Foto­gra­fin mit magi­schen Augen – Inter­view mit Vik­to­ria Sorochinski

© Vik­to­ria Sorochin­ski, 2007, From the series “The Space Between” (2007–2008)

Sie hat in vielen Ländern gelebt, doch sie ist immer wieder in ukrai­ni­sche Dörfer zum Foto­gra­fie­ren zurück­ge­kehrt. Die alten Men­schen dort sind für sie die letzten ver­blie­be­nen Zeug­nisse der einst magi­schen und leben­di­gen Kultur.

Vik­to­ria Sorochin­ski ist eine in der Ukraine gebo­rene kana­di­sche Künst­le­rin-Foto­gra­fin. Sie erforscht Themen wie Inti­mi­tät, Fami­li­en­dy­na­mik, Tra­di­tio­nen, Kultur und Mytho­lo­gie. In ihrem Lang­zeit­pro­jekt „Lands of No-Return“ por­trä­tiert sie die letzten Über­reste der authen­ti­schen ukrai­ni­schen Dörfer und ihrer alten Bewohner.

Ukraine ver­ste­hen: Du wurdest in der ukrai­ni­schen Stadt Mariu­pol am Asow­schen Meer geboren, und im Alter von vier Jahren zogen deine Eltern mit dir nach Magadan in den Fernen Osten, beinahe ans Ende der Welt. Mit dem Zusam­men­bruch der UdSSR seid ihr 1990 nach Israel aus­ge­wan­dert. Dann hast du in Mon­tréal und New York Kunst stu­diert, inzwi­schen lebst du in Berlin. In die Ukraine bist du immer wieder zurück­ge­kehrt, unter anderem um hier die Dörfer rund um die Haupt­stadt zu foto­gra­fie­ren. Deine Fotos loten oft die Grenzen zwi­schen Rea­li­tät und Fan­ta­sie aus. Nimmst du die Welt als ver­zau­bert wahr, weil du schon an so vielen spek­ta­ku­lä­ren Orten gelebt hast?

Vik­to­ria Sorochin­ski: Ich denke, dass sicher­lich mein Migra­ti­ons­hin­ter­grund meine Sicht und Wahr­neh­mung dieser Welt beein­flusst. Die Welt als einen ver­wun­sche­nen Ort zu sehen, ist viel­leicht auch eine Art Abwehr­me­cha­nis­mus für jeman­den wie mich, der sein ganzes Leben lang ein Immi­grant war. Ich fühle mich immer ein wenig deplat­ziert. Ich denke, aus diesem Grund bin ich teil­weise Beob­ach­ter und teil­weise Schöp­fer meiner eigenen Rea­li­tät. Aber gleich­zei­tig hat es sicher auch mit meiner Per­sön­lich­keit zu tun, denn tief im Inneren bin ich immer noch ein Kind, und deshalb bin ich in der Lage, die Magie um mich herum zu sehen. Als Kind bin ich mit viel Fan­ta­sie auf­ge­wach­sen, habe Märchen auf Schall­plat­ten gehört und mir endlose Geschich­ten ausgedacht.

Die per­sön­lichste Arbeit

Ukraine ver­ste­hen: Ist es Nost­al­gie, dass du diese Men­schen in den ukrai­ni­schen Dörfern foto­gra­fierst? Sehnst du dich nach einer heilen Welt der Kind­heit zurück?

Vik­to­ria Sorochin­ski: Für mich ist diese Serie „Lands of No-Return“ eine Art Hommage an die Ver­gan­gen­heit. Dieses Projekt ist das per­sön­lichste von allen meinen Arbei­ten, weil es in direk­tem Zusam­men­hang mit meinem Groß­va­ter und meiner Urgroß­mutter steht, die in einem dieser Dörfer geboren und begra­ben sind. Aber auch wenn dieses Projekt als per­sön­li­che Reise begann, wurde mir, je mehr ich daran arbei­tete, klar, dass das Fest­hal­ten und Geden­ken an diese Men­schen und Orte einen grö­ße­ren Wert hat. Sie sind die letzten ver­blie­be­nen Zeug­nisse der einst magi­schen und leben­di­gen Kultur, die bald nur noch aus den Geschichts­bü­chern bekannt sein wird.

