Selen­skyj und ukrai­ni­sche Intel­lek­tu­elle

© Shut­ter­stock

Bekann­ter­ma­ßen hat Prä­si­dent Selen­skyj die Prä­si­dent­schafts­wahl haus­hoch gewon­nen und seine Partei „Diener des Volkes“ in den anschlie­ßen­den Par­la­ments­wah­len als erste Partei über­haupt die abso­lute Mehr­heit errin­gen können. Zahl­rei­che Intel­lek­tu­elle der Ukraine, ver­ei­nigt in der Grup­pie­rung „1. Dezem­ber“, hatten zuvor über ver­schie­dene Kanäle ver­sucht, Stim­mung gegen Selen­skyj und für den von ihnen unter­stüt­zen Petro Poro­schenko zu machen. Woran lag das? Unser Autor Andrii Portnov begibt sich auf eine Spu­ren­su­che.

Bei den ersten ukrai­ni­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len im Dezem­ber 1991 erhielt der ehe­ma­lige Par­tei­funk­tio­när Leonid Krawt­schuk 61,6 % der Stimmen und setzte sich so gleich gegen mehrere Kan­di­da­ten der soge­nann­ten natio­nal-demo­kra­ti­schen Kräfte durch. Bei den vor­ge­zo­ge­nen Prä­si­dent­schafts­wah­len im Mai 2014 wurde Petro Poro­schenko mit 54,7 % der Stimmen gewählt. Beide Ent­schei­dun­gen fielen im ersten Wahl­gang und erfolg­ten unter extre­men Bedin­gun­gen: nach dem Zerfall der Sowjet­union bzw. während eines offenen mili­tä­ri­schen Kon­flikts mit unmit­tel­ba­rer Ein­mi­schung eines anderen Staates. Alle anderen Prä­si­dent­schafts­wah­len wurden in einer Stich­wahl ent­schie­den. Mithin bedeu­ten die 73,22 % von Wolo­dy­myr Selen­skyj den mit Abstand größten Wahl­sieg.

Portrait von Andrii Portnov

Andrii Portnov ist Pro­fes­sor für Ent­ang­led History of Ukraine an der Via­drina-Uni­ver­si­tät (Frankfurt/​Oder) und Leiter des For­schungs­netz­werks „Prisma Ukraïna“ in Berlin.

Erin­nern wir uns daran, dass Leonid Kutschma die vor­ge­zo­ge­nen Wahlen von 1994 mit 52,15 % der Stimmen gewann und dann 1999 diesen Erfolg mit einem Wahl­er­geb­nis von 56,25 % wie­der­ho­len konnte, was nicht ohne massive Unter­stüt­zung des Staats­ap­pa­ra­tes geschah. Außer ihm gelang es bisher keinem anderen ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten, für eine zweite Amts­zeit gewählt zu werden. Nach der Orangen Revo­lu­tion von 2004 gab es eine zweite Stich­wahl, bei der auf Wiktor Juscht­schenko 51,99 % der Stimmen ent­fie­len. Aller­dings gelang es dann Wiktor Janu­ko­wytsch 2010 doch, mit einem Wahl­er­geb­nis von 48,45 % zum Prä­si­den­ten gewählt zu werden. Damals war die Dif­fe­renz zu seiner Haupt­ri­va­lin Julia Tymo­schenko gerin­ger als der Stim­men­an­teil gegen die beiden Kan­di­da­ten.

