Kein „Zeuge des Sofas“

Der Autor und Publi­zist Chris­toph Brumme bietet mit „111 Gründe, die Ukraine zu lieben“ eine bri­sante Mischung aus Repor­ta­ge­band, poli­ti­schem Buch und unter­halt­sa­mem Rei­se­füh­rer.

Portrait von Rolf-Bernhard Essig

Dr. Rolf-Bern­hard Essig, geboren 1963 in Hamburg, lebt als Autor von Sach­bü­chern, Kin­der­bü­chern, Prosa und Lyrik, als Publi­zist, Kri­ti­ker, Enter­tai­ner in Bamberg.

Der lang unter­schätzte Komö­di­ant kam gerade an die Staats­spitze, als dieses Buch beendet wurde. Was Chris­toph Brumme jetzt wohl an seiner klug abwä­gen­den Ein­schät­zung Selen­skyjs von damals ändern würde? Dass man auf sein poli­ti­sches Urteil sehr gespannt wäre, zeigt eine Wirkung seines ohne Zweifel wich­ti­gen, dabei außer­ge­wöhn­lich abwechs­lungs­rei­chen und exzel­lent geschrie­be­nen Buches. Wölfe, Wodka, Wys­chy­wanka kommen hier natür­lich vor und alle erwart­ba­ren Ukraine-Kli­schees, aber in jedem Fall über­ra­schend. Auf diese Weise ent­steht so etwas wie pro­duk­tive Ver­wir­rung. Das macht das Buch zu weit mehr als einer platten Lie­bes­er­klä­rung.

Sein Autor, Chris­toph Brumme, kennt die Ukraine besser als mancher Ukrai­ner, weil er das Land seit 20 Jahren bereist, meist auf dem Fahrrad. Gleich­wohl bleibt er beschei­den: „In der Ukraine bin ich gerne Aus­län­der. Hier werde ich immer in der Rolle des Schü­lers und des Zuhö­rers sein, und das gefällt mir.“ Deshalb gründen seine Recher­che-Ergeb­nisse aus vielen Quellen auf einer extrem reichen und unmit­tel­bar per­sön­li­chen Erfah­rung. Dass er seit seiner Heirat mit einer Ukrai­ne­rin im Mai 2016 im Land lebt, ver­tieft seine Kennt­nisse natür­lich. Ähnlich bedeut­sam ist, dass er als DDR-Bürger am eigenen Leib den Sys­tem­wech­sel von kom­mu­nis­ti­scher Dik­ta­tur zu kapi­ta­lis­ti­scher Gesell­schaft erfuhr. Das schärft, wie man im Buch immer wieder bemerkt, seinen Blick. So begeg­net er Sowjet-Nost­al­gie stets mit ent­lar­ven­den Gegen­ar­gu­men­ten. Schließ­lich sollte man noch erwäh­nen, dass Brumme seit Jahr­zehn­ten Romane ver­fasst, Hör­spiele, Rei­se­be­richte und dazu poli­ti­sche Ana­ly­sen oder Repor­ta­gen für Sender wie den WDR oder die „Neue Zürcher Zeitung“. Das erklärt seine bestechende Ver­bin­dung von kri­ti­scher Auf­klä­rung und sti­lis­tisch über­zeu­gen­der Erzäh­lung.

Was sind nun seine „Gründe, die Ukraine zu lieben“? Hier eine kleine Auswahl aus den neun the­ma­ti­schen Kapi­teln: „Weil die Ukrai­ner Fuß­ball­welt­meis­ter sind. Weil Lwiw zu sich selbst gefun­den hat. Weil ukrai­ni­sche Frauen schöner als Rosen sind. Weil im Donbas die gast­freund­lichs­ten Men­schen der Ukraine leben. Weil Wiktor Janu­ko­wytsch ein Wet­ter­gott war. Weil Poltawa die ver­rück­teste Stadt der Ukraine ist. Weil Ukrai­ner sich von der Last ihrer grau­sa­men Geschichte befreien konnten. Weil Kinder zwei Spra­chen lernen können. Weil Ukrai­ner sich nicht alles gefal­len lassen. Weil die Ukraine ein Land ohne Zäune ist. Weil Ukrai­ner mehr über Deut­sche wissen als Deut­sche über Ukrai­ner. Weil Kosaken­tee Körper und Seele stärkt. Weil es so schöne Mosaike gibt.“

Diese Mosaike kann man übri­gens in den beiden far­bi­gen Bild­tei­len des Buches sehen, deren Fotos oft von Brumme selbst stammen und wir­kungs­voll den Text unter­strei­chen.

Seine Lie­bes­er­klä­rung an „Das schönste Land der Welt“, so der Unter­ti­tel, wirkt immer wieder mal schwär­me­risch, doch kaum regt sich Miss­trauen, bringt Brumme Humor, Ironie, Polemik oder eine schwe­bende Kritik ins Spiel, die ver­gnüg­lich zum Über­den­ken des Gele­se­nen anregt. Damit folgt er einer angel­säch­si­schen Tra­di­tion, die Unter­hal­tung nie ver­ach­tete. Brumme setzt sie sou­ve­rän ein, um den Leser im umfas­send über dieses in Deutsch­land doch weithin nur kli­schee­haft bekannte euro­päi­sche Land auf­zu­klä­ren.

