Der Weg in den Osten. Ukrai­ni­sche Arbei­ter in Russ­land nach 2014

© Shut­ter­stock

Die Geschich­ten post­so­wje­ti­scher Arbeits­mi­gran­ten in rus­si­schen Groß­städ­ten ähneln sich häufig: durch Geldnot gezwun­gen ver­las­sen sie ihre Hei­mat­län­der, um für einige Zeit in Russ­land zu arbei­ten. Dort ange­kom­men bleiben sie häufig, werden sess­haft und holen ihre Fami­lien nach. Das gilt auch für viele Ukrai­ner. Doch was erwar­tet gerade sie in Russ­land und wird mit ihnen seit dem Kriegs­be­ginn 2014 anders umge­gan­gen? Das jour­na­lis­ti­sche Projekt „Auf den Spuren der Arbeit“ geht diesen Fragen nach.

„Ich bin keine Migran­tin, ich bin Gast­ar­bei­te­rin, zudem illegal beschäf­tigt“, erzählt mir eine Frau, Mitte 40, während sie einen wei­te­ren Löffel Hafer­brei für ein drei­jäh­ri­ges Kind schöpft, um das sie sich seit einigen Jahren beruf­lich kümmert. Das erste Mal kam Ljuba vor langer Zeit nach Russ­land – lange bevor ihr Geburts- und Hei­mat­dorf zu einem „nicht von der Regie­rung kon­trol­lier­ten Gebiet“ wurde. Ihre Geschichte ist – wie die von vielen anderen – nicht unge­wöhn­lich: Zuhause war sie nicht in der Lage, für sich selbst, ihren Sohn und andere geliebte Men­schen, um die sie sich durch eine Fügung des Schick­sals kümmern musste, zu sorgen. Also packte sie ihre Hab­se­lig­kei­ten und fuhr (wie einige ihrer Bekann­ten aus dem Dorf auch) zum Arbei­ten nach Moskau. Wie sich her­aus­stellte, hatte die Stadt viele Gesich­ter: sie war dreckig und sauber, schlecht und gut – vor allem jedoch bot sie die Mög­lich­keit, Geld zu ver­die­nen. Den Beruf, den sie gelernt hatte, musste sie an den Nagel hängen, und jede Arbeit anneh­men, die Gott ihr sandte. Es scheint, als hätte er ihr erträg­li­che Tätig­kei­ten geschickt, und Ljuba sah keinen Grund zur Beschwerde. So sind zehn Jahre ver­gan­gen. Der Sohn ist erwach­sen gewor­den, die Mutter geal­tert, doch Ljuba arbei­tet nach wie vor in Moskau, obwohl sie davon träumt, nach Hause zurück­zu­keh­ren, sobald dort Ruhe ein­kehrt.

Die Geschich­ten über das Leben post­so­wje­ti­scher Arbeits­mi­gran­ten in rus­si­schen Groß­städ­ten ähneln sich sehr. Die Story geht fol­gen­der­ma­ßen: in ihrem Hei­mat­land, ihrer Hei­mat­stadt sind die Men­schen außer­stande, sich auch nur mit dem Nötigs­ten zu ver­sor­gen, und sehen sich daher gezwun­gen, woan­ders nach Ver­dienst­mög­lich­kei­ten Aus­schau zu halten. Dabei nehmen sie häufig eine Tätig­keit, für die sich die lokale Bevöl­ke­rung zu schade ist, sei es als Kran­ken­schwes­ter, Kin­der­mäd­chen, Maler, Bau­ar­bei­ter, Hand­wer­ker, oder als Koch. Viele bewah­ren sich ihre natio­nale Iden­ti­tät und sagen, dass sie gerne zurück­keh­ren würden, tat­säch­lich jedoch bleiben sie im Gast­land und holen ihre Kinder und Ver­wand­ten nach.

Die Arbeits­mi­gra­tion aus der Ukraine nach Russ­land weist eine Reihe von Beson­der­hei­ten auf. Erstens kommen die Ukrai­ner in ein Land, in dem das Gros der aus­län­di­schen Arbeit­neh­mer aus dem „Osten“ kommt, aus dem Nord­kau­ka­sus oder aus Zen­tral­asien.