Den phä­no­me­na­len Erfolg bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len konnte Selen­skyj mit seiner Partei „Diener des Volkes“ bei den vor­ge­zo­ge­nen Par­la­ments­wah­len bestä­ti­gen und sogar noch weiter aus­bauen. Bei den Lis­ten­plät­zen erran­gen die „Diener des Volkes“ 43,16 % der abge­ge­be­nen Stimmen, was 124 Sitzen in der Wer­chowna Rada ent­spricht. Und die Anzahl der Direkt­man­date lag sogar noch höher, so dass die Partei weitere 130 Abge­ord­nete stellt. Ein solches Ergeb­nis und ein solches Gewicht der Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit, die in vielen Situa­tio­nen allein über den Sieg ent­schied, hatten wahr­schein­lich sogar die Gewin­ner der Wahl selbst nicht erwar­tet. Ein sehr anschau­li­ches Bei­spiel dafür ist der Sieg eines Hoch­zeits­fo­to­gra­fen im Wahl­kreis Sapo­risch­schja über einen ein­fluss­rei­chen Geschäfts­füh­rer eines großen pro­du­zie­ren­den Unter­neh­mens, der als lang­jäh­ri­ger Abge­ord­ne­ter über mehrere Legis­la­tur­pe­ri­oden im Par­la­ment geses­sen hatte. Und so errang zum ersten Mal in der post­so­wje­ti­schen Geschichte der Ukraine eine Partei über 250 Sitze im Par­la­ment und somit die abso­lute Mehr­heit. Bislang war noch niemand in der ukrai­ni­schen Geschichte des poli­ti­schen Plu­ra­lis­mus den Ver­su­chun­gen eines der­ar­ti­gen Macht­mo­no­pols aus­ge­setzt gewesen. Und nie zuvor hatte ein Kan­di­dat oder eine poli­ti­sche Kraft je einen solchen regio­na­len Zusam­men­halt bewir­ken können.

Zudem weisen die beiden jüngs­ten Wahl­kämpfe in der Ukraine noch eine weitere inter­es­sante, jedoch kaum bemerkte Beson­der­heit auf, nämlich die bemer­kens­werte Unter­stüt­zung der ukrai­ni­schen Intel­lek­tu­el­len­szene bzw. der „mora­li­schen Auto­ri­tä­ten“ oder „Mei­nungs­füh­rer“, wie sich die meisten in diesem Artikel erwähn­ten Akteure selbst defi­nie­ren, für den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Petro Poro­schenko. Genau dieses Phä­no­men ver­su­che ich an dieser Stelle zu beschrei­ben und zu ana­ly­sie­ren.

Warum sollte man für Poro­schenko stimmen?

Im Vorfeld der Prä­si­dent­schafts­wah­len, am 13. März 2019 hat die Initia­tiv­gruppe „1. Dezem­ber“ einen Appell an die Ukrai­ner ver­öf­fent­licht. Dabei handelt es sich um eine infor­melle Ver­ei­ni­gung, die 2011 von ein paar bekann­ten Intel­lek­tu­el­len der älteren Genera­tion gegrün­det wurde. Die Autoren dieses Appells, bekannte Schrift­stel­ler und ehe­ma­lige Dis­si­den­ten, mahnten die Wähler zu Ver­ant­wor­tung und Wahrung der Ideale des Majdan. Außer­dem warnten sie vor „einer Zir­kus­vor­stel­lung statt Wahlen“, da dadurch „die Exis­tenz der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen bedroht“ sei. Einer der Unter­zeich­nen­den dieses Appells ist Myroslaw Marynowytsch, ehe­ma­li­ger Polit­häft­ling zu Sowjet­zei­ten und nun stell­ver­tre­ten­der Rektor der Ukrai­ni­schen Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Lwiw. In seinem Artikel „Warum ich Poro­schenko wähle?“ hatte er die Haupt­these des Appells auf­ge­stellt und die Ukrai­ner dazu auf­ge­ru­fen, ihr Augen­merk auf die natio­nale Sicher­heit und die Außen­po­li­tik zu richten. Poro­schen­kos wich­tigste außen­po­li­ti­sche Erfolge sind seiner Meinung nach die vom Patri­ar­chen von Kon­stan­ti­no­pel ver­lie­hene Eigen­stän­dig­keit der Ukrai­ni­schen Ortho­do­xen Kirche und die Visa­frei­heit mit den Schen­ge­ner Staaten. Bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len wird laut Marynowytsch über nicht weniger als über die „Exis­tenz des Staates“ ent­schie­den.

