Deutsch­lands Ener­gie­hilfe für die Ukraine im Praxistest

Deutschland stellt ukrainischen Lebensmittelherstellern Dieselgeneratoren zur Verfügung
Foto: IMAGO /​ Nur­Photo

Die Ener­gie­hilfe für die Ukraine ist eine kom­plexe Ange­le­gen­heit. Allein mit der Beschaf­fung von Gene­ra­to­ren ist es nicht getan, sie müssen auch instal­liert werden. Oftmals sind die Lie­fer­zei­ten zu lang, die tech­ni­sche Kom­pa­ti­bi­li­tät nicht gegeben.

In der Klein­stadt Bilo­pillja in der Region Sumy, nahe der Grenze zu Russ­land, lebten vor Beginn der Groß­in­va­sion rund 16.000 Men­schen, heute sind es noch 6.000 bis 7.000. Durch rus­si­sche Angriffe sind nahezu alle Umspann- und Heiz­werke in der Region beschä­digt worden, kri­ti­sche Ein­rich­tun­gen der Stadt sind auf Not­strom­ver­sor­gung ange­wie­sen. Ein Angriff zer­störte auch einen von zwei leis­tungs­star­ken Gene­ra­to­ren, welche die Deut­sche Gesell­schaft für Inter­na­tio­nale Zusam­men­ar­beit (GIZ) bereit­ge­stellt hatte. Der zweite blieb dank eines vor­sorg­lich instal­lier­ten Schutz­net­zes erhalten.

Doch ein funk­ti­ons­fä­hi­ger Gene­ra­tor garan­tiert noch keine Wasser- und Wär­me­ver­sor­gung. „Selbst wenn Gene­ra­to­ren vor­han­den sind, können wir sie oft nicht in Betrieb nehmen – das Gebiet wird voll­stän­dig von rus­si­schen Drohnen kon­trol­liert“, sagt der Bür­ger­meis­ter von Bilo­pillja, Yurii Zarko. Schon die Anlie­fe­rung von Treib­stoff sei deshalb schwierig.

Die Kommune passt ihre Was­ser­ver­sor­gung an die neuen Bedin­gun­gen an: Künftig soll das Wasser aus neuen Brunnen ein­ge­speist werden, wodurch der Strom­ver­brauch sinkt. Eine neue Solar­an­lage mit einer Leis­tung von rund 500 Kilo­watt soll dann den Bedarf des Was­ser­werks decken. Das zen­trale Wär­me­ver­sor­gungs­sys­tem konnte die Stadt bislang erhal­ten: Die nach den Angrif­fen wie­der­her­ge­stell­ten Heiz­werke sind ver­netzt und können sich bei Schäden gegen­sei­tig absichern.

Deutsch­land ist der größte staat­li­che Geber für den ukrai­ni­schen Energiesektor

Dieses Bei­spiel ver­deut­licht eines der zen­tra­len Pro­bleme der inter­na­tio­na­len Ener­gie­hilfe für die Ukraine. Der Bedarf ver­än­dert sich schnel­ler, als Beschaf­fungs­ver­fah­ren abge­schlos­sen werden: Eine wie­der­her­ge­stellte Anlage kann erneut zer­stört werden, und was heute drin­gend benö­tigt wird, kann einige Monate später bereits nicht mehr dem tat­säch­li­chen Bedarf ent­spre­chen. Die Wirk­sam­keit der Hilfe bemisst sich deshalb nicht an der Menge der gelie­fer­ten Aus­rüs­tung, sondern am gesam­ten Weg – von der Bedarfs­mel­dung über die recht­zei­tige Lie­fe­rung bis hin zu Montage, Anschluss und Inbetriebnahme.

Deutsch­land ist der größte staat­li­che Geber für den ukrai­ni­schen Ener­gie­sek­tor. Die deut­sche Unter­stüt­zung hat laut Außen­mi­nis­ter Johann Wade­phul seit Beginn der rus­si­schen Voll­in­va­sion ein Volumen von mehr als 1,2 Mil­li­ar­den Euro erreicht.