© Vik­to­ria Sorochin­ski, 2016, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)

Ukraine ver­ste­hen: Dein Groß­va­ter war selbst ein begeis­ter­ter Foto­graf. Das war damals in einem ukrai­ni­schen Dorf sicher­lich sehr unge­wöhn­lich? Und mög­li­cher­weise auch gefähr­lich? Was hat er foto­gra­fiert? Hat er einen eigenen Stil ent­wi­ckeln können?

Vik­to­ria Sorochin­ski: Mein Groß­va­ter war nicht nur Foto­graf, er war ein mul­ti­dis­zi­pli­nä­rer Künst­ler, er malte, schuf Skulp­tu­ren, spielte Theater und führte Regie, er spielte auch Akkor­deon. Als er klein war, baute er sich selbst ein Radio zusam­men und hörte sich Thea­ter­stü­cke an und führte sie dann den Dorf­be­woh­nern vor. Das alles war natür­lich höchst unge­wöhn­lich für einen Dorf­jun­gen. Die Nach­barn im Dorf lachten und ver­ur­teil­ten sogar seine Mutter (meine Urgroß­mutter) dafür, dass sie ihn so sehr „ver­wöhnte“, indem sie all diesen „Unsinn“ unter­stützte. Meine Urgroß­mutter, eine Dorf­frau, ohne höhere Bildung, war eine sehr weise Frau. Sie bemerkte, dass ihr Sohn kein gewöhn­li­ches Kind war, und sie tat alles, um ihm zu helfen, sich zu ent­wi­ckeln und seine künst­le­ri­schen Talente zu ent­fal­ten. Sie tauschte sogar Eier und andere Waren aus ihrem Hof und Garten gegen Blei­stifte, Papier und andere künst­le­ri­sche Mate­ria­lien für meinen Großvater.
Als Foto­graf inter­es­sierte er sich sehr für die Men­schen, ins­be­son­dere für die Dorf­be­woh­ner. Er sah eine beson­dere Schön­heit in ihnen, und auch in der ukrai­ni­schen Land­schaft, die die Dörfer umgab. Ich denke, dass ich meine roman­ti­sche Vision dieser Orte und Men­schen zu einem großen Teil von meinem Groß­va­ter bekom­men habe, wir waren auf einer spi­ri­tu­el­len Ebene sehr ver­bun­den, auch wenn ich erst 11 Jahre alt war, als er starb. Ich denke immer noch oft an ihn. Er hat auch sehr viel seine Mutter foto­gra­fiert, und er träumte davon, eines Tages eine Aus­stel­lung mit ihren Por­träts zu machen. Tat­säch­lich plante er diese Aus­stel­lung noch kurz bevor er an Krebs starb.

  • © Anatoly Schevel (grand­f­a­ther), 1980, Tara­sovka village, Ukraine, Viktoria’s great-grand­mo­ther Schura
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2016, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2016, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2018, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Anatoly Schevel (grand­f­a­ther), 1982, Tara­sovka village, Ukraine, Vik­to­ria – 3 years old, and her great-grand­mo­ther 77 years old
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2009, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2008, From the series “The Space Between” (2007–2008)
  • © Anatoly Schevel (grand­f­a­ther), 1981, Tara­sovka village, Vik­to­ria – 2 years old and her father Alex­an­der 29 years old
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2016, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2007, From the series “The Space Between” (2007–2008)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2018, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Anatoly Schevel (grand­f­a­ther), 1982, Tara­sovka village, Ukraine, Vik­to­ria – 3 years old

Im Schat­ten des Krieges

Ukraine ver­ste­hen: Die Ukraine begeht in diesem Jahr den 30. Jah­res­tag ihrer Unab­hän­gig­keit. Was erzäh­len dir die alten Men­schen, die du por­trä­tierst, über ihr Leben? Eine wirk­lich glück­li­che Epoche haben sie ja wohl leider nicht erleben können?

