Porträt eines ukrai­ni­schen Natio­na­lis­ten

Über ukrai­ni­sche Natio­na­lis­ten wird viel geredet und geschrie­ben. Aber wer sind diese Men­schen? Wie fana­tisch oder gefähr­lich sind sie? Chris­toph Brumme por­trä­tiert einen von ihnen.

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

Dima hat zwei­fel­los goldene Hände, mit ihnen spielt er die Bandura, formt er Kera­mi­ken, Geschirr und Skulp­tu­ren, baut er lustige Möbel oder Musik­in­stru­mente. Aber das sind nur Hobbys, mit ihnen ver­dient er nur wenig Geld. Im Haupt­be­ruf baut er Kamine. Der Kamin sei die älteste Erfin­dung der Mensch­heit, erzählte er gern, da das Feuer ja vom Himmel gefal­len war.
Das Spielen der Bandura hat er an der Musik­schule gelernt. Viele ukrai­ni­sche Lieder kennt er von seinem Vater und von seinem Groß­va­ter, deren Heimat die Buko­wina war. Seine Mutter hin­ge­gen stamme von Zapo­rish­jer Kosaken ab, erzählt Dima. Seiner Meinung nach haben seine Vor­fah­ren gleich zwei Mal gegen die Mon­go­len gesiegt, in den Bergen der Kar­pa­ten und in den Steppen am Dnipro. „Auch damals haben wir Ukrai­ner die Euro­päer im Westen ver­tei­digt!“ Für Dima endet das heutige Europa und somit die Zivi­li­sa­tion hinter seiner Banja, denn von dort bis zur Grenze mit Russ­land sind nur noch etwa ein­hun­dert Kilo­me­ter Wald.

Ziem­lich ver­blüfft war ich, als er mir lange vor der letzten Maidan-Revo­lu­tion erklärte, er sei Natio­na­list, nicht bloß Patriot. Ich hatte in der Ukraine noch nie gehört, dass jemand sich so bezeich­nete. Was sollte das heißen? Ukraine, Ukraine, über alles? Aus­ge­rech­net ein so umfas­send gebil­de­ter Mensch wie Dima sollte so eng­stir­nig denken?

Oskar, ein anderer Freund, erklärte, Dima sei schon immer Dis­si­dent gewesen, immer im Wider­stand gegen die Sowje­ti­sie­rung und Rus­si­fi­zie­rung der Ukraine. Ich konnte mit dem Begriff Natio­na­list nicht viel anfan­gen. Würde ein Deut­scher sich so nennen, würde ich ihm einen Vogel zeigen und ihn ver­spot­ten. Doch Natio­na­lis­mus ist in jedem Land etwas anderes. Der ukrai­ni­sche ist ein Natio­na­lis­mus aus Ver­zweif­lung, quasi Notwehr ange­sichts der kul­tu­rel­len, poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Hege­mo­nie Russ­lands. Das begriff ich unter anderem, als mir in Russ­land eine ehe­ma­lige KGB-Mit­ar­bei­te­rin und Lei­te­rin eines deut­schen Kul­tur­zen­trums über die Ukrai­ner sagte: „Ohne uns können die nicht leben. Sie brau­chen unser Gas, unser Geld und unsere Führung.“ Dass die meisten Ukrai­ner das anders sehen, dass sie sich nicht ent­mün­di­gen und nicht von Moskau aus regie­ren lassen wollen, ließ die Frau nicht gelten. Ukrai­ner, die nicht aner­ken­nen wollten, dass sie Russen zweiter Klasse seien, klei­nere, unfä­hige „Brüder“, seien vom Westen gekauft und  mani­pu­liert.

Es scheint, als könnte Dima Dinge vor­her­se­hen

Dima war auch der einzige Ukrai­ner, der mir und unseren Freun­den lange vor dem Maidan pro­phe­zeite, Russ­land werde die Krim okku­pie­ren und Krieg gegen die Ukraine führen. Mir erschien das völlig absurd, unvor­stell­bar. Nie würden sich rus­si­sche Sol­da­ten dafür her­ge­ben, auf Ukrai­ner zu schie­ßen, davon war ich über­zeugt. Solch ein Krieg würde Russ­land ja selbst enorm schaden, öko­no­misch und mora­lisch. Doch ich sollte mich irren und musste lernen, dass die rus­si­sche Gesell­schaft liebend gern zum eigenen Nach­teil handelt. Der Prä­si­dent per­sön­lich hat dort erklärt, dass die Russen eine höher ent­wi­ckelte Zivi­li­sa­tion haben als die Euro­päer, weil sie lei­dens­fä­hi­ger seien.

