„Vom Zer­mür­bungs­krieg zum Vernichtungskrieg“

Die Nordbrücke von Kyjiw wurde angesichts wiederholter russischer Angriffe auf die Verkehrsinfrastruktur mit Anti-Drohnen-Netzen geschützt.
Foto: Ukr­in­form

Pres­se­schau ukrai­ni­scher Medien | 23. Sep­tem­ber bis 13. Oktober 2026:
Kyjiwer Brücken unter Beschuss
Haus­halts­krise: Staats­kasse unter Druck
Oleschky: Eine Stadt hungert

Kyjiwer Brücken unter Beschuss

Seit dem 1. Oktober greifen rus­si­sche Strahl­droh­nen gezielt die sechs Dnipro-Brücken in Kyjiw an. Täglich werden sie von mehr als 600.000 Autos befah­ren; auch zwei Metro- und zwei Bahn­ver­bin­dun­gen führen über den Fluss. Schwere Schäden blieben bislang aus. Doch schon Sper­run­gen und Sicher­heits­maß­nah­men ver­ur­sa­chen Staus, Umlei­tun­gen und massive Ver­zö­ge­run­gen. Werden mehrere Über­gänge gleich­zei­tig ein­ge­schränkt, droht Kyjiw entlang des Dnipro ver­kehrs­tech­nisch zwei­ge­teilt zu werden.

„Die wich­tigste Logistikbrücke“

Die Ukra­jinska Prawda erklärt, warum rus­si­sche Drohnen vor allem die Nord- und Süd­brü­cke der Stadt angreifen:

„Nach Ansicht [des Ver­kehrs­pla­nungs­exper­ten Dmytro] Bes­pa­lovs erscheint es aus rus­si­scher Per­spek­tive logisch, gerade diese Brücken ins Visier zu nehmen, um der Stadt und dem gesam­ten Land größt­mög­li­chen wirt­schaft­li­chen Schaden zuzufügen.

‚Die Süd­brü­cke [...] ist die wich­tigste Logis­tik­brü­cke für den Güter­ver­kehr. Güter­trans­porte, die Kyjiw im Transit durch­que­ren, nutzen genau diese Brücke‘, betont der Experte.“

„Die Staats­bahn wäre gespalten“

LIGA.net zeich­net ein düs­te­res Bild für Kyjiw, sollte Russ­land den Verkehr über die Dnipro-Brücken lahmlegen:

„Zu den Folgen [anhal­ten­der Atta­cken auf Kyjiws Brücken] zählt [Mili­tär­ex­perte Viktor Kevliuk] ‚den Verlust der Ufer­ver­bin­dun­gen, die Ver­lang­sa­mung der Logis­tik und die Not­wen­dig­keit, neue Routen und Fluss­über­gänge zu schaf­fen, die auf­grund ihrer Durch­lass­ka­pa­zi­tät den Haupt­brü­cken nach­ste­hen werden.‘

Das Militär [das die Brücken logis­tisch inten­siv nutzt] müsse sich anpas­sen. Das sei möglich, aber schwie­rig: Die Logis­tik werde kom­ple­xer und neue Fluss­über­gänge erfor­der­ten nicht nur orga­ni­sa­to­ri­sche Anstren­gun­gen, sondern auch zusätz­li­che Luft­ver­tei­di­gung, erklärt der Experte.

Am meisten gefähr­det von einer Aus­wei­tung solcher Angriffe sei die Eisen­bahn, so Kevliuk: ‚Der Verlust der Eisen­bahn­brü­cken würde [die ukrai­ni­sche Staats­bahn] Ukr­sa­lis­nyzja in zwei von­ein­an­der iso­lier­ten Insel­un­ter­neh­men teilen.‘“

„Mehr Busse, Fahr­rä­der und E‑Scooter“

Babel ana­ly­siert, wie Kyjiws Ver­kehrs­sys­tem auf die stun­den­lan­gen Unter­bre­chun­gen im Metro­ver­kehr reagie­ren kann:

„Eine Patent­lö­sung [...] gibt es Spe­zia­lis­ten zufolge nicht. Um die Folgen abzu­fe­dern, wenn die Metro zwi­schen den Ufern aus­fällt oder ein­zelne Brücken gesperrt sind, müssen mehr Men­schen mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln beför­dert werden. Diese können stünd­lich mehr Fahr­gäste beför­dern als private Autos. Damit der Nah­ver­kehr in Kyjiw effi­zi­en­ter wird, sind mehrere Maß­nah­men denkbar:

Mehr eigene Fahr­spu­ren für öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel schaf­fen und deren Ein­hal­tung kon­se­quent kontrollieren. [...]

