­menöl, Bir­ken­saft, Apfel­saft (Kon­zen­trat), Tiefkühlbeeren, Getrei­de­flo­cken, etc. Es werden aber auch Fut­ter­mit­tel­pro­dukte wie etwa Son­nen­blu­men- und Soja­press­ku­chen expor­tiert, die durch den wach­sen­den Bio­fleisch­kon­sum in Europa zuneh­mend inter­na­tio­nal nach­ge­fragt werden.

EU-Markt­zu­gang als Ent­wick­lungs­mo­tor

Ein wich­ti­ger Faktor in der Ent­wick­lung des Bio­sek­tors war das Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men zwi­schen der EU und der Ukraine in 2014. Dieses ermög­licht es, dass ukrai­ni­sche Unter­neh­men Waren zu vor­teil­haf­te­ren Zoll­be­din­gun­gen in die EU expor­tie­ren können. Im Bio­be­reich gibt es jedoch auch zusätz­li­che Auf­la­gen, welche Exporte erschwe­ren. Denn im Zusam­men­hang mit Betrugs­fäl­len hat die EU die Import­be­din­gun­gen seit 2015 für mehrere Staaten der ehe­ma­li­gen Sowjet­union ver­schärft, dar­un­ter auch für die Ukraine. Bio­pro­duk­ti­ons­be­triebe müssen sich in diesen Ländern zusätz­li­chen Kon­trol­len unter­zie­hen, welche nicht nur mehr Kosten impli­zie­ren, sondern auch die Logis­tik im Export­ge­schäft auf­wen­di­ger machen. Mit den zusätz­li­chen Kon­trol­len möchte die EU ver­mei­den, dass gefälschte Bioware aus diesen Ländern auf den EU-Markt gelangt.

Ver­stärk­ter Fokus auf Wert­schöp­fungs­stei­ge­rung

Der Anteil an land­wirt­schaft­li­chen Roh­erzeug­nis­sen, welche west­eu­ro­päi­sche Ver­ar­bei­tungs­be­triebe in der Ukraine kaufen, ist nach wie vor hoch. Doch wie bereits ange­spro­chen, streben immer mehr land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men in der Ukraine an, in stär­ke­rem Umfang ver­ar­bei­tete Pro­dukte mit einer höheren Wert­schöp­fung zu expor­tie­ren. Dieser Ver­ar­bei­tungs­schritt vor Ort ist aus volks­wirt­schaft­li­cher Sicht äußerst inter­es­sant und kann zur Schaf­fung neuer Arbeits­plätze bei­tra­gen. Das For­schungs­in­sti­tut für bio­lo­gi­schen Landbau (FiBL) hat 2018 eine Studie ver­fasst, welche die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen durch den Bio­land­bau in der Ukraine genauer unter­sucht. Dazu wurden mehr als 140 Akteure aus Pro­duk­tion, Ver­ar­bei­tung, Handel, Dienst­leis­tun­gen, usw. befragt. Die Studie bestä­tigt, dass gerade im Bereich der Ver­ar­bei­tung – als Teil einer Pro­dukt­dif­fe­ren­zie­rungs­stra­te­gie – qua­li­ta­tiv hoch­ste­hende und inter­es­sante Arbeits­plätze im Tandem mit Mar­ke­ting­ak­ti­vi­tä­ten geschaf­fen werden. Im Anbau sind die Beschäf­ti­gungs­wir­kun­gen, ange­sichts der starken Mecha­ni­sie­rung der Acker­bau­be­triebe, weniger stark aus­ge­prägt. Hier führen Inves­ti­tio­nen, vor allem im Bereich der mecha­ni­schen Unkraut­be­kämp­fung, ten­den­zi­ell dazu, dass eher weniger Arbeits­kräfte ein­ge­setzt werden müssen. Dies ist anders als beim Aufbau eines neuen Ver­ar­bei­tungs­be­triebs oder bei arbeits­in­ten­si­ven Kul­tu­ren, wie bei­spiels­weise Gemüse, Beeren oder Kräuter.

