Ukraine – A lost case?

©Marco Fieber, CC BY-NC-ND 2.0

Gemes­sen an den hohen Erwar­tun­gen kommen die Refor­men nur schlep­pend voran. Doch trotz vieler Rück­schritte – die Rich­tung stimmt. Es ist an uns Euro­pä­ern, die Ukraine auf ihrem Weg zu unter­stüt­zen. Von Marie­luise Beck

Die Ukraine vier Jahre danach: Aus dem bunten Maidan, der so voller Enthu­si­as­mus, Hoff­nung und Zuver­sicht gewesen war, wurde ein dunkler Ort. Mehr als 100 Men­schen bezahl­ten das „Wir wollen nach Europa“ mit ihrem Leben.

Aus dem Protest gegen eine kor­rupte poli­ti­sche Klasse und ihre will­fäh­rige Justiz wurde der Sturz einer Regie­rung. Die Macht war nicht bereit ein­zu­len­ken. Mit den Neu­wah­len schie­nen sich die Türen zur Zukunft für die Ukraine geöff­net zu haben. Das war für die Ukraine eine zweite Chance nach der ver­patz­ten Orangen Revolution.

Die holp­rige Transformation

Doch von einem Happy End kann nicht die Rede sein. Das Land bezahlte sein Auf­be­geh­ren mit dem Verlust der Krim und einem Krieg im Osten, der bereits mehr als 10.000 Men­schen­le­ben kostete. Mehr als 1.5 Mil­lio­nen sind auf der Flucht.

Auch die Wirt­schaft ging auf dra­ma­ti­sche Tal­fahrt. Der abge­trennte Osten hat zen­trale Wirt­schafts­adern zer­ris­sen. Die Per­for­mance der poli­ti­schen Klasse lässt zu wün­schen übrig. Das Wirken der Olig­ar­chen hinter den Kulis­sen bleibt intrans­pa­rent. Und der Prä­si­dent hielt sein Ver­spre­chen nicht, Geschäft und Politik zu trennen.

Die rus­si­sche Pro­pa­ganda denun­ziert den holp­ri­gen Weg der Trans­for­ma­tion: Der Prä­si­dent sei ille­gi­tim, weil die Folge eines Put­sches; das Par­la­ment wei­ter­hin bestückt mit gekauf­ten Statt­hal­tern; die Wirt­schaft im Abschwung und die Ver­sor­gung der Men­schen sehr schlecht. Vom angeb­li­chen Auf­stieg des Faschis­mus ganz zu Schweigen.

Das Reform­tempo könnte höher sein – aber die Rich­tung stimmt 

Auch im Westen trom­meln die Skep­ti­ker: Hätte man nicht den Kreml fragen müssen, ob er eine EU-Asso­zia­tion als Pro­vo­ka­tion emp­fin­det? Warum solle sich die erwei­te­rungs­müde EU einen wei­te­ren ost­eu­ro­päi­schen Kan­di­da­ten ins Haus holen, zumal das Haus ins­ge­samt wackelt? Und: Sollte uns ein gutes Aus­kom­men mit dem Kreml nicht wich­ti­ger sein als eine vor sich hin tau­melnde Ukraine?

Sicher, das Reform­tempo könnte höher sein – aber die Rich­tung stimmt. Der Maidan hat keinen Phönix aus der Asche geschaf­fen. Der Aufbau neuer Insti­tu­tio­nen ist zäh. Die alten Olig­ar­chen treten nicht zur Seite, neue Olig­ar­chien ent­ste­hen und die Arbeit von Prä­si­dent und Rada folgen oft dem Motto: „Zwei Schritte vor, einer zurück“

Erste Reform­erfolge sind spürbar

Dennoch: Schauen wir auf die Fakten. Die ukrai­ni­sche Zen­tral­bank bescherte dem fak­tisch bank­rot­ten ukrai­ni­schen Staat einen sta­bi­len Ban­ken­sek­tor. 80 intrans­pa­rente Banken – dar­un­ter gar solche, die als „too big to fail“ galten, wurden im Zuge des Auf­räu­mens abgewickelt.