Stark fre­quen­tierte [Bus-]Verbindungen zwi­schen den beiden Ufern [mit mehr Bussen] aufstocken. [...]

Radwege mar­kie­ren. Fahr­rä­der und E‑Scooter können zwar nicht alle Pendler zwi­schen linkem und rechtem Ufer trans­por­tie­ren, aber sie können den Nah­ver­kehr zumin­dest entlasten.“

„Vom Zer­mür­bungs­krieg zum Vernichtungskrieg“

Bei Forbes erklärt der Mili­tär­ex­perte Serhii Zghu­rets, warum Russ­land die Brücken erst jetzt gezielt ins Visier nimmt, obwohl es das seit Beginn der Inva­sion hätte tun können:

„Russ­land ist von einem Zer­mür­bungs­krieg zu einem Ver­nich­tungs­krieg über­ge­gan­gen. [Ziel ist es nun], alle Ein­rich­tun­gen zu zer­stö­ren, die [...] für die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung not­wen­dig sind. Von ein­fa­chen Lager­häu­sern über Lager mit Medi­ka­men­ten und Lebens­mit­teln bis hin zur Wasser- und Energieversorgung. [...]

Dahin­ter steckt eine klare Stra­te­gie: Druck auf die Bevöl­ke­rung und die poli­ti­sche Führung aus­zu­üben. Ver­mut­lich glaubt man im Kreml, auf diese Weise eine Kapi­tu­la­tion erzwin­gen zu können.

Solche Ansätze gab es seit dem Zweiten Welt­krieg immer wieder. Sie blieben damals wir­kungs­los [...]. Nun will man die Stra­te­gie erneut testen – mit dem Mas­sen­ein­satz prä­zi­se­rer Waffen, als es sie zur Zeit des Zweiten Welt­kriegs gab.“

Haus­halts­krise: Dem Staat geht das Geld aus

Der Ukraine fehlt plötz­lich Geld im Haus­halt. Ein Teil der zuge­sag­ten Aus­lands­hilfe kam zu spät oder blieb aus – oft, weil das Par­la­ment nötige Gesetze zu langsam ver­ab­schie­dete. Zugleich brechen die Steu­er­ein­nah­men ein, weil rus­si­sche Angriffe Häfen, Fabri­ken und Lager­häu­ser zer­stö­ren und Unter­neh­men lahm­le­gen. Der akute Finanz­eng­pass zwingt den Staat, fast alle Aus­ga­ben außer für Ver­tei­di­gung, Renten und Gehäl­ter im öffent­li­chen Dienst zu stoppen. Selbst Arbei­ten, die Städte und Ener­gie­netz gegen neue rus­si­sche Angriffe im Winter wappnen sollen, ruhen teilweise.

„56,6 Mil­li­ar­den Dollar in drei Monaten auftreiben“

Sus­pilne schil­dert die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen im Detail:

„Das Haus­halts­de­fi­zit setzt sich aus zwei Summen zusam­men: [...] 29,5 Mil­li­ar­den US-Dollar soll die Ukraine [...] von inter­na­tio­na­len Part­nern erhal­ten im Gegen­zug für innen­po­li­ti­sche Refor­men. [Diese Summe hat die Ukraine noch nicht erhal­ten], weil die Regie­rung 42 Ver­ord­nun­gen nicht ver­ab­schie­det und das Par­la­ment 43 Gesetz­ent­würfe nicht ange­nom­men hat – davon ist die Aus­zah­lung abhängig. [...]

Die andere Lücke von 27 Mil­li­ar­den US-Dollar betrifft den tat­säch­li­chen Ver­tei­di­gungs­haus­halt der Ukraine. Zwar sieht der Haus­halt für 2026 ins­ge­samt 2,8 Bil­lio­nen Hrywnja vor (nach dama­li­gem Kurs rund 67 Mil­li­ar­den US-Dollar), doch die tat­säch­li­chen Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben liegen deut­lich höher. Nach Angaben des [Minis­ter­prä­si­den­ten] Serhij Korez­kyj belau­fen sich die Kosten des Krieges im Jahr 2026 auf 155 Mil­li­ar­den US-Dollar.

