Inter­view: Paweł Kacz­mar­c­zyk über ukrai­ni­sche Arbeits­mi­gra­tion nach Polen

© Shut­ter­stock

Zur Hoch­sai­son arbei­ten mehr als 1.5 Mil­lio­nen Ukrai­ner in Polen. Woran liegt es, dass Polen ein solch belieb­tes Ziel für ukrai­ni­sche Arbei­ter ist? Kate­ryna Semtschuk und Iryna Schapow­a­lowa haben mit dem pol­ni­schen Migra­ti­ons­for­scher Paweł Kacz­mar­c­zyk gespro­chen.

Die Arbeits­mi­gra­tion der Ukrai­ner nach Polen, Tsche­chien, Ungarn und andere Länder hält schon seit einigen Jahren an. In Polen hält sich die wohl größte Anzahl auf – Schät­zun­gen zufolge bis zu ein­ein­halb Mil­lio­nen Ukrai­ner. Das ist eine der größten Migra­ti­ons­be­we­gun­gen in der jüngs­ten Geschichte der Ukraine, doch auch für Polen selbst ist es ein beson­de­res Prozess.

Es gibt viele Gründe, weshalb die Ukrai­ner Polen als Ziel­land aus­wäh­len. Die Wich­tigs­ten sind der Zugang zu legaler Beschäf­ti­gung und der Auf­ent­halts­sta­tus im Land. Dies wurde möglich durch die Ver­ein­fa­chung des Ver­fah­rens zur Beschäf­ti­gung von Aus­län­dern aus Belarus, Arme­nien, Geor­gien, der Repu­blik Moldau, Russ­land und der Ukraine. Laut der neuen Bestim­mun­gen, die seit Anfang 2018 wirksam sind, können Staats­bür­ger dieser Länder jedes Jahr bis zu sechs Monate auf Grund­lage eines ledig­lich vom Arbeit­ge­ber zu stel­len­den „Antrags zur Beschäf­ti­gung eines Aus­län­ders“ tätig werden.

Doch was wissen wir über die Arbeits­mi­gra­tion der Ukraine nach Polen? Es ist zwei­fel­los bekannt, dass die Ukrai­ner weniger als die Polen ver­die­nen und dabei länger arbei­ten. Doch sind dies migra­ti­ons­ty­pi­sche Erschei­nun­gen. Über alles andere ist wenig bekannt, da die Arbeits­mi­gra­tion bis heute – ins­be­son­dere von ukrai­ni­scher Seite – ein kaum unter­such­tes Phä­no­men ist.

Um also die Natur der Arbeits­mi­gra­tion nach Polen besser zu ver­ste­hen, hat das pol­ni­sche Magazin Krytyka Poli­ty­czna (Poli­ti­cal Cri­tique) mit dem pol­ni­schen For­scher Paweł Kacz­mar­c­zyk vom Zentrum für Migra­ti­ons­for­schung an der Uni­ver­si­tät War­schau gespro­chen. Am Zentrum wird seit vielen Jahren zu Migra­ti­ons­the­men geforscht; zunächst zur Emi­gra­tion von Polen ins Ausland, später dann zur Immi­gra­tion nach Polen selbst. Im Gespräch mit Kacz­mar­c­zyk wollten wir mehr über die unter­schied­li­chen  Beschäf­ti­gungs­for­men und die Arbeits­be­din­gun­gen der Ukrai­ner in Polen herausfinden.In welcher Hin­sicht sind ihre Erfah­run­gen ein­zig­ar­tig?

For­schen Sie derzeit zur ukrai­ni­schen Arbeits­mi­gra­tion?

Mein aktu­el­les For­schungs­pro­jekt unter­sucht die Inte­gra­tion der Migran­ten in den Arbeits­markt. Zum einen geht es hier um Migran­ten aus der Ukraine, zum anderen aus asia­ti­schen Ländern (China und Vietnam). Leider warten wir noch auf die Aus­wer­tung der Umfra­ge­er­geb­nisse, daher kann ich an dieser Stelle nicht viel dazu sagen.

