Vielfalt stärkt die Demokratie

Der 2014 von Russland begonnene Krieg gegen die Ukraine hat Millionen von Menschen zur Flucht innerhalb des Landes gezwungen. Mit den Binnenvertriebenen kam aber auch die Wertschätzung der kulturellen Vielfalt der Ukraine. Diese ist eine echte Bereicherung, weiß Viktoria Savchuk aus eigener beruflicher Erfahrung.
Eine der größten Herausforderungen, welche die Ukraine seit dem Jahr 2014 auf eine andauernde Probe gestellt hat, ist die interne Vertreibung infolge der russischen Aggression. Seit 2014 mussten große Teile der Bevölkerung, darunter zahlreiche Kinder, betagte Menschen und Menschen mit Behinderungen, fliehen. Sie sind aus ihren Heimatorten geflüchtet oder wurden in sicherere Regionen der Ukraine evakuiert, wo sie ihr Leben neu beginnen mussten.
Stand Januar 2026 beträgt die Zahl der Binnenvertriebenen 3,4 Millionen Menschen, die aus den von Russland besetzten Gebieten sowie Regionen, in denen Kampfhandlungen stattfinden, in sicherere Teile des Landes fliehen mussten. Das ist nicht nur eine Zahl, die vergleichbar mit der Bevölkerung Kroatiens oder Berlins ist. Es geht um Existenzen, um 3,4 Millionen Betroffene, denen Alltag, Eigentum und Heimat geraubt wurden.
Die traumatische Erfahrung der Vertreibung sowie ungedeckte oder nur teilweise gedeckte Grundbedürfnisse am neuen Wohnort bringen die Binnenvertriebenen in eine prekäre Lage, in der sie auf die Unterstützung der lokalen Bevölkerung und des Staates angewiesen sind. Trotz vieler Herausforderungen hat die Ukraine – mit Hilfe der Zivilgesellschaft und ihrer internationalen Partner – Möglichkeiten auf nationaler und lokaler Ebene geschaffen, um die Rechte und Freiheiten von Binnenvertriebenen zu gewährleisten sowie ihre Integration am neuen Wohnort zu erleichtern.
Binnenvertriebene sind ein Gewinn, keine Belastung. Das bestätigt meine mehrjährige berufliche Erfahrung in der juristischen Begleitung vertriebener Menschen bei KrymSOS, einer der bekanntesten humanitären Organisationen der Ukraine. Vertriebene gründen Unternehmen und NGOs, schaffen neue Arbeitsplätze, werden Politiker:innen auf kommunaler und nationaler Ebene, vermitteln Geschichte, Kultur und Traditionen ihrer Heimatregionen. Auf dem Gebiet der Ukraine leben mehr als 30 ethnische Minderheiten. Dazu gehören nordasowsche Griech:innen, Deutsche, Rom:nja, Juden und Jüdinnen, Tschech:innen, Kubaner:innen, Nigerianer:innen sowie die auf der Krim beheimateten indigenen Völker der Ukraine: Krimtatar:innen, Krimtschak:innen und Karäer:innen. Viele von ihnen lebten auf der Krim oder in den frontnahen bzw. von Russland besetzten Regionen Donezk, Luhansk, Cherson, Saporischschja und Mykolajiw.
Bis 2014 spielte das Thema der ethnischen Minderheiten in der ukrainischen Gesellschaft kaum eine Rolle. Viele ahnten nicht, dass ihre Bekannten, Kolleg:innen oder Klassenkamerad:innen krimtatarischer oder nordasowgriechischer Herkunft waren. Manche wussten wohl nicht einmal, dass es diese Ethnien gibt.
Die russische Besetzung der Krim und von Teilen des Donbas im Jahr 2014 brachte viele Menschen dazu, sich intensiver mit ihrer eigenen Identität zu beschäftigen. Auch löste die Ankunft von Binnenvertriebenen einen umfassenden kulturellen Austausch innerhalb des Landes aus. Diese tragische Erfahrung machte ethnische Minderheiten und indigene Völker sichtbarer, was zu einem Wandel in der ukrainischen Gesellschaft und Politik führte: Viele Vertreter:innen ethnischer Minderheiten und indigener Völker sind heute einflussreiche Akteur:innen der ukrainischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik. Ukrainische Schulen und Universitäten unterrichten ihre Geschichte, Kultur und Sprache. Zudem werden die Gedenktage wie etwa der Jahrestag der Deportation der Krimtataren am 18. Mai oder der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Völkermords an den Rom:nja am 2. August auf offizieller Ebene begangen.
Ethnische Minderheiten und indigene Völker sind zu einem festen Bestandteil der politischen Nation geworden. Natürlich gibt es nach wie vor Verbesserungsbedarf. Dennoch stellt die durch den Krieg verstärkte Wahrnehmung dieser Gruppen einen wichtigen Schritt in Richtung weiterer Demokratisierung der Ukraine dar. Der Fortschritt ist nicht zufällig, sondern die Folge großer Anstrengungen von Vertreter: innen ethnischer Minderheiten und indigener Völker, der Unterstützung durch den Staat und der Offenheit der ukrainischen Gesellschaft für eine Änderung des Bildes der eigenen Nation.
Durch die Verflechtung einer Vielzahl unterschiedlicher individueller und kollektiver Erfahrungen hat sich in der Ukraine eine neue Realität herausgebildet – eine Realität, in welcher der Mensch den höchsten Stellenwert einnimmt und gegenseitiger Respekt, Akzeptanz sowie Interesse aneinander zur Grundlage für nationale Resilienz werden.
So wurde der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine paradoxerweise zugleich zu einem Ende des alten Musters und zum Beginn einer neuen Phase der ukrainischen Demokratie.
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