[...] Das heißt: Drei Monate vor Jah­res­ende muss die Ukraine noch 56,5 Mil­li­ar­den US-Dollar auf­trei­ben. Zum Ver­gleich: Alle Aus­ga­ben, die Ende 2021 für den Staats­haus­halt 2022 beschlos­sen wurden, belie­fen sich auf rund 55 Mil­li­ar­den US-Dollar.“

„Nur noch Repa­ra­tu­ren kurz vor Fertigstellung“

Der weit­ge­hende Stopp staat­li­cher Inves­ti­ti­ons­aus­ga­ben gefähr­det Dut­zende wich­ti­ger Bau­stel­len. LIGA.net zeigt, welche beson­ders betrof­fen sind:

„Ein Bau­stopp droht [...] ins­be­son­dere bei Schutz­an­la­gen für die Ener­gie­infra­struk­tur (Umspann­werke und Trans­for­ma­to­ren). So ist bei­spiels­weise die zweite Schutz­stufe, [die vor direk­ten Droh­nen­tref­fern vom Typ Shahed schüt­zen soll – Anm. d. Red.] bisher nur an 22 Anlagen fer­tig­ge­stellt. An über 100 wei­te­ren wird noch gearbeitet.

Auch die Resi­li­en­z­pläne der Kom­mu­nen, die die Ener­gie­ver­sor­gung auf den Winter vor­be­rei­ten sollen, sind gefähr­det. Beson­ders die front­na­hen Städte Charkiw, Dnipro und Krywyj Rih sind abhän­gig von der staat­li­chen Finanzierung [...].

Bau­un­ter­neh­men, die Fern­stra­ßen und Straßen in Front­nähe repa­rie­ren, Schutz­räume in Schulen und Kran­ken­häu­sern ein­rich­ten, medi­zi­ni­sche Ein­rich­tun­gen sanie­ren oder Sozi­al­woh­nun­gen bauen, könnten eben­falls ihre Finan­zie­rung verlieren.

Auch die Repa­ra­tur der Was­ser­lei­tung [...], die über eine Million Men­schen in der Oblast Dni­pro­pe­trowsk mit Wasser ver­sorgt, droht zum Still­stand zu kommen.

Ein Stadt­rats­ab­ge­ord­ne­ter aus einer süd­ukrai­ni­schen Stadt berich­tete gegen­über LIGA.net, dass auch seine Kommune die Aus­ga­ben kürze. Die Stadt­ver­wal­tung schließe nur noch Repa­ra­tu­ren ab, die kurz vor der Fer­tig­stel­lung stehen, um fast voll­endete Pro­jekte nicht auf­ge­ben zu müssen.“

„Ein mäch­ti­ges Druckmittel“

Die Ver­ab­schie­dung der nötigen Gesetze könnte das Problem teil­weise lösen. Doch auch Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj müsste handeln – bei der Reform des Staat­li­chen Ermitt­lungs­bü­ros, die er bislang hin­aus­zö­gert. Texty.org.ua ana­ly­siert, warum:

„Ein Gesetz­ent­wurf zur Reform des Staat­li­chen Ermitt­lungs­bü­ros (DBR), ein­ge­bracht von Abge­ord­ne­ten, liegt dem Par­la­ment bereits vor. Ob er eine Mehr­heit findet, bleibt höchst frag­lich. Die Abge­ord­ne­ten der [Prä­si­den­ten­par­tei] würden schnel­ler handeln, wenn [der Prä­si­dent] den Entwurf selbst vor­le­gen würde. Doch das Prä­si­di­al­amt ist seit Monaten nicht in der Lage, Selen­skyjs im Januar dieses Jahres öffent­lich erteilte Anwei­sung umzu­set­zen, das Doku­ment ‚vor­zu­be­rei­ten und unver­züg­lich [dem Par­la­ment zur Prüfung] vorzulegen‘. [...]

Die Zeit drängt. Die Amts­zeit des der­zei­ti­gen DBR-Direk­tors Oleksii Sucha­chov endet am 31. Dezem­ber. Bis zum 31. Oktober muss die Kom­mis­sion, die seinen Nach­fol­ger bestimmt, gebil­det sein. Sollte bis dahin kein neues Gesetz ver­ab­schie­det sein, wird sie nach den alten Regeln zusam­men­ge­stellt – ohne den wirk­sa­men Ein­fluss inter­na­tio­na­ler Experten.

