„Ein Teil der Truppe war gegen mich“

Foto: privat

Die Tole­ranz gegen­über der LGBT-Com­mu­nity ist in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft in den letzten Jahren stark gestie­gen. Trotz­dem kommt es immer noch zu Dis­kri­mi­nie­rung. Die Geschichte einer bise­xu­el­len Scharf­schüt­zin, die in der ukrai­ni­schen Armee kämpft. Von Anna Romandash

„Bise­xua­li­tät hat mich immer beglei­tet: Als Kind dachte ich, dass alle so sind wie ich und dass alle sowohl Mädchen als auch Jungen mögen. Als Teen­ager erfuhr ich, dass man das Bise­xua­li­tät nennt“, sagt Ivanna, eine 26-jährige Sol­da­tin der ukrai­ni­schen Streit­kräfte. Sie trat Jahre vor der rus­si­schen Inva­sion in die Armee ein und wurde zunächst zur Sani­tä­te­rin und dann zur Scharf­schüt­zin aus­ge­bil­det. Ivanna [Anm. der Red.: Name geän­dert] möchte ihre Iden­ti­tät geheim halten. Sie sagt, so sei es einfacher.

Die Offen­heit der Ukrai­ner gegen­über der LGBT-Com­mu­nity hat sich erst in den letzten Jahren ver­bes­sert. Im Jahr 2016 hatten noch 60 Prozent der Ukrai­ner eine nega­tive Ein­stel­lung gegen­über LGBT, jetzt sind es nur noch 38 Prozent. Der Anteil der Men­schen mit einer posi­ti­ven Ein­stel­lung zu LGBT stieg von 3,3 Prozent im Jahr 2016 auf 12,8 Prozent im Jahr 2022. Knapp die Hälfte der Befrag­ten hat eine neu­trale Ein­stel­lung. Ältere Men­schen sind am wenigs­ten emp­fäng­lich für LGBT, während Jugend­li­che unter 29 Jahren am offens­ten und tole­ran­tes­ten sind.

Nach Angaben von „Nash Svit“, einem LGBT-Men­schen­rechts­zen­trum, hat der Beginn der rus­si­schen Inva­sion in der Ukraine im Jahr 2014 eine große Ver­än­de­rung in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft mar­kiert. Da die Ukrai­ner zuneh­mend eine stär­kere euro­päi­sche Inte­gra­tion unter­stütz­ten, gingen sie auch stärker auf die LGBT-Rechte ein, und die LGBT-Bewe­gun­gen erhiel­ten mehr Auf­merk­sam­keit. Gewalt gegen die LGBT-Com­mu­nity nimmt der Orga­ni­sa­tion zufolge ständig ab. Dennoch gibt es nach wie vor Pro­bleme. Akti­vis­ten betonen die Not­wen­dig­keit, die gleich­be­rech­tigte Ehe gesetz­lich zu ver­an­kern, Hass­ver­bre­chen zu unter­su­chen und den Kampf gegen die all­täg­li­che Homo­pho­bie zu normalisieren.

„Ich hatte nie Pro­bleme mit Bezie­hun­gen oder damit, wie andere mich wahr­neh­men“, sagt Ivanna, „ich bin sehr kreativ und kom­mu­ni­ka­tiv.“ Bevor sie zur Armee ging, stu­dierte sie Phi­lo­lo­gie und arbei­tete als Redak­teu­rin und Künst­le­rin. Als sie dann ihr Studium abschloss, beschloss sie, als Frei­wil­lige in den Osten zu gehen. Zu dieser Zeit begann der Krieg im Donbas, als rus­si­sche Streit­kräfte Teile der Ost­ukraine besetz­ten und die Halb­in­sel Krim annek­tier­ten. Im Donbas diente Ivanna als Sanitäterin.

Frauen an der Front

Seit Beginn der rus­si­schen Inva­sion im Februar hat die Zahl von Frauen, die sich für das Militär ein­schrei­ben, stark zuge­nom­men. Inzwi­schen sind etwa 22 Prozent in der ukrai­ni­schen Armee weib­lich. Viele von ihnen sind als Sani­tä­te­rin­nen oder in anderen unter­stüt­zen­den Rollen tätig. Doch inzwi­schen steigt auch die Zahl von Kom­man­dan­tin­nen. Auch Ivanna sah darin kein Hindernis.

„Wenn das eigene Land in Gefahr ist, leistet man seinen Beitrag, auch wenn man nie vor­hatte, zum Militär zu gehen“, sagt sie. Nach meh­re­ren Jahren Frei­wil­li­gen­ar­beit unter­zeich­nete Ivanna den Vertrag mit der Armee. Zu diesem Zeit­punkt hatte sie ihre Aus­bil­dung als Kampf­sa­ni­tä­te­rin abge­schlos­sen und war mit ihrer ersten Einheit auf Rota­tion gegan­gen. Sie diente in der Region Donezk, also an der Front.

„Die Leute in der Einheit waren natür­lich anders“, sagt Ivanna, „außer mir gab es noch zwei les­bi­sche Mädchen im Batail­lon. Alle behan­del­ten uns gut. Ich habe meine sexu­elle Ori­en­tie­rung nicht ver­steckt, aber sie auch nicht beson­ders betont. Am Ende war es meine Nai­vi­tät, die zu einer sehr unan­ge­neh­men Geschichte führte.“

Dann began­nen die Probleme

In der Ukraine wird, wie in vielen Ländern der Welt, am 17. Mai der Tag gegen Homo­pho­bie gefei­ert. Für diesen Tag wandte sich ein ukrai­ni­sches Medium an Ivanna und bat um einen Kom­men­tar. Ein Jour­na­list schrieb einen Artikel zur Frage, ob es in der Armee Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der sexu­el­len Aus­rich­tung gibt.  „Ich habe ehrlich geant­wor­tet: Ich habe ein paar Sätze geschickt, wie zum Bei­spiel, dass ich keine Dis­kri­mi­nie­rung erlebt habe, alles gut war und ich mit Jungs über Mädchen trat­schen konnte“, erin­nert sich Ivanna. „Die Geschichte wurde ver­öf­fent­licht und ich habe sie auf meiner Face­book-Seite geteilt.“

Damit began­nen die Probleme.