Im Novem­ber ver­gan­ge­nen Jahres haben wir eine Studie unter dem Titel „Ein­wan­de­rung nach Polen im Kontext des ver­ein­fach­ten Ver­fah­rens zur Beschäf­ti­gung von Aus­län­dern“ abge­schlos­sen. Sie rückte die­je­ni­gen in den Fokus, die auf Grund­lage des ver­ein­fach­ten Ver­fah­rens nach Polen gekom­men sind; in erster Linie auf Grund­lage der „Anträge zur Beschäf­ti­gung eines Aus­län­ders“.

Was haben Sie her­aus­ge­fun­den?

Zunächst muss ich betonen, dass uns das ver­ein­fachte Ver­fah­ren nicht ohne Grund inter­es­siert – gegen­wär­tig stellt es den Haupt­zu­gang zum pol­ni­schen Arbeits­markt dar.

Und das Ver­fah­ren tan­giert Belarus, Arme­nien, Geor­gien, die Repu­blik Moldau, Russ­land und die Ukraine, richtig?

Ja, doch 95 Prozent der Arbeit­neh­mer sind ukrai­ni­sche Staats­bür­ger, sodass wir uns auf diese Gruppe kon­zen­trie­ren können.

Wir haben uns vor allem mit der tat­säch­li­chen Anzahl von Ukrai­nern in Polen aus­ein­an­der­ge­setzt, die wir auf 1,1 bis 1,2 Mil­lio­nen schät­zen. Nimmt man noch die Anzahl der­je­ni­gen hinzu, die auf Grund­lage einer regu­lä­ren Arbeits­er­laub­nis hier­her­kom­men, dann halten sich in der Hoch­sai­son knapp ein­ein­halb Mil­lio­nen ukrai­ni­sche Arbeit­neh­mer in Polen auf.

Was bringt sie dazu, Arbeit in Polen zu suchen?

Erstens ist mit Kriegs­be­ginn in der Ost­ukraine ein Faktor auf­ge­taucht, der die Ein­woh­ner stärker als bisher zur Aus­reise ver­an­lasst hat. Dies belegen sämt­li­che Daten. Ein zweiter Faktor ist auf pol­ni­scher Seite zu suchen: Die Akti­vi­tät von Arbeits­agen­tu­ren und Ver­mitt­lungs­un­ter­neh­men ist gestie­gen. So waren solche Agen­tu­ren unserer Umfrage zufolge im Jahr 2017 (2018 noch deut­li­cher) für rund 40 Prozent sämt­li­cher ein­ge­reich­ter Doku­mente – und damit für „Anträge zur Beschäf­ti­gung eines Aus­län­ders“ – in den Arbeits­äm­tern auf Land­kreis­ebene ver­ant­wort­lich.

Haben die Arbeits­agen­tu­ren den pol­ni­schen Arbeits­markt ver­än­dert?

Die Ukrai­ner sind in neue Seg­mente des Arbeits­mark­tes vor­ge­drun­gen. Die meisten sind nach wie vor im Indus­trie­sek­tor tätig, die Land­wirt­schaft hat erheb­lich an Bedeu­tung ver­lo­ren, und die häus­li­chen Dienst­leis­tun­gen bleiben zu einem gewis­sen Grad wichtig. Doch die Mehr­heit der Ukrai­ner ist in neuen Dienst­leis­tungs­bran­chen wie der Gas­tro­no­mie, dem Hotel­we­sen oder dem Handel tätig. Das kann natür­lich auf den Bedarf an ukrai­ni­schen Arbeits­kräf­ten seitens pol­ni­scher Arbeit­ge­ber zurück­ge­führt werden, doch ein anderer wesent­li­cher Grund hierfür ist meines Erach­tens die Tätig­keit der Ver­mitt­lungs­agen­tu­ren. Diese ermu­ti­gen auch Men­schen zur Aus­reise, die keine Ver­bin­dun­gen, Kon­takte und Migra­ti­ons­netz­werke oder Wissen über das Land selbst haben, aber dennoch geneigt sind her­zu­kom­men, sofern sämt­li­che For­ma­li­tä­ten für sie gere­gelt werden.

