Mariu­pol – Hafen der Ver­än­de­rung an der Frontlinie

© Olga Shchelushchenko

Prya­so­wja – die ukrai­ni­sche Küste des Asow­schen Meeres und ihr Hin­ter­land – ist eine ganz beson­dere Gegend. Hier trifft das warme Meer auf den Ostwind und die end­lo­sen Steppen, die Denk­mä­ler längst ver­gan­ge­ner Zeiten beher­ber­gen. Eine Region, in der zwi­schen Wüsten und Inseln die Zentren der Schwer­indus­trie liegen. Und seit ver­gleichs­weise kurzer Zeit auch Mili­tär­pos­ten, die Spuren der Besat­zung und des Krieges. Von Vira Protskykh

#RegioU­kraine erscheint in Koope­ra­tion mit Kyjiwer Gespräche.

Mariu­pol ist eine Hafen­stadt und das Indus­trie­zen­trum des Teils der Prya­so­wja, der zum Oblast Donezk gehört. Seit 2014 ist sie zudem ein mili­tä­ri­scher Vor­pos­ten im Krieg in der Ost­ukraine. Welche dieser Iden­ti­tä­ten über­wiegt, ist schwer zu sagen. Sie alle sind ver­wo­ben in einem Prozess des per­ma­nen­ten Umbruchs.

Zur Zeit der Stadt­grün­dung ist die Umge­bung geprägt durch kosa­ki­sche Ver­sor­gungs- und Han­dels­rou­ten, die durch die Wehr­an­lage von Domacha gesi­chert wird. Den Start­schuss für die Ent­wick­lung der Stadt zum Hafen und Han­dels­zen­trum bildet die Ansied­lung der Krim­grie­chen im Jahre 1779. Letz­tere gründen in der Umge­bung von Mariu­pol etwa 20 Sied­lun­gen, die bis heute besich­tigt werden können. Einige dieser Sied­lun­gen liegen so tief im Inland des Oblast Donezk, dass sie sich heut­zu­tage auf der anderen Seite der Front­li­nie befinden.

In der Fol­ge­zeit wird Mariu­pol zu einem mul­ti­kul­tu­rel­len Zentrum. Neben Ukrai­nern, Russen und Grie­chen leben und arbei­ten in der Stadt Juden, Ita­lie­ner und deut­sche Men­no­ni­ten. Von diesem kul­tu­rel­len Erbe ist mit Aus­nahme eines Stra­ßen­na­mens nichts übrig­ge­blie­ben. Die sicht­barste Min­der­heit bleiben die Grie­chen, die nach Jahr­zehn­ten der Assi­mi­la­tion, sowie der Repres­sio­nen und poli­ti­schen Säu­be­run­gen zur Zeit der Sowjet­union, beinahe ihre Kultur ver­lo­ren haben. Bedroht sind im Beson­de­ren die his­to­ri­schen Dia­lekte Urum und Rumeíka.

Heute ist die grie­chi­sche Min­der­heit bemüht, ihre Tra­di­tio­nen, ihre Kultur und Sprache wie­der­auf­le­ben zu lassen. 

In der sowje­ti­schen Periode wird die Stadt erwei­tert und zu einer Indus­trie­me­tro­pole auf­ge­baut. Ein Mei­len­stein der Stadt­ent­wick­lung ist die Fer­tig­stel­lung des Metall­ur­gi­schen Kom­bi­nats Asow-Stahl in der Vor­kriegs­zeit, das sowohl im geo­gra­fi­schen als auch im wirt­schaft­li­chen Zentrum der Stadt liegt. Nach dem Zweiten Welt­krieg wird Mariu­pol, das zwi­schen­zeit­lich in Schdanow umbe­nannt worden ist, erneut zur Pil­ger­stätte Arbeits­su­chen­der aus allen Ecken der Sowjetunion.