Der Gas­sek­tor wurde in kurzer Zeit im wahrs­ten Sinne des Wortes her­um­ge­dreht: Statt von Ost nach West fließt das Gas nun von West nach Ost. Das bedeu­tet Unab­hän­gig­keit in der Ener­gie­ver­sor­gung vom rus­si­schen Nach­barn, der das Land schon mehr­fach erpresst hatte. Die Reor­ga­ni­sa­tion der Ver­tei­lungs­struk­tu­ren hat zudem die Zapf­sta­tio­nen als Quelle der Kor­rup­tion ausgetrocknet.

Der neue Zwang zur elek­tro­ni­schen Offen­le­gung der Ver­mö­gen von poli­ti­schen Funk­tio­nä­ren hat es in sich. Die Polizei wurde spürbar genug refor­miert, damit dem orga­ni­sier­ten Stra­ßen­raub ein Ende gesetzt wurde. Auf Drängen des IWF konnte ein Natio­na­les Anti­kor­rup­ti­ons­büro (NABU) seine Arbeit auf­neh­men. Der Wider­stand gegen die Durch­fors­tung der kor­rup­ten Struk­tu­ren ist groß. Bisher hat sich das NABU als stark genug erwie­sen, dem Stand zu halten und ermit­telt auch gegen hoch­ran­gige Funk­tio­näre. Doch der Prä­si­dent scheut die Ein­set­zung eines Anti­kor­rup­ti­ons­ge­rich­tes. NABU und eine unab­hän­gige Anti­kor­rup­ti­ons­ge­richts­bar­keit sind Kern­stück und Vor­aus­set­zung für die Chance des Landes, die Kor­rup­tion spürbar zurück­zu­drän­gen und Trans­pa­renz herzustellen.

Vier große Reformen

Seit der par­la­men­ta­ri­schen Som­mer­pause haben vier große Refor­men die Rada pas­siert: Rente, Bildung, Gesund­heit und Justiz.

Der Bil­dungs­re­form hätte es gut­ge­tan, wenn der Venedig-Kom­mis­sion des Euro­pa­rats Zeit zur Stel­lung­nahme ein­ge­räumt worden wäre. Zu sen­si­bel ist die Frage der Sprach­wahl in dem ukrai­nisch-rus­sisch­spra­chi­gen Land. Dennoch: Diese Reform macht sich auf den Weg, ein ver­al­te­tes, auto­ri­tä­res und ver­krus­te­tes Schul­we­sen von innen aufzubrechen.

Der kos­ten­lose Zugang zu Ärzten und Medi­ka­men­ten bestand nur auf dem Papier. Zwar führt die Gesund­heits­re­form eine Selbst­be­tei­li­gung bei All­tags­krank­hei­ten ein, dafür sind die Abgaben nun trans­pa­rent und es gibt die Chance auf einen realen Zugang zu medi­zi­ni­scher Behand­lung. Dem Schwarz­markt im Gesund­heits­we­sen vor allem bei Medi­ka­men­ten soll der Boden ent­zo­gen werden.

Vier große Refor­men in einem Herbst sind ein immenser Kraftakt 

Die Jus­tiz­re­form kann nur in Teilen über­zeu­gen. Zu viele belas­tete Richter wurden im Amt belas­sen. Die Ver­fah­ren bei der Auswahl und Ernen­nung jedoch sind trans­pa­ren­ter gewor­den. Noch fehlt – s.o. – grünes Licht zur Eta­blie­rung eines spe­zi­el­len Anti­kor­rup­ti­ons­ge­richts. Doch erste Schritte hin zu einer freie­ren Justiz wurden gemacht.

Die Renten wurden erst­mals seit 2012 wieder erhöht. Der Durch­schnitts­lohn war seither um das Drei­fa­che gestie­gen – aber die Renten wurden nicht auf­ge­stockt. Um dem zukünf­tig zu begeg­nen, wird die Rente von nun an jähr­lich an die Infla­tion angepasst.

Die ukrai­ni­sche Gesell­schaft zählt auf unsere Unterstützung

Vier große Refor­men in einem par­la­men­ta­ri­schen Herbst sind ein immenser Kraftakt.

All diese Ent­wick­lun­gen sind Schritte eines fak­tisch zer­stör­ten Staates hin zu einem Gemein­we­sen, das seiner staat­li­chen Für­sorge nach­kommt. Wer das als uner­heb­lich denun­ziert, der möge sich abwen­den und in die Auf­sichts­räte von Rosneft, Gazprom und co. ein­rü­cken. Der wird auch die Legende von der Ukraine als „lost case“ gerne weitertragen.