Welche Rolle spielen diese Agen­tu­ren für die Leute vor Ort?

Das ist Gegen­stand einer breiten Dis­kus­sion. Werfen wir einen Blick auf die Erfah­run­gen pol­ni­scher Migran­ten in den Nie­der­lan­den.

Die Nie­der­lande sind in gewis­ser Hin­sicht ein beson­de­res Land: ein sehr großer Teil der Beschäf­ti­gung wird über Zeit­ar­beits­fir­men ver­mit­telt. Auch für die Nie­der­län­der selbst. Dies erwies sich als attrak­ti­ves Konzept für nie­der­län­di­sche Arbeit­ge­ber und pol­ni­sche Arbeit­neh­mer. Warum? In diesem Fall geht es um sai­so­nale Beschäf­ti­gung, oder – mehr noch –, um Arbeit, bei der die Zeit­ar­beits­firma einen Mit­ar­bei­ter für fünf Stunden zu dem einen, dann für sechs Stunden zu dem anderen Unter­neh­men schi­cken kann.

Was hat das mit den Ukrai­nern zu tun?

Irgend­wann waren die aktivs­ten Polen mit der höchs­ten Migra­ti­ons­be­reit­schaft bereits fort­ge­reist. Statt­des­sen gab es eine sehr große Anzahl an Per­so­nen, die sich in Polen mehr schlecht als recht durch­schlug und ent­we­der Pro­bleme auf dem Arbeits­markt hatte oder der Ansicht war, dass sie mehr ver­die­nen könnte oder sollte. Diese wurde offen­sicht­lich zur Ziel­gruppe der Ver­mitt­lungs­agen­tu­ren und konnte durch sie rekru­tiert werden. Die Zusam­men­ar­beit mit der Agentur hat zur Folge, dass der Arbeit­neh­mer (zumin­dest theo­re­tisch) von einer Reihe von Pflich­ten und Risiken befreit ist, da der Mittler für den Arbeits­ver­trag zustän­dig ist und nicht nur für die Arbeit, sondern auch für die Unter­kunft sorgt und häufig sämt­li­che For­ma­li­tä­ten über­nimmt. So kann sich der Beschäf­tigte darauf kon­zen­trie­ren, Geld zu ver­die­nen und es an seine Familie zu schi­cken.

Wie viele Men­schen in Polen sind über solche Arbeits­agen­tu­ren beschäf­tigt?

Das lässt sich nur schwie­rig beant­wor­ten. Die bereits genannte Studie vom ver­gan­ge­nen Jahr schloss Zeit­ar­beits­agen­tu­ren mit ein, stellte uns jedoch vor große Pro­bleme. Es erwies sich als sehr schwie­rig, quan­ti­ta­tive Erhe­bun­gen bei diesen Agen­tu­ren zu rea­li­sie­ren, sodass wir qua­li­ta­tive Unter­su­chun­gen durch­ge­führt haben.

Weil die Agen­tu­ren keinen Zugang zu ihren Daten gewäh­ren?

Ja, das ist nicht einfach. Ange­nom­men, ein Arbeit­ge­ber regis­triert eine Absichts­er­klä­rung zur Beschäf­ti­gung eines Aus­län­ders. So weit, so simpel: wir haben ein Unter­neh­men und Per­so­nen, die für das Unter­neh­men arbei­ten. Regis­triert jedoch eine Zeit­ar­beits­agen­tur eine solche Erklä­rung, haben wir das Problem, dass die Arbeit­neh­mer in kom­plett unter­schied­li­chen Unter­neh­men tätig sein können. Wenn eine Agentur etwa in War­schau ange­mel­det ist, bedeu­tet das nicht, dass der Mit­ar­bei­ter auch dort arbei­tet. Unsere Erfah­rung hat gezeigt, dass die Agen­tu­ren (oder deren Toch­ter­un­ter­neh­men) häufig dort ansäs­sig sind, wo die Anmel­dung am ein­fachs­ten von­stat­ten­geht.