Dabei steht viel auf dem Spiel. Das DBR ermit­telt gegen hoch­ran­gige Amts­trä­ger, sofern die Fälle nicht in die Zustän­dig­keit des Natio­na­len Anti­kor­rup­ti­ons­bü­ros (NABU) fallen, sowie gegen Richter, Staats­an­wälte und Ange­hö­rige der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den. Es kann auch Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen NABU-Ermitt­ler und Staats­an­wälte der Anti­kor­rup­ti­ons­staats­an­walt­schaft (SAP) ein­lei­ten. Zudem unter­sucht es mili­tä­ri­sche Straf­ta­ten wie Deser­tion, uner­laub­tes Ent­fer­nen von der Truppe und Ver­stöße inner­halb der Armee. Wer das DBR kon­trol­liert, hält ein mäch­ti­ges Druck­mit­tel in der Hand – sowohl gegen­über den Sicher­heits­be­hör­den als auch gegen­über den Antikorruptionsermittlern.“

Oleschky: Eine Stadt hungert

Im rus­sisch besetz­ten Oleschky sitzen rund 2.000 Zivi­lis­ten fest – nur 20 Kilo­me­ter (Luft­li­nie) und der Fluss Dnipro trennen die Ort­schaft von Cherson. Rus­si­sche Truppen schrän­ken die Bewe­gungs­frei­heit der Ver­blie­be­nen ein und miss­brau­chen sie als Schutz­schild. Gleich­zei­tig kappt die ukrai­ni­sche Armee Nach­schub­wege, über die Russ­land auch Drohnen für Angriffe auf Cherson liefert. Den Bewoh­nern fehlen Lebens­mit­tel und Medi­ka­mente. Kyjiw drängt auf ihre Eva­ku­ie­rung in ukrai­nisch kon­trol­lier­tes Gebiet – doch Russ­land blockiert.

„Sie begann sofort Mar­me­lade einzukochen“

Hro­madske schil­dert am Schick­sal einer Bewoh­ne­rin die ver­zwei­felte Lage der Menschen:

„Die Jour­na­lis­tin Mariia Semen­chenko ist bereit, über Oleschky zu spre­chen. Heute lebt sie in Kyjiw. Im April hielten sich noch drei Ange­hö­rige von Mariia in der besetz­ten Stadt auf. Zwei von ihnen konnten im Mai eva­ku­iert werden. Eine von ihnen – eine 99-jährige Frau – blieb [im rus­sisch besetz­ten] Ska­dowsk, weil sie die lange Reise nicht bewäl­ti­gen konnte. Die andere, Mariias Tante, gelangte über halb Europa nach Kyjiw. Als sie schließ­lich ankam, war sie so abge­ma­gert, dass ihr die Klei­dung der neun­jäh­ri­gen Tochter der Jour­na­lis­tin passte.

‚Am ersten Tag sagte sie: Ich gehe Brot kaufen. Ich bot ihr an: Ach, ich gehe schnell. Aber meine Tante hielt mich auf: Nein, es ist mir wichtig, dass ich selbst los­ge­hen und Brot kaufen kann. Mehrere Wochen lang kaute sie zwi­schen den Mahl­zei­ten Brot und bat immer wieder: Schnei­det mir ein biss­chen Brot auf,‘ erzählt Mariia.

Für die Tante wurde ein Haus in der Nähe von Kyjiw gemie­tet. Obwohl es bereits Juni war, legte sie dort einen Gemü­se­gar­ten an. Als die ersten Beeren, Früchte und Nüsse reif wurden, begann sie sofort, sie zu trock­nen und Mar­me­lade einzukochen.“

„Woher hast du die Lebensmittel?“

Da sich die Lage im Herbst weiter ver­schärft hat, liefert das ukrai­ni­sche Militär mehrere Tonnen Lebens­mit­tel per Drohne nach Oleschky. Doch auch diese Hilfe stößt auf Pro­bleme, berich­tet RBC-Ukraine:

„Nach Angaben [der Gemein­de­vor­ste­he­rin von Oleschky, Tetiana Hasa­nenko, die sich auf ukrai­nisch kon­trol­lier­tem Gebiet befin­det,] birgt selbst der Empfang von ukrai­ni­schen Hilfs­lie­fe­run­gen für die Bewoh­ner der Stadt Gefahr. Die Besat­zer betrach­te­ten Men­schen, die Unter­stüt­zung von ukrai­ni­schen Sol­da­ten erhal­ten, als Feinde. [...]

‚Man muss sich dafür recht­fer­ti­gen – woher hast du die Lebens­mit­tel?‘, erklärt sie.

Laut Hassa­nenko kämpfen auch die rus­si­schen Besat­zungs­trup­pen mit Ver­sor­gungs­pro­ble­men. Rus­si­sche Sol­da­ten dräng­ten offen­bar in Häuser ein, in denen Ukrai­ner lebten, for­der­ten Lebens­mit­tel und Alkohol, ver­lang­ten Aus­kunft über deren Her­kunft und könnten dabei auch zu Gewalt greifen.