Der Weg der Ukraine ist mühsam und die Eliten sind mehr als zöger­lich. Alte Seil­schaf­ten bestehen wei­ter­hin. Nicht nur in Kiew, sondern im ganzen Land hängt der Reform­ei­fer von Bür­ge­rin­nen und Bürgern vor Ort ab. Die ukrai­ni­sche Gesell­schaft ist aktiv und kreativ. Und sie ist es, die den Reform­mo­tor am Laufen hält.

Doch ohne Druck von außen reüs­sie­ren die reak­tio­nä­ren Kräfte. Keine Refor­men ohne den Druck durch EU, IWF und die natio­na­len Beglei­ter der Ukraine, wie etwa Deutsch­land, Frank­reich, Schwe­den und die USA.

Die Ukraine als „lost case“. Das ist der Traum des Kremls. Eine Ukraine als Staat von Bürgern für Bürger, öko­no­misch pro­spe­rie­rend und mit der Chance auf gutes Leben – das berei­tet dem Kreml schlaf­lose Nächte. Wer sich als Freund Russ­lands begreift, muss der Ukraine Erfolg wün­schen. Denn der Weg zu Demo­kra­tie in Russ­land führt über die Ukraine. Es ist an uns, diesen Weg ernst­haft zu beglei­ten und die Ukrai­ner auf ihrem Weg zu unterstützen.

Textende

 

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Foto: TT

Laut einer neuen Analyse der ukrai­ni­schen For­schungs­or­ga­ni­sa­tion KRONOS arbei­ten wohl zwi­schen 12 und 18 Prozent der ukrai­ni­schen Tan­ker­be­sat­zungs­mit­glie­der auf sank­tio­nier­ten Schif­fen. Diese Erkennt­nis ver­weist auf einen weit­ge­hend über­se­he­nen Teil der rus­si­schen Schat­ten­flotte: die Men­schen, die die altern­den Tanker auf See halten. „Ukraine ver­ste­hen“ ver­öf­fent­licht die KRONOS-Recher­che nun in deut­scher Sprache.

Russ­lands soge­nannte Schat­ten­flotte hat sich trotz west­li­cher Sank­tio­nen und der Preis­ober­grenze der G7 zu einem der wich­tigs­ten Mecha­nis­men für den Trans­port von rus­si­schem Öl ent­wi­ckelt. Es handelt sich um ein Netz­werk, das sich auf ver­al­tete Tanker, undurch­sich­tige Eigen­tü­mer­struk­tu­ren, billige Flaggen und eine Reihe von mari­ti­men Dienst­leis­tun­gen stützt, die es schwie­rig zu ermit­teln machen, wer die Schiffe letzt­end­lich kontrolliert.

Die EU nimmt zuneh­mend nicht nur ein­zelne Schiffe, sondern das gesamte Öko­sys­tem um sie herum ins Visier. Bis Juli 2026 wurden mehr als 670 Schiffe auf die Schat­ten­flot­ten­liste der EU gesetzt. Die EU-Maß­nah­men richten sich auch gegen Unter­neh­men und Ein­zel­per­so­nen, die am Betrieb oder an der Unter­stüt­zung des Netz­werks betei­ligt sind.

Doch es gibt noch einen wei­te­ren Teil des Systems, dem weitaus weniger Auf­merk­sam­keit geschenkt wird: die Besatzungen.

Recher­chen zu sank­tio­nier­ten Tankern

Die Ukraine ist seit Langem eine der welt­weit wich­tigs­ten Quellen für Arbeits­kräfte in der See­schiff­fahrt. Vor der Voll­in­va­sion Russ­lands waren laut KRONOS rund 76.400 ukrai­ni­sche See­leute auf dem inter­na­tio­na­len Arbeits­markt tätig.

Der Krieg hat die geo­gra­fi­sche Ver­tei­lung dieser Arbeits­kräfte dra­ma­tisch ver­än­dert. Zehn­tau­sende ukrai­ni­sche See­leute befan­den sich bereits außer­halb des Landes oder ver­lie­ßen es kurz nach der Inva­sion, und viele wech­seln nun zwi­schen mari­ti­men Dreh­kreu­zen in Rumä­nien, Bul­ga­rien, Polen, der Türkei, Zypern und den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten hin und her.