Darüber hinaus spre­chen wir über ein aktu­el­les Phä­no­men. Es steht nicht zu erwar­ten, dass wir aus der Studie ein­deu­tige empi­ri­sche Schluss­fol­ge­run­gen ziehen können. Daher lohnt es sich, einen Blick auf die pol­nisch-nie­der­län­di­sche Erfah­rung zu werfen, die uns mög­li­che Risiken lehren kann.

Bei­spiels­weise?

Meiner Ein­schät­zung nach macht sich ein Teil der Pro­bleme bereits in Polen bemerk­bar. Das erste Risiko besteht in der Ver­wi­schung von Rollen und Ver­ant­wort­lich­kei­ten. Wir haben etwa einen Mit­ar­bei­ter, den eine Person nach Polen geholt hat. Der Mit­ar­bei­ter kann dabei jedoch nicht beur­tei­len, ob er für diese Person arbei­tet oder für eine Agentur. Man kann natür­lich sagen, dass das für ihn keine Rolle spielt, doch unter bestimm­ten Umstän­den kann das rele­vant sein – wenn dem Mit­ar­bei­ter etwa kein Lohn aus­ge­zahlt wird oder ihm ein Unfall zustößt.

Ein anderes Problem, das in den Nie­der­lan­den deut­lich zutage getre­ten ist und sich nun in Polen bemerk­bar macht, betrifft die Wohn­si­tua­tion. In den Nie­der­lan­den herr­schen strenge Vor­schrif­ten, was den Erwerb oder die Ver­mie­tung von Woh­nun­gen für Aus­län­der angeht. Dadurch ist es für ein großes Unter­neh­men mit bei­spiels­weise 500 aus­län­di­schen Beschäf­tig­ten nahezu unmög­lich, diese in Miet­woh­nun­gen unter­zu­brin­gen. Dies ermu­tigt die Agen­tu­ren zu Inves­ti­tio­nen und dem Bau einer Art von Arbei­ter­wohn­hei­men, rie­si­gen Gebäu­den, in denen mehrere Arbei­ter in einem Zimmer leben.

Mir scheint, dass es sich im Falle von War­schau vor allem um Pri­vat­ge­bäude in der Region Tar­gówek handelt.

Wie gesagt, zum pol­ni­schen Bei­spiel wissen wir wenig.

Arbeits­be­dingt habe ich eine gewisse Zeit in den Nie­der­lan­den ver­bracht. Unter anderem haben wir die Arbei­ter­wohn­heime auf­ge­sucht. Das war eine sehr schlimme Erfah­rung.

An einem solchen Ort ist Dis­zi­plin das oberste Gebot. Dies führte zu einer Aus­gangs­sperre nach 22 Uhr; danach wurde das Licht aus­ge­schal­tet. Für jeden noch so kleinen Verstoß wurden hohe Geld­stra­fen ver­hängt. Wenn jemand etwa eine Bier­dose ste­hen­ließ und nicht ent­sorgte, konnte er dafür eine Geld­strafe von 200 Euro erhal­ten. Das wurde dann natür­lich vom Gehalt abge­zo­gen, und infol­ge­des­sen schrumpfte das Gehalt der Leute durch diese Strafen emp­find­lich. Am Arbeits­platz war es den Polen ver­bo­ten, sich in ihrer Mut­ter­spra­che zu unter­hal­ten. Das sind keine Klei­nig­kei­ten, so etwas hat Aus­wir­kun­gen auf das Wohl­be­fin­den dieser Men­schen.

Wenn der Person die Arbeit nicht zusagte oder sich ein Unfall ereig­nete, führte dies häufig dazu, das die Person ohne weitere Unter­stüt­zung vor die Tür gesetzt wurde.