Ähn­li­che Aufrufe, manch­mal weniger dra­ma­tisch, aber nicht selten auch noch dra­ma­ti­scher, kamen auch von vielen anderen bekann­ten ukrai­ni­schen Intel­lek­tu­el­len. So ver­öf­fent­lichte die Schrift­stel­le­rin Oksana Sabuschko im Vorfeld der Stich­wahl, deren Ausgang zu diesem Zeit­punkt bereits abzu­se­hen war, einen Artikel in der FAZ, in dem sie sich mit den Risiken aus­ein­an­der­setzte, die der Sieg eines „völlig vir­tu­el­len Kan­di­da­ten“ mit sich bringen würde, gleich­zu­set­zen mit der fik­ti­ven Figur des Bären Waldo aus der bri­ti­schen Serie „Black Mirror“. Aus ihrer Sicht hatte „die Ukraine eine Prüfung im Fach Rea­li­täts­sinn“ zu bestehen und sei erneut das „Expe­ri­men­tier­feld, auf dem die Lebens­fä­hig­keit der Grund­la­gen der west­li­chen Zivi­li­sa­tion getes­tet wird“. Nach erwar­tungs­ge­mäß nicht bestan­de­ner Prüfung war Sabuschko scho­nungs­los in ihrer Beschrei­bung des gewähl­ten Prä­si­den­ten: „Er ist weder gebil­det noch vor­be­rei­tet oder kom­pe­tent. Ihm fehlt jeg­li­ches Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl zu seinem Land. Denn das ist nicht sein Land. Das hier ist für ihn nur ein Gast­spiel. Er kommt aus dem Show­busi­ness und ist ein Produkt der Mos­kauer Geschäfts­welt“.

Noch pes­si­mis­ti­scher als Sabuschko ist wahr­schein­lich nur der Phi­lo­soph Taras Wozniak. Sein Tenor direkt nach der Stich­wahl lautete: Durch die Ableh­nung des Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Poro­schenko hat das ukrai­ni­sche Volk gezeigt, dass es „keine Ver­än­de­run­gen will und an einer schwe­ren, mög­li­cher­weise sogar unheil­ba­ren Krank­heit leidet“. Die Schluss­fol­ge­rung des Arti­kels von Wozniak ist dra­ma­tisch: „Die Ukraine soll zer­stört werden“.

Revo­lu­tion? Ja, aber welche? Die Suche nach his­to­ri­schen Bei­spie­len

Bereits nach der Stich­wahl hielt der Jour­na­list Witalij Port­ni­kow der weit ver­brei­te­ten These, Selen­skyjs Wahl­tri­umph sei eine Revan­che, ent­ge­gen, dass dies kei­ner­lei Revan­che sei, sondern der Sieg eines Niemand und eines Nichts, genauso wie 1917 – 1921. Port­ni­kow ver­tritt die Meinung, dass „die­je­ni­gen, die heute an der Macht sind, die Zer­stö­rung der Insti­tu­tio­nen zu ihrem Ziel erklärt haben, damit sie im Chaos regie­ren können. Sie wüssten selber noch nicht wozu, aber sie könnten einfach nicht anders“. In diesem Fall ist der Ver­gleich mit den Ereig­nis­sen von vor hundert Jahren wahr­schein­lich eine Anspie­lung darauf, dass sich die Revo­lu­ti­ons­eu­pho­rie des Februar 2017 als Vor­stufe zu Chaos und Dik­ta­tur erwies. Den Ver­gleich mit der Situa­tion von 1917 – 1921 stellte auch Jaros­law Gryzak an und bekannte sich eben­falls öffent­lich zur Kan­di­da­tur Poro­schen­kos. Der His­to­ri­ker ist der Auf­fas­sung, dass wenn im Jahre 2017 nicht die Triple Entente zur Sie­ger­macht gewor­den wäre, sondern Deutsch­land mit seinen Ver­bün­de­ten, die ukrai­ni­sche Staat­lich­keit „höchst­wahr­schein­lich stand­ge­hal­ten“ hätte. Im Gegen­satz zum Anfang des 20. Jahr­hun­derts besteht heute aller­dings welt­weit Konsens über die Exis­tenz des ukrai­ni­schen Staates.

Inter­es­sant ist, dass Dmytro Ras­um­kov, die Nummer Eins der Par­tei­liste von „Diener des Volkes“, sich in einem Inter­view eben­falls auf die Ereig­nisse von 1917 – 1921 bezieht, wobei ihm dieser his­to­ri­sche Bezug, aber wahr­schein­lich nicht einmal bewusst ist. Selen­skyjs Sieg bezeich­net er als „dritte Revo­lu­tion“, die fried­lich, ohne Opfer und „positiv“ ver­lau­fen ist. Ihr Ziel sei „der gesell­schaft­li­che Zusam­men­halt und die Kon­so­li­die­rung der Gesell­schaft um der rich­ti­gen Ziele willen“ gewesen. Dabei hatte er als enger Mit­strei­ter Selen­skyjs wahr­schein­lich bloß nach positiv klin­gen­den Parolen für ein gewinn­si­che­res poli­ti­sches Pro­gramm gesucht. Im Kontext der 1918 – 1919 Jahre hat jedoch der Begriff einer „dritten Revo­lu­tion“ eine etwas andere Bedeu­tung, wobei man darüber strei­ten könnte. Der Schrift­stel­ler Waler­jan Pid­mo­hyl­nyj hat mit diesen Worten Über­griffe von Nestor Machno auf Dörfer im Rahmen einer anar­chis­ti­schen Bewe­gung bezeich­net. In seiner gleich­na­mi­gen Erzäh­lung erlebt eine Prot­ago­nis­tin aus Jeka­te­ri­noslaw (heute Dnipro) den 15. Macht­wech­sel in nicht einmal zwei Jahren. Sie betet zu Gott, dass „die neue Macht von Dauer ist, also wenigs­tens zwei Monate bleibt“.