Das Mariu­pol der Gegen­wart ist auf einem viel­ver­spre­chen­den Weg, unge­ach­tet des Krieges und der allzeit gegen­wär­ti­gen Angst um eine Eska­la­tion des Kon­flikts, die an der Stadt­be­völ­ke­rung zehren. Dennoch gilt es, auf dem Weg zu einer für alle lebens­wer­ten Stadt einige ver­blei­bende Hürden zu über­win­den. Das betrifft ins­be­son­dere die Umwelt­ver­schmut­zung durch die Stahl­fa­bri­ken und die Abwan­de­rung der Jugend in andere Regio­nen des Landes zum Studium oder aus beruf­li­chen Gründen.

Mariu­pol gehört zur Ukraine

Das Jahr 2014 hat das Leben in der Ukraine grund­le­gend ver­än­dert. Davon ist auch Mariu­pol nicht ver­schont geblie­ben. Ab dem Winter 2014 ver­brei­tete sich in der Stadt eine Stim­mung, die sich gegen die ukrai­ni­sche Zen­tral­macht rich­tete. For­de­run­gen nach einem Refe­ren­dum und dem Anschluss an die soge­nannte Donez­ker Volks­re­pu­blik wurden laut. Schließ­lich wurde die Stadt von bewaff­ne­ten Sepa­ra­tis­ten ein­ge­nom­men. Die Besat­zung dauert von April bis Juni 2014 an.

Mariu­pol wurde zum Kriegs­ge­biet. Die Unge­wiss­heit war täglich spürbar. Wie würde es wei­ter­ge­hen? Die unsi­chere Ver­sor­gungs­lage löste Panik unter den Men­schen aus, Auto­kor­sos ver­stopf­ten die Straßen, weil die Bevöl­ke­rung aus der Stadt zu flüch­ten ver­suchte. Zu der Unüber­sicht­lich­keit der Lage gesellte sich das Gefühl der Des­in­for­ma­tion, denn täglich ver­brei­te­ten sich Neu­ig­kei­ten und Gerüchte in der­ar­ti­ger Geschwin­dig­keit und Fülle, dass es schwer war, Wahr­heit von Unwahr­heit zu unterscheiden.

In der Folge began­nen einige Städ­te­rin­nen und Städter, die ihr Glaube an die Sou­ve­rä­ni­tät und die Unab­hän­gig­keit der Ukraine einte, sich zu orga­ni­sie­ren. Aus den Reihen dieser Gruppe, vor allem Frei­wil­lige und Mili­tär­an­ge­hö­rige, sollte eine aktive Zivil­ge­sell­schaft erwachsen. 

Als die Stadt sich zu einem Kriegs­ge­biet wan­delte, war Aljona Terner gerade 13 Jahre alt. In ihrer Erin­ne­rung ist die Beset­zung mehr als nur ein dunkler Nach­hall der weit ent­fern­ten Ein­schläge durch Artil­le­rie­feuer, der Schüsse und Schreie und der Weh­kla­gen der Opfer. Einmal führte sie und ihre Freun­din­nen die Neugier und der jugend­li­che Leicht­sinn gera­de­wegs in ein Ver­steck der Sepa­ra­tis­ten im Stadtzentrum.

© Roxana Kuranova

„Da waren viel­leicht drei oder vier Leute. Denen war egal, wer sich ihnen da näherte, die waren mit ihren eigenen Sachen beschäf­tigt. Wir sind bis zu ihrem Lager gekom­men. Da lagen Waffen und Muni­tion, auf den Fens­ter­bän­ken standen Molo­tow­cock­tails. Wir waren so nah dran, wie sie selbst. Wir waren gerade dabei, uns alles anzu­schauen, als wir das Klicken einer Siche­rung hörten. Als wir uns umdreh­ten, stand da ein Mann, der eine Waffe auf uns rich­tete. Ich bin wahr­schein­lich noch nie in meinem Leben so schnell gerannt“, erzählt die junge Frau.

Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass Aljona dem Tod ins Gesicht blickt. Sie wird mehr als nur einen Ange­hö­ri­gen an der Front ver­lie­ren. Sie selbst schließt sich den Frei­wil­li­gen an und arbei­tet als Sanitäterin.

„Ich habe damals [um den 9.Mai 2014] ver­stan­den, dass das alles nicht richtig ist. Dass irgend­je­mand in mein Haus kommt, denn ich emp­finde Mariu­pol und die Region als mein Zuhause, und mir das Leben nehmen will, weil ich andere Ansich­ten habe. Im Laufe der nächs­ten Jahre habe ich dann ein Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl zu diesem Staat ent­wi­ckelt und den Willen, seine ter­ri­to­riale Inte­gri­tät zu ver­tei­di­gen. Ich habe für mich erkannt, dass ich Teil der Struk­tu­ren sein möchte, die für die Inter­es­sen des Landes ein­tre­ten, dass mein Platz dort ist. Und dass ich um jeden Preis an die Front muss“.

Ihren acht­zehn­ten Geburts­tag erlebte sie in den Reihen der aus Frei­wil­li­gen zusam­men­ge­setz­ten Sani­täts­ein­heit „Tairas Engel“, in der sie neun Monate arbei­tete. In dieser Zeit rettete sie sowohl Sol­da­ten als auch Zivil­per­so­nen aus den kleinen Dörfern, die durch ihre Lage an der Front per­ma­nen­tem Beschuss aus­ge­setzt waren. In diesen Dörfern leben über­wie­gend ver­ein­samte Rentner, zu denen sich weder Ver­wandte, noch Not­ärzte vorwagen.

Mitt­ler­weile stu­diert die junge Frau Sani­täts­we­sen an einer Berufs­schule. Ihre Zukunft sieht sie in der Armee. Sie könnte sich vor­stel­len als Mili­tär­sa­ni­tä­te­rin zu arbei­ten, oder aber in Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­gram­men für Soldaten.

Aljonas Geschichte ist nicht typisch für Mariu­pol. Jedoch tritt in ihr ein Element zutage, das sie mit einem Groß­teil der Jugend von Mariu­pol gemein hat – die aktive Betei­li­gung am zivil­ge­sell­schaft­li­chen Leben und der Stadt­ent­wick­lung. Die Zahl der jungen Leute, die sich ent­schei­den in der Stadt zu bleiben und zu arbei­ten, ist bestän­dig. Nichts­des­to­trotz sorgen der Mangel an sta­bi­ler, viel­fäl­ti­ger Arbeit und die geringe Unter­stüt­zung junger Unter­neh­mer dafür, dass die Jugend die Stadt in Rich­tung der Metro­po­len oder des Aus­lands verlässt.

Wer einen Spa­zier­gang durch Mariu­pol unter­nimmt, dem wird die Nähe zur Front kaum auf­fal­len. Mariu­pol posi­tio­niert sich als Hort der Sicher­heit, wo nur noch die Stra­ßen­pa­trouil­len und das abge­brannte Stadt­par­la­ment an den Krieg erin­nern, welches sich bereits im Wie­der­auf­bau befindet.

Und doch wird man keine einzige Person antref­fen, deren Leben der Krieg nicht ver­än­dert, die die Bom­bar­die­rung des öst­li­chen Stadt­be­zirks nicht mit­be­kom­men und Bekannte durch die Raketen oder durch Flucht ver­lo­ren hat.

Kul­tur­ar­beit bedeu­tet, gegen den Krieg zu arbeiten

Es wäre falsch zu behaup­ten, die Ent­wick­lung der Stadt sei nur der Stadt­ver­wal­tung und inter­na­tio­na­len Stif­tun­gen zu ver­dan­ken. Eine wich­tige Rolle in der Trans­for­ma­tion des „kleinen, grauen Bruders“ von Donezk spielt auch die Zivil­ge­sell­schaft, die ihre pro­u­krai­ni­schen Posi­tio­nen und die Unter­stüt­zung für die Front vereint. Soli­da­ri­tät hat Mariu­pol auch aus anderen Städten der Ukraine erfahren.