Diese Regio­nen werden häufig als „rück­stän­dig“ und in reli­giö­ser Hin­sicht als „feind­se­lig“ emp­fun­den. Vor diesem Hin­ter­grund könnte man anneh­men, dass den Ukrai­nern mehr Sym­pa­thie ent­ge­gen­ge­bracht wird, gelten sie doch als „sla­wi­sches Bru­der­volk“, lassen sich äußer­lich nicht von den Russen unter­schei­den, und spre­chen häufig Rus­sisch als Mut­ter­spra­che. Hin und wieder ver­sa­gen diese kul­tu­rel­len Marker, und es kommt vor, dass die Ukrai­ner als „Fremd­linge“, „Außen­sei­ter“ oder „Migran­ten“ gebrand­markt wer-den.

Zwei­tens wirken sich die poli­ti­schen Bezie­hun­gen der beiden Länder auf die Migra­ti­ons­be­we­gun­gen aus. Der eine fährt seit 2014 nicht mehr nach Russ­land, sondern nach Polen, um Geld zu ver­die­nen; im Gegen­satz dazu hat der andere beschlos­sen, für immer nach Russ­land aus­zu­wan­dern.

Und drit­tens wäre da die lange Tra­di­tion der Migra­tion aus der Ukraine nach Russ­land. Diese findet nicht erst seit zwei, auch nicht erst seit zehn Jahren zwi­schen den beiden Ländern statt. Die Migra­ti­ons­be­we­gun­gen haben ihre Wurzeln in der Zeit der Sowjet­union. Viele Per­so­nen mit ukrai­ni­scher Staats­bür­ger­schaft kamen aus den weit ent­fern­ten Regio­nen des dama­li­gen Sowjet­russ­lands. Viele Ukrai­ner haben Freunde und Ver­wandte im „Fein­des­land“.

Was erwar­tet die aus­län­di­schen Arbeit­neh­mer aus den ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­bli­ken, dar­un­ter der Ukraine, in Russ­land?

Bei seiner Ankunft in Russ­land hat ein ukrai­ni­scher Staats­bür­ger die­sel­ben Rechte wie auch die Ein­woh­ner der post­so­wje­ti­schen Länder Zen­tral­asi­ens oder anderer Repu­bli­ken, die ein Abkom­men zur Visa­frei­heit mit Russ­land geschlos­sen haben.

Die Mög­lich­keit, eine Arbeit auf­zu­neh­men, wird über ein soge­nann­tes „Patent“ erteilt. Das Patent­sys­tem wurde 2014 ein­ge­führt und ersetzt das bis dato gel­tende, kom­pli­zierte Pro­ze­dere, das auf zwei Anträ­gen basierte. Um für ein Unter­neh­men tätig zu werden, brauchte es früher eine Arbeits­er­laub­nis, eine Tätig­keit für eine Pri­vat­per­son war an ein Patent geknüpft. Dies sorgte für Chaos und Sche­re­reien, da eine Person über ein Patent nach Russ­land gekom­men und gear­bei­tet haben konnte, aber – etwa bei vor­zei­ti­ger Ent­las­sung – nicht die Mög­lich­keit hatte, danach auf einer Bau­stelle zu arbei­ten, da hierfür eine Arbeits­er­laub­nis not­wen­dig war – und umge­kehrt.

2014/​15 wurde die Arbeits­er­laub­nis abge­schafft und durch ein Patent ersetzt, das für sämt­li­che Beschäf­ti­gungs­for­men gilt. Es wird dem Arbeit­neh­mer und nicht dem Unter­neh­men erteilt. Dabei legt die Regio­nal­ver­wal­tung per Quote die Höhe der erteil­ten Patente fest. Das Doku­ment wird von den regio­na­len Ser­vice­cen­tern für staat­li­che Dienst­leis­tun­gen ver­ge­ben, wo sich genau aus diesem Grund häufig lange, mehr­tä­tige War­te­schlan­gen bilden. Die Kosten für ein Patent haben sich nach der Reform von 2014 ver­drei­facht und belau­fen sich mitt­ler­weile auf 1.200 Rubel (derzeit knapp 17 Euro) im Monat.