Die Gemein­de­vor­ste­he­rin meint, dass die rus­si­schen Sol­da­ten die ver­blie­be­nen Ein­woh­ner von Oleschky als ‚mensch­li­che Schutz­schilde‘ missbrauchen.

‚[...] Ver­ste­hen sie denn nicht, dass sie diesen Schutz­schild auch ernäh­ren müssen? Denn dieser Schutz­schild kann einfach sterben‘, zitiert sie einen Bewoh­ner von Oleschky.“

Portrait von Christian-Zsolt Varga

Chris­tian-Zsolt Varga ist freier Aus­lands­kor­re­spon­dent mit Schwer­punkt Ukraine, Ungarn und Europas Osten und berich­tet für ver­schie­dene euro­päi­sche Medien aus Kyjiw.

Portrait von Anton Semyzhenko

Anton Semyz­henko ist Redak­teur der eng­lisch­spra­chi­gen Ausgabe von babel.ua in Kyjiw mit über 15 Jahren Berufs­er­fah­rung als Jour­na­list im ukrai­ni­schen Medienbetrieb.

Ukrai­ni­sche Medien

Hro­madske finan­ziert sich durch Crowd­fun­ding, Spenden inter­na­tio­na­ler Geber, Werbung und die Pro­duk­tion von Videos für andere Medien. Journalist:innen grün­de­ten das Online-Nach­rich­ten­por­tal im Novem­ber 2013 zu Beginn des Euro­mai­dan als NGO. Mit mil­lio­nen­fach abge­ru­fe­nen Live­streams wurde Hro­madske rasch zu einem der belieb­tes­ten Online-Medien des Landes.

Später ver­la­gerte sich der Fokus stärker auf Text­bei­träge, während Team, Reich­weite und Res­sour­cen schrumpf­ten. Trotz­dem bleibt Hro­madske eine der ver­läss­lichs­ten Infor­ma­ti­ons­quel­len des Landes. Die Chef­re­dak­teu­rin Daryna Fedenko, zuvor Lei­te­rin der Nach­rich­ten­re­dak­tion des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks Sus­pilne, führt das Portal.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete hromadske.ua 1,8 Mil­lio­nen Seitenaufrufe.

Ukra­jinska Prawda ist eines der meist­ge­le­se­nen Nach­rich­ten­por­tale der Ukraine. Bekannt wurde das Online-Medium vor allem durch inves­ti­ga­tive Recher­chen und die Auf­de­ckung von Kor­rup­ti­ons­fäl­len in der ukrai­ni­schen Regie­rung. Außer­dem ver­öf­fent­licht Ukra­jinska Prawda Repor­ta­gen von der Front, baut sein Podcast- und Video­an­ge­bot aus und betreibt zahl­rei­che spe­zia­li­sierte Ableger zu Themen wie Wirt­schaft, Life­style, Mili­tär­tech­nik und Sport.

Gegrün­det wurde Ukra­jinska Prawda im Jahr 2000 vom ukrai­nisch-geor­gi­schen Jour­na­lis­ten Heorhij Gon­gadse. Er wurde im dar­auf­fol­gen­den Jahr ermor­det, mut­maß­lich auf Ver­an­las­sung des dama­li­gen Prä­si­den­ten Leonid Kut­schma. Chef­re­dak­teu­rin ist heute die bekannte ukrai­nisch-krim­ta­ta­ri­sche Jour­na­lis­tin Sevgil Mus­aieva.

Im Mai 2021 ver­kaufte die dama­lige Eigen­tü­me­rin Olena Prytula 100 Prozent der Anteile an Dragon Capital, eine ukrai­ni­sche Invest­ment­ge­sell­schaft unter Leitung des tsche­chi­schen Unter­neh­mers Tomáš Fiala.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete pravda.com.ua 38,7 Mil­lio­nen Seitenaufrufe.

Sus­pilne Novyny, das Nach­rich­ten­an­ge­bot der ukrai­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­ge­sell­schaft, bietet ein Fern­seh­pro­gramm und ein Online-Nach­rich­ten­por­tal. Der Sender finan­ziert sich durch staat­li­che Mittel und zahl­rei­che inter­na­tio­nale Geber. Er ver­pflich­tet sich zu aus­ge­wo­ge­ner Berichterstattung.

