Geschichte im Krieg

Kriegsmuseum
Foto: IMAGO /​ Andreas Stroh

Der aktu­elle Krieg trans­for­miert das Selbst­ver­ständ­nis und die Erin­ne­rungs­kul­tur der Ukraine fun­da­men­tal. Alte, aus der Sowjet­zeit stam­mende Erzäh­lun­gen werden nun als pro­pa­gan­dis­tisch ein­ge­stuft. An ihre Stelle rücken neue Formen eines zivil­ge­sell­schaft­li­chen und auf das Natio­nale fokus­sier­ten, aber auch trans­na­tio­na­len Erinnerns.

Am 4. Dezem­ber 2025 war Roman Schwarz­man, Über­le­ben­der des Ghettos Ber­schad und Vor­sit­zen­der des Ver­ban­des der Ghetto- und KZ-Über­le­ben­den in Odesa, in der Ber­li­ner Gemeinde Kahal Adass Jisroel zu Gast. Schwarz­man berich­tete von seinen Akti­vi­tä­ten, mit denen er und seine Mitstreiter:innen die Erin­ne­rung an die Shoah in der Ukraine wach­hal­ten. Sein Verband koor­di­niert die Ver­tei­lung der durch den Verein KON­TAKTE-KOН­TAKTbI e.V. gesam­mel­ten Spenden für Shoah-Über­le­bende. Bereits bei seinem Auf­tritt im Bun­des­tag am 29. Januar 2025 hatte Schwarz­man eine deut­li­chere Unter­stüt­zung für die Ukraine gefor­dert. Am Abend im Dezem­ber beant­wor­tete Schwarz­man die Frage, ob das von ihm initi­ierte Holo­caust-Museum in Odesa in den gegen­wär­ti­gen Kriegs­zei­ten wei­ter­hin geöff­net sei, unmiss­ver­ständ­lich mit Ja.

Die Haltung und das Handeln Schwarz­mans stehen dabei kei­nes­wegs iso­liert da. Das Geden­ken an den Zweiten Welt­krieg erlebt während des rus­si­schen Angriffs­krie­ges eine unge­ahnte Kon­junk­tur in der Ukraine und befin­det sich gleich­zei­tig im Prozess einer begriff­li­chen und inter­pre­ta­to­ri­schen Trans­for­ma­tion. Es voll­zieht sich ein natio­na­ler Selbst­fin­dungs­pro­zess im Zeit­raf­fer – und unter Extrem­be­din­gun­gen. Dabei werden die bis­he­ri­gen Erzäh­lun­gen über diverse his­to­ri­sche Epochen vor allem unter dem Aspekt betrach­tet, welche Stel­lung Ukrainer:innen in den Erzäh­lun­gen hatten.  Alten Dar­stel­lun­gen, die Letz­tere ver­leug­nen oder ste­reo­ty­pi­sie­ren, wird durch neuere Dar­stel­lun­gen ent­ge­gen­ge­wirkt. Dieser Prozess läuft bereits seit den großen Umbrü­chen nach 2000 (die Oran­gene Revo­lu­tion 2004 und die Revo­lu­tion der Würde 2013/​14), wurde aber durch die voll­um­fäng­li­che Inva­sion Russ­lands maß­geb­lich befeu­ert. Doch nicht nur inhalt­lich ist eine Neu­ori­en­tie­rung zu beob­ach­ten. Auch metho­disch findet eine Öffnung statt.

Stol­per­steine in Kyjiw

„Bei Regen können wir die Aula der Schule nutzen, bei Luft­alarm den Schutz­raum,“ hieß es in der Ein­la­dung zur Ver­le­gung eines Stol­per­steins am 7. Oktober 2025 in Kyjiw. Initi­iert wurde sie von der Pri­vat­schule Basis, der deut­schen Bot­schaft, der Stadt­ver­wal­tung, dem Bil­dungs­zen­trum Toler­space und vom Ukrai­ni­schen Zentrum für Holocaust-Studien.

