Geschichte im Krieg

Der aktuelle Krieg transformiert das Selbstverständnis und die Erinnerungskultur der Ukraine fundamental. Alte, aus der Sowjetzeit stammende Erzählungen werden nun als propagandistisch eingestuft. An ihre Stelle rücken neue Formen eines zivilgesellschaftlichen und auf das Nationale fokussierten, aber auch transnationalen Erinnerns.
Am 4. Dezember 2025 war Roman Schwarzman, Überlebender des Ghettos Berschad und Vorsitzender des Verbandes der Ghetto- und KZ-Überlebenden in Odesa, in der Berliner Gemeinde Kahal Adass Jisroel zu Gast. Schwarzman berichtete von seinen Aktivitäten, mit denen er und seine Mitstreiter:innen die Erinnerung an die Shoah in der Ukraine wachhalten. Sein Verband koordiniert die Verteilung der durch den Verein KONTAKTE-KOНTAKTbI e.V. gesammelten Spenden für Shoah-Überlebende. Bereits bei seinem Auftritt im Bundestag am 29. Januar 2025 hatte Schwarzman eine deutlichere Unterstützung für die Ukraine gefordert. Am Abend im Dezember beantwortete Schwarzman die Frage, ob das von ihm initiierte Holocaust-Museum in Odesa in den gegenwärtigen Kriegszeiten weiterhin geöffnet sei, unmissverständlich mit Ja.
Die Haltung und das Handeln Schwarzmans stehen dabei keineswegs isoliert da. Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg erlebt während des russischen Angriffskrieges eine ungeahnte Konjunktur in der Ukraine und befindet sich gleichzeitig im Prozess einer begrifflichen und interpretatorischen Transformation. Es vollzieht sich ein nationaler Selbstfindungsprozess im Zeitraffer – und unter Extrembedingungen. Dabei werden die bisherigen Erzählungen über diverse historische Epochen vor allem unter dem Aspekt betrachtet, welche Stellung Ukrainer:innen in den Erzählungen hatten. Alten Darstellungen, die Letztere verleugnen oder stereotypisieren, wird durch neuere Darstellungen entgegengewirkt. Dieser Prozess läuft bereits seit den großen Umbrüchen nach 2000 (die Orangene Revolution 2004 und die Revolution der Würde 2013/14), wurde aber durch die vollumfängliche Invasion Russlands maßgeblich befeuert. Doch nicht nur inhaltlich ist eine Neuorientierung zu beobachten. Auch methodisch findet eine Öffnung statt.
Stolpersteine in Kyjiw
„Bei Regen können wir die Aula der Schule nutzen, bei Luftalarm den Schutzraum,“ hieß es in der Einladung zur Verlegung eines Stolpersteins am 7. Oktober 2025 in Kyjiw. Initiiert wurde sie von der Privatschule Basis, der deutschen Botschaft, der Stadtverwaltung, dem Bildungszentrum Tolerspace und vom Ukrainischen Zentrum für Holocaust-Studien.
Der erste Stolperstein in Kyjiw wurde am 30. September 2021 – 80 Jahre nach dem Massaker von Babyn Jar – verlegt. Die Stolpersteine dienen als Anlass, sich intensiver mit lokalen Verfolgungsgeschichten unter deutscher Besatzung zu beschäftigen, Biografien zu recherchieren und sie im öffentlichen Raum zu präsentieren. Gleichzeitig holt man sich, ohne die historische Situation gleichsetzen zu wollen, Inspirationen, um heutiger Opfer des Krieges zu gedenken. Es werden Bezüge hergestellt, ohne dabei Relativierungen und Opferkonkurrenzen Vorschub zu leisten. Im Mittelpunkt stehen damalige Opfer aus der sowjetisch-ukrainischen Gesellschaft, deren Lebenswege kenntlich gemacht werden.