Hinzu kommt, dass die Zeit­ar­beits­agen­tu­ren und Per­so­nal­dienst­leis­ter kein Inter­esse an der Inte­gra­tion ihrer Kli­en­ten haben. Viele behaup­ten etwa, dass sie Sprach­kurse anbie­ten, was sich dann als Lüge her­aus­stellt. Aus Sicht der Agen­tu­ren ist es am loh­nens­wer­tes­ten, wenn sie es mit Men­schen zu tun haben, die außer­halb der Agentur nicht exis­tie­ren können.

Damit die Men­schen von ihnen abhän­gig sind?

Tat­säch­lich beschreibt das Wort „abhän­gig“ die Bezie­hung sehr tref­fend. Das kommt in unserer Studie klar zum Vor­schein.

Dann kommen wir zurück zu Ihrer Studie. Mich inter­es­sie­ren die Arbeits­be­din­gun­gen der Ukrai­ner in Polen. Wie viele Stunden arbei­ten die Ukrai­ner durch­schnitt­lich?

Sehr unter­schied­lich. Die längs­ten Arbeits­zei­ten finden wir in der Land­wirt­schaft und bei den häus­li­chen Dienst­leis­tun­gen. In diesen Bran­chen arbei­ten die Leute an sieben Tagen die Woche, zehn bis 12 Stunden am Tag. Auf dem Bau, in der Indus­trie und der Gas­tro­no­mie weichen die Zeiten nur unwe­sent­lich vom Durch­schnitt pol­ni­scher Arbeit­neh­mer ab.

Wie hoch ist das Durch­schnitts­ge­halt der Ukrai­ner?

Die Löhne sind im Durch­schnitt nied­ri­ger als die von pol­ni­schen Arbeit­neh­mern (13 Zloty die Stunde, etwas über 90 Griw­nija – Anm. d. Autoren), aber nicht so niedrig, wie man glauben könnte.

Einen, zwei Zloty nied­ri­ger?

Ich würde sagen, zehn bis 20 Prozent nied­ri­ger. Die Ver­füg­bar­keit ist dabei ein ent­schei­den­der Faktor. Es geht um Arbeit­neh­mer, die noch keine Familie in Polen haben und also auch die Sams­tags- und Sonn­tags­schich­ten über­neh­men können.

Die Migra­ti­ons­for­schung hat dafür den Begriff Target Earner geprägt. Dar­un­ter wird eine Person ver­stan­den, deren ein­zi­ges Ziel im Ausland darin besteht, mög­lichst viel Geld zu ver­die­nen und dieses in sein Hei­mat­land zu schi­cken.

Welche Stellen beset­zen die ukrai­ni­schen Arbeit­neh­mer übli­cher­weise in Polen?

Unsere Unter­su­chung hat gezeigt, dass die Polen zumeist in lei­ten­den oder fach­li­chen Posi­tio­nen tätig sind, wohin­ge­gen die Ukrai­ner gering- oder mit­tel­qua­li­fi­zierte Stellen anneh­men. Das ist pro­ble­ma­tisch, da 40 Prozent dieser Arbeits­mi­gran­ten eine Hoch­schul­aus­bil­dung haben.

Welche poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen hat die Arbeits­mi­gra­tion der Ukrai­ner in Polen?

Hier muss man zwi­schen kurz­fris­ti­gen und lang­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen unter­schei­den. Kurz­fris­tig sehen wir ein­deu­tig einen posi­ti­ven Ein­fluss. Die Ukrai­ner füllen die Lücken auf dem pol­ni­schen Arbeits­markt, weshalb sich einige Bran­chen glän­zend ent­wi­ckeln – so etwa der Agrar­sek­tor. Viele Berei­che in der Land­wirt­schaft weisen in den letzten Jahren ein dyna­mi­sches Wachs­tum auf, nur weil die Polen auf ein relativ bil­li­ges Reser­voir an Arbeits­kräf­ten zurück­grei­fen konnten.