Der erste Stol­per­stein in Kyjiw wurde am 30. Sep­tem­ber 2021 – 80 Jahre nach dem Mas­sa­ker von Babyn Jar – verlegt. Die Stol­per­steine dienen als Anlass, sich inten­si­ver mit lokalen Ver­fol­gungs­ge­schich­ten unter deut­scher Besat­zung zu beschäf­ti­gen, Bio­gra­fien zu recher­chie­ren und sie im öffent­li­chen Raum zu prä­sen­tie­ren. Gleich­zei­tig holt man sich, ohne die his­to­ri­sche Situa­tion gleich­set­zen zu wollen, Inspi­ra­tio­nen, um heu­ti­ger Opfer des Krieges zu geden­ken. Es werden Bezüge her­ge­stellt, ohne dabei Rela­ti­vie­run­gen und Opfer­kon­kur­ren­zen Vor­schub zu leisten. Im Mit­tel­punkt stehen dama­lige Opfer aus der sowje­tisch-ukrai­ni­schen Gesell­schaft, deren Lebens­wege kennt­lich gemacht werden.

Eine davon ist die Par­ti­sa­nin Klaw­dija Wyno­kur­owa, die den Titel „Righ­teous Among the Nations of Babyn Yar“ erhal­ten hatte, der an nicht­jü­di­sche Per­so­nen ver­ge­ben wird, die im Zweiten Welt­krieg Jüdin­nen und Juden das Leben ret­te­ten. Im Juli 1943 war sie von den Natio­nal­so­zia­lis­ten wegen dieses Enga­ge­ments sowie ihres Kampfes gegen die deut­sche Besat­zung ver­haf­tet und erschos­sen worden. Die Bio­gra­fie Wyno­kur­o­was wurde von der Geschichts­leh­re­rin Olga Limo­nowa vom Bil­dungs­zen­trum Erudit gemein­sam mit vier Schüler:innen recher­chiert. Fachhistoriker:innen beglei­te­ten das Projekt. Es handelt sich um den zwölf­ten Stol­per­stein in Kyjiw und um die zweite Ver­le­gung seit Beginn der rus­si­schen Groß­in­va­sion. Da das Wohn­haus Wyno­kur­o­was nicht mehr exis­tiert, wurde ein Ort in der Nähe gewählt. Während der Zere­mo­nie ertönte Luft­alarm, die Anwe­sen­den begaben sich in den Keller der Schule, bis die Ver­le­gung auf der Straße schließ­lich fort­ge­setzt werden konnte.

Foto: Johan­nes Spohr

 

„Die Steine sind für gewöhn­li­che Men­schen gedacht, die gelit­ten haben, nicht für all­ge­mein aner­kannte, gefei­erte Helden. Sie sind für eine Person bestimmt, nicht für eine ganze Nation,“ so Uliana Usti­nowa, die das Projekt koor­di­niert. Gerade darin unter­scheide sich die Praxis der Stol­per­steine auch vom sowje­ti­schen Geden­ken. Viele Men­schen hätten im Zuge des rus­si­schen Angriffs­krie­ges ein grö­ße­res Inter­esse an his­to­ri­schen Themen ent­wi­ckelt. Die Zere­mo­nien würden zivil­ge­sell­schaft­lich, aber auch staat­lich gut ange­nom­men und unter­stützt. Trotz der Sicher­heits­ri­si­ken fanden laut Usti­nowa bei den vier Ver­le­gun­ge­nen im Jahr 2025 ins­ge­samt etwa 150 Men­schen zusam­men. Die erwünschte Suche nach Ange­hö­ri­gen der Opfer sei auf­grund der erzwun­ge­nen Migra­tion vieler Einwohner:innen Kyjiws seit 2022 kom­pli­zier­ter geworden.

