Viel­falt stärkt die Demokratie

81. Jahrestag der Deportation der Krimtataren in Kyiv
Foto: IMAGO /​ Anadolu Agency

Der 2014 von Russ­land begon­nene Krieg gegen die Ukraine hat Mil­lio­nen von Men­schen zur Flucht inner­halb des Landes gezwun­gen. Mit den Bin­nen­ver­trie­be­nen kam aber auch die Wert­schät­zung der kul­tu­rel­len Viel­falt der Ukraine. Diese ist eine echte Berei­che­rung, weiß Vik­to­ria Savchuk aus eigener beruf­li­cher Erfahrung.

Eine der größten Her­aus­for­de­run­gen, welche die Ukraine seit dem Jahr 2014 auf eine andau­ernde Probe gestellt hat, ist die interne Ver­trei­bung infolge der rus­si­schen Aggres­sion. Seit 2014 mussten große Teile der Bevöl­ke­rung, dar­un­ter zahl­rei­che Kinder, betagte Men­schen und Men­schen mit Behin­de­run­gen, fliehen. Sie sind aus ihren Hei­mat­or­ten geflüch­tet oder wurden in siche­rere Regio­nen der Ukraine eva­ku­iert, wo sie ihr Leben neu begin­nen mussten.

Stand Januar 2026 beträgt die Zahl der Bin­nen­ver­trie­be­nen 3,4 Mil­lio­nen Men­schen, die aus den von Russ­land besetz­ten Gebie­ten sowie Regio­nen, in denen Kampf­hand­lun­gen statt­fin­den, in siche­rere Teile des Landes fliehen mussten. Das ist nicht nur eine Zahl, die ver­gleich­bar mit der Bevöl­ke­rung Kroa­ti­ens oder Berlins ist. Es geht um Exis­ten­zen, um 3,4 Mil­lio­nen Betrof­fene, denen Alltag, Eigen­tum und Heimat geraubt wurden.

Die trau­ma­ti­sche Erfah­rung der Ver­trei­bung sowie unge­deckte oder nur teil­weise gedeckte Grund­be­dürf­nisse am neuen Wohnort bringen die Bin­nen­ver­trie­be­nen in eine prekäre Lage, in der sie auf die Unter­stüt­zung der lokalen Bevöl­ke­rung und des Staates ange­wie­sen sind. Trotz vieler Her­aus­for­de­run­gen hat die Ukraine – mit Hilfe der Zivil­ge­sell­schaft und ihrer inter­na­tio­na­len Partner – Mög­lich­kei­ten auf natio­na­ler und lokaler Ebene geschaf­fen, um die Rechte und Frei­hei­ten von Bin­nen­ver­trie­be­nen zu gewähr­leis­ten sowie ihre Inte­gra­tion am neuen Wohnort zu erleichtern.

Bin­nen­ver­trie­bene sind ein Gewinn, keine Belas­tung. Das bestä­tigt meine mehr­jäh­rige beruf­li­che Erfah­rung in der juris­ti­schen Beglei­tung ver­trie­be­ner Men­schen bei KrymSOS, einer der bekann­tes­ten huma­ni­tä­ren Orga­ni­sa­tio­nen der Ukraine. Ver­trie­bene gründen Unter­neh­men und NGOs, schaf­fen neue Arbeits­plätze, werden Politiker:innen auf kom­mu­na­ler und natio­na­ler Ebene, ver­mit­teln Geschichte, Kultur und Tra­di­tio­nen ihrer Hei­mat­re­gio­nen. Auf dem Gebiet der Ukraine leben mehr als 30 eth­ni­sche Min­der­hei­ten. Dazu gehören nord­a­sow­sche Griech:innen, Deut­sche, Rom:nja, Juden und Jüdin­nen, Tschech:innen, Kubaner:innen, Nigerianer:innen sowie die auf der Krim behei­ma­te­ten indi­ge­nen Völker der Ukraine: Krimtatar:innen, Krimtschak:innen und Karäer:innen. Viele von ihnen lebten auf der Krim oder in den front­na­hen bzw. von Russ­land besetz­ten Regio­nen Donezk, Luhansk, Cherson, Sapo­rischschja und Mykolajiw.