Jede Region weist einen eigenen Koef­fi­zi­en­ten auf, mit dem diese Summe mul­ti­pli­ziert werden muss (in Moskau beträgt er 2,28); hinzu kommt ein Preis­in­dex-Koef­fi­zi­ent, der Jahr für Jahr ange­passt wird (derzeit beträgt er 1,73). Für einen aus­län­di­schen Arbei­ter in Moskau klet­tern die Kosten dadurch auf 4.750 Rubel (rund 67 Euro) pro Monat. Darüber hinaus ist eine Person dazu ver­pflich­tet, eine Kran­ken­ver­si­che­rung abzu­schlie­ßen, was etwa 1.800 Rubel (oder ca. 25 Euro) im Jahr kostet, und eine kos­ten­pflich­tige Prüfung in rus­si­scher Sprache, Geschichte und Lite­ra­tur (rund 4.000 Rubel bzw. 56 Euro) abzu­le­gen. Somit muss ein aus­län­di­scher Arbeit­neh­mer aus dem post­so­wje­ti­schen Raum, der legal in Moskau arbei­ten will, jähr­lich 62.800 Rubel (oder knapp 890 Euro) hin­blät­tern.

Wenn eine Person nicht binnen drei Monaten die erfor­der­li­chen Unter­la­gen aus­füllt, die seinen Auf­ent­halts­ti­tel bestä­ti­gen, so ist er laut Gesetz zur Aus­reise ver­pflich­tet und darf für drei Monate nicht nach Russ­land reisen. Erst nach Ablauf dieser Zeit kann er zurück­keh­ren. In der Praxis sieht es jedoch so aus, dass die Leute unver­züg­lich nach ihrer Aus­reise zurück­keh­ren. Dadurch können die Migran­ten wesent­lich länger am Stück arbei­ten, sofern sie illegal, ohne Papiere, tätig sind. Doch wenn sie dann erwischt werden, drohen die Abschie­bung und eine Ein­rei­se­sperre von drei bis fünf Jahren.

„Im Grunde genom­men ver­hal­ten sie sich hier tadel­los gegen­über uns Choch­o­len“

Unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass die Ukrai­ner gegen­über Neu­an­kömm­lin­gen bequeme Dis­tink­ti­ons­ge­winne ein­fah­ren, sind sie de facto häufig in den all­ge­mei­nen Migra­ti­ons­dis­kurs und die Migran­ten­ge­mein­schaft ein­ge­bun­den. Auf der Arbeit und in ihren Wohn­stät­ten unter­hal­ten sie Kon­takte zu anderen Migran­ten, knüpfen Freund­schaf­ten und eignen sich Kom­mu­ni­ka­ti­ons­modi an, die es ihnen ermög­li­chen, über das Leben in Russ­land zu spre­chen.

Ljuba habe ich über Freunde ken­nen­ge­lernt. Sie ist eine stäm­mige Frau, mit gut­mü­ti­gen Augen, um die 45 Jahre alt. Wir sitzen in der Küche, wo sie über ihr Leben erzählt, darüber, wie sie stürzte und sich das Bein brach, und wie sie eine Freun­din in Luhansk besuchte.

Ein Thema, über das wir spre­chen, ist der Aus­tausch mit den Men­schen in Moskau. Bis­wei­len lernen die Ukrai­ner andere aus­län­di­scher Arbeit­neh­mer kennen, mit denen sie sich lange aus­tau­schen, tele­fo­nisch in Ver­bin­dung setzen und in Kontakt bleiben. Dies geschieht etwa über den gemein­sa­men Lebens­all­tag (in Wohn­hei­men oder „migran­tisch gepräg­ten“ Gegen­den), durch ähn­li­che Formen der Beschäf­ti­gung (Haus­häl­te­rin, Kran­ken­schwes­ter, Bau­ar­bei­ter…) oder auch durch ähn­li­che Wid­rig­kei­ten (etwa Pro­bleme, eine Unter­kunft zu finden oder eine Anmel­dung oder ein Patent zu erhal­ten). Solche Bezie­hun­gen werden im Nah­ver­kehr oder am Arbeits­platz geknüpft. Derzeit mietet Ljuba ein Zimmer in einem Wohn­heim. Einige ihrer Nach­barn kommen aus zen­tral­asia­ti­schen Ländern. Sie erzählt:

Ich habe außer­halb der Stadt gear­bei­tet. Dort haben Usbeken und Tadschi­ken Häuser gebaut. Wir mussten den Rasen mähen, und sie fragten uns, ob wir einen Job hätten. Einige Usbeken arbei­te­ten als Haus­meis­ter. Sie haben uns oft gehol­fen, wenn wir etwas Schwe­res hin­aus­tra­gen mussten. Einmal trafen wir eine tadschi­ki­sche Frau, die als Haus­häl­te­rin bei einer Familie arbei­tete. Manch­mal tele­fo­nie­ren wir mit­ein­an­der. Ich habe auch eine usbe­ki­sche Mit­be­woh­ne­rin im Wohn­heim.

Hin und wieder werden auch roman­ti­sche Bezie­hun­gen geknüpft. Eine Zeit lang lebte Ljuba mit einem Mann aus Tadschi­ki­stan zusam­men, doch dann ist er spurlos ver­schwun­den. Wahr­schein­lich kehrte er in seine Heimat und zu seiner Familie zurück.

Etwas anders sieht die Sozia­li­sa­tion der Arbei­ter aus, die im Wohn­heim aus­schließ­lich mit anderen Ukrai­nern zusam­men­le­ben: sie haben weniger Kontakt mit der migran­ti­schen Außen­welt, doch werden spä­tes­tens am Arbeits­platz damit kon­fron­tiert.

Durch die gemein­same migra­ti­ons­spe­zi­fi­sche Sozia­li­sa­tion werden auch Wert­ur­teile inter­na­li­siert, etwa darüber, dass Russ­land die Neu­an­kömm­linge sehr gut auf­nehme und diese nicht ernied­rigt würden. Dieses Motiv tauchte immer wieder auf in den Geschich­ten der Migran­ten, mit denen ich zu tun hatte.

Ljuba spricht lange darüber, wie gut sie es in Russ­land habe („Mir geht es hier nicht schlecht, ja sogar sehr gut“) und wie gut die Ukrai­ner hier behan­delt würden („Im Grunde genom­men ver­hal­ten sie sich hier tadel­los gegen­über uns Choch­o­len“). Sie betont die gute und kos­ten­lose medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung:

„Ich bin hier zweimal ope­riert worden, und beide Male habe ich die beste medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung erhal­ten. […] [Sie erzählt, wie sie gestürzt ist und sich das Bein gebro­chen hat]. Ich rief an und wollte mir ein Taxi zum Kran­ken­haus bestel­len. Sie sagten: „Bleiben Sie wo Sie sind, wir schi­cken einen Kran­ken­wa­gen, kommen Sie nicht auf die Idee, selb­stän­dig irgendwo hin­zu­fah­ren“. Ich erklärte ihnen, dass ich ukrai­ni­sche Staats­bür­ge­rin sei und keine Aus­lands­kran­ken­ver­si­che­rung habe. Sie ent­geg­ne­ten, dass dies nicht von Bedeu­tung sei. Der Kran­ken­wa­gen kam schnell, sie fuhren mich ins Kran­ken­haus und brach­ten mich überall mit dem Roll­stuhl hin. Ich musste für nichts bezah­len.“

Obwohl Ljuba sagt, dass sie die Ukraine ver­misst, dass sie sich häufig Volks­lie­der in Erin­ne­rung ruft und dass bei der Nach­ba­rin die Musik von „Okean Elzy“ in Dau­er­schleife gespielt wird, so betont sie doch die natür­li­che „Durch­läs­sig­keit“ kul­tu­rel­ler Grenzen, die gegen­sei­tige Durch­drin­gung von Kul­tu­ren, und hält es für falsch, solchen Dyna­mi­ken einen Riegel vor­zu­schie­ben.