Ein Kriegs­mu­seum im Krieg

Auch Museen in Kyjiw und anderen Städten stehen vor neuen Her­aus­for­de­run­gen. Viele Ein­rich­tun­gen ver­su­chen seit 2014 und ver­stärkt seit 2022, his­to­ri­sche Nar­ra­tive zu ent­wi­ckeln, die nicht mehr im (post-)sowjetischen Rahmen ver­haf­tet sind. Zugleich befin­den sich einige Mit­ar­bei­tende im Kriegs­ein­satz. In manchen Museen erin­nern Aus­stel­lungs­ta­feln an Kolleg:innen, die an der Front kämpfen.

Geschichts­nar­ra­tive haben sich in der Ukraine in den letzten Jahren nicht nur ent­so­wje­ti­siert, sondern oft auch natio­na­li­siert. Kom­plett umge­stal­tet wird derzeit das frühere Museum des Großen Vater­län­di­schen Krieges, das zunächst zu einem Museum der Ukraine im Zweiten Welt­krieg wurde. Künftig soll im Kriegs­mu­seum eine Erzäh­lung eta­bliert werden, die den Ersten und Zweiten Welt­krieg, aber auch den aktu­el­len rus­si­schen Angriffs­krieg unter dem Aspekt des Kampfes der Ukraine bzw. der Ukrainer:innen um Unab­hän­gig­keit behan­delt. Auch der „Hero­is­mus“ und der „zukünf­tige Sieg“ sollen darin Platz finden.

Derzeit ist das Museum ein Labo­ra­to­rium des Über­gangs, in dem Aus­stel­lun­gen in teils gerade einmal drei Monaten von enga­gier­ten Kurator:innen wie Yurii Hor­py­nych umge­setzt wurden. Neben der all­ge­mei­nen Pla­nungs­un­si­cher­heit, die der Krieg mit sich bringt, erschwe­ren Strom­aus­fälle zusätz­lich die Arbeit.

 

Foto: Johan­nes Spohr

Das Pin­chuk­Art­Centre

Auch im Pin­chuk­Art­Centre, einem der wich­tigs­ten Aus­stel­lungs­orte für zeit­ge­nös­si­sche Kunst in Kyjiw, finden sich solche fami­li­en­bio­gra­fi­schen Zugänge zur Geschichte. „Es ist gut, dass Oma nicht weiß, dass wir den Krieg auch erleben. Sie würde mit uns trauern. Als Über­le­bende ist sie ein Symbol dafür, dass das Leben wei­ter­geht,“ kom­men­tiert die Künst­le­rin Oksana Bri­uk­ho­vetska ihre Arbeit in der von August 2025 bis Januar 2026 lau­fen­den Aus­stel­lung „Archi­pe­lago of History“. Darin lässt sie zusam­men mit Alev­tina Kak­hidze und Darya Tsym­ba­lyuk „Bilder gelieb­ter Men­schen wie­der­auf­le­ben“, wie es im Aus­stel­lungs­text heißt. So würden Dinge gezeigt, „die in Geschichts­bü­chern nicht zu finden sind.“

In der Aus­stel­lung finden Refle­xio­nen über Ver­än­de­run­gen der ukrai­ni­schen Gesell­schaft bezüg­lich ihres Zugangs zu ihrer eigenen kom­plexe Geschichte Raum. In der Beschrei­bung der Aus­stel­lung steht, der post­ko­lo­niale Kampf gegen die Ver­gan­gen­heit – die Dekom­mu­ni­sie­rung sowie Ver­su­che, ein „gol­de­nes Zeit­al­ter“ sowie eine kon­sis­tente, mono­li­thi­sche ukrai­ni­sche Geschichte zu finden –sei abge­löst worden durch ein deko­lo­nia­les Ver­ständ­nis fun­da­men­ta­ler Viel­falt, einer sen­si­blen Wahr­neh­mung einer Geschichte mir Lücken und Leer­stel­len als Orte, an denen Ver­bin­dun­gen und Wir­kun­gen entstünden.