Dima behaup­tete damals auch, der russ­län­di­sche Geheim­dienst FSB habe schon Diver­s­an­ten in die Ukraine geschickt, und die ehe­ma­li­gen sowje­ti­schen Offi­ziere berei­te­ten eine Art hybri­den Krieg vor. Wir, Dimas Freunde, taten seine Hor­ror­vi­sio­nen damals als Ver­schwö­rungs­theo­rien ab. Heute neige ich der Meinung zu, er habe ein drittes Auge und sehe Dinge, die uns Nor­mal­sterb­li­chen ver­bor­gen bleiben.

Epi­so­den, wie ich sie nur aus Büchern über den Sta­li­nis­mus oder aus Filmen kenne, kennt er aus den Beschrei­bun­gen der Betrof­fe­nen oder ihrer Nach­fah­ren. Den Homo Sovie­ti­cus nennt er eine Dege­ne­ra­tion. Die Gegen­wart beschreibt er gern mit dem Begriff der Simu­la­tion. Das Bil­dungs- oder Kul­tur­mi­nis­te­rium täuscht nur vor, etwas für Bildung und Kultur zu tun. Das Han­dels­mi­nis­te­rium handelt nicht, sondern erpresst die Händler. Die Polizei ver­haf­tet die Mari­huana-Farmer und Ver­käu­fer, weil sie Kon­kur­ren­ten sind. Wenn jemand betrun­ken Auto fährt, dann sowieso nur Poli­zis­ten. Das sind natür­lich Zuspit­zun­gen und Über­trei­bun­gen.

Huma­nis­mus hilft uns nicht gegen Putin, nicht gegen diesen hybri­den Krieg

Oft sitzen wir im Café Minute, das ich mitt­ler­weile seit zwölf Jahren regel­mä­ßig besuche. Dima schon seit dreißig Jahren. Gute Freunde aus der Kneipe sind schon von uns gegan­gen, Friede ihren Seelen. Je mehr Wodka wir trinken, desto radi­ka­ler werden Dimas Gedan­ken. „Putin sucht seinen gest­ri­gen Tag, das ist unsere stärkste Bedro­hung“, erklärt er. „Huma­nis­mus hilft uns nicht gegen Putin, nicht gegen diesen hybri­den Krieg. Huma­nis­mus ist nur eine Spritze in den Po. Zum Ein­schla­fen. Euer Huma­nis­mus kann uns nicht helfen! Wir sind keine Huma­nis­ten und wir waren keine Kom­mu­nis­ten und wir sind auch keine Faschis­ten. Wir sind keine Polen, keine Russen, keine Arme­nier. Wir sind Ukrai­ner. Mit unseren Seelen, mit unseren Wurzeln. Wir sind keine Diebe, wir wollen kein Land okku­pie­ren und nicht zum Kreml mar­schie­ren. Oder doch? Nur, wenn es sein muss. Wenn der Kreml uns nicht schla­fen lässt. Warum wurden in dieser Straße so viele Juwe­lier­ge­schäfte eröff­net? Wo kommt das Geld her? Wer dient, und wer ver­dient an der Front? Stell dir vor, du sollst für zehn­tau­send Griwna (330 Euro) dein Leben ris­kie­ren.“

Dann erzählt er vom Vatikan-Museum und von der Bibel und fragt, warum Jesus für die Mäch­ti­gen gefähr­lich war. „Was wollte Jesus? Er wollte alle Men­schen zur Taufe im Jordan auf­for­dern? Was will Falun Gong in China? Durch stumme Gym­nas­tik die Mythen der kom­mu­nis­ti­schen Partei lächer­lich machen? Die Auto­ri­tä­ten stören? Wir haben keine Bot­schaft, und das ist auch eine Bot­schaft.“

Manche Geschich­ten erzählt er im Tele­gramm-Stil. „Eine Gruppe kon­for­mis­ti­scher Alko­ho­li­ker reiste vor einigen Jahren von Poltawa auf die Krim. Sie wollten mit Yoga ihren Alko­ho­lis­mus heilen. Doch als sie dort ankamen, nahmen sie an einem Wett­be­werb „Wissen des Islam“ teil, weil das Preis­geld sieb­zig­tau­send Rubel betrug. Tat­säch­lich gewan­nen sie den Preis und ver­sof­fen das Geld.“