Reality-TV als poli­ti­sche Rea­li­tät

Wenn Sabuschko Selen­skyjs Sieg ana­ly­siert, nennt sie als Haupt­ur­sa­che die Schul­bil­dung. Aus ihrer Sicht hat eine Fern­seh­fi­gur die Lehr­bü­cher ersetzt, aus denen zu Zeiten von Janu­ko­wytsch ihre eigenen Werke getilgt wurden. Und die Fern­seh­se­rie „Diener des Volkes“ konnte nur deshalb so erfolg­reich sein, weil das Bil­dungs­ni­veau auf einem Tief­punkt ange­langt ist und „Unter­hal­tungs­pro­gramme als Teil der eigenen Iden­ti­tät wahr­ge­nom­men werden“.

Fast das­selbe Argu­ment führt Selen­skyjs dama­li­ger Wahl­kampf­lei­ter und nun neu gewähl­ter Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter (Lis­ten­platz 97 bei „Diener des Volkes“) Mykyta Pot­u­ra­jew an – aller­dings freund­li­cher und opti­mis­ti­scher aus­ge­drückt. Nach seiner Ein­schät­zung „lesen die Ukrai­ner im Durch­schnitt weniger als ein Buch pro Jahr, und so ist auch der Erfolg dieser Reality-Show zu erklä­ren“.

In einer seiner Kolum­nen machte sich im Vorfeld der Par­la­ments­wah­len der Schrift­stel­ler Jurij Andruchow­ytsch scho­nungs­los über diesen Fern­seh­kon­text lustig. Den Wahl­kampf der Par­teien „Diener des Volkes“ und „Stimme“ des Rock­stars Swja­to­slaw Wakart­schuk, die im Gebiet Lwiw übri­gens einen mini­ma­len Sieg bei den Lis­ten­plät­zen erzielte, bezeich­nete Andruchow­ytsch als Wett­be­werb um das beste Fern­seh­pro­jekt des Senders „1+1“. Damit meint er die Serie „Diener des Volkes“ mit Selen­skyj in Haupt­rolle und die Talent­show „The Voice of Ukraine“, in der Wakart­schuk 2015 als Trainer von Ama­teur­sän­gern antrat. Beide Rollen sieht er als „Par­odien eines moder­nen Messias ukrai­ni­scher Couleur“.

In einer anderen Kolumne betrach­tet Andruchow­ytsch einen wei­te­ren wich­ti­gen Aspekt der Wahlen und zwar die Einig­keit sämt­li­cher ukrai­ni­scher Regio­nen bezüg­lich der Unter­stüt­zung von „Diener des Volkes“. Die Partei hat überall gewon­nen, unter anderem auch in Andruchow­ytschs Heimat Gali­zien mit den Gebie­ten Iwano-Fran­kiwsk, Lwiw und Tern­opil. Nach der Teilung des Dop­pel­staa­tes Polen-Litauen Ende des 18. Jahr­hun­derts gehörte Gali­zien bis 1918 zu Öster­reich-Ungarn. Von 1919 bis 1939 war es Teil Polens. Nicht ganz unwich­tig ist auch, dass diese Region während des zweiten Welt­krie­ges und im ersten Jahr­zehnt danach als wich­ti­ges Gebiet für den ukrai­ni­schen natio­na­lis­ti­schen Unter­grund fun­gierte. Der Schrift­stel­ler meint, dass mit der Abstim­mung für „Diener des Volkes“ und Selen­skyj „Gali­zien aufhört, als sepa­rate poli­ti­sche Einheit zu exis­tie­ren, ein Gali­zien, das bis dahin für das ganze Land zwar umstrit­tene, aber dennoch exis­ten­zi­elle Bot­schaf­ten gene­riert hatte“. Ansons­ten wäre die Ukraine „schon längst zu einer grö­ße­ren Version von Belarus gewor­den“.