Vik­to­ria Sorochin­ski: Der aktu­elle Kon­flikt in der Ukraine lenkt die Auf­merk­sam­keit aller auf die Kriegs­ge­biete, die Sol­da­ten und die Fami­lien, die direkt vom Krieg betrof­fen sind. Es gibt jedoch einen großen Teil der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung, der in Ver­ges­sen­heit geraten zu sein scheint. Men­schen, deren Leben vor dem Hin­ter­grund des Zweiten Welt­kriegs begann, die die Härten des sowje­ti­schen Regimes über­stan­den haben und die jetzt, in ihren letzten Lebens­jah­ren, erneut ums Über­le­ben kämpfen müssen. Diese alte Genera­tion ist stark betrof­fen, vor allem die­je­ni­gen, die in Dörfern leben, weil sie jetzt mehr als je zuvor von der Regie­rung und oft auch von ihren eigenen Fami­lien im Stich gelas­sen werden. Außer­dem ver­lie­ren sie auch immer wieder ihre Söhne und Enkel, die in diesem sinn­lo­sen Krieg kämpfen.

Ukraine ver­ste­hen: Deine Fotos erzäh­len oft Geschich­ten, und sie ver­füh­ren dazu, sich zu ihnen Geschich­ten aus­zu­den­ken. Du hältst nicht nur zufäl­lige Momente fest, es gibt auch ein Davor und Danach. Warum ist es dir so wichtig, über das Dar­ge­stellte gedank­lich hin­aus­zu­ge­hen? Brauchst du ein theo­re­ti­sches Konzept zum Fotografieren?

Vik­to­ria Sorochin­ski: Ich habe mich schon immer dafür inter­es­siert, was unter der Ober­flä­che des Sicht­ba­ren liegt. Ich bin nicht daran inter­es­siert, nur zufäl­lige schöne Momente ein­zu­fan­gen, denn ich möchte, dass die Betrach­ter mit mir in ihr Unter­be­wusst­sein reisen und ihre Vor­stel­lungs­kraft, ihre Erin­ne­run­gen und ihre Emo­tio­nen erforschen.

Ich glaube an das kol­lek­tive Wissen – ein phi­lo­so­phi­sches Konzept, das von der Idee spricht, dass alle Men­schen durch ein bestimm­tes Ahnen­ge­dächt­nis oder Wissen ver­bun­den sind, aus dem wir oft unsere Asso­zia­tio­nen oder unsere Wahr­neh­mung dieser Welt schöpfen. 

Deshalb arbeite ich in meiner Arbeit auch oft mit Sym­bo­len, zu denen Men­schen aus ver­schie­de­nen Kul­tu­ren auf ihre Weise Zugang finden können, auch wenn sie für sie letzt­lich etwas anderes bedeu­ten würden.

Ich denke, dass die Foto­gra­fie ein ziem­lich ein­zig­ar­ti­ges Medium ist, das es unserer Vor­stel­lungs­kraft erlaubt, eine Erzäh­lung von „vorher und nachher“ zu schaf­fen, und das ist für mich die Haupt­ma­gie dieses Mediums. 

Das ist für mich der größte Zauber dieses Mediums. Auch weil die Foto­gra­fie in der Ver­gan­gen­heit als ein Medium ange­se­hen wurde, das die „wahre Rea­li­tät“ ein­fängt und doku­men­tiert, ist sie in unserer Wahr­neh­mung bis heute so geblie­ben, auch wenn wir wissen, wie leicht sie mani­pu­liert werden kann. Und dieses Spiel zwi­schen Rea­li­tät und Fiktion, zwi­schen dem, was sicht­bar ist, und dem, was unter der Ober­flä­che bleibt, ist das, was mich als Künst­ler am meisten inter­es­siert, zu erfor­schen. Und natür­lich habe ich mich auch immer für Psy­cho­lo­gie und Phi­lo­so­phie inter­es­siert und lasse dieses Wissen und meine per­sön­li­chen Beob­ach­tun­gen gerne in meine Arbeit einfließen.

Ukraine ver­ste­hen: Viele deiner Fotos zeigen sehr intime Momente. Wie erreichst du es, dass deine Modelle dir vertrauen?