Neue Formen des Erinnerns

Ins­ge­samt ist auf­fäl­lig, dass immer mehr moderne künst­le­ri­sche Zugänge in his­to­ri­sche Aus­stel­lun­gen in der Ukraine Eingang finden. Inwie­weit mit den neuen Erzäh­lun­gen der multi-eth­ni­schen und multi-lin­gua­len Geschichte der Ukraine Rech­nung getra­gen werden wird, ist bisher kaum abseh­bar. Auch für die Bear­bei­tung der kom­pli­zier­ten und belas­te­ten pol­nisch-ukrai­ni­schen Ver­gan­gen­heit gibt es Spiel­räume, die womög­lich künftig häu­fi­ger genutzt werden.

Einige his­to­ri­sche Arte­fakte im Kriegs­mu­seum bekom­men heute neue Bedeu­tun­gen. So wurden sowje­ti­sche Pan­zer­sper­ren („Igel“) aus dem Zweiten Welt­krieg 2022 erneut ein­ge­setzt, um Kyjiw gegen die rus­si­schen Inva­so­ren zu ver­tei­di­gen. In der Aus­stel­lung „War: Inverse Per­spec­tive“ aus dem Jahr 2024 werden sowohl die sowje­ti­sche Erzäh­lung zum Beginn des Deutsch-Sowje­ti­schen Krieges 1941 als auch die rus­si­sche zum Beginn des Rus­sisch-Ukrai­ni­schen Krieges 2014 als pro­pa­gan­dis­tisch bezeich­net. Durch diesen Ver­gleich ver­blasst aller­dings das tat­säch­li­che Ausmaß der deut­schen Aggres­sion, wie auch die ideo­lo­gi­schen und prak­ti­schen Prä­mis­sen des Vernichtsungsfeldzuges.

Bio­gra­fi­sche Ansätze zur Geschichte „ein­fa­cher Men­schen“ dienen in der Ukraine immer häu­fi­ger der Ver­an­schau­li­chung kom­ple­xer his­to­ri­scher Themen. Dabei rekur­rie­ren Künstler:innen und Historiker:innen auf Fami­li­en­ge­schich­ten – häufig auf ihre eigenen, und oftmals trans­na­tio­nal. Die Aus­stel­lung „Memory.Interchange“ im Kriegs­mu­seum aus dem Jahr 2025 etwa the­ma­ti­siert die Fami­li­en­ge­schich­ten dreier zeit­ge­nös­si­scher Künst­le­rin­nen: Polina Kuz­nets­ova aus der Ukraine, Eva Neid­lin­ger und Jenny Alten aus Deutschland.

Die Regis­seu­rin Eva Neid­lin­ger hat seit 2008 Ver­bin­dun­gen in die Ukraine und lebte zeit­weise dort. 2022 ent­deckte sie in einem Foto­al­bum Hin­weise darauf, dass ihr Urgroß­va­ter als Wehr­machts­sol­dat in der Ukraine gewesen war. Gemein­sam mit Kuz­nets­ova und Alten setzte sie sich künst­le­risch mit diesem Fami­li­en­erbe aus­ein­an­der. Der Groß­va­ter von Alten wie­derum war als Kreis­haupt­mann in der deut­schen Besat­zungs­ver­wal­tung tätig. Kuz­nets­ovas Groß­mutter über­lebte die deut­sche Besat­zung in Charkiw.

„Für mich, ins­be­son­dere als Künst­le­rin, Doku­men­tar­fil­me­rin und Zeugin der aktu­el­len Ereig­nisse in der Ukraine, ist es wichtig, über meine Ver­bin­dung zu diesem kolo­nia­len Blick, der Über­le­gen­heit sug­ge­riert, zu reflek­tie­ren und es anders zu machen,“ kom­men­tiert Neid­lin­ger die Ausstellung.

Johan­nes Spohr ist His­to­ri­ker und betreibt den Recher­che­dienst present past zum Natio­nal­so­zia­lis­mus in Familie und Gesellschaft.

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestellen

Tragen Sie sich in unseren News­let­ter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich einverstanden.