Der Sender steht seit Jahren auf der soge­nann­ten „weißen Liste“ ukrai­ni­scher Medien, die nach Ein­schät­zung der renom­mier­ten ukrai­ni­schen NGO Insti­tute of Mass Infor­ma­tion ein sehr hohes Niveau an zuver­läs­si­gen Infor­ma­tio­nen bieten. Die Liste wird vier­tel­jähr­lich aktualisiert.

Die Nach­rich­ten­re­dak­tion von Sus­pilne ist zudem für sein breites regio­na­les Netz­werk bekannt: Jede Region der Ukraine betreibt ein eigenes Nachrichtenportal.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete die Website suspilne.media 9,9 Mil­lio­nen Aufrufe.

NV ist ein Online-Nach­rich­ten­por­tal, ein vier­tel­jähr­lich erschei­nen­des Print­ma­ga­zin und ein Radio­sen­der. Die Redak­tion berich­tet über inter­na­tio­nale Nach­rich­ten und ukrai­ni­sche Politik. Es legt den Fokus auf inter­na­tio­nale Unter­stüt­zung für die Ukraine, Kor­rup­tion und die Zukunft des Landes. Witalij Sytsch grün­dete NV 2014 und über­nahm die Chef­re­dak­tion. Zuvor arbei­tete Sytsch beim popu­lä­ren Magazin Kor­re­spon­dent. Er und viele heutige NV-Mit­ar­bei­ter ver­lie­ßen Kor­re­spon­dent, nachdem Serhij Kur­tschenko, ein Olig­arch aus Charkiw mit engen Ver­bin­dun­gen zum dama­li­gen Prä­si­dent Wiktor Janu­ko­wytsch, das Medium gekauft hatte. NV gehört zum Ver­lags­haus Media-DK, das dem tsche­chi­schen Unter­neh­mer Tomáš Fiala gehört.

Im Juli 2026 zählte die Website nv.ua 19,6 Mil­lio­nen Seitenaufrufe.

ZN.UA behan­delt poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che, gesell­schaft­li­che und kul­tu­relle Themen. Das Medium ist heute vor allem für seine poli­ti­schen Artikel bekannt, die oft wert­volle Hin­ter­gründe und Ein­bli­cke liefern. Die ursprüng­li­che Print-Zeitung erschien erst­mals 1994 und zählt damit zu den ältes­ten und ein­fluss­reichs­ten Ana­ly­se­me­dien der unab­hän­gi­gen Ukraine. Seit 2020 erscheint sie aus­schließ­lich online – auf Ukrai­nisch, Rus­sisch und Eng­lisch. Die lang­jäh­rige Chef­re­dak­teu­rin, Julija Mostowa, gilt als bekannte ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin und ist mit dem frü­he­ren Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ana­to­lij Hry­zenko ver­hei­ra­tet. ZN.UA steht seit Jahren auf der soge­nann­ten „weißen Liste“ ukrai­ni­scher Medien, die zuver­läs­sig informieren.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete die Website zn.ua 8,5 Mil­lio­nen Aufrufe.

Das ukrai­ni­sche Online-Magazin Babel star­tete im Sep­tem­ber 2018 als Platt­form für die Mit­tel­schicht des Landes. Heute deckt es gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Themen ab, kon­zen­trierte sich anfangs jedoch vor allem auf Wis­sen­schaft und neue Tech­no­lo­gien. Nach dem 24. Februar 2022 stellte Babel die rus­sisch­spra­chige Version der Website ein und ersetzte sie durch eine eng­lisch­spra­chige Ausgabe. Trotz kleiner Redak­tion und begrenz­ter Reich­weite gewann das Magazin mit poli­ti­schen Arti­keln und viel beach­te­ten Recher­chen über Miss­hand­lun­gen von Sol­da­ten in der ukrai­ni­schen Armee an Einfluss.

Babel gehört der Grün­de­rin und Chef­re­dak­teu­rin Kateryna Kober­nyk sowie Olek­sandr Babenko, dem Eigen­tü­mer des Droh­nen­her­stel­lers Vyriy Industries.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete babel.ua 1,2 Mil­lio­nen Aufrufe.

Das Online-Magazin LB gehört zum Gor­s­henin Insti­tute, einem ukrai­ni­schen Thinktank, die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen in der Ukraine und welt­weit ana­ly­siert. LB erlangte vor allem durch seine Inter­views Bekannt­heit. Es behan­delt häufig Themen wie die ukrai­ni­sche Innen- und Außen­po­li­tik sowie gesell­schaft­li­che Fragen. Gegrün­det wurde LB im Juni 2009 unter dem Namen Liwyj Bereh („Linkes Ufer“) – ein Verweis auf das linke Ufer der Ukraine und die links­sei­ti­gen Stadt­teile großer Städte wie Kyjiw, Dnipro und Saporischschja.