Auf den 300 Seiten fehlt es nicht an hilf­rei­chen Hin­wei­sen zu Land­schaf­ten, Städten, Spe­zia­li­tä­ten, Ver­hal­tens­re­geln für Rei­sende, an Infor­ma­tio­nen über Geschichte und Leute, die man aller­dings in dürrer Form auch andern­orts finden könnte. Brumme geht weit darüber hinaus, indem er die Fakten stets ein­bin­det: in eine Erzäh­lung, in eine Repor­tage, in eine poli­ti­sche Analyse, in per­sön­li­che Erleb­nisse. Und ein­sei­tig, gar lie­bes­blind wird der Autor dabei nie.

So liest man über den Sozio- und Genozid Stalins an den Ukrai­nern, dem Holo­do­mor, aber auch über Pogrome an Juden durch andere Ukrai­ner. Der Bewun­de­rung leben­di­ger Demo­kra­tie und eines poli­tisch aktiven Frei­heits­drangs steht Kritik an Kor­rup­tion im Alltag und bis in die Justiz hinein gegen­über, Kritik an schlech­ten Straßen, an Ver­mül­lung der Natur, am schlech­ten Gesund­heits- oder Ren­ten­we­sen und an Wat­te­köp­fen, Wat­nikis, wie man Pro­pa­gan­dagläu­bige nennt.

Dabei ist sich Brumme im klaren, dass ein gewal­ti­ger Wandel unge­heure Anpas­sungs­leis­tun­gen von allen ver­langt, dass der Schat­ten­krieg Putins gegen das Land enorme Belas­tun­gen ver­ur­sacht, von der Anne­xion der Krim zu schwei­gen. Der Autor erklärt zudem die beson­dere Ein­stel­lung Regeln und Regie­run­gen gegen­über: „Ukrai­ner haben nicht solch ein humor­lo­ses Ver­hält­nis zu Geset­zen und zum Staat wie die Deut­schen. Sie müssen über den Staat lachen, sonst würden sie ihn nicht ertra­gen.“ So zitiert er auch die ver­brei­tete Weis­heit: „Es ist leich­ter, einen Wolf mit Gras zu füttern, als einem Poli­ti­ker das Stehlen abzu­ge­wöh­nen.“

Brumme spielt sich sym­pa­thi­scher­weise nir­gendwo als Bes­ser­wis­ser auf und erwähnt mehr­fach eigene Irr­tü­mer und Fehl­ein­schät­zun­gen. Sie stammen durch­weg aus der Zeit, als er noch, wie er es nennt, „Zeuge des Sofas“ war und die Ukraine – wie aktuell leider viele Bericht­erstat­ter – nur aus den Medien und der Ferne kannte. Er weiß gleich­wohl um Grenzen seiner Kennt­nisse, weshalb er bei­spiels­weise zwei Gast­bei­träge zu den besten Cafés in Lwiw und zur makro­öko­no­mi­schen Situa­tion des Landes ein­flicht.

An der Ein­schät­zung Russ­lands als bedro­hende und desta­bi­li­sie­rende Macht lässt er keinen Zweifel. Er unter­mau­ert diese Ein­schät­zung mit his­to­ri­schen Daten, zahl­rei­chen Zitaten und Fakten. Dass sehr viele Ukrai­ner kei­nes­wegs Brüder eines solchen großen Bruders sein wollen, ver­steht man dadurch sehr klar. Und ebenso die Europa-Aus­rich­tung des Landes, das seinen Fort­schritt im Sozia­len, Wirt­schaft­li­chen und Sicher­heits­po­li­ti­schen dort sieht.

Im Kul­tu­rel­len dagegen weniger. Die Ukraine erfreut sich, wie Brumme zeigt, schließ­lich eines großen Reich­tums auf diesem Gebiet, ob es um die frei­heits­lie­ben­den Kosaken geht, um das Ukrai­ni­sche, das 300 Jahre an Unter­drü­ckung über­stand, um Kuli­na­ri­sches, Archi­tek­tur, Feste, Rituale oder die Lite­ra­tur.

Und hier sieht der Autor genauso wie sehr viele Ukrai­ner in Nikolaj Gogol einen, der aller­lei Wider­sprüch­li­ches, Selt­sa­mes, Unver­ständ­li­ches, manch­mal Mons­trö­ses im Alltag benenn­bar macht. „Das ist gogo­lesk“, kann man das Wort dafür über­set­zen, dessen Bedeu­tungs­reich­tum so unaus­schöpf­lich ist wie der der Ukraine selbst.

„111 Gründe, die Ukraine zu lieben“ ist bei Schwarz­kopf & Schwarz­kopf erschie­nen, 14,99€. 

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