Ukraine ver­ste­hen heißt, den Krieg zu ver­ste­hen

Spoiled Exile/​Flickr

Die Leip­zi­ger Buch­messe pries die Schön­heit von Serhij Zhadans Schat­tie­run­gen der Düs­ter­nis. Der Über­set­zung seines Kriegs­ro­mans „Inter­nat“ hat sie den Buch­preis ver­lie­hen. Eine Lek­tü­re­emp­feh­lung von Armin Hut­ten­lo­cher.

Viel wird über die Ukraine berich­tet. Zu oft wird noch immer als „Kon­flikt“ bezeich­net, was in Wahr­heit ein Über­fall war und zu einem Krieg wurde, der mitt­ler­weile vier Jahre dauert, Tau­sende Men­schen das Leben gekos­tet, Mil­lio­nen aus ihrer Heimat ver­trie­ben und das Donezk-Becken zu einer ver­wil­dern­den Ödnis zwi­schen zer­stör­ten Dörfern und nie­der­ge­hen­den Städten gemacht hat.

Seit vier Jahren hören wir die Nach­rich­ten, sehen wir Bilder, fühlen wir die Ohn­macht – und wenden wir uns wieder unserem Alltag zu. Serhij Zhadan will das ver­hin­dern. Er stammt aus der Donezk-Region, die so weit ent­fernt zu sein scheint und doch ganz Europa erschüt­tert.

Wo Krieg ist, redu­ziert sich das Leben auf ele­men­tare Dinge. Tage, an denen nichts pas­siert, sind glück­li­che Tage, weil sie Tage des Über­le­bens sind. So gesehen hat Serhij Zhadan einen Roman über den Kriegs­all­tag geschrie­ben, der oft banal scheint, aber jeden Tag zum Kampf ums nackte Über­le­ben wird. Eine Episode unter vielen: Ein Mann möchte den Sohn seiner Schwes­ter von der Schule abholen, weil er gehört hat, dass diese unter Beschuss geraten sei. Um zur Schule zu kommen muss er quer durch die Stadt, was schon schwie­rig genug ist. Auf dem Rückweg gerät er mit dem Jungen voll­ends zwi­schen die Fronten.

Was der Autor schil­dert, ist manch­mal schwer zu ertra­gen und sollte man dennoch gelesen haben. Nicht nur, weil es die Schre­cken, die Grau­sam­keit des Krieges in der Ukraine so lako­nisch, brutal und doch mit­füh­lend vor Augen führt. Sondern auch weil er zeigt, wozu Men­schen in der Lage sind, wenn sie in ihrem tiefs­ten Stolz her­aus­ge­for­dert werden und auf­ge­ben sollen, was sie niemals frei­wil­lig auf­ge­ben würden.

Serhij Zhadans Figuren werden zum Beleg, dass der Krieg aus Men­schen das Schlimmste und das Beste her­vor­brin­gen kann. Er zeigt, dass es selbst unter den här­tes­ten Umstän­den Zusam­men­halt, Ver­bun­den­heit und Mensch­lich­keit gibt – Eigen­schaf­ten, die frei­lich in den meisten Fällen keine Chance zum Über­le­ben haben.

Dieser Roman ist ein Zeugnis dafür, dass Gegen­warts­li­te­ra­tur durch­aus poe­tisch und poli­tisch sein kann. Hoch­po­li­tisch. Zurecht steht Serhij Zhadans Roman „Inter­nat“ im April 2018 auf der SWR-Bes­ten­liste.

Serhij Zhadan, Inter­nat. Berlin: Suhr­kamp 2018, 300 Seiten

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