Chef­re­dak­teu­rin ist die renom­mierte ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin Sonja Koschkina.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete die Website lb.ua 2,3 Mil­lio­nen Aufrufe.

Das ukrai­ni­sche Online-Nach­rich­ten­por­tal LIGA.net ging im Jahr 2000 an den Start und kon­zen­trierte sich zunächst auf Wirt­schafts­the­men. Später weitete es seine Bericht­erstat­tung auf Politik, Life­style und andere Berei­che aus. Seit 2020 führt das Insti­tute of Mass Infor­ma­tion LIGA auf der „weißen Liste“ ukrai­ni­scher Medien, die ver­läss­lich und korrekt informieren.

Chef­re­dak­teu­rin ist die Jour­na­lis­tin Yuliia Bankova, die zuvor eine Füh­rungs­po­si­tion beim Online-Magazin Hro­madske inne­hatte. Das Portal gehört zur unab­hän­gi­gen Medi­en­hol­ding Liga Media, die Dmytro Bon­da­renko leitet.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete die Website liga.net 4,4 Mil­lio­nen Seitenaufrufe.

Der ukrai­ni­sche Dienst des US-finan­zier­ten Aus­lands­me­di­ums Radio Free Europe/​Radio Liberty (RFE/​RL) nahm bereits 1954 seinen Sen­de­be­trieb auf. 1992 eröff­nete das Medium ein Büro in der Ukraine, das im Laufe der Zeit auf Dut­zende Mit­ar­bei­tende anwuchs.

Heute arbei­tet Radio Svoboda vor allem als Online-Nach­rich­ten­por­tal und pro­du­ziert daneben auch Pod­casts und Video­re­por­ta­gen. Seit 2014 berich­ten die Redak­tio­nen Krim.Realii und Donbas.Realii über die besetzte Krim sowie die Gebiete Donezk und Luhansk. Mit dem Projekt Skhemy („Sche­mata“) verfügt das Medium zudem über eine eigene renom­mierte Investigativredaktion.

Chef­re­dak­teu­rin von Radio Svoboda ist Maryana Drach.

Sei­ten­auf­rufe der Website radiosvoboda.org im Juli 2026: 4,8 Millionen

Das unab­hän­gige Ana­ly­se­me­dium Texty.org.ua wurde von den Jour­na­lis­ten Roman Kul­chyn­sky und Ana­to­liy Bon­da­renko gegrün­det. Kul­chyn­sky leitet die Redak­tion und ist heute Chef­re­dak­teur, während Bon­da­renko vor­wie­gend daten­jour­na­lis­tisch arbei­tet. Ent­spre­chend ist Texty.org.ua ins­be­son­dere für auf­wen­dige Daten­re­cher­chen und Info­gra­fi­ken bekannt. Damit hat sich das Medium eine eigene Nische geschaf­fen und mehrere renom­mierte inter­na­tio­nale Aus­zeich­nun­gen im Bereich des Daten­jour­na­lis­mus gewonnen.

Daneben ver­öf­fent­licht Texty.org.ua hoch­wer­tige Repor­ta­gen und ana­ly­ti­sche Bei­träge, ins­be­son­dere zum rus­si­schen Angriffs­krieg gegen die Ukraine.

Sei­ten­auf­rufe der Website texty.org.ua im Juli 2026: 521.200

The Kyiv Inde­pen­dent wurde im Novem­ber 2021 vom Kern­team der damals füh­ren­den eng­lisch­spra­chi­gen ukrai­ni­schen Zeitung Kyiv Post gegrün­det. Die Journalist:innen hatten das Medium nach einem Kon­flikt mit dessen Eigen­tü­mer ver­las­sen und wollten die neue Redak­tion zunächst für einige Zeit aus eigenen Mitteln finan­zie­ren. Der rus­si­sche Groß­an­griff vier Monate später rückte die Ukraine welt­weit ins Zentrum der Auf­merk­sam­keit – und The Kyiv Inde­pen­dent ent­wi­ckelte sich zu einer der wich­tigs­ten Nach­rich­ten­quel­len über das Land für ein inter­na­tio­na­les Publikum.

Heute ist The Kyiv Inde­pen­dent eines der füh­ren­den eng­lisch­spra­chi­gen Medien der Ukraine und finan­ziert sich vor allem über Spenden seiner Leser:innen. Zudem hat das Medium eine eigene Inves­ti­ga­tiv­re­dak­tion auf­ge­baut, die sich ins­be­son­dere mit rus­si­schen Kriegs­ver­bre­chen befasst.