Vik­to­ria Sorochin­ski: Ja, es stimmt, ich arbeite oft sehr intim mit Men­schen und por­trä­tiere sie in Momen­ten, die etwas Per­sön­li­ches über sie preis­ge­ben. Es ist auch für mich manch­mal über­ra­schend zu sehen, dass Men­schen mir ihre Inti­mi­tät anver­trauen, vor allem wenn es Men­schen sind, die ich zum ersten Mal treffe. Ich vermute, einer der Gründe dafür ist, dass ich wirk­lich ver­su­che, mit jeder Person, die ich foto­gra­fiere, auf einer tie­fe­ren Ebene in Kontakt zu treten. Es ist für mich sehr wichtig, eine solche Ver­bin­dung zu meinen Motiven auf­zu­bauen. Außer­dem arbeite ich nor­ma­ler­weise in einer Art „lang­sa­men Modus“, ohne die Per­so­nen, die ich foto­gra­fiere, unter Druck zu setzen, und ich arbeite immer alleine, nie mit Assis­ten­ten, selbst wenn diese sehr hilf­reich sein könnten, und ich ver­wende meist vorhandenes/​natürliches Licht. Denn all diese Fak­to­ren erlau­ben es mir, in einer engeren und inti­me­ren Ver­bin­dung mit den­je­ni­gen zu bleiben, die ich foto­gra­fiere, ohne Unter­bre­chung oder eine „fremde“ Energie, die die Ver­bin­dung und den Fluss bremsen könnte.

  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2016, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • ©Vik­to­ria Sorochin­ski, 2016, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Anatoly Schevel (grand­f­a­ther), 1983, Tara­sovka village, Ukraine, Vik­to­ria – 4 years old
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2008, From the series “The Space Between” (2007–2008)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2016, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2016, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2007, From the series “The Space Between” (2007–2008)
  • © Anatoly Schevel (grand­f­a­ther), 1986, Tara­sovka village, Ukraine, Vik­to­ria – 7 years old and her sister Marina – 5 years old
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2008, From the series “The Space Between” (2007–2008)
  • © Vik­to­ria Sorochin­ski, 2009, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)
  • © Anatoly Schevel (grand­f­a­ther), 1970, Tara­sovka village, Ukraine, “Hayman”, one of the villagers
  • © Anatoly Schevel (grand­f­a­ther), 1967, Vilna village, Ukraine, Viktoria’s great-grand­mo­ther Shura 62 years old and 13 years old mother Tatiana

Die weniger roman­ti­sche Seite des Jobs

Ukraine ver­ste­hen: Du hast an 70 Aus­stel­lun­gen in 21 Ländern in Europa, Nord- und Süd­ame­rika und Asien teil­ge­nom­men und warst Gewin­ne­rin und Fina­lis­tin zahl­rei­cher inter­na­tio­na­ler Wett­be­werbe, Sti­pen­dien und Aus­zeich­nun­gen. Dein Traum­haus sollte wahr­schein­lich fliegen können? Wie kann man heute mit dem Foto­gra­fie­ren Geld ver­die­nen? Zeigst du viele deiner Fotos im Internet?

Vik­to­ria Sorochin­ski: Ich fühle mich manch­mal „in der Luft schwe­bend“, weil ich an so vielen Orten gelebt habe und weil ich so viel für Aus­stel­lun­gen und Pro­jekte reise. Auf eine eigen­ar­tige Art und Weise denke ich, dass ich ein „flie­gen­des Zuhause“ habe, weil ich mir antrai­niert habe, mich wohl zu fühlen, wo auch immer ich hingehe. Ich hatte viele Jahre lang das Gefühl, nir­gendwo hin­zu­ge­hö­ren, und nach einiger Zeit hat sich dieses Gefühl in die ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung ver­än­dert, jetzt habe ich das Gefühl, dass mein Zuhause immer bei mir ist, egal wo ich hingehe.