Pro­phe­ten im eigenen Land

In den oben ange­führ­ten Intel­lek­tu­el­len-Zitaten ver­misse ich ganz stark deren Analyse ihrer eigenen Illu­sio­nen, Fehl­ein­schät­zun­gen bzw. der Über­be­wer­tung ihrer eigenen Bedeu­tung in der Gesell­schaft. Ange­sichts dieser Umstände kann man dem Schrift­stel­ler Ostap Drosdow nur zustim­men wenn er schreibt, dass diese Wahlen sehr deut­lich gezeigt haben, dass „die Men­schen nicht auf mora­li­sche Auto­ri­tä­ten und Mei­nungs­füh­rer hören“.

Noch inter­es­san­ter ist die Frage, was die „Mei­nungs­füh­rer“ selber davon halten, dass sie sich kein Gehör ver­schaf­fen konnten. So hieß es bei­spiels­weise im Appell der Gruppe „1. Dezem­ber“ im Vorfeld der Wahlen noch, die Ukrai­ner seien ein „frei­heits­lie­ben­des Volk mit eigenem Selbst­wert­ge­fühl und dürften daher nicht ver­ges­sen, dass dies eine gewisse zivil­ge­sell­schaft­li­che und mora­li­sche Ver­ant­wor­tung mit sich bringt“. In den meisten Kom­men­ta­ren nach dem Wahl­kampf wird dieses Volk dagegen seitens der Intel­lek­tu­el­len tüchtig geschol­ten.

Dass Oksana Sabuschko einen bedeu­ten­den ukrai­ni­schen Intel­lek­tu­el­len zitiert, der Ende des 19. Jahr­hun­derts Mit­glied einer sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung war, spricht Bände: „Die Demo­kra­tie setzt eine gewis­ses kul­tu­rel­les Niveau voraus, damit sie funk­ti­ons­fä­hig und wir­kungs­voll sein kann“ Diesen eli­tä­ren Aspekt treibt schließ­lich der Schrift­stel­ler Jurij Wyn­nyt­schuk noch auf die Spitze wenn es schreibt: „der Sieg einer unge­bil­de­ten Mehr­heit über die intel­lek­tu­elle Min­der­heit hat noch nie zu etwas Guten geführt“ und die Ukraine müsse sich nun auf das­selbe Régime gefasst machen, „das in Russ­land schon lange ver­an­kert ist“. Der Schrift­stel­ler und Über­set­zer Olek­sandr Bojt­schenko schreibt: „Bes­ten­falls kehrt der Zug unserer Staat­lich­keit nun zu dem Bahnhof zurück, von dem aus er vor fünf Jahre zu seiner Fahrt gestar­tet war“ und bezeich­net sämt­li­che Selen­skyj-Wähler als seine Feinde. Jurij Andruchow­ytsch pro­phe­zeit ein Kata­stro­phen­sze­na­rio: „Ein Volk, das mit all seinen Refle­xen die Krise anzieht, wird sich dieser Krise ohne Wenn und Aber aus­ge­setzt sehen. Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen. Das nächste Gewit­ter wird es zeigen“.

Man muss wissen, wie sehr sich die Autoren dieser Zitate mit dem Majdan iden­ti­fi­zie­ren, nur dann begreift man ihre Erbit­te­rung und ihren Schmerz . Ich glaube genau das meinte auch Witalij Nach­ma­no­wytsch, als er dazu aufrief, man solle „mög­lichst schnell“ aner­ken­nen, dass der wahre Ver­lie­rer der Wahlen nicht Poro­schenko ist, sondern „all die Men­schen, die sich mit dem Majdan iden­ti­fi­zie­ren“.