Eine davon ist die Partisanin Klawdija Wynokurowa, die den Titel „Righteous Among the Nations of Babyn Yar“ erhalten hatte, der an nichtjüdische Personen vergeben wird, die im Zweiten Weltkrieg Jüdinnen und Juden das Leben retteten. Im Juli 1943 war sie von den Nationalsozialisten wegen dieses Engagements sowie ihres Kampfes gegen die deutsche Besatzung verhaftet und erschossen worden. Die Biografie Wynokurowas wurde von der Geschichtslehrerin Olga Limonowa vom Bildungszentrum Erudit gemeinsam mit vier Schüler:innen recherchiert. Fachhistoriker:innen begleiteten das Projekt. Es handelt sich um den zwölften Stolperstein in Kyjiw und um die zweite Verlegung seit Beginn der russischen Großinvasion. Da das Wohnhaus Wynokurowas nicht mehr existiert, wurde ein Ort in der Nähe gewählt. Während der Zeremonie ertönte Luftalarm, die Anwesenden begaben sich in den Keller der Schule, bis die Verlegung auf der Straße schließlich fortgesetzt werden konnte.

„Die Steine sind für gewöhnliche Menschen gedacht, die gelitten haben, nicht für allgemein anerkannte, gefeierte Helden. Sie sind für eine Person bestimmt, nicht für eine ganze Nation,“ so Uliana Ustinowa, die das Projekt koordiniert. Gerade darin unterscheide sich die Praxis der Stolpersteine auch vom sowjetischen Gedenken. Viele Menschen hätten im Zuge des russischen Angriffskrieges ein größeres Interesse an historischen Themen entwickelt. Die Zeremonien würden zivilgesellschaftlich, aber auch staatlich gut angenommen und unterstützt. Trotz der Sicherheitsrisiken fanden laut Ustinowa bei den vier Verlegungenen im Jahr 2025 insgesamt etwa 150 Menschen zusammen. Die erwünschte Suche nach Angehörigen der Opfer sei aufgrund der erzwungenen Migration vieler Einwohner:innen Kyjiws seit 2022 komplizierter geworden.
Ein Kriegsmuseum im Krieg
Auch Museen in Kyjiw und anderen Städten stehen vor neuen Herausforderungen. Viele Einrichtungen versuchen seit 2014 und verstärkt seit 2022, historische Narrative zu entwickeln, die nicht mehr im (post-)sowjetischen Rahmen verhaftet sind. Zugleich befinden sich einige Mitarbeitende im Kriegseinsatz. In manchen Museen erinnern Ausstellungstafeln an Kolleg:innen, die an der Front kämpfen.
Geschichtsnarrative haben sich in der Ukraine in den letzten Jahren nicht nur entsowjetisiert, sondern oft auch nationalisiert. Komplett umgestaltet wird derzeit das frühere Museum des Großen Vaterländischen Krieges, das zunächst zu einem Museum der Ukraine im Zweiten Weltkrieg wurde. Künftig soll im Kriegsmuseum eine Erzählung etabliert werden, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg, aber auch den aktuellen russischen Angriffskrieg unter dem Aspekt des Kampfes der Ukraine bzw. der Ukrainer:innen um Unabhängigkeit behandelt. Auch der „Heroismus“ und der „zukünftige Sieg“ sollen darin Platz finden.
Derzeit ist das Museum ein Laboratorium des Übergangs, in dem Ausstellungen in teils gerade einmal drei Monaten von engagierten Kurator:innen wie Yurii Horpynych umgesetzt wurden. Neben der allgemeinen Planungsunsicherheit, die der Krieg mit sich bringt, erschweren Stromausfälle zusätzlich die Arbeit.

