Mehr als Sport – die Ukraine bei der Fußball-Europameisterschaft

Ukrai­ni­sche Fans in Kyjiw beim Spiel gegen England © Sergei Chu­zav­kov /​ Imago Images

Trotz der hohen Nie­der­lage gegen England hat die ukrai­ni­sche Mann­schaft gezeigt, dass Ukrai­ner auch im Sport lei­den­schaft­lich für ihr Land kämpfen. Beson­ders stolz können sie auch auf ihre Fair­ness sein. Von Chris­toph Brumme

Für Ukrai­ner sind Erfolge bei großen Fuß­ball­tur­nie­ren eine ziem­lich seltene Erfah­rung. Sie spielen leider nicht so effek­tiv wie die Deut­schen, nicht wie eine Maschine. Die Deut­schen haben meis­tens einen Plan, und es pas­sie­ren ihnen nur wenige Fehler, fürch­ten Ukrainer.

„Der Ein­zelne kämpft bei ihnen für die Inter­es­sen aller. Er opfert sich und not­falls seine Gesund­heit für die Mann­schaft“, belehrt mich im Bier­gar­ten ein ukrai­ni­scher Fan. „Unsere Ukrai­ner spielen ego­is­ti­scher und ängstlicher.“

Deut­sches Uhrwerk mit fein auf­ein­an­der abge­stimm­ten Aktio­nen. Idea­li­sierte deut­sche Ordnung, ein Mythos. Gefühl­los, aber effek­tiv. Eiskalt, mit Nerven aus Stahl, so das Kli­schee. Dabei ist der pro­zen­tuale Anteil der ange­kom­me­nen Pässe oft gar nicht höher als jener der Ukrai­ner. Doch Kli­schees helfen bei der Orientierung.

Die Fak­to­ren Glück und Zufall können die Deut­schen aller­dings auch nicht aus­schal­ten, manch­mal fehlen halt ein paar Zen­ti­me­ter zum Sieg. Während Mil­lio­nen Exper­ten die Ursa­chen für das Aus­schei­den aus dem Turnier erör­tern, wehte viel­leicht nur der Wind einige Male zu stark.

Die Ukrai­ner dagegen brauch­ten unheim­lich viel Glück, damit sie diesmal zum ersten Mal in der Geschichte die Grup­pen­phase einer Euro­pa­meis­ter­schaft über­ste­hen konnten. Gegen Nord-Maze­do­nien (zwei Mil­lio­nen Ein­woh­ner) hatte sie mit Ach und Krach mit einem Tor Unter­schied gewon­nen. Gegen Öster­reich hätte man glauben können, die ukrai­ni­schen Spieler seien im Durch­schnitt zehn Jahre älter. Ideen­los, mutlos, verträumt.

Der größte inter­na­tio­nale Erfolg war bisher das Errei­chen des Vier­tel­fi­na­les bei der Welt­meis­ter­schaft im Jahre 2006, nachdem man 1:0 gegen Tune­sien und 4:0 gegen Saudi-Arabien gewon­nen (und gegen Spanien 0:4 ver­lo­ren) hatte.

Ehrlich gesagt, hier in der ukrai­ni­schen Provinz [Poltawa – Anm. d. Red.] hatten wir das Aus­schei­den der Mann­schaft schon nach der Nie­der­lage gegen Öster­reich betrau­ert und begos­sen. Weil wir geglaubt hatten, nur der Grup­pen­erste und der Grup­pen­zweite würden wei­ter­kom­men. Aber nein, für Fußball braucht man auch Mathe­ma­tik, auch die besten Dritt­plat­zier­ten kamen weiter.

Fairste Mann­schaft des Turniers ?

Somit hatte die Ukraine wei­ter­hin die Chance, zwei Titel zu erobern. Wobei man auf den wich­ti­ge­ren nicht ernst­haft hoffen konnte. Aber es gibt ja noch den Fair-play-Titel! In fünf Spielen haben die Ukrai­ner nur vier gelbe, keine rote Karte bekom­men. Kein Team hat weniger Fouls began­gen, 7,8 pro Spiel.‘

Viel­leicht aber hätte man aggres­si­ver spielen sollen?