Die Hilfe kommt aus zahl­rei­chen Quellen und wird über unter­schied­li­che Mecha­nis­men ver­teilt. Einer der wich­tigs­ten inter­na­tio­na­len Kanäle ist der Ukraine Energy Support Fund (UESF), der vom Sekre­ta­riat der Ener­gie­ge­mein­schaft in Wien ver­wal­tet wird. Der Fonds bündelt Bei­träge von Staaten und anderen inter­na­tio­na­len Gebern und beschafft die von der Ukraine benö­tigte Ener­gie­aus­rüs­tung; Deutsch­lands Beitrag beläuft sich auf 810 Mil­lio­nen Euro, wovon 560 Mil­lio­nen bereits ein­ge­zahlt und die rest­li­chen Gelder zuge­si­chert sind. Par­al­lel dazu exis­tie­ren direkt von Deutsch­land aus koor­di­nierte Pro­gramme: Die Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau (KfW) finan­ziert Netze, Umspann­werke, Ener­gie­spei­cher und phy­si­schen Schutz, die GIZ liefert Ener­gie­aus­rüs­tung und schult Per­so­nal, das Tech­ni­sche Hilfs­werk (THW) stellt Not­fall­tech­nik bereit, und die Ser­vice­stelle Kom­mu­nen in der Einen Welt (SKEW) unter­stützt Part­ner­schaf­ten zwi­schen deut­schen und ukrai­ni­schen Kommunen.

Die Hilfe hält mit dem Bedarf nicht Schritt

Das ukrai­ni­sche Ener­gie­mi­nis­te­rium stuft die Wie­der­her­stel­lung von Netzen und Umspann­wer­ken, die dezen­trale Erzeu­gung und Kraft-Wärme-Kopp­lung, die Ener­gie­spei­cher sowie den Schutz von Ener­gie­an­la­gen und Gas­in­fra­struk­tur als beson­ders kri­ti­sche Berei­che ein. Der Netz­be­trei­ber Ukr­energo benö­tigt Aus­rüs­tung für Über­tra­gungs­netze und Umspann­werke, Schutz für zen­trale Anlagen sowie eine stär­kere Anbin­dung an das euro­päi­sche Strom­sys­tem. Kom­mu­nen brau­chen auto­nome Lösun­gen für Wasser- und Heiz­werke sowie Krankenhäuser.

Das zen­trale Problem ist die Dis­kre­panz zwi­schen der Geschwin­dig­keit, mit der rus­si­sche Angriffe den Bedarf ver­än­dern, und der Zeit, die für Beschaf­fung und Her­stel­lung der Aus­rüs­tung erfor­der­lich ist. Beson­ders deut­lich zeigt sich dies am Bei­spiel des Ukraine Energy Support Fund. Nach der Geneh­mi­gung eines Antrags müssen die Unter­la­gen geprüft, die Finan­zie­rung gesi­chert, eine Aus­schrei­bung durch­ge­führt und ein Vertrag abge­schlos­sen werden. Anschlie­ßend muss die Aus­rüs­tung her­ge­stellt und gelie­fert werden. Nach Angaben von Olena Okulich, der Regio­nal­di­rek­to­rin der German Eastern Busi­ness Asso­cia­tion, können ein­zelne Ver­fah­ren bis zu sechs Monate dauern. In dieser Zeit kann sich jedoch der Bedarf ver­än­dert haben – oder die Aus­rüs­tung kommt schlicht zu spät: etwa erst nach dem Winter, für den sie drin­gend benö­tigt wurde, oder nachdem die betref­fende Anlage durch weitere Angriffe voll­stän­dig zer­stört worden ist. Und auch nach der Lie­fe­rung muss die Aus­rüs­tung noch instal­liert werden – nicht selten auf Kosten des Empfängers.

„Wir ver­su­chen, inner­halb weniger Monate das zu beschaf­fen, was in einem nor­ma­len ener­gie­wirt­schaft­li­chen Zyklus über Jahre beschafft wird“, erklärt Denis Pru­sakov vom Sekre­ta­riat der Ener­gie­ge­mein­schaft. Das Bei­spiel einer Gas­tur­bine ver­deut­licht die Dimen­sion des Pro­blems: Unter Frie­dens­be­din­gun­gen kann allein die Aus­ar­bei­tung der tech­ni­schen Spe­zi­fi­ka­tio­nen ein bis zwei Jahre dauern, die Aus­schrei­bung bis zu einem Jahr und die Her­stel­lung und Lie­fe­rung weitere zwei bis drei Jahre.