Die meisten arbei­ten für seriöse inter­na­tio­nale Ree­de­reien. KRONOS schätzt jedoch, dass zwi­schen drei und fünf Prozent der aktiven ukrai­ni­schen See­leute direkt in die rus­si­sche Schat­ten­flotte invol­viert sein könnten. Spe­zi­ell bei Tan­ker­be­sat­zun­gen steigt der mut­maß­li­che Anteil auf 12 bis 18 Prozent.

KRONOS geht davon aus, dass jähr­lich zwi­schen 600 und 900 ukrai­ni­sche See­leute über „graue“ Rekru­tie­rungs­ka­näle in das System der Schat­ten­flotte gelan­gen. Das bedeu­tet, dass demnach aktuell zwi­schen 1.500 und 2.500 ukrai­ni­sche Staats­bür­ger auf Schif­fen der rus­si­schen Schat­ten­flotte im Einsatz wären.

Bei diesen Zahlen handelt es sich um Schät­zun­gen und nicht um eine voll­stän­dige Erfas­sung der Besat­zun­gen. KRONOS kom­bi­niert bei seiner Analyse Infor­ma­tio­nen aus See­ver­kehrs­kon­trol­len, Hafen­staat­kon­trol­len und anderen öffent­lich zugäng­li­chen Quellen. Einige der Zahlen basie­ren auf Modell­rech­nun­gen und sollten nicht als direk­ter Beweis für Straf­ta­ten gewer­tet werden.

Die Rolle ukrai­ni­scher Besatzungsmitglieder

Ukrai­ni­sche See­leute sind beson­ders in den tech­ni­schen Rängen der Tan­ker­be­sat­zun­gen ver­tre­ten: als Chef­inge­nieure, Zweite Inge­nieure, lei­tende Deck­of­fi­ziere und elek­tro­tech­ni­sche Offiziere.

Dies ist von Bedeu­tung, da viele Schiffe der Schat­ten­flotte alt sind und unter Bedin­gun­gen betrie­ben werden, die in der kon­ven­tio­nel­len Schiff­fahrt ernst­hafte Sicher­heits­be­den­ken auf­wer­fen würden.

Die Recher­chen von KRONOS beinhal­ten mehrere Fälle von ukrai­ni­schen Besat­zungs­mit­glie­dern an Bord von sank­tio­nier­ten oder mut­maß­li­chen Tankern der Schat­ten­flotte. Beim Tanker „Grinch“, der im Februar 2026 von fran­zö­si­schen See­be­hör­den fest­ge­setzt worden ist, bestand das gesamte Maschi­nen­raum­team des Schif­fes aus ukrai­ni­schen Inge­nieu­ren, die über Ver­mitt­ler im Mit­tel­meer­raum ange­wor­ben worden waren.

Auf der „Arina 1“, die nach einem Motor­scha­den im Kieler Kanal ange­hal­ten wurde, fanden Inspek­to­ren neben schwer­wie­gen­den tech­ni­schen Mängeln auch gefälschte Zer­ti­fi­kate und aus­ste­hende Löhne vor. Zum Maschi­nen­raum­team des Schif­fes gehör­ten ukrai­ni­sche und rus­si­sche Offiziere.

Eine euro­pa­weite Rekrutierungskette

Die Anwer­bung erfolgt über ein kom­ple­xes Netz­werk, das sich über die Ukraine, Moldau, EU-Länder, die Türkei und den Nahen Osten erstreckt.

Der mut­maß­li­che Mecha­nis­mus ist dabei relativ simpel: Einem Seemann wird über einen Ver­mitt­ler ein Kurz­zeit­ver­trag ange­bo­ten – manch­mal für ein Schiff, das als Eigen­tum einer neu­tra­len oder einer Off­shore-Ree­de­rei dar­ge­stellt wird. Das tat­säch­li­che Schiff oder die Ladung wird womög­lich erst später bekannt.

KRONOS-Recher­chen iden­ti­fi­zier­ten 18 in der Ukraine regis­trierte Besat­zungs­agen­tu­ren und sechs damit ver­bun­dene Struk­tu­ren in Lett­land und Zypern, die mut­maß­lich Besat­zun­gen für Schiffe rekru­tiert haben, die mit der Schat­ten­flotte in Ver­bin­dung stehen.

Zu den Unter­neh­men gehören Novomar, Euro­bulk, Zolos Ship­ping und Vista Ship­ping. Die Recher­chen bringen diese Unter­neh­men mit einem Netz­werk in Ver­bin­dung, das wohl Besat­zun­gen für rund 30 Schiffe bereit­ge­stellt hat, die rus­si­sches Öl transportierten.

