Ein­fluss von Nord Stream 2 auf die euro­päi­schen Gas­flüsse

© Shut­ter­stock

Trotz hef­ti­ger Wider­stände steht das deutsch-rus­si­sche Pipe­line-Projekt Nord Stream 2 kurz vor der Fer­tig­stel­lung. Ein Ver­lie­rer stand dabei schon vorher fest: die Ukraine. Bisher gene­riert die Ukraine wich­tige Tran­sit­ein­nah­men durch den Durch­fluss von rus­si­schem Gas nach Europa, diese werden nach Inbe­trieb­nahme von Nord Stream 2 deut­lich ver­rin­gert sein. Der Ener­gie­ex­perte Dr. Maik Günther hat für uns einmal vor­ge­rech­net, wie die Gas­flüsse in Europa im Jahr 2030 aus­se­hen könnten.

Portrait von Maik Günther

Maik Günther ist Experte für Ener­gie­wirt­schaft bei den Stadt­wer­ken München und beschäf­tigt sich u.a. mit den welt­wei­ten Gas­märk­ten.

Erdgas spielt in Europa eine wich­tige Rolle in der Ener­gie­ver­sor­gung. Zudem sind seine Anwen­dungs­fel­der sehr viel­fäl­tig. Es dient als Brü­cken­tech­no­lo­gie in der Ener­gie­wende und hat ein erheb­li­ches Poten­zial zur Senkung der aktu­el­len CO2-Emis­sio­nen im Ver­kehrs- und Wär­me­sek­tor. Lang­fris­tig ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Gas­be­darf in Europa sinkt, wobei einige Studien auch einen relativ kon­stan­ten Gas­be­darf für die nächs­ten Jahr­zehnte pro­gnos­ti­zie­ren. Zur glei­chen Zeit ist jedoch mit einem signi­fi­kan­ten Rück­gang der Eigen­pro­duk­tion in Europa zu rechnen, sodass Europa lang­fris­tig noch stärker von Gas­im­por­ten abhän­gig sein wird. Dieser zusätz­li­che Import­be­darf wird vor allem von rus­si­schem Pipe­line­gas und durch LNG gedeckt werden. Derzeit befin­det sich die Pipe­line Nord Stream 2 durch die Ostsee im Bau. Sie hat eine jähr­li­che Kapa­zi­tät von 55 Mrd. m³ und stellt wie Nord Stream 1 eine direkte Ver­bin­dung zwi­schen Russ­land und Deutsch­land her.

Die Nord Stream 2 Pipe­line ist ein kon­tro­vers dis­ku­tier­tes Projekt. Auf der einen Seite hätte Deutsch­land mit ihr mehr Tran­sit­gas­flüsse und bei einem Ausfall alter­na­ti­ver Routen eine weitere Option zur Gas­ver­sor­gung. Nord Stream 2 würde es aber auch ermög­li­chen, Tran­sit­gas­flüsse Russ­lands durch die Ukraine zu redu­zie­ren. Mit Nord Stream 2 und der aktuell eben­falls im Bau befind­li­chen Pipe­line Turkish Stream, die von Russ­land direkt zur Türkei führt, würde Russ­land, ohne Gas­flüsse durch die Ukraine hin­zu­zu­zäh­len, über eine Export­ka­pa­zi­tät von 205,9 Mrd. m³ nach Europa ver­fü­gen. Damit kann das aktuell bestehende Monopol für Tran­sit­gas­lie­fe­run­gen ost­eu­ro­päi­scher Staaten gebro­chen werden, sodass die Tran­sit­ein­nah­men der Ukraine, aber auch Polens signi­fi­kant sinken.