Doch Lang­sam­keit ist nicht das einzige Problem. Okulich ver­weist auch auf die Aus­schrei­bungs­kri­te­rien: Güns­ti­gere Anbie­ter aus China und Indien setzen sich häufig gegen deut­sche Her­stel­ler durch. Ihrer Ansicht nach sollten bei der Vergabe nicht nur der Preis, sondern auch Qua­li­tät und euro­päi­sche Stan­dards berück­sich­tigt werden.

Der frühere Ukr­energo-Chef Wolo­dymyr Kudryz­kyj beschreibt die ukrai­ni­sche Logik mit einem ein­fa­chen Bei­spiel: Wenn ein rus­si­scher Angriff einen Trans­for­ma­tor zer­stört, von dem 300.000 Fami­lien abhän­gig sind, kann die Wahl zwi­schen einem Trans­for­ma­tor für rund zwei Mil­lio­nen Dollar, der nach fünf Monaten gelie­fert werden kann, und einem für sechs Mil­lio­nen Dollar liegen, auf den man andert­halb Jahre warten müsste. „Unter Kriegs­be­din­gun­gen ist die Ent­schei­dung offensichtlich.“

Die Inbe­trieb­nahme als große Herausforderung

In den Jahren 2024 und 2025 beschaffte die GIZ Aus­rüs­tung im Wert von mehr als 54 Mil­lio­nen Euro und übergab rund 22.000 Aus­rüs­tungs­ge­gen­stände aus Spenden deut­scher Unter­neh­men an die Ukraine, dar­un­ter mehr als 18.000 Solar­mo­dule, wie die Deut­sche Energie-Agentur (dena) auf Anfrage mit­teilte. Es gibt jedoch keine kon­so­li­dier­ten Daten darüber, was davon bereits instal­liert wurde und in wie vielen Fällen noch auf Wech­sel­rich­ter, Netz­an­schluss oder die erfor­der­li­che Doku­men­ta­tion gewar­tet wird. Der Ener­gie­ex­perte Hen­na­diy Ryabtsev ist deshalb der Ansicht, dass die Wirk­sam­keit solcher Pro­gramme nicht anhand des Umfangs der Lie­fe­run­gen bewer­tet werden sollte, sondern anhand des Anteils der Aus­rüs­tung, die tat­säch­lich in Betrieb genom­men und in das System inte­griert worden ist.

Stefan Sicars, Senior Coor­di­na­tor für die Ukraine bei der United Nations Indus­trial Deve­lo­p­ment Orga­niza­tion (UNIDO), kri­ti­siert die „endlose Beschaf­fung von Gene­ra­to­ren“, ohne vorher zu prüfen, ob der Emp­fän­ger sie über­haupt instal­lie­ren und warten kann. Im Süden der Ukraine haben Geber man­cher­orts bereits mehr Solar­ka­pa­zi­tät bereit­ge­stellt, als vor Ort benö­tigt wird. Beschä­digte Netze ver­hin­dern jedoch, dass über­schüs­si­ger Strom wei­ter­ge­lei­tet werden kann, während Ener­gie­spei­cher fehlen.

Hinzu kommt das Problem der tech­ni­schen Kom­pa­ti­bi­li­tät. Fach­leute des Ener­gie­un­ter­neh­mens DTEK reisten nach Deutsch­land, um Aus­rüs­tung bei RWE und EnBW zu prüfen, die deut­sche Partner der Ukraine zur Ver­fü­gung stellen wollten. Große Trans­for­ma­to­ren, Gene­ra­to­ren und andere Aggre­gate ent­spra­chen jedoch häufig nicht den tech­ni­schen Para­me­tern ukrai­ni­scher Wär­me­kraft­werke. Selbst neue Aus­rüs­tung garan­tiert keine Inbe­trieb­nahme: Nach Angaben von Oleksij Powo­loz­kyj, der bei DTEK für den Wie­der­auf­bau der Ener­gie­infra­struk­tur zustän­dig ist, lässt sich ein Kraft­werks­block nicht mit 99 Prozent der erfor­der­li­chen Aus­rüs­tung in Betrieb nehmen, wenn eine einzige kri­ti­sche Kom­po­nente fehlt.