Immer mehr Ukrai­ner nutzen das pol­ni­sche Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem. Ob sie in Zukunft Anspruch auf Ren­ten­zah­lun­gen haben, ist umstrit­ten und hängt maß­geb­lich von den bila­te­ra­len Abkom­men zwi­schen Polen und der Ukraine ab.

Über die lang­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen können wir nur mut­ma­ßen. Erstens bedeu­tet die Tat­sa­che, dass pol­ni­sche Arbeit­neh­mer kurz­fris­tig nicht vom Arbeits­markt ver­drängt werden, nicht, dass dies auf lange Sicht nicht doch gesche­hen kann.

Zwei­tens haben wir das Problem, dass die pol­ni­schen Arbeit­ge­ber auf die billige Arbeits­kraft aus der Ukraine setzen, anstatt die Pro­duk­ti­vi­tät durch Inves­ti­tio­nen in die Technik zu stei­gern. Diese Stra­te­gie ist riskant und anfäl­lig gegen­über kon­junk­tu­rel­len Schwan­kun­gen oder Ände­run­gen der Migra­ti­ons­ziele der Ukrai­ner; diese können sich ändern, oder die Ausmaße der Migra­tion werden einfach kleiner.

Was ist mit dem Ein­fluss auf die poli­ti­sche Agenda?

Es mag über­ra­schend anmuten, doch die Arbeits­mi­gra­tion nach Polen ist kein Gegen­stand der poli­ti­schen Debatte. Mehr noch, in Polen wird mehr über solche Migran­ten gespro­chen, die es hier nicht gibt, als über die Arbeits­mi­gran­ten.

Das liegt mög­li­cher­weise an den posi­ti­ven Effek­ten der Arbeits­mi­gra­tion aus der Ukraine, oder daran, dass die Poli­ti­ker der Regie­rungs­par­tei, die nicht gerade sehr migra­ti­ons­freund­li­che Posi­tio­nen ver­tre­ten, dabei jedoch begrei­fen, dass ein Teil ihrer Wäh­ler­schaft von der Arbeits­kraft der Migran­ten pro­fi­tiert und auf sie ange­wie­sen ist. In diesem Zusam­men­hang werden – aller Rhe­to­rik zum Trotz – viele Maß­nah­men zur Immi­gra­ti­ons­för­de­rung ergrif­fen. Polen hat gegen­wär­tig eine sehr libe­rale Gesetz­ge­bung, was den Zugang von Aus­län­dern zum Arbeits­markt betrifft.

Welchen Ein­fluss haben ukrai­ni­sche Migran­ten auf die Zukunft Polens?

Das ist meiner Ansicht nach eine der größten aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen für Polen, viel wich­ti­ger als die Dis­kus­sion darüber, ob das Land „seine“ ukrai­ni­schen Arbeit­neh­mer durch das neue Zuwan­de­rungs­ge­setz in Deutsch­land bald an den deut­schen Arbeits­markt ver­lie­ren wird. Unsere Unter­su­chun­gen zeigen, dass sowohl der Anteil der ukrai­ni­schen Arbeits­mi­gran­ten, die sich dau­er­haft in Polen nie­der­las­sen wollen, ebenso steigt wie der Anteil der­je­ni­gen, die ihre Fami­lien mit­neh­men. Für Polen wäre es das Beste, einen Teil dazu zu ermu­ti­gen, sich hier nie­der­zu­las­sen.

Damit dies geschieht, brau­chen die Men­schen erstens Zugang zur sprach­li­chen Fort­bil­dung. Zwei­tens müssen ihre Abschlüsse aner­kannt werden, damit die Qua­li­fi­ka­tio­nen ent­spre­chend genutzt werden können, und also den Wechsel von sai­so­na­len zu höher­qua­li­fi­zier­ten Arbeits­plät­zen zu meis­tern. Drit­tens braucht es Zugang zu öffent­li­chen Dienst­leis­tun­gen wie dem Schul­sys­tem, der Gesund­heits­für­sorge, und so weiter.