Die lokale Ver­ar­bei­tung macht auch zuneh­mend Sinn, um den lokalen Markt zu bedie­nen und impor­tierte Bio­pro­dukte durch ver­gleich­bare ein­hei­mi­sche Pro­dukte zu erset­zen. Seit einigen Jahren kommen vor allem im Milch- und Fleisch­sek­tor immer mehr Pro­dukte aus der Ukraine auf den ein­hei­mi­schen Markt, wie z. B. Bio-Eis­creme oder Sauer­rahm.

Aus­blick

Auf­grund der Nach­fra­ge­ent­wick­lung nach Bio­pro­duk­ten auf dem inter­na­tio­na­len Markt und inner­halb der Ukraine kann davon aus­ge­gan­gen werden, dass auch in den kom­men­den Jahren die bio­lo­gi­sche Pro­duk­tion in der Ukraine weiter steigen wird. Eine FiBL-Studie zeigt, dass die befrag­ten Akteure im ukrai­ni­schen Bio­sek­tor überzeugt sind, dass der bio­lo­gi­sche Anbau län­ger­fris­tig nicht nur für die Umwelt, sondern auch wirt­schaft­li­che Vor­teile bringen wird. Zusätz­lich gaben die Befrag­ten auch an, dass sie wei­ter­hin in diesen Bereich inves­tie­ren werden. Das Inkraft­tre­ten der natio­na­len Bio­ge­setz­ge­bung im August 2019 ist ein wich­ti­ger Mei­len­stein und wird den Sektor sowie das Ver­trauen in die Branche weiter stärken.

Eine Her­aus­for­de­rung für den Bio­sek­tor in der Ukraine ist das Ver­mei­den von Betrugs­fäl­len, in Bezug auf den Export und den hei­mi­schen Markt. Die hohen Pro­dukt­preise für bio­lo­gi­sche Ware sind ein Anreiz für Betrug. Hier ist der Sektor als Ganzes gefor­dert, aber ins­be­son­dere die Kon­troll­stel­len und die staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, welche auch in Zusam­men­ar­beit mit der EU und ein­hei­mi­schen Bio­ver­bän­den die nötigen Maß­nah­men ansto­ßen und umset­zen müssen, um das Betrugs­ri­siko ein­zu­däm­men. Wie in diesem Beitrag geschil­dert, hat das Minis­te­rium für wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, Handel und Land­wirt­schaft erste Schritte in diese Rich­tung unter­nom­men. Es sammelt seit 2017, auch auf ausdrücklichen Wunsch der ukrai­ni­schen Akteure, von den Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­len Daten zur Ent­wick­lung des Bio­sek­tors. Darüber hinaus sind neue Ansätze in der Zer­ti­fi­zie­rung und Über­wa­chung, ins­be­son­dere auch das Ver­wen­den von Satel­li­ten­da­ten und digi­ta­len Rückverfolgbarkeitssystemen, viel­ver­spre­chend. Diese können dazu bei­tra­gen, die Glaubwürdigkeit der ukrai­ni­schen Bio­pro­duk­tion weiter zu ver­bes­sern und die Grund­lage für ein solides Wachs­tum dieses zukunfts­träch­ti­gen Sektors zu schaf­fen.

Schafft es die Ukraine, diese Her­aus­for­de­rung zu meis­tern und zugleich die Pro­dukt­qua­li­tät stetig zu stei­gern, steht der Ukraine nichts im Wege, nicht nur die Bio­korn­kam­mer Europas zu werden sondern auch ein Bench­mark für einen zukunfts­ge­rich­te­ten Bio­land­bau, der tra­di­tio­nel­les Wissen mit moder­ner Tech­no­lo­gie smart verknüpft.

Dieser Artikel erschien zuerst in den Ukraine-Ana­­­ly­­­sen Nr. 223 vom 10.10.2019 und darf mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Autoren auch bei Ukraine ver­ste­hen ver­öf­fent­licht werden. 

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