Vor diesem Hin­ter­grund stellt sich die Frage, welchen Ein­fluss Nord Stream 2 auf die euro­päi­schen Gas­flüsse hat. Zur Analyse der lang­fris­ti­gen Effekte im Jahr 2030 wird das Gas­markt­mo­dell WEGA genutzt. Hierfür werden zwei Sze­na­rien erstellt: ein Basis­sze­na­rio sowie ein Sze­na­rio, bei dem Nord Stream 2 nicht gebaut wird, welches ansons­ten aber exakt dem Basis­sze­na­rio ent­spricht. Durch den Ver­gleich der Ergeb­nisse beider Sze­na­rien lässt sich der Ein­fluss von Nord Stream 2 auf die euro­päi­schen Gas­flüsse ablei­ten. Beim euro­päi­schen Gas­be­darf ori­en­tiert sich das Basis­sze­na­rio am New Poli­cies Sce­n­a­rio des World Energy Out­looks, sodass ein Rück­gang des Bedarfs von 2018 bis 2040 um 15 % unter­stellt ist. Zudem wird ange­nom­men, dass im glei­chen Zeit­raum die Eigen­pro­duk­tion in Europa um 40 % und die Pro­duk­tion in Nor­we­gen um 55 % sinken. Im Basis­sze­na­rio werden Nord Stream 2, Turkish Stream sowie die Trans Adria­tic Pipe­line (TAP) gebaut. Zudem ist zu beach­ten, dass die Tran­sit­gas­pipe­lines der Ukraine ver­hält­nis­mä­ßig alt sind und der Erneue­rung bedür­fen. Derzeit findet dies nur bei der Urengoy-Pomary-Uzh­go­rod (UPU) Pipe­line statt. Die Finan­zie­rung für die anderen Pipe­lines ist nicht gesi­chert, sodass deren Ein­satz­fä­hig­keit lang­fris­tig frag­lich ist. Von rus­si­scher Seite wurde in der Ver­gan­gen­heit wie­der­holt bekräf­tigt, die Ukraine bei Gas­lie­fe­run­gen nach Europa umgehen zu wollen. Daher wird im Basis­sze­na­rio die Annahme hin­ter­legt, dass Tran­sit­gas­lie­fe­run­gen durch die Ukraine in 2030 nicht möglich sind. In Sen­si­ti­vi­täts­be­rech­nun­gen mit WEGA ohne diese Ein­schrän­kung steigen die Tran­sit­gas­lie­fe­run­gen in 2030 ohnehin nicht signi­fi­kant an. Sie werden aber zwin­gend benö­tigt, falls es zu einem Ausfall alter­na­ti­ver Routen kommt, weniger LNG nach Europa gelangt oder eine längere Käl­te­welle auf­tritt.

Die Ergeb­nisse von WEGA sind für das Jahr 2030 in Abbil­dung 1 für das Basis­sze­na­rio und in Abbil­dung 2 für das alter­na­tive Sze­na­rio ohne Nord Stream 2 dar­ge­stellt. Hierbei zeigen schwarze Pfeile Pipe­line­flüsse an und weiße Pfeile stehen für LNG-Importe. Ins­ge­samt ist zu erken­nen, dass Deutsch­land durch Nord Stream 2 stärker zu einem Tran­sit­land wird. So erhöhen sich die Tran­sit­gas­flüsse in 2030 um 12 Mrd. m³ im Ver­gleich zum Sze­na­rio ohne Nord Stream 2. Auf der anderen Seite sinken jedoch die Tran­sit­gas­flüsse durch Polen nach Deutsch­land über die Yamal-Europe Route um 17 Mrd. m³. In 2017 und 2018 war diese Route noch fast voll aus­ge­las­tet.