Im Trach­ten­hemd Wys­chy­wanka mit den jahr­hun­der­te­al­ten Mustern und Farben (weiße Muster auf weißem Stoff in Poltawa) und mit der Bandura wirkt Dima wie eine zeit­lose Erschei­nung. Oft trägt er zu seinen Vor­trä­gen ukrai­ni­sche Volks­lie­der vor, Sprich­worte, Anek­do­ten.

Auch über mich spottet er gern. „Im sieb­zehn­ten Jahr­hun­dert, da hatten wir Frei­heit, als ihr Deut­schen noch Fürsten gedient habt! Wir waren Männer mit Schwer­tern und mit Ver­stand, keiner Herr­schaft etwas schul­dig! Wann endete eure Skla­ve­rei?“
„Die Leib­ei­gen­schaft? Nachdem Napo­leon uns besucht hatte.“
„Wir brauch­ten keinen Napo­leon, keine aus­län­di­schen Lehrer! Auf die Frei­heit!“

Ja, in Poltawa herrscht eine beson­dere Frei­heit. Als Beweis erzählt Dima diese Episode. Einer seiner Freunde habe ihn ein­ge­la­den zu seiner Hoch­zeits­feier. Der Freund habe ein Restau­rant gemie­tet, etwa achtzig Gäste waren gekom­men, bloß keine Braut. Man habe auf die Braut nicht gewar­tet, sondern schon kräftig gefei­ert. Langsam aber wun­der­ten sich die Gäste und auch das Per­so­nal des Restau­rants. Jemand petzte dann. Der Bräu­ti­gam war aus der Psych­ia­trie geflo­hen, wo er wegen para­noi­der Wahn­vor­stel­lun­gen behan­delt worden war. Viel­leicht hatte er sich das Vor­han­den­sein einer Braut bloß vor­ge­stellt. Die Rech­nung des Restau­rants aber war echt. Weil er nicht zahlen konnte, wurde die Polizei gerufen und der Mann „zur Erho­lung“ wieder in die Psych­ia­trie gebracht. Wahr­haf­tig ein Beweis für beson­dere Frei­heit!

Dass er außer gol­de­nen Händen auch ein drittes Auge haben muss, sieht man an Dimas Möbeln. Alles krumm und schief und wie zufäl­lig inein­an­der ver­wach­sen, dabei so stabil und effek­tiv, dass man es gar nicht glauben kann. Er hat uns nach der Hoch­zeit einen Klei­der­stän­der ange­fer­tigt, der ledig­lich aus drei Teilen besteht. Die Haupt­last trägt ein geschäl­ter Holz­stamm, dessen Äste vier Füße bilden, die nur zwei Hand­län­gen aus­ein­an­der stehen. Und doch träg dieser Gepäck­stän­der Dut­zende schwe­rer Mäntel und Jacken. Eine weitere Ast­ga­bel klemmt unter einer Holz­schale, die als Ablage dient, wobei mir völlig rät­sel­haft ist, wie sie um den Stamm herum gekom­men ist, denn man sieht keinen Schnitt. Die ganze Kon­struk­tion hält ohne einen ein­zi­gen Nagel und ohne Schrau­ben, nur mit Stri­cken. Man hat beim Betrach­ten dieses Klei­der­stän­ders das Gefühl, Dima habe die Gesetze der Schwer­kraft über­wun­den.

Als ich Dima nach seinen drei wich­tigs­ten Wün­schen fragte, dik­tierte er mir diese Antwort. „Erstens, nicht für Geld arbei­ten müssen. Sondern für mich. Zwei­tens, ich wäre gern ein Bürger. Aris­to­krat zu sein, das wäre nur Simu­la­tion. Drit­tens, ich möchte mich mit unter­schied­li­chen Künsten beschäf­ti­gen, eine Samm­lung von authen­ti­schen ukrai­ni­schen Musik­in­stru­men­ten hätte ich gern. Über den Krieg können wir nicht ent­schei­den, das ent­schei­den Bürger Russ­lands, die so aus­se­hen, als hätten sie dort die Macht.“

Textende

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