Reli­giöse und kul­tu­relle Viel­falt in der Ukraine

Nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union fanden viele Ukrai­ner Trost im Glauben. Ohne Angst vor Ver­fol­gung und Repres­sio­nen kann sich jeder sein eigenes Ich basteln. Auf Athe­is­ten wirkt die Suche nach Iden­ti­tät und Her­kunft manch­mal kurios.

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

Wir stehen am Sonn­tag­mor­gen im zentral-ukrai­ni­schen Tynivka im Hof meines Gast­ge­bers Anatoli und trinken im Stehen den ersten Becher Kaffee. Im Schat­ten ist es noch kühl. Nebel­schwa­den ziehen über den nahen See. Anatoli hat schon die Schweine und Hühner gefüt­tert, ein halbes Feld umge­gra­ben und wer weiß was noch gemacht.

Eine Gruppe Frauen geht auf der Straße vorbei, alle tragen dunkle Kleider und fest gebun­dene Kopf­tü­cher. Sie grüßten über den Zaun hinweg. Sonntag, Kir­chen­zeit. Anatoli sagt, die Frauen seien Bap­tis­tin­nen, eine von ihnen sei seine Schwes­ter. Bald kommt wieder eine Gruppe Frauen, alle grüßen ein­an­der.

Anatoli erklärt, die Frauen seien Sieben-Tags-Adven­tis­tin­nen, eine von ihnen sei seine Schwes­ter.
„Wieso gehen sie in unter­schied­li­che Kirchen?“, will ich wissen. „Hatten sie schon in der Kind­heit unter­schied­li­che Glauben? Und du, gehst du nicht in die Kirche?“

Anatoli erzählt, dass seine Schwes­tern früher über­haupt keine Got­tes­dienste besucht haben. Ihre Eltern hatten sie mehr oder weniger athe­is­tisch erzogen. Aber seit dem Ende der Sowjet­union prak­ti­zier­ten auch in dieser zentral-ukrai­ni­schen Sied­lung immer mehr Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ihren Glauben. Es gab hier vorher schon eine grie­chisch-katho­li­sche und eine ukrai­ni­sche-ortho­doxe Kirche für die 1500 Ein­woh­ner. Die erste Holz­kir­che war hier in Tynivka im Jahre 1776 erbaut worden, und die erste Fünf­kup­pel­kir­che 1833.

Unter der Herr­schaft der Bol­sche­wiki wurde die Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung in der grau­sams­ten Weise voll­zo­gen und ein „Lenin-Kolchos“ gegrün­det. 600 Dorf­be­woh­ner nahmen an den Schlach­ten des Zweiten Welt­krie­ges teil, 216 von ihnen wurden getötet, 205 erhiel­ten Orden und Medail­len. 200 junge Men­schen wurden zur Arbeit nach Deutsch­land depor­tiert, nur 140 kehrten zurück.

Der Zusam­men­bruch der Sowjet­union ermög­lichte, dass sich alle ihren Glauben frei aus­su­chen können

Nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union war das Kul­tur­haus geschlos­sen worden, in dem früher die Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter vom Lenin-Kolchos Aus­zeich­nun­gen erhal­ten hatten und die Kinder getanzt und gesun­gen hatten. Den Kolchos hatte man auf­ge­löst, viel Land war pri­va­ti­siert worden. Das Dorf aber ist immer noch nicht an das Gasnetz ange­schlos­sen, die Ein­woh­ner müssen Gas in Fla­schen kaufen. Im Winter können viele Höfe nicht mit Autos befah­ren werden, also müssen die Fla­schen weite Wege geschleppt oder auf Schlit­ten gezogen werden.

Nun wird also nicht mehr im Kul­tur­haus gesun­gen, sondern in den Kirchen. Aber Anatoli ist seinem Glauben treu geblie­ben, nicht an Gott zu glauben. Wie fünf­hun­dert Kilo­me­ter weiter östlich auch Mascha in Poltawa, Tochter eines athe­is­ti­schen sowje­ti­schen Offi­ziers. Nachdem die Ukraine unab­hän­gig gewor­den war, gab es zwei Moden, erzählt sie mir. „In der ersten Welle ent­deck­ten viele Leute, dass sie von Aris­to­kra­ten abstam­men. Gestern waren sie noch Lenin-Pionier wie ich, heute schon Gräfin oder Fürstin mit könig­li­chem Blut. Gestern noch per Du, heute schon seine Majes­tät oder Durch­laucht. In der zweiten Welle ent­deck­ten viele, dass sie von Kosaken abstam­men. Da ist der Nach­weis schwe­rer, denn es gibt keine Kosaken-Regis­ter, aber ein euro­päi­sches Adels-Regis­ter.“

Nachdem das sowje­ti­sche Régime des Schre­ckens endete, das im Namen der abso­lu­ten Ver­nunft agierte, kann jeder Mensch sich ein Ich basteln und an den bap­tis­ti­schen oder an den adven­tis­ti­schen oder an grie­chi­sche Götter glauben, ohne Angst vor Ver­fol­gung und Repres­sion zu haben. Wer sich vor Gott schul­dig fühlen möchte, kann das tun, es ist eine freie Ent­schei­dung. Es lebe die Viel­falt!

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