Wir Laien vor dem Fern­se­her machten den Trainer dafür ver­ant­wort­lich, dass die Mann­schaft nicht lei­den­schaft­li­cher kämpfte? Die Fußball-Legende Andrij Schew­schenko ist immer­hin der letzte ukrai­ni­sche Spieler, der auch west­li­ches Publi­kum jah­re­lang zum Jubeln und Feiern ani­mierte. Bei AC Mailand hat er etliche Tore geschos­sen, er galt auch mal als bester Stürmer der Welt.

Der Star der Ukrai­ner sei der Trainer, behaup­ten inter­na­tio­nale Medien sogar, bei­spiels­weise die deut­sche „Sport­schau“.

Im ukrai­ni­schen Bier­gar­ten urteilt man anfangs skep­ti­scher über ihn. Man hört den Trainer in Inter­views nur Eng­lisch oder Rus­sisch spre­chen. Kein Ukrai­nisch. Liebt er die Ukraine mit heißem Herzen? Viel­leicht ist er kein großer Moti­va­tor? Aber die Qua­li­fi­ka­tion hat die Mann­schaft doch unge­schla­gen gewon­nen hat, immer­hin auch gegen Gegner wie Portugal?

Nach dem Sieg gegen Schwe­den ruft Andrij Schew­schenko den Namen seines Landes mit solcher Lei­den­schaft und Laut­stärke zusam­men mit den Fans im Stadion, dass eigent­lich niemand mehr an seiner Hei­mat­liebe zwei­feln kann.

Auch Artjom Dovbyk, der Schütze des Sieg­tref­fers gegen Schwe­den, sprach kurz nach dem Spiel Rus­sisch. Doch sein Vater lässt demen­tie­ren, dass der Sohn in die rus­si­sche Meis­ter­schaft wech­seln wird. „Er spricht zu Hause Ukrai­nisch“, berich­tet sein Vater. Artjom wie­derum erklärt zusam­men mit seiner Frau, er werde glück­lich sein, wenn die Ukrai­ner anfan­gen, ihre Söhne zu seinen Ehren nach ihm zu benennen.

Fußball für die Einheit des Landes und für die ganze Welt

Wie wenig man den Ukrai­nern inter­na­tio­nal zutraut, zeigt ihr gerin­ger „Kader­wert “ an den Wett­bör­sen vor dem Spiel gegen England. Knapp zwei­hun­dert Mil­lio­nen Euro. Das eng­li­sche Team dagegen wird auf 1,27 Mil­li­arde Euro geschätzt. Im FIFA-Rating  nimmt die Ukraine den 24. Platz ein.
Die Hälfte der ukrai­ni­schen Spieler kommen aus den beiden stärks­ten Club-Mann­schaf­ten Dynamo Kyjiw und Schacht­jor Donezk. Letz­te­rer Club spielt bekannt­lich lieber in der freien Ukraine als in seiner besetz­ten Heimatstadt.

Siege der ukrai­ni­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft ver­ei­nen das Land, erklärt bei einer Sitzung des Kabi­netts der Pre­mier­mi­nis­ter Schmyhal. „Solche Dinge moti­vie­ren.“ Das Minis­ter­ka­bi­nett ver­sam­melte sich bei diesem Treffen in den „skan­da­lö­sen“ T‑Shirts der Natio­nal­mann­schaft. Auf diesen ist die ganze Ukraine abge­bil­det, auch die Krim. Eine fried­li­che Demons­tra­tion vor der Kulisse Europas. Natür­lich hatten rus­si­sche Offi­zi­elle dagegen pro­tes­tiert, wie auch gegen die auf­ge­näh­ten Slogans „Ruhm der Ukraine – Ruhm den Helden“. Diese seien ja poli­ti­sche Bot­schaf­ten, ins­be­son­dere der Ausruf „Ruhm den Helden“, das wider­spre­che den Statuen. Tat­säch­lich durfte jener dann auch nicht gezeigt werden. Aber ansons­ten wurden die Trikots geneh­migt, und die Ukraine konnte bei diesem Turnier ihre inter­na­tio­nal aner­kann­ten Grenzen zeigen und zumin­dest sym­bo­lisch unge­teilt bleiben. Eine tiefe Genugtuung.