Es handelt sich um schwer­wie­gende Vor­würfe gegen iden­ti­fi­zier­bare Unter­neh­men und Per­so­nen. Sie erfor­dern daher eine unab­hän­gige Über­prü­fung anhand von Unter­neh­mens­un­ter­la­gen, Sank­ti­ons­da­ten­ban­ken, mari­ti­men Daten­ban­ken und den Stel­lung­nah­men der betrof­fe­nen Unter­neh­men. Bei den Recher­che­er­geb­nis­sen von KRONOS handelt es sich nicht um eine gericht­li­che Fest­stel­lung von Fehlverhalten.

Die euro­päi­sche Sanktionspolitik

Für die euro­päi­schen Länder geht es hier nicht nur um die Umge­hung von Sank­tio­nen, sondern auch um die Gefähr­dung der Sicher­heit im See­ver­kehr. Die EU hat gewarnt, dass die Schat­ten­flotte Risiken wie Umwelt­schä­den, See­un­fälle und Bedro­hun­gen für die kri­ti­sche Unter­was­ser­in­fra­struk­tur sowie Ver­stöße gegen inter­na­tio­nale See­ver­kehrs­stan­dards birgt.

Die Sank­ti­ons­po­li­tik der EU geht daher mitt­ler­weile über ein­zelne Tanker hinaus. Im April 2026 wurden weitere 46 Schiffe in das Sank­ti­ons­re­gime auf­ge­nom­men. Im Juli fügte die EU noch einmal 41 Schiffe hinzu und weitete die Beschrän­kun­gen auf Schiffe aus, die Dienst­leis­tun­gen für die Schat­ten­flotte erbrin­gen. Wichtig ist, dass das Maß­nah­men­pa­ket auch auf Orga­ni­sa­tio­nen abzielt, die inner­halb des Öko­sys­tems der Schat­ten­flotte tätig sind, dar­un­ter erst­mals eine Besatzungsvermittlungsagentur.

Diese Ent­wick­lung deutet darauf hin, dass die euro­päi­sche Sank­ti­ons­po­li­tik all­mäh­lich erkennt, dass die Schat­ten­flotte mehr ist als einfach nur eine Ansamm­lung von Schiffen.

Ein Dilemma für die Ukraine

Für die Ukraine ist die Ange­le­gen­heit beson­ders kom­pli­ziert. Ukrai­ni­sche See­leute sind nicht gleich­be­deu­tend mit der rus­si­schen Schat­ten­flotte. Die über­wie­gende Mehr­heit ist in der legi­ti­men inter­na­tio­na­len Schiff­fahrts­bran­che tätig. Doch der Krieg hat Tau­sende von Schiff­fahrts-Fach­kräf­ten von inter­na­tio­na­len Beschäf­ti­gungs­netz­wer­ken außer­halb der Ukraine abhän­gig gemacht. Dies schafft Mög­lich­kei­ten für Ver­mitt­ler, die in einer Grau­zone agieren.

Die Frage ist daher nicht einfach, wie See­leute bestraft werden sollten, die sich auf einem sank­tio­nier­ten Schiff befin­den. Es geht viel­mehr darum, die Rekru­tie­rungs­kette so trans­pa­rent zu gestal­ten, dass ein risi­ko­be­haf­te­tes Schiff iden­ti­fi­ziert werden kann, bevor ein Seemann an Bord geht.

Mög­li­che Maß­nah­men umfas­sen eine stren­gere Über­prü­fung von Arbeits­ver­trä­gen, sys­te­ma­ti­sche Abglei­che mit inter­na­tio­na­len Sank­ti­ons­da­ten­ban­ken und einen ver­stärk­ten Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zwi­schen See­ver­kehrs­be­hör­den und euro­päi­schen Hafenbehörden.

Die jüngste Ent­schei­dung der EU, eine Besat­zungs­agen­tur mit Sank­tio­nen zu belegen, zeigt, dass die Per­so­nal­ver­mitt­lung selbst zuneh­mend Teil der Sank­ti­ons­de­batte wird. Russ­lands Schat­ten­flotte kann ohne Schiffe, Ver­si­che­run­gen, Häfen, Finan­zie­rung und Logis­tik nicht funk­tio­nie­ren. Aber sie kann auch nicht ohne Men­schen funk­tio­nie­ren. Hinter jedem in die Jahre gekom­me­nen Tanker, der rus­si­sches Öl trans­por­tiert, stehen Inge­nieure, Offi­ziere und See­leute, deren Arbeit das Schiff in Bewe­gung hält.