Auf dem Majdan und nach dem Majdan haben die von mir zitier­ten Autoren mehr­fach ihrer Freude über eben jenes Volk Aus­druck ver­lie­hen , das ihrer Meinung nach dann nur fünf Jahre später die rus­si­sche Pro­pa­ganda und die vir­tu­elle Rea­li­tät gewählt hat. Als Sabuschko über den Majdan schrieb, sprach sie vom „Glücks­ge­fühl“ ange­sichts einer Ukraine als „kol­lek­ti­ves Indi­vi­duum“ und „kol­lek­tive Seele“. Andruchow­ytsch bezeich­nete den Majdan als „Aus­druck eines beson­de­ren ukrai­ni­schen Geistes“. Für Gryzak war der Majdan das Produkt einer „Genera­tion der Unab­hän­gig­keit“. Für ihn war dies möglich gewor­den, weil die Mehr­heit der Ukrai­ner sich für die „Werte der Selbst­ver­wirk­li­chung“ ent­schie­den hatte während die Mehr­heit der Russen „die Werte des Über­le­bens“ wählte.

Man könnte nun wohl erwar­ten, dass eine der­ma­ßen radi­kale Mei­nungs­än­de­rung der Wähler in nur fünf Jahren zum Anlass für eine ernst­hafte Analyse und Refle­xion wird. Und ist die Moti­va­tion der Mehr­heit der Ukrai­ner, die für ein Wunder gestimmt haben, 2019 wirk­lich so anders als die bei den Wahlen 2014? Poro­schen­kos letzter Wahl­kampf hatte auf der rechts­kon­ser­va­ti­ven Rhe­to­rik unter dem Motto „Armee, Glaube, Sprache“ beruht. Als Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat 2014 sprach er jedoch über die baldige Been­di­gung des Krieges, neue Gesich­ter in seinem Team und schwere Strafen für Ver­bre­chen des frü­he­ren Regimes.

Eine selbst­kri­ti­sche Refle­xion der Intel­lek­tu­el­len hätte wahr­schein­lich eine größere Rele­vanz. Wie und warum ist es dazu gekom­men, dass die­sel­ben Per­sön­lich­kei­ten, die Anfang der 1990-er Jahre eine große Bekannt­heit als Symbole der Post­mo­derne und Kämpfer gegen pro­vin­zi­elle Vor­ur­teile erlang­ten, sich nun dazu berufen fühlen, die Nation wach­zu­rüt­teln. Gleich­zei­tig schlüp­fen sie noch in die Rolle der Hüter von natio­na­len Tra­di­tio­nen, die den unge­bil­de­ten Massen wohl fern sind. Hat es sich wirk­lich erst 2019 her­aus­ge­stellt, dass zwi­schen dem Hang vieler „Mei­nungs­füh­rer“ zur Selbst­dar­stel­lung und einer ratio­na­len Analyse der Situa­tion eine Kluft liegt, die nicht weniger groß ist als zwi­schen Selen­skyjs Sati­re­sen­dung „95-Kvartal“ und dem Humor von Monty Python?

Für was steht Selen­skyj?

Bis heute ist unver­ständ­lich, was in der Ukraine bei den letzten Wahlen geschah. War das eine opti­mis­ti­sche Ver­schnauf­pause vor dem unver­meid­li­chen Chaos? Ist das die ukrai­ni­sche Version einer inter­na­tio­na­len Bewe­gung gegen die herr­schen­den Eliten oder ein popu­lis­ti­scher Auf­stand gegen das kor­rupte Estab­lish­ment? Handelt es sich um eine Macht­ma­ni­fes­ta­tion der Mas­sen­kul­tur und den voll­stän­di­gen Nie­der­gang der Kultur? Was war das? Ein Triumph des linken Pater­na­lis­mus? Ein Höhe­punkt der Ent­täu­schung oder der Majdan der Wähler? Ein Triumph der rus­si­schen Pro­pa­ganda? Eine posi­tive und fried­li­che Revo­lu­tion?

Fol­gende Fragen bedür­fen einer ernst­haf­ten Analyse: warum hat der Majdan nicht eine bedin­gungs­lose sym­bo­li­sche Bedeu­tung für die Mehr­heit der Ukrai­ner erlangt bzw. warum hat er diese Bedeu­tung so schnell ver­lo­ren? Wie kann man die Leich­tig­keit erklä­ren, mit der die ukrai­ni­schen Wähler auf das Prinzip der poli­ti­schen Kon­kur­renz ver­zich­tet haben? Denn genau dadurch hatte sich die post­so­wje­ti­sche Ukraine doch vom benach­bar­ten Belarus und von Russ­land unter­schie­den.

Die Klärung dieser Fragen steht noch aus.

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