Sie erwähn­ten das neue Zuwan­de­rungs­ge­setz, das kürz­lich in Deutsch­land beschlos­sen wurde. Darin wurde das Ver­fah­ren zur Beschäf­ti­gung von Aus­län­dern aus Dritt­staa­ten außer­halb der EU ver­ein­facht. Was ist in diesem Zusam­men­hang von pol­ni­schen Befürch­tun­gen zu halten, wonach alle Ukrai­ner dem­nächst in Rich­tung Deutsch­land aus­wan­dern werden?

Zunächst: es ist von zwei Geset­zen die Rede. Das erste betrifft Flücht­linge, das zweite Migran­ten. Zwei­tens treten diese Gesetze noch nicht in diesem Jahr in Kraft. Vor allem aber ist das Gesetz an Fach­kräfte gerich­tet.

Ich glaube, es geht hier vor allem darum, wie diese Fach­kräfte künftig iden­ti­fi­ziert werden sollen. Rein logisch gedacht sind das Per­so­nen, deren beruf­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen aner­kannt werden. Falls dem so sein sollte, dann wird sich durch das neue Gesetz nicht viel ändern, da Fach­kräfte bereits jetzt pro­blem­los in Deutsch­land arbei­ten können. Die Rege­lung, dass ein Job­an­ge­bot exis­tie­ren muss, bleibt bestehen. Ein Spe­zia­list kann auf Basis der „Blauen Karte“ tätig werden – nicht nur in Deutsch­land, sondern in der gesam­ten EU.

Die Deut­schen haben ein System zur Aner­ken­nung von Qua­li­fi­ka­tio­nen, doch die Prüf­ver­fah­ren ziehen sich über mehrere Monate hin. Die Frage ist, ob man von der Ukraine aus die Aner­ken­nung der Bil­dungs­ti­tel bean­tra­gen können wird, und welche Deutsch­kennt­nisse erfor­der­lich sein werden.

Was ist von dem in der Ukraine weit­ver­brei­te­ten Argu­ment zu halten, wonach es besser sei, Euro zu ver­die­nen als Zloty, und das also auf die Vor­teile der Arbeit in Deutsch­land ver­weist?

Natür­lich ist das Gehalt höher. Doch die Risiken sind es eben­falls.

Ich sehe zwei Pro­bleme, über die selten gespro­chen wird. Die größte Gefahr bei der poten­zi­el­len Aus­la­ge­rung ukrai­ni­scher Arbeits­kräfte von Polen nach Deutsch­land stellen die Zeit­ar­beits­agen­tu­ren und Per­so­nal­ver­mitt­ler dar – schon jetzt rekru­tie­ren sie Ukrai­ner für den pol­ni­schen Arbeits­markt und senden sie dann auf „Geschäfts­reise“ nach Deutsch­land oder Tsche­chien.

Die zweite, schwer abzu­schät­zende Gefahr besteht darin, dass Deutsch­land und die Ukraine über ein bila­te­ra­les Abkom­men zur Sai­son­ar­beit nach­den­ken. Dies würde die Bedin­gun­gen grund­le­gend ver­än­dern.

Das dritte Problem betrifft das demo­gra­phi­sche Poten­zial der Ukraine, das viel schnel­ler aus­ge­schöpft sein wird als in Polen. Natür­lich ist das keine Frage von fünf oder zehn Jahren, aber schon in 15 Jahren kann nicht mehr von einem bestän­di­gen Nach­schub von ukrai­ni­schen Arbeit­neh­mern für den pol­ni­schen Nied­rig­lohn­sek­tor aus­ge­gan­gen werden. Die Ukraine wird die Arbei­ter selbst brau­chen – sie benö­tigt sie schon heute.

Es handelt sich um die gekürzte auto­ri­sierte Über­set­zung eines Textes, der im Rahmen des jour­na­lis­ti­schen Pro­jek­tes „Auf den Spuren der Arbeit“ mit Unter­stüt­zung der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung in der Ukraine rea­li­siert wurde.

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