Das PinchukArtCentre
Auch im PinchukArtCentre, einem der wichtigsten Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst in Kyjiw, finden sich solche familienbiografischen Zugänge zur Geschichte. „Es ist gut, dass Oma nicht weiß, dass wir den Krieg auch erleben. Sie würde mit uns trauern. Als Überlebende ist sie ein Symbol dafür, dass das Leben weitergeht,“ kommentiert die Künstlerin Oksana Briukhovetska ihre Arbeit in der von August 2025 bis Januar 2026 laufenden Ausstellung „Archipelago of History“. Darin lässt sie zusammen mit Alevtina Kakhidze und Darya Tsymbalyuk „Bilder geliebter Menschen wiederaufleben“, wie es im Ausstellungstext heißt. So würden Dinge gezeigt, „die in Geschichtsbüchern nicht zu finden sind.“
In der Ausstellung finden Reflexionen über Veränderungen der ukrainischen Gesellschaft bezüglich ihres Zugangs zu ihrer eigenen komplexe Geschichte Raum. In der Beschreibung der Ausstellung steht, der postkoloniale Kampf gegen die Vergangenheit – die Dekommunisierung sowie Versuche, ein „goldenes Zeitalter“ sowie eine konsistente, monolithische ukrainische Geschichte zu finden –sei abgelöst worden durch ein dekoloniales Verständnis fundamentaler Vielfalt, einer sensiblen Wahrnehmung einer Geschichte mir Lücken und Leerstellen als Orte, an denen Verbindungen und Wirkungen entstünden.
Neue Formen des Erinnerns
Insgesamt ist auffällig, dass immer mehr moderne künstlerische Zugänge in historische Ausstellungen in der Ukraine Eingang finden. Inwieweit mit den neuen Erzählungen der multi-ethnischen und multi-lingualen Geschichte der Ukraine Rechnung getragen werden wird, ist bisher kaum absehbar. Auch für die Bearbeitung der komplizierten und belasteten polnisch-ukrainischen Vergangenheit gibt es Spielräume, die womöglich künftig häufiger genutzt werden.
Einige historische Artefakte im Kriegsmuseum bekommen heute neue Bedeutungen. So wurden sowjetische Panzersperren („Igel“) aus dem Zweiten Weltkrieg 2022 erneut eingesetzt, um Kyjiw gegen die russischen Invasoren zu verteidigen. In der Ausstellung „War: Inverse Perspective“ aus dem Jahr 2024 werden sowohl die sowjetische Erzählung zum Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges 1941 als auch die russische zum Beginn des Russisch-Ukrainischen Krieges 2014 als propagandistisch bezeichnet. Durch diesen Vergleich verblasst allerdings das tatsächliche Ausmaß der deutschen Aggression, wie auch die ideologischen und praktischen Prämissen des Vernichtsungsfeldzuges.
Biografische Ansätze zur Geschichte „einfacher Menschen“ dienen in der Ukraine immer häufiger der Veranschaulichung komplexer historischer Themen. Dabei rekurrieren Künstler:innen und Historiker:innen auf Familiengeschichten – häufig auf ihre eigenen, und oftmals transnational. Die Ausstellung „Memory.Interchange“ im Kriegsmuseum aus dem Jahr 2025 etwa thematisiert die Familiengeschichten dreier zeitgenössischer Künstlerinnen: Polina Kuznetsova aus der Ukraine, Eva Neidlinger und Jenny Alten aus Deutschland.
Die Regisseurin Eva Neidlinger hat seit 2008 Verbindungen in die Ukraine und lebte zeitweise dort. 2022 entdeckte sie in einem Fotoalbum Hinweise darauf, dass ihr Urgroßvater als Wehrmachtssoldat in der Ukraine gewesen war. Gemeinsam mit Kuznetsova und Alten setzte sie sich künstlerisch mit diesem Familienerbe auseinander. Der Großvater von Alten wiederum war als Kreishauptmann in der deutschen Besatzungsverwaltung tätig. Kuznetsovas Großmutter überlebte die deutsche Besatzung in Charkiw.
„Für mich, insbesondere als Künstlerin, Dokumentarfilmerin und Zeugin der aktuellen Ereignisse in der Ukraine, ist es wichtig, über meine Verbindung zu diesem kolonialen Blick, der Überlegenheit suggeriert, zu reflektieren und es anders zu machen,“ kommentiert Neidlinger die Ausstellung.
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