Was das Geld­ver­die­nen angeht, so habe ich ein paar Ein­nah­me­quel­len. Ich unter­richte Foto­gra­fie in ver­schie­de­nen Insti­tu­tio­nen und auf Foto­fes­ti­vals, die mich ein­la­den, Work­shops zu geben. Und vor kurzem, während der Corona-Zeit, habe ich ange­fan­gen, selbst­stän­dig Online-Work­shops zu geben. Und diese Arbeit macht mir sehr viel Spaß, weil ich oft Stu­den­ten aus der ganzen Welt in einer Gruppe habe, was fas­zi­nie­rend und sehr berei­chernd ist. Natür­lich ver­kaufe ich auch meine Foto­gra­fien, und gele­gent­lich mache ich auch private Auf­trags­por­träts sowie Auf­träge für Zeitschriften.

Ich zeige meine Arbei­ten auch online, ich habe eine Website: www.viktoria-sorochinski.com

Und auch auf meinem Insta­gram-Account, den ich seit dem ersten Lock­down aktiver nutze, da ich dort mein Selbst­por­trät-Projekt „INs­i­de­OUT­side“ poste, das kom­plett während des ersten COVID-19 Lock­downs in Berlin ent­stan­den ist.

Darüber hinaus hatte ich mehrere Ver­öf­fent­li­chun­gen, Inter­views und Online-Aus­stel­lun­gen, daher ist meine Arbeit defi­ni­tiv aktiv online präsent.

Ukraine ver­ste­hen: Wie wichtig ist die Technik, die Kamera? Welche Eigen­schaf­ten sollte eine Kamera haben?

Vik­to­ria Sorochin­ski: Die Kamera ist ein Werk­zeug, sie ist nicht der wich­tigste Faktor bei der Erstel­lung inter­es­san­ter und aus­sa­ge­kräf­ti­ger Bilder (wie manche Leute denken), denn wenn man kein Auge für die Kom­po­si­tion hat, keine per­sön­li­che Vision oder wenn man nichts Inter­es­san­tes zu sagen hat, wird keine Kamera der Welt das kor­ri­gie­ren können. Aber natür­lich hat sie eine gewisse Bedeu­tung, weil sie den Arbeits­ab­lauf und auch die end­gül­tige Qua­li­tät der Bilder beein­flusst. Ich denke, dass die Vor­lie­ben für jeden Foto­gra­fen unter­schied­lich sind, je nach Art der Arbeit, die er macht. Ich per­sön­lich habe bis jetzt mit meh­re­ren ver­schie­de­nen Kameras gear­bei­tet, und die meisten davon waren analoge Mit­tel­for­mat­ka­me­ras, da ich erst vor etwa 3–4 Jahren auf digital umge­stie­gen bin. Aber im Moment bin ich total ver­liebt in die Leica Q2 Kamera, die ich seit fast 3 Jahren für meine Arbeit ver­wende. Was ich an dieser Kamera liebe, ist, dass sie sehr klein und tragbar ist, ich kann sie immer mit mir her­um­tra­gen, wenn ich sie brauche. Sie ist sehr einfach zu bedie­nen, ohne zusätz­li­che Tasten und Funk­tio­nen, die den Arbeits­ab­lauf stören könnten. Und gleich­zei­tig hat sie ein erstaun­li­ches 28-mm-Objek­tiv mit Makro-Option und eine Auf­lö­sung von 47 Mega­pi­xeln, was es mir ermög­licht, sowohl Umge­bungs­por­träts als auch Land­schaf­ten zu foto­gra­fie­ren und meine Bilder für Aus­stel­lun­gen so groß zu drucken, wie ich möchte. Ich sage natür­lich nicht, dass dies die beste Kamera da draußen ist. Aber für mich scheint sie im Moment die per­fekte Wahl zu sein.