„Der Ein­heits­füh­rer las die Geschichte zuerst und mein Pos­ten­kom­man­dant wurde wegen meines Inter­views münd­lich gerügt“, erzählt Ivanna, „Dann bekamen wir Besuch vom Stell­ver­tre­ter des Batail­lons­kom­man­dan­ten, der zu unserem Posten kam. Er sagte mir, ich solle mich an ihn wenden, wenn ich Pro­bleme mit Mobbing hätte. Er sagte mir auch, ich hätte dieses Inter­view mit dem Pres­se­dienst abstim­men sollen. Der Abge­ord­nete hatte recht, denn das hätte ich vorher tun sollen. Aber ich wollte den Pres­se­spre­cher nicht umsonst beläs­ti­gen. Ich dachte mir, dass mein kurzer Kom­men­tar, der sich nur auf mich bezog, nicht wichtig genug war.“

Die Kame­ra­den der Sol­da­tin waren über ihre Erklä­rung in den Medien gespal­ten. „Ein Teil war total gegen mich, voller belei­dig­ter Esel. Die anderen hatten wich­ti­gere Dinge zu tun“, erklärt Ivanna. „Der Ein­heits­füh­rer beschloss, die Esel zu unter­stüt­zen und ver­setzte mich an einen nied­ri­ge­ren Posten. Ich habe erfah­ren, dass das wegen meines Inter­views pas­siert ist, weil meine Freunde meinen Ein­heits­füh­rer und die Unter­of­fi­ziere danach gefragt haben.“

Aller­dings sagte niemand offen etwas zu Ivanna. Die offi­zi­elle Erklä­rung lautete, dass es nötig gewesen sei, sie zu ver­set­zen, obwohl Ivanna auf dem neuen Posten nichts zu tun hatte.

„Wir brau­chen das Gesetz“

„Ich weiß nicht, wie lange ich in dieser Posi­tion geblie­ben wäre, aber ich habe mich an die Vor­ge­setz­ten gewandt und ihnen die ganze Situa­tion erklärt“, fährt Ivanna fort. „Ich hatte nichts zu ver­lie­ren und habe ange­deu­tet, dass ich ein wei­te­res Gespräch mit der Presse führen könnte, das diesmal nicht so harmlos sein würde. Nach ein paar Stunden wurde ich wieder in meine frühere Posi­tion und zu meinen Auf­ga­ben zurück­ver­setzt. Aber ich habe auch nichts öffent­lich über LGBT gesagt. Es war eine Art unaus­ge­spro­che­ner Kompromiss.“

Ein Jahr später beschloss Ivanna, ihren Beruf zu wech­seln. Sie wech­selte die Einheit und lernte Scharf­schüt­zin. Als die rus­si­sche Inva­sion in vollem Umfang statt­fand, blieb Ivanna in ihrer Einheit und kämpfte gegen eine viel größere Armee. „In meiner neuen Einheit wissen nur zwei Per­so­nen, denen ich am meisten ver­traue, von meiner sexu­el­len Iden­ti­tät. Ich möchte nichts ris­kie­ren und mich nicht auf Dis­kus­sio­nen mit anderen Sol­da­ten ein­las­sen, denn was ich tue, ist mir sehr wichtig“, sagt Ivanna.

Ivanna hofft, dass die Ukraine die LGBT-Ehe bald lega­li­siert und dass sich dadurch die Wahr­neh­mung der Gemein­schaft im ganzen Land ändert. Im Juli sam­mel­ten Akti­vis­ten 25.000 Unter­schrif­ten für eine Peti­tion zur Lega­li­sie­rung gleich­ge­schlecht­li­cher Ehen. Die Ukrai­ner brauch­ten etwa einen Monat, um die erfor­der­li­che Anzahl von Unter­schrif­ten zu sammeln. Bis Ende Juli muss Prä­si­dent Selen­skyj auf die Peti­tion ant­wor­ten. Der Prä­si­dent kann dann ent­schei­den, ob er sie an das Par­la­ment wei­ter­lei­tet, damit dieses das neue Gesetz aus­ar­bei­ten kann.

„LGBT-Men­schen in der Ukraine brau­chen das Gesetz“, sagt Ivanna. „Gott sei Dank ist die Dis­kri­mi­nie­rung bereits gesetz­lich straf­bar. Wenn wir gleich­ge­schlecht­li­che Ehen lega­li­sie­ren, werden sich die Kon­ser­va­ti­ven ein wenig beschwe­ren, aber sie werden sich schnell daran gewöh­nen.“ Trotz­dem will Ivanna nicht auf die Politik warten. Sie sagt: „Die LGBT-Ukrai­ner können sich selbst ver­tei­di­gen. Und das tun sie auch erfolgreich.“

Anna Roman­dash ist eine preis­ge­krönte Jour­na­lis­tin aus der Ukraine. Sie berich­tet über die Situa­tion vor Ort und inter­es­siert sich vor allem für Menschenrechtsthemen.

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