© Roxana Kuranova

„Damals im Jahre 2015 gab es ein großes Erwa­chen des zivilen Bewusst­seins. Wenn ihr der Armee helfen konntet, wenn ihr die Stadt ver­tei­di­gen konntet, warum sollten wir dann jetzt nicht gemein­sam etwas ver­än­dern können? Wir können. Außer­dem fragten sich viele, was sie machen könnten, während unsere Jungs dort im Krieg sind. Die kämpfen dort gegen äußere Feinde, und wir falten hier die Hände über dem Schoß zusam­men“, erzählt Olena Solo­tor­jowa, die sich als Frei­wil­lige für die Stadt­ge­sell­schaft und Umwelt­schutz­in­itia­ti­ven einsetzt.

Eine dieser vielen Initia­ti­ven trägt den Namen „Cha­la­buda“ und öffnete im Jahr 2016 als dritter öffent­li­cher Raum, in dem vieles ange­bo­ten wird, Brett­spiele, Foto­gra­fie- und Mal­kurse, die Mög­lich­keit zum Eng­lisch­ler­nen in einem Klub. Zudem unter­stützt „Cha­la­buda“ die NGO „Pforte des Ostens“.

Dieser Raum ent­wi­ckelt sich zum Kno­ten­punkt der zivil­ge­sell­schaft­li­chen Selbst­hilfe, wo sowohl die Unter­stüt­zung von Klein­un­ter­neh­mern als auch frei zugäng­li­che Bil­dungs­an­ge­bote im krea­ti­ven und im IT-Bereich ihren Platz haben. Cha­la­buda arbei­tet eng mit der Jugend Mariu­pols zusam­men, die dort Lek­tio­nen in Pro­jekt­ma­nage­ment und Bei­stand bei der Berufs­ori­en­tie­rung erhält. Es geht darum, jungen Men­schen zu zeigen, wie sie etwas Eigenes auf­zie­hen können. Zudem dient die Orga­ni­sa­tion als Anlauf­stelle der Kyjiwer Gesprä­che in der Region Pryasowja.

Seit 2015 sind in Mariu­pol einige unab­hän­gige Medi­en­pro­jekte orga­ni­siert worden. Zu diesen zählen Sus­pilne Tele­bat­schennja Donbasu und ihr Projekt Tyschden Mariu­polja sowie Hromadske Prya­so­wja, das seine Akti­vi­tä­ten leider bereits wieder ein­ge­stellt hat. Zu beob­ach­ten ist die rasche Ent­wick­lung von Medien mit Schwer­punkt Life Style.

Auch der Kul­tur­sek­tor hat sich unab­hän­gig von den städ­ti­schen Museen und kul­tu­rel­len Ein­rich­tun­gen weiterentwickelt. 

In der Stadt wurden einige eigen­stän­dige Theater gegrün­det, in denen sowohl Laien als auch pro­fes­sio­nelle Schau­spie­le­rIn­nen tätig sind. Kon­zerte und Lite­ra­tur­abende haben zuge­nom­men. Im Nachzug hat auch die Stadt­ver­wal­tung begon­nen, kul­tu­relle Ver­an­stal­tun­gen zu fördern, dar­un­ter Fes­ti­vals und Volksfeste.

Einer der Aus­gangs­punkte der zeit­ge­nös­si­schen Kunst und Kultur in der Stadt wurde die Kunst­platt­form „Tu“ unter der Leitung von Diana Berg, die vor ihrer Flucht nach Mariu­pol als Anfüh­re­rin pro­u­krai­ni­scher Pro­teste in Donezk auftrat.