Das Rätsel Poltawa – eine Art Ahnenerinnerung

Ukraine ver­ste­hen: Du hast über Poltawa gesagt, du hättest hier das Gefühl, hier schon früher gewesen zu sein. Was ist hier ein­zig­ar­tig, beson­ders? Scheint in der Ukraine ein beson­de­res Licht?
Vik­to­ria Sorochin­ski: In Poltawa habe ich in den letzten 3 Jahren an einem neuen Projekt „Poltava Never­land“ gear­bei­tet. Es ist noch nicht voll­stän­dig ver­öf­fent­licht, aber es wird bald zu sehen sein. Es wurde in diesem Jahr für den Leica Oskar Barnack Award nomi­niert. Im Sep­tem­ber 2021 wird eine große Aus­stel­lung dieses Pro­jekts stattfinden.
Poltawa hat für mich etwas ganz Beson­de­res, ich glaube, ich habe das bei keinem anderen Ort so emp­fun­den. Viel­leicht ist das eine Art Ahnener­in­ne­rung, denn meine Groß­mutter wurde dort geboren. Als ich das erste Mal nach Poltawa kam, hatte ich ein klares Gefühl, dass ich mit diesem Ort ver­traut bin und auch all die Men­schen, die ich traf und mit denen ich inter­agierte, fühlten sich wie alte Freunde an. Ich kann es mir immer noch nicht erklä­ren, es bleibt ein Rätsel für mich. Ich bin von diesem Ort jedes Mal, wenn ich ihn besuche, mehr und mehr fas­zi­niert. Was die Ukraine im All­ge­mei­nen angeht, ja, ich denke, es gibt defi­ni­tiv etwas Beson­de­res für mich in diesem Land. Die Landschaft/​Natur, die Men­schen, alles ist etwas anders und liegt mir mehr am Herzen, unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass ich die meiste Zeit meines Lebens im Ausland lebe. Ich bleibe immer mit diesem Land ver­bun­den. Ich denke, vor allem wegen meiner Kind­heits­er­in­ne­run­gen und meiner Ver­bin­dung zu meinem Großvater.

Ukraine ver­ste­hen: Vielen Dank für diese zau­ber­haf­ten Antworten!

Die Fragen stellte Chris­toph Brumme.

© Vik­to­ria Sorochin­ski, 2018, From the series “Lands of No-Return” (2009–2018)

 

Vik­to­ria Sorochin­ski verließ 1990 im Alter von 11 Jahren mit ihrer Familie die Ex-UdSSR. Nachdem sie in Israel gelebt hatte, setzte sie ihr Studium der Bil­den­den Kunst in Mon­tréal-Kanada fort, wo sie ihr BFA-Diplom erwor­ben hat. Im Jahr 2008 erhielt Vik­to­ria ihren Master of Fine Arts an der New York Uni­ver­sity (NYU). Seitdem hatte sie über 70 Aus­stel­lun­gen in 21 Ländern in Europa, Nord- und Süd­ame­rika und Asien. Ihre Arbei­ten wurden in über 70 inter­na­tio­na­len Publi­ka­tio­nen ver­öf­fent­licht und rezen­siert, dar­un­ter ihre Mono­gra­fie „Anna & Eve“, die 2013 in Deutsch­land bei Pepe­roni Books erschie­nen ist. Sie ist Gewin­ne­rin und Fina­lis­tin zahl­rei­cher inter­na­tio­na­ler Wett­be­werbe, Sti­pen­dien und Aus­zeich­nun­gen, dar­un­ter der Arnold Newman Prize for New Direc­tions in Pho­to­gra­phic Por­trai­ture, der Leica Oskar Barnack Award, der Lens­Cul­ture Expo­sure Award, der Critics Choice Award, der Lucie Award (Dis­co­very of the Year), der Felix Schol­ler Award, der Grand Prix Foto­fes­ti­wal Lodz, der Magenta Flash Forward, der PDN Photo Annual, der Voies Off Arles Award, der Photo London /​ La Fabrica Book Dummy Award, der Meitar Award, der Encon­tros da Emagem Prize, der J. M. Cameron Award, Visible White Photo Prize, Des­cu­bri­mi­entos PHE, Blue­Print Fel­low­ship, und Canada Council for the Arts Grant, neben vielen anderen. Zusätz­lich zu Sorochin­skis künst­le­ri­scher Kar­riere hält sie Vor­träge, Work­shops und Gesprä­che in ver­schie­de­nen Insti­tu­tio­nen welt­weit, sowie pri­va­tes Men­to­ring und Beratertätigkeit.

Textende

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ost­ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

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