Nicht alle Kom­mu­nen haben den glei­chen Zugang

Direkte Part­ner­schaf­ten zwi­schen ukrai­ni­schen und deut­schen Kom­mu­nen haben sich zu einem der wirk­sams­ten Kanäle bei der Ener­gie­hilfe ent­wi­ckelt. Die Zahl der Part­ner­schaf­ten ist von rund 70 auf etwa 250 gestie­gen. Dieses Modell ver­kürzt den Weg zwi­schen Bedarf und Hilfe: Eine ukrai­ni­sche Kommune kann ihrer Part­ner­ge­meinde unmit­tel­bar mit­tei­len, was sie benö­tigt, und die deut­sche Seite kann zügig eine Finan­zie­rung oder einen Lie­fe­ran­ten finden. Durch den kon­ti­nu­ier­li­chen Kontakt lässt sich auch dann rasch reagie­ren, wenn sich der Bedarf nach einem wei­te­ren rus­si­schen Angriff plötz­lich ver­än­dert hat.

Die Stärke dieses Modells ist zugleich seine Begren­zung: Um diesen Kanal nutzen zu können, muss eine solche Part­ner­schaft zunächst über­haupt erst bestehen. Große Städte ver­fü­gen über Abtei­lun­gen für inter­na­tio­nale Bezie­hun­gen und Erfah­rung bei der Antrag­stel­lung, während in einer kleinen Kommune all diese Auf­ga­ben häufig bei einer ein­zi­gen Person liegen. Sicars weist darauf hin, dass kleine Kom­mu­nen nicht deshalb im Nach­teil sind, weil ihr Bedarf gerin­ger wäre, sondern weil es für sie schwie­ri­ger ist, diesen Bedarf in einen für einen Geber ver­ständ­li­chen Pro­jekt­an­trag zu über­set­zen. Beson­ders deut­lich zeigt sich dies in front­na­hen Städten, wo Res­sour­cen für Not­re­pa­ra­tu­ren und Eva­ku­ie­run­gen benö­tigt werden.

Das Bei­spiel der Klein­stadt Trost­ja­nez in der Region Sumy demons­triert, wie sich diese Logik auch umkeh­ren kann. Bür­ger­meis­ter Yurii Bova berich­tet, dass seiner Kommune größere Pro­jekte ange­bo­ten wurden, nachdem sie Beschaf­fun­gen frist­ge­recht durch­ge­führt, die Aus­rüs­tung instal­liert und den Part­nern ord­nungs­ge­mäß Bericht erstat­tet hatte. Tamara Vukovic, Pro­jekt­lei­te­rin bei der SKEW, hält Pro­gramme für beson­ders wirksam, wenn sie die Finan­zie­rung mit der Schu­lung kom­mu­na­ler Teams und einer lang­fris­ti­gen Beglei­tung ver­bin­den. Kleine Kom­mu­nen benö­ti­gen nicht nur Geld und Aus­rüs­tung, sondern auch Mit­ar­bei­tende, die mit För­der­pro­gram­men und Zuschüs­sen umgehen können, sowie Fach­kräfte, die die von Gebern bereit­ge­stellte Aus­rüs­tung instal­lie­ren und warten können.

 

Dieses jour­na­lis­ti­sche Projekt wurde vom Euro­pean Jour­na­lism Centre (EJC) im Rahmen der „Offi­cial Deve­lo­p­ment Assis­tance Germany Grants“ finan­ziert. Das Pro­gramm wird von der Gates Foun­da­tion unterstützt.

Eine längere Version des Arti­kels ist bei Tages­spie­gel Back­ground erschienen.

Yulia Valova ist Jour­na­lis­tin und Ana­lys­tin, die zum Krieg und zum Ener­gie­sek­tor in der Ukraine berichtet.

Serhiy Sht­urk­he­ts­kyy ist ein ukrai­ni­scher Jour­na­list, Medi­en­ex­perte, For­scher und Trainer. 

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