„Tu“ brachte das mit, woran es Mariu­pol bisher gefehlt hatte. Zunächst einmal war es das erste Kol­lek­tiv, das zeit­ge­nös­si­sche, kri­ti­sche Kunst auf die Mariu­po­ler Kon­zert­büh­nen brachte. Unter den Künst­le­rin­nen und Künst­lern finden sich bekannte Namen wie Marjana Sadow­ska, Dakh Daugh­ters, Serhij Zadan und Larisa Wene­dik­to­was Tanz­la­bo­ra­to­rium. Zwei­tens führte das Kol­lek­tiv mit­hilfe der Sprache der Kunst einige tabui­sierte Themen in den öffent­li­chen Raum ein. „Kul­tur­ar­beit ist immer auch Arbeit gegen den Krieg“ ist Diana Bergs Lieblingsmotto.

© Roxana Kuranova

Die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer dieser Initia­tive wurden zur Avant­garde von Mariu­pol. Die ersten illus­tren Aktio­nen, die dem Thema Frau­en­rechte gewid­met waren, sorgten bei der Mehr­heit der Stadt­be­völ­ke­rung für Unver­ständ­nis. Doch nach vier Jahren per­ma­nen­ter Akti­vi­tät hat sich die Situa­tion geän­dert. Ihre Geg­ne­rIn­nen sind nicht ver­schwun­den, aber die Tole­ranz gegen­über den Aktio­nen zu diver­sen wich­ti­gen, wenn auch nicht immer popu­lä­ren Themen ist gewach­sen. Gewach­sen ist auch die Zahl der­je­ni­gen, die bereit sind, mit ihren eigenen Per­for­man­ces auf die Straße zu gehen.

Die Räum­lich­keit von „Tu“ sind auch zu einem Ort des Dia­lo­ges und des Rück­zugs für den Teil der Stadt­be­völ­ke­rung gewor­den, der im städ­ti­schen Raum für gewöhn­lich nicht gerne gesehen wird. Das sind ins­be­son­dere junge Künst­le­rIn­nen, die weder im Berufs­ver­band der Künst­le­rin­nen und Künst­ler Auf­nahme fänden noch mit einer Ein­la­dung rechnen könnten, ihre Werke in den öffent­li­chen Museen aus­zu­stel­len. Es ist ein Raum für Expe­ri­mente, in der Ste­reo­ty­pen und Vor­ur­teile ver­mie­den werden sollen und in dem jeder den für sich wich­ti­gen Fragen nach­ge­hen kann.

„Ohne Angst und ohne Grenzen“ ist eines der Prin­zi­pien, nach denen die Orga­ni­sa­tion strebt. Sie setzt ihr Enga­ge­ment auch im Ange­sicht der Bedro­hun­gen und Angriffe durch radi­kale Gruppen fort, und trotz der Kritik von­sei­ten des kon­ser­va­tiv ein­ge­stell­ten Bevöl­ke­rungs­teils an der offenen Unter­stüt­zung der LGBTIQ-Gemeinde und Geschlechtergleichheit.

Die Kunst­platt­form „Tu“ ist ein Bei­spiel dafür, wie sich Mariu­pol zwar mit kleinen Schrit­ten, aber doch in die rich­tige Rich­tung zu einer tole­ran­te­ren und libe­ra­le­ren Stadt entwickelt. 

Von Urlaubs­pa­ra­die­sen und dem Kampf für saubere Luft

Nach der Befrei­ung Mariu­pols von der Besat­zung warf die rasante Ent­wick­lung der Stadt auch die Frage nach wirt­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen auf. Lange Zeit waren die metall­ur­gi­schen Kom­bi­nate die öko­no­mi­sche Grund­lage der Stadt gewesen. Diese Abhän­gig­keit wirkte sich auch auf andere Berei­che des Lebens aus.