Ljuba hat das Glück, in Moskau zu wohnen, wo Migran­ten seit einiger Zeit eine „humane“ Behand­lung erfah­ren. In anderen Regio­nen kann es jedoch anders aus­se­hen. Fabrik­ar­bei­ter etwa, die auf­grund ihres Arbeits­plat­zes weniger in die lokale Kultur und das Gemein­de­le­ben ein­ge­bet­tet sind, können die Dinge etwas anders sehen. Ein Arbei­ter, den ich im Bus auf der Route „Moskau-Odessa“ getrof­fen habe, äußerte sich etwa fol­gen­der­ma­ßen:

„In Moskau ist es derzeit schwie­rig. Krieg. Die Bullen machen sich an dich ran, fordern Schmier­geld. Du bist Kriegs­par­tei, du hast nichts zu melden.“

„Welcher Krieg? Zwi­schen wem?“

Es scheint, als hätte der Krieg nur gerin­gen Ein­fluss auf die­je­ni­gen, die in Russ­land arbei­ten möchten. Die Migra­ti­ons­be­we­gun­gen haben sich vor langer Zeit her­aus­ge­bil­det, und tem­po­räre Schwan­kun­gen werden sie nicht ändern oder die öko­no­mi­schen Motive für die Arbeits­mi­gra­tion aus der Welt schaf­fen. Die Daten auf der Home­page des sta­tis­ti­schen Bun­des­amts machen deut­lich, dass die Zahl der Migran­ten aus der Ukraine im Zeit­raum 2013/​14 sprung­haft ange­stie­gen ist – und sich von 55.037 auf 126.819 Per­so­nen pro Jahr fast ver­drei­facht hat. Heißt das, dass seit 2014 jedes Jahr rund 100.000 weitere Ukrai­ner nach Russ­land gekom­men sind? Die Zahlen beinhal­ten mög­li­cher­weise auch die Geflüch­te­ten aus den nicht­kon­trol­lier­ten Gebie­ten, die über­haupt nicht die Absicht hatten, Arbeits­mi­gran­ten zu werden. Gleich­zei­tig ist die Zahl der Arbeits­ge­neh­mi­gun­gen im Zeit­raum zwi­schen 2014 und 2015 stark gefal­len (siehe Tabelle), was mit dem inkre­men­tel­len Wechsel des alten Systems der Arbeits­ge­neh­mi­gun­gen zusam­men­hängt. Die Anzahl der erteil­ten Patente ist nicht gestie­gen. Dies deutet darauf hin, dass die Zahl der illegal beschäf­tig­ten Ukrai­ner zuge­nom­men hat, ebenso wie die Zahl der­je­ni­gen, die eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung samt Ein­bür­ge­rungs­er­laub­nis erhal­ten haben und daher kein Patent benö­ti­gen.

Der Kon­flikt im Osten hatte keine großen Aus­wir­kun­gen auf die Ein­stel­lung ein­fa­cher ukrai­ni­scher Arbeits­mi­gran­ten gegen­über Russ­land. Wadym kommt gebür­tig aus dem Dorf Pylypez in der Region Trans­kar­pa­tien. Um die Familie ernäh­ren und die Heirat seiner Tochter bezah­len zu können, ging er in den 2000er Jahren zum Geld ver­die­nen nach Russ­land. Er hatte einen Kumpel in Moskau, der ein erfolg­rei­ches Unter­neh­men grün­dete und bis heute leitet. Dieser Freund lud ihn ein, für ihn als Body­guard zu arbei­ten. Bis heute arbei­tet er in dieser Funk­tion für ihn und sendet das Geld nach Hause. Im Gegen­satz zu Ljuba, die ihren Sohn und ihre Mutter nach Russ­land geholt hat, sind Wadyms Ver­wandte in seinem Hei­mat­dorf geblie­ben. Wadym erzählt, dass sich die Arbeit in Russ­land mehr lohne als in Polen, da man hier weniger aus­ge­beu­tet würde (im Sinne von Über­stun­den) und per­sön­li­che Abspra­chen immer möglich seien. Aus diesem Grund fährt er – im Gegen­satz zu vielen anderen Ein­woh­nern aus seiner Region – nicht in den „Westen“, auch nicht nach 2014. Wadym betont, dass er nicht der Einzige ist, und der Strom von Arbeits­kräf­ten unge­ach­tet der poli­ti­schen Lage nicht abflaut – auch aus der West­ukraine.