Bis 2014 spielte das Thema der eth­ni­schen Min­der­hei­ten in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft kaum eine Rolle. Viele ahnten nicht, dass ihre Bekann­ten, Kolleg:innen oder Klassenkamerad:innen krim­ta­ta­ri­scher oder nord­a­sow­grie­chi­scher Her­kunft waren. Manche wussten wohl nicht einmal, dass es diese Ethnien gibt.

Die rus­si­sche Beset­zung der Krim und von Teilen des Donbas im Jahr 2014 brachte viele Men­schen dazu, sich inten­si­ver mit ihrer eigenen Iden­ti­tät zu beschäf­ti­gen. Auch löste die Ankunft von Bin­nen­ver­trie­be­nen einen umfas­sen­den kul­tu­rel­len Aus­tausch inner­halb des Landes aus. Diese tra­gi­sche Erfah­rung machte eth­ni­sche Min­der­hei­ten und indi­gene Völker sicht­ba­rer, was zu einem Wandel in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft und Politik führte: Viele Vertreter:innen eth­ni­scher Min­der­hei­ten und indi­ge­ner Völker sind heute ein­fluss­rei­che Akteur:innen der ukrai­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft, Wis­sen­schaft, Wirt­schaft, Kultur und Politik. Ukrai­ni­sche Schulen und Uni­ver­si­tä­ten unter­rich­ten ihre Geschichte, Kultur und Sprache. Zudem werden die Gedenk­tage wie etwa der Jah­res­tag der Depor­ta­tion der Krim­ta­ta­ren am 18. Mai oder der Inter­na­tio­nale Tag des Geden­kens an die Opfer des Völ­ker­mords an den Rom:nja am 2. August auf offi­zi­el­ler Ebene begangen.

Eth­ni­sche Min­der­hei­ten und indi­gene Völker sind zu einem festen Bestand­teil der poli­ti­schen Nation gewor­den. Natür­lich gibt es nach wie vor Ver­bes­se­rungs­be­darf. Dennoch stellt die durch den Krieg ver­stärkte Wahr­neh­mung dieser Gruppen einen wich­ti­gen Schritt in Rich­tung wei­te­rer Demo­kra­ti­sie­rung der Ukraine dar. Der Fort­schritt ist nicht zufäl­lig, sondern die Folge großer Anstren­gun­gen von Ver­tre­ter: innen eth­ni­scher Min­der­hei­ten und indi­ge­ner Völker, der Unter­stüt­zung durch den Staat und der Offen­heit der ukrai­ni­schen Gesell­schaft für eine Ände­rung des Bildes der eigenen Nation.

Durch die Ver­flech­tung einer Viel­zahl unter­schied­li­cher indi­vi­du­el­ler und kol­lek­ti­ver Erfah­run­gen hat sich in der Ukraine eine neue Rea­li­tät her­aus­ge­bil­det – eine Rea­li­tät, in welcher der Mensch den höchs­ten Stel­len­wert ein­nimmt und gegen­sei­ti­ger Respekt, Akzep­tanz sowie Inter­esse anein­an­der zur Grund­lage für natio­nale Resi­li­enz werden.

So wurde der rus­si­sche Ver­nich­tungs­krieg gegen die Ukraine para­do­xer­weise zugleich zu einem Ende des alten Musters und zum Beginn einer neuen Phase der ukrai­ni­schen Demokratie.

Viktoria Savchuk

Vik­to­ria Savchuk ist Refe­ren­tin der Geschäfts­füh­rung beim Zentrum Libe­rale Moderne. Als Juris­tin und Advo­cacy Exper­tin war sie mehrere Jahre bei der NGO „Cri­me­a­SOS“ in Kyjiw (Ukraine) tätig.

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestellen

Tragen Sie sich in unseren News­let­ter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich einverstanden.