„Ver­spürt ein Mensch nach einer mehr­tä­gi­gen Schicht in der Fabrik noch den Wunsch in eine Aus­stel­lung zu gehen oder sich selbst zu ver­wirk­li­chen? Wenn er doch eigent­lich nur damit beschäf­tigt ist, seine Familie zu ernäh­ren?“, fragt sich Olena Solotarjowa.

Aber es gab sie, die Ver­an­stal­tun­gen, die seit jeher von vielen Mariupoler:innen besucht wurden. Gemeint sind die Umwelt­pro­teste gegen die Luft­ver­schmut­zung durch die Stahlfabriken.

Betrach­tet man die Stadt­ge­schichte genauer, so wird man erken­nen, dass die ersten dieser Pro­teste schon vor der Unab­hän­gig­keit der Ukraine statt­fan­den. Eine der größten Aktio­nen erlebte die Stadt in den Jahren 2012 und 2013. Damals schlos­sen sich mehr als 1000 Men­schen an. Auch Olena betei­ligte sich bei dieser Gele­gen­heit zum ersten Mal an einem Umwelt­pro­test und begann sich für dieses Thema zu inter­es­sie­ren. Bei der letzten Aktion, das war 2018, betei­lig­ten sich bereits 5000 Menschen.

Eines der im wahrs­ten Sinne bren­nends­ten Pro­bleme der Stadt besteht darin, dass sich ein bedeu­ten­der Teil der Abluft der Kom­bi­nate im Zentrum der Stadt staut. Beim Bau der Fabri­ken in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­dert nahm man keine Rück­sicht auf die Windverhältnisse.

Wird die Pro­duk­tion gestei­gert, so erhöht sich auch der Fein­staub­an­teil in der Luft, was dazu führt, dass die Stadt in einem dunkel-lila Dunst ver­sinkt. Die darin ent­hal­tene Schad­stoff­kon­zen­tra­tion (Zink, Cadmium, Eisen u.a.) über­schrei­tet die zuläs­si­gen Grenz­werte oft um ein Vielfaches.

Unter dieser Situa­tion leidet nicht nur die Luft­qua­li­tät, sondern auch das Meer. Die Betriebe leiten ihr Abwas­ser in das Asow­sche Meer und den Fluss Kalmius. Dadurch sinkt der Sauer­stoff­an­teil in den unters­ten Gewäs­ser­schich­ten des Meeres prak­tisch auf null. In der Som­mer­sai­son trifft man an den Strän­den der Stadt des­we­gen auf Unmen­gen toter Fische.

© Roxana Kuranova

Olena gibt offen zu, dass es äußerst schwie­rig ist, auf die großen Betriebe mit lokalen Initia­ti­ven ein­zu­wir­ken. Es braucht Geset­zes­in­itia­ti­ven und außer­dem muss auf staat­li­che Insti­tu­tio­nen und Minis­te­rien ein­ge­wirkt werden. Die Zivil­ge­sell­schaft verfügt kaum über effek­tive Instru­mente, abge­se­hen von öffent­lich­keits­wirk­sa­men Aktio­nen, um Druck auf­zu­bauen. Die Fabri­ken gehören dem Olig­arch Rinat Ach­me­tow, dessen Posi­tion durch die Deals mit Politiker:innen seit Jahren gesi­chert ist.

„Viele sind ent­täuscht von den Umwelt­ak­ti­vis­ten, denn die Früchte ihrer Arbeit sind nicht sofort erkenn­bar. Nach so einer Aktion hören viel­leicht vier oder fünf Schorn­steine auf zu rauchen. Das ist eine wenig abwechs­lungs­rei­che, lang­wie­rige Arbeit, die nur wenige machen wollen. Aber die, die sie machen, wissen sehr gut, wie wichtig der gesell­schaft­li­che Druck ist, und was er für posi­tive Aus­wir­kun­gen haben kann“.

Im Jahr 2013 wurde dank der Aktio­nen ein altes Stahl­werk im Stadt­zen­trum geschlos­sen. Die Akti­vis­ten ver­fol­gen den Moder­ni­sie­rungs­pro­zess der Betriebe sehr genau und machen dabei klar, dass sie sich nicht ohne Wei­te­res abspei­sen lassen werden.