Von der UEFA hieß es dazu: „In Anbe­tracht der Tat­sa­che, dass die Reso­lu­tion 68/​262 der Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen, die von den Mit­glieds­staa­ten weit­ge­hend ange­nom­men wurde, die ter­ri­to­ria­len Grenzen als grob durch das Design dar­ge­stellt aner­kennt, ver­langt die UEFA keine Ände­run­gen dieses Designelements.“

Die lau­teste Genug­tu­ung wird mit einem Lied zum Aus­druck gebracht. Mit dem Welt-Hit „Pu-huilo“.

 

Aus dem jahr­hun­der­te­al­ten Genre der Spott­ge­sänge. Man ver­steht seinen Text auch ohne Über­set­zung wohl in allen Spra­chen. Kein Lied singen ukrai­ni­sche Fans lieber. Ein beson­de­rer Genuss ist das für sie, wenn dieses Spiel auch live im Fern­se­hen in Russ­land gesen­det wird. Dann können die Men­schen in Russ­land mal hören, wie man in der Ukraine in Wirk­lich­keit über den Mann im Kreml denkt. Dessen Berater hatten ja erst vor wenigen Wochen behaup­tet, die Ukraine exis­tiert nicht wirk­lich oder es drohe ihr bal­di­ger „Anfang vom Ende“. Und nun ist sie immer noch da, fröh­lich und sieg­reich. Während Russ­land nur pein­li­che Ergeb­nisse ablie­ferte und Grup­pen­letz­ter wurde und die Hüte voll bekam, dass es nur so krachte. Vom kleinen Däne­mark wurde man mit Vier zu Eins nach Hause geschickt. Nur ein Tor haben sie in drei Spielen geschafft. Fußball zum Ein­schla­fen wurde gezeigt, ohne Strahl­kraft und Spielfreude.

Und es gibt sie doch

Eine Ach­ter­bahn­fahrt der Gefühle legten statt­des­sen die Ukrai­ner hin. Dass man gegen England chan­cen­los war und 0:4 verlor ist zwar traurig. Aber wahr­schein­lich hätte man gegen niemand lieber ver­lo­ren. Denn kürz­lich erst haben die Briten die Ukrai­ner in einer groß­ar­ti­gen Weise unter­stützt. Mit ihrem Schiff „Defen­der“ haben sie gezeigt, dass die Krim nach wie vor und für alle Zeiten zur Ukraine gehört. Das Schiff fuhr vor der Krim durch von Russ­land bean­spruchte See­ge­biete fuhr, welche aber nach inter­na­tio­na­lem Recht der Ukraine gehören.

Außer­dem hat selbst die große Fußball-Nation England seit 55 Jahren keinen großen Titel gewin­nen können. Und bei dieser EM blieb die eng­li­sche Mann­schaft auch im fünften Spiel ohne Gegen­tor. Die Ukrai­ner haben also gegen einen wür­di­gen Gegner verloren.

Mit ihrer Fair­ness und ihren skan­dal­freien Auf­trit­ten hat die ukrai­ni­sche Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft jeden­falls viel für das Image der Ukraine getan. Das Land konnte vor welt­wei­tem Publi­kum seine Iden­ti­tät behaup­ten und fes­ti­gen. Dies ist ins­be­son­dere in einer Zeit, in der Putin-Russ­land die Exis­tenz der Ukraine in Abrede stellt, wohl­tu­end und wichtig.

Textende

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ost­ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

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