Chef­re­dak­teu­rin ist die ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin Olha Rudenko.

Sei­ten­auf­rufe der Website kyivindependent.com im Juli 2026: 3,7 Millionen

Jew­ro­pe­jska Prawda wurde im Juni 2014 gegrün­det und berich­tet vor allem über die Inte­gra­tion der Ukraine in die EU und die NATO. Diese Themen gewan­nen damals stark an Bedeu­tung: Nach der Revo­lu­tion der Würde erhielt die Ukraine eine pro­eu­ro­päi­sche Regie­rung, während der Krieg im Osten der Ukraine und die rus­si­sche Anne­xion der Krim zusätz­li­che sicher­heits­po­li­ti­sche Fragen aufwarfen.

Im Laufe der Jahre hat sich das Medium zu einer der wich­tigs­ten Quellen für ver­läss­li­che Infor­ma­tio­nen und Ana­ly­sen zur ukrai­ni­schen Außen­po­li­tik sowie zu Themen der inter­na­tio­na­len Politik ent­wi­ckelt. Da Jew­ro­pe­jska Prawda eng mit Ukra­jinska Prawda koope­riert, wird es häufig als deren Ressort wahr­ge­nom­men. Tat­säch­lich verfügt es jedoch über eine eigen­stän­dige Redak­tion unter der Leitung von Sergiy Sydo­renko. Beide Medien über­neh­men regel­mä­ßig Inhalte von­ein­an­der und ver­öf­fent­li­chen mit­un­ter gemein­sam recher­chierte Beiträge.

Sei­ten­auf­rufe der Website eurointegration.com.ua im Juli 2026: 8,6 Millionen

Die ukrai­ni­sche Nach­rich­ten­agen­tur RBC-Ukraine wurde 2006 als Tochter des rus­si­schen Medi­en­un­ter­neh­mens RBC (Ros­Busi­ness­Con­sul­ting) gegrün­det. Seit 2012 bestehen nach Angaben des Unter­neh­mers Jossyp Pintus, der das ukrai­ni­sche Unter­neh­men damals über­nahm, keine Ver­bin­dun­gen mehr zwi­schen beiden Firmen – abge­se­hen vom gemein­sa­men Markennamen.

Seit 2014 ist die Website von RBC-Ukraine in Russ­land gesperrt. Anlass waren Artikel, die von den rus­si­schen Behör­den als „extre­mis­tisch“ ein­ge­stuft wurden – eine Bezeich­nung, die in Russ­land auch für Posi­tio­nen ver­wen­det wird, die der offi­zi­el­len Linie gegen­über der Ukraine widersprechen.

Heute gehört RBC-Ukraine zu den meist­ge­le­se­nen Nach­rich­ten­por­ta­len des Landes. In seiner poli­ti­schen Bericht­erstat­tung äußert sich das Medium ver­gleichs­weise wohl­wol­lend über Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj und dessen Umfeld.

Jossyp Pintus bezeich­net RBC-Ukraine als sein wich­tigs­tes Geschäft. Zuvor war er im Bereich Online-Werbung und Traffic-Ver­mark­tung tätig. Chef­re­dak­teur ist Ros­tys­law Schaprawskyj.

Sei­ten­auf­rufe von rbc.ua im Juli 2026: 19 Millionen

Die ukrai­ni­sche Ausgabe des Maga­zins Forbes erscheint seit März 2011, mit einer Unter­bre­chung von 2016 bis 2020. Heute beschäf­tigt sich das Medium vor allem mit der ukrai­ni­schen Kriegs­wirt­schaft und der Frage, wie das Land die wirt­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen des rus­si­schen Angriffs­kriegs bewältigt.

Forbes Ukraine gehört dem Unter­neh­mer Artur Grants, der ein Netz­werk von Duty-Free-Geschäf­ten betreibt, und ist eines der wenigen ukrai­ni­schen Medien, die auch wei­ter­hin als Print­aus­gabe erscheinen.

Chef­re­dak­teur ist Borys Davy­denko, der zuvor LIGA.net leitete. Das Medium ver­tritt wirt­schafts­li­be­rale Posi­tio­nen und legt einen beson­de­ren Schwer­punkt auf Unter­neh­mer­tum und freie Marktwirtschaft.

Sei­ten­auf­rufe von forbes.ua im August 2026: 1,5 Millionen

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