„Unsere Posi­tion wird oft als sehr gemä­ßigt emp­fun­den. Aber für mich ist sie vor allem logisch. Wir fordern nicht die Schlie­ßung der Betriebe, denn die Stadt würde ohne sie ein­ge­hen. Unsere For­de­rung an die Füh­rungs­etage der Betriebe besteht in der best­mög­li­chen Moder­ni­sie­rung, und an die Stadt­ver­wal­tung gerich­tet, in der För­de­rung von Unter­neh­men, so dass der Haus­halt aus einer grö­ße­ren Viel­falt an Quellen gefüllt wird. Früher oder später werden die Fabri­ken schlie­ßen, das ist abseh­bar. Aber das sollte mög­lichst schmerz­los gesche­hen“, erzählt Olena.

Doch der Umwelt­ak­ti­vis­mus in Mariu­pol beschränkt sich nicht auf den Kampf um saubere Luft. Ebenso eifrig betrei­ben Initia­ti­ven die Arbeit am Bewusst­sein für Müll­tren­nung, Wie­der­ver­wer­tung und das „zero waste“-Prinzip. Sie lehren die Bür­ge­rin­nen und Bürger ihre Abfälle zuguns­ten ihrer Wohn­quar­tiere zu monetisieren.

Eine Alter­na­tive zur Wei­ter­ent­wick­lung des städ­ti­schen Indus­trie­sek­tors ist die Idee einer Umge­stal­tung der Stadt zum Urlaubs- und Tou­ris­mus­zen­trum der Region Prya­so­wja. In Laufe der ver­gan­ge­nen Jahre ist Mariu­pol anzie­hen­der und gast­freund­li­cher gegen­über Tourist:innen gewor­den. Die Infra­struk­tur ent­wi­ckelt sich, und es gibt Besich­ti­gungs­mög­lich­kei­ten. Zudem haben sich Gro­ße­vents wie das Gogol-Fest eta­bliert, zu denen Men­schen aus dem ganzen Land anreisen.

Die Stadt­strände beein­dru­cken nicht unbe­dingt durch Sau­ber­keit und Qua­li­tät. Eine gefahr­los begeh­bare See­brü­cke ist erst 2020 ent­stan­den. Dennoch kann man sich die Stadt sehr gut als tou­ris­ti­sches Zentrum vor­stel­len, in der Besu­che­rIn­nen die großen Fabri­ken hautnah erleben und den Wind von Prya­so­wja im Gesicht spüren können.

Mariu­pol ist eine Stadt mit großem Ent­wick­lungs­po­ten­zial, die über ambi­tio­nierte Pläne verfügt. Eine Stadt, in deren ver­las­se­nem Zentrum ein Besu­cher sowohl dem fernen Grum­meln der Fabri­ken als auch den Bässen nächt­li­cher Raves lau­schen kann. Eine Stadt, die die Region Prya­so­wja und den Donbas in sich vereint, und die ken­nen­zu­ler­nen sich unbe­dingt lohnt.

Aus dem Ukrai­ni­schen von Dario Planert.

  • Das Aso­wi­sche Meer © Roxana Kuranova
  • Ein Spiel­platz im Zentrum von Mariu­pol © Roxana Kuranova
  • Zentrum von Mariu­pol © Roxana Kuranova
  • Aljona Terner (Mitte) mit den Sol­da­ten der ukrai­ni­schen Armee. Foto: privat
  • Das Rathaus der Stadt Mariu­pol. © Roxana Kuranova
  • Das Mosaik „Erdraum“ im Palast der Kultur „Iskra“ in Mariu­pol © Roxana Kuranova
  • Die Kunst­platt­form „Tu“ bei einer Ver­an­stal­tung © Roxana Kuranova

 

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