Auch Ljubas Sohn, Witja, kam aus wirt­schaft­li­chen Beweg­grün­den nach Russ­land, obwohl es einige Zeit gedau­ert hat, bis er seiner Mutter nach­ge­folgt ist, da er glaubte, dass man auch in der Ukraine einen guten Job finden könne. Er kam erst 2018, als er erkannte, dass die „Revo­lu­tion“ ihre Ver­spre­chen nicht ein­ge­löst hatte. Ljuba schil­dert:

Als der Krieg aus­brach, ging mein Sohn nach Charkiw und fand dort Arbeit. Er war nicht offi­zi­ell ange­stellt, sie sagten ihm, das sei nicht nötig. Er arbei­tete dort mehrere Monate lang. Die Arbeit war die Hölle, und er wurde nicht bezahlt. Dann ließen sie ihn fallen und fertig. Drei Tage vor Neujahr wurde er krank. Er kam mit Fieber zur Arbeit und sagte: „Ich habe Fieber“. Wäre er offi­zi­ell ange­stellt gewesen, hätte er Kran­ken­geld erhal­ten. So aber war es sinnlos, zum Arzt zu gehen. Sein Vor­ge­setz­ter ver­sprach, dass er nach Neujahr aus­ge­zahlt wird. Im neuen Jahr ging er hin und bekam nichts. Nicht nur, dass er in seinem Hei­mat­land weniger ver­die­nen konnte als in Russ­land – nein, hier konnte er über­haupt kein Geld ver­die­nen!

Ein anderes Bei­spiel betrifft eine Gruppe von Arbei­tern, die bei Nowo­si­birsk Gewächs­häu­ser bauen. Die meisten von ihnen kommen gebür­tig aus einem kleinen Dorf in der Region Win­nyzja, wo es ihnen zufolge schwie­rig sei, auch nur an ein biss­chen Geld zu kommen, während sie in Russ­land mehr als 800 Dollar im Monat ver­die­nen. So lässt es sich aus­hal­ten, unge­ach­tet der Über­stun­den, der Schicht­ar­beit, und der feh­len­den Frei­zeit. Manche von ihnen arbei­ten seit mehr als 15 Jahren auf diese Art, andere haben die Arbeit erst kürz­lich auf­ge­nom­men. In der Regel ver­brin­gen sie über ein Jahr in Russ­land (der Min­dest­auf­ent­halt beträgt sechs Monate) und besu­chen ihre Fami­lien in dieser Zeit nur sehr selten.

Alle, mit denen ich gespro­chen habe, ver­si­cher­ten, dass weder sie selbst noch ihre Ver­wand­ten sich dafür, dass sie im „Aggres­sor­staat“ arbei­ten, durch die Dorf­ge­mein­schaft oder die Nach­barn unter Druck gesetzt fühlen. Ihre Meinung muss jedoch nicht zwangs-läufig über­ein­stim­men mit dem, was die Nach­barn wirk­lich denken. In einer Umfrage des Inter­na­tio­na­len Insti­tu­tes für Sozio­lo­gie in Kijiw ließen 63 Prozent der Befrag­ten eine posi­tive Ein­stel­lung zur Arbeit in Russ­land erken­nen. Im Westen des Landes sinkt der Wert zwar auf 49 Prozent, liegt damit aber immer noch auf einem relativ hohen Niveau.

Damit ver­knüpft ist ein wei­te­res, eher poli­ti­sches Thema: die Sicht­weise der in Russ­land arbei­ten­den Ukrai­ner selbst auf den Kon­flikt. Sie sind fast ein­stim­mig der Ansicht, dass der Kon­flikt zwi­schen Russ­land und der Ukraine ein Eli­ten­kon­flikt sei, und die ein­fa­chen Men­schen keinen Bezug dazu haben — und auch keinen Bezug haben sollten. Über­le­ben und ein Min­dest­maß an Wohl­stand ist für sie bei weitem wich­ti­ger als „jeg­li­che Politik“. Als ich mit dem­sel­ben Bus fuhr wie die Arbei­ter, die in der Nähe von Nowo­si­birsk Gewächs­häu­ser bauen, ent­spann sich fol­gen­der Dialog:

- Wie stehen Sie zum Krieg?