Abb. 1: Gas­flüsse in 2030 mit Nord Stream 2 in Mrd. m³ (nur Werte ≥ 1 Mrd. m³, gerun­det und zusam­men­ge­fasst je Land)

Abb. 2: Gas­flüsse in 2030 ohne Nord Stream 2 in Mrd. m³ (nur Werte ≥ 1 Mrd. m³, gerun­det und zusam­men­ge­fasst je Land)

Es ist in Abbil­dung 1 eben­falls zu erken­nen, dass Nord Stream 2 bei einer jähr­li­chen Betrach­tung nicht voll aus­ge­las­tet ist. Während Nord Stream 1 & 2 über eine Gesamt­ka­pa­zi­tät von 110 Mrd. m³ pro Jahr ver­fü­gen, werden in 2030 nur 95 Mrd. m³ genutzt. In zusätz­li­chen Sen­si­ti­vi­täts­be­trach­tun­gen mit einem höheren Gas­be­darf in Europa werden Nord Stream 2 sowie Yamal-Europe jedoch ent­spre­chend höher aus­ge­las­tet. Ledig­lich der Transit durch die Ukraine wird nur als letzte Option genutzt. In 2017 und 2018 hatte die Route durch die Ukraine mit mehr als 80 Mrd. m³ noch eine Aus­las­tung von über 65 %. Folg­lich wird das aktuell bestehende Trans­port­mo­no­pol der Ukraine gebro­chen.

Beson­ders Turkish Stream ist der Grund, dass die Trans-Balkan Route nicht mehr genutzt wird, um Gas von Russ­land über die Ukraine, Rumä­nien und Bul­ga­rien zur Türkei zu trans­por­tie­ren. Mit ihrem ersten Lei­tungs­strang wird Gas direkt von Russ­land zur Türkei gelei­tet. Der zweite Strang soll Gas über die Türkei nach Süd­ost­eu­ropa liefern. In wei­te­ren Sen­si­ti­vi­täts­be­trach­tun­gen mit WEGA ohne Turkish Stream waren Gas­flüsse über die Ukraine immer erfor­der­lich. Somit spielt Turkish Stream eine ent­schei­dende Rolle, wenn Tran­sit­gas­lie­fe­run­gen durch die Ukraine ver­mie­den werden sollen.

Weitere Ände­run­gen in den Gas­flüs­sen betref­fen Nor­we­gen. Durch Nord Stream 2 wird nor­we­gi­sches Gas von Deutsch­land in Rich­tung Nord­west­eu­ropa ver­drängt, wo wie­derum LNG ver­drängt wird. Ins­ge­samt sinken die LNG-Importe in Europa durch Nord Stream 2 um 30 Mrd. m³ in 2030. Eine ähn­li­che Situa­tion konnte in der Ver­gan­gen­heit beob­ach­tet werden, als Nord Stream 1 in Betrieb genom­men wurde. Auch hier wurde nor­we­gi­sches Gas von Deutsch­land nach Belgien, Frank­reich und UK ver­drängt. Es ist zu erwar­ten, dass Nord Stream 2 zu ähn­li­chen Effek­ten führen wird.

Zusam­men­fas­send kann gesagt werden, dass Nord Stream 2 die Gas­flüsse in Europa erheb­lich ändert. Deutsch­land wird eine größere Rolle als Tran­sit­land spielen, während die Tran­sit­gas­flüsse durch Polen und durch die Ukraine in Zukunft signi­fi­kant sinken. Tran­sit­gas­flüsse durch die Ukraine werden jedoch dann zwin­gend benö­tigt, wenn es zu einem Ausfall alter­na­ti­ver Routen kommt, weniger LNG nach Europa gelangt oder eine längere Käl­te­welle auf­tritt. Nord Stream 2 hat auch einen Ein­fluss auf die Gas­flüsse in Nord­west­eu­ropa. So wird teil­weise Nor­we­gi­sches Gas aus Deutsch­land ver­drängt. Dies bedeu­tet nicht, dass Gas aus Nor­we­gen nicht mehr benö­tigt wird. Diese Mengen fließen nach Belgien, Frank­reich und Groß­bri­tan­nien, wo sie wie­derum LNG ver­drän­gen. Somit wird Nord Stream 2 dazu führen, dass die LNG-Importe in Europa in Zukunft weniger stark anstei­gen.

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