- Welcher Krieg? Zwi­schen wem?

- Sagen Sie selbst, zwi­schen wem.

- Zwi­schen den poli­ti­schen Füh­run­gen! [deutet mit dem Finger nach oben.] Uns geht das nichts an.

Es wird in den Bus ein­ge­stie­gen. Von hinten ist fol­gen­der Ausruf ver­nehm­bar: „Welcher Krieg, wovon redet sie da?!“.

Dabei haben die Kinder einiger dieser Men­schen an der Front gedient! Es scheint, als wären per­sön­li­ches Wohl­erge­hen und Politik zwei unter­schied­li­che Fragen, die in keins­ter Weise mit­ein­an­der ver­bun­den sind.

Mir fiel auf, dass die ukrai­ni­schen Arbeit­neh­mer es ver­mei­den, unter­ein­an­der über Politik zu spre­chen. Wahr­schein­lich hat jeder eine andere Meinung, und es wäre durch­aus möglich, auf dieser Grund­lage zu strei­ten, würden sie nicht im selben Team arbei­ten und im selben Wohn­heim leben. Deshalb wird eine Atmo­sphäre des Schwei­gens bevor­zugt. Dem Wider­wil­len nach zu urtei­len, mit dem die Jungs, die in der Nähe von Nowo­si­birsk arbei­ten, ihre Ansich­ten zum Thema Prä­si­dent­schafts­wah­len mit­teil­ten, hatten sie das Thema in ihrer Runde bis dahin noch nie offen dis­ku­tiert.

- Wem werden Sie Ihre Stimme geben?

Schwei­gen. Eine einsame Stimme:

- Für Poro­schenko.

Was ist wich­ti­ger: Essen auf dem Tisch oder „Wischi­wanka“?

Ent­ge­gen des mit­un­ter in ukrai­ni­schen Medien zu ver­neh­men­den Vor­wurfs des Verrats kommt für die ukrai­ni­schen Arbeits­mi­gran­ten das Fressen nicht vor der Moral – oder, in diesem Fall: vor der Kultur. Die Liebe zu Kultur und Sprache bleibt bestehen, sie wird einfach von der Politik getrennt, und der vor­der­grün­dig unauf­lös­bare innere Kon­flikt so schein­bar regu­liert. Mate­ri­elle Werte und das eigene Über­le­ben sowie das der Familie sind für die in Russ­land arbei­ten­den Ukrai­ner nicht wich­ti­ger als Kultur oder ukrai­ni­sche Iden­ti­tät, sondern wich­ti­ger als Politik.

Indem die ukrai­ni­schen Arbeit­neh­mer ihren Alltag dem Leben der poli­ti­schen Eliten gegen­über­stel­len, kul­ti­vie­ren sie ein umfas­sen­des Miss­trauen. Sie haben eine Idee davon, was sowohl im rus­si­schen als auch im ukrai­ni­schen Fern­se­hen berich­tet wird, und werden kon­fron­tiert mit Mei­nun­gen von Russen, von Ver­wand­ten und Freun­den in der Ukraine (sowohl auf kon­trol­lier­tem und unkon­trol­lier­tem Gebiet), sodass sie es vor­zie­hen, eine gewisse Neu­tra­li­tät zu wahren, sich so weit wie möglich von der Politik zu distan­zie­ren und ein posi­ti­ves Bild beider Länder und deren Ein­woh­nern zu bewah­ren.

Und wei­ter­hin Geld nach Hause zu schi­cken.

 

Alle Namen und Orts­be­zeich­nun­gen wurden geän­dert.

Es handelt sich um die gekürzte Über­set­zung eines Textes, der im Rahmen des jour­na­lis­ti­schen Pro­jek­tes „Auf den Spuren der Arbeit “ mit Unter­stüt­zung der Rosa-Luxem­burg- Stif­tung in der Ukraine rea­li­siert wurde.

Textende

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