Für euro­päi­sche Ent­schei­dungs­trä­ger kommt so eine Frage auf, die noch weit­ge­hend unbe­ant­wor­tet ist: Wie können Sank­tio­nen gezielt gegen die Netz­werke vor­ge­hen, die Besat­zun­gen für die Schat­ten­flotte rekru­tie­ren, ohne dabei die Tau­sen­den ukrai­ni­schen See­leute zu kri­mi­na­li­sie­ren, deren Lebens­un­ter­halt von der inter­na­tio­na­len Schiff­fahrts­in­dus­trie abhängt?

 

Die Analyse in ukrai­ni­scher Sprache: Тіньовий флот РФ: Від 12% до 18% українських танкеристів працюють на підсанкційні рейси

Porträt Beck

Marie­luise Beck ist eine über Par­tei­gren­zen hinaus geach­tete Außen­po­li­ti­ke­rin mit dem Schwer­punkt Ost- und Südosteuropa.

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Laut einer neuen Analyse der ukrai­ni­schen For­schungs­or­ga­ni­sa­tion KRONOS arbei­ten wohl zwi­schen 12 und 18 Prozent der ukrai­ni­schen Tan­ker­be­sat­zungs­mit­glie­der auf sank­tio­nier­ten Schif­fen. Diese Erkennt­nis ver­weist auf einen weit­ge­hend über­se­he­nen Teil der rus­si­schen Schat­ten­flotte: die Men­schen, die die altern­den Tanker auf See halten. „Ukraine ver­ste­hen“ ver­öf­fent­licht die KRONOS-Recher­che nun in deut­scher Sprache.

Russ­lands soge­nannte Schat­ten­flotte hat sich trotz west­li­cher Sank­tio­nen und der Preis­ober­grenze der G7 zu einem der wich­tigs­ten Mecha­nis­men für den Trans­port von rus­si­schem Öl ent­wi­ckelt. Es handelt sich um ein Netz­werk, das sich auf ver­al­tete Tanker, undurch­sich­tige Eigen­tü­mer­struk­tu­ren, billige Flaggen und eine Reihe von mari­ti­men Dienst­leis­tun­gen stützt, die es schwie­rig zu ermit­teln machen, wer die Schiffe letzt­end­lich kontrolliert.

Die EU nimmt zuneh­mend nicht nur ein­zelne Schiffe, sondern das gesamte Öko­sys­tem um sie herum ins Visier. Bis Juli 2026 wurden mehr als 670 Schiffe auf die Schat­ten­flot­ten­liste der EU gesetzt. Die EU-Maß­nah­men richten sich auch gegen Unter­neh­men und Ein­zel­per­so­nen, die am Betrieb oder an der Unter­stüt­zung des Netz­werks betei­ligt sind.

Doch es gibt noch einen wei­te­ren Teil des Systems, dem weitaus weniger Auf­merk­sam­keit geschenkt wird: die Besatzungen.

Recher­chen zu sank­tio­nier­ten Tankern

Die Ukraine ist seit Langem eine der welt­weit wich­tigs­ten Quellen für Arbeits­kräfte in der See­schiff­fahrt. Vor der Voll­in­va­sion Russ­lands waren laut KRONOS rund 76.400 ukrai­ni­sche See­leute auf dem inter­na­tio­na­len Arbeits­markt tätig.

Der Krieg hat die geo­gra­fi­sche Ver­tei­lung dieser Arbeits­kräfte dra­ma­tisch ver­än­dert. Zehn­tau­sende ukrai­ni­sche See­leute befan­den sich bereits außer­halb des Landes oder ver­lie­ßen es kurz nach der Inva­sion, und viele wech­seln nun zwi­schen mari­ti­men Dreh­kreu­zen in Rumä­nien, Bul­ga­rien, Polen, der Türkei, Zypern und den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten hin und her.

Die meisten arbei­ten für seriöse inter­na­tio­nale Ree­de­reien. KRONOS schätzt jedoch, dass zwi­schen drei und fünf Prozent der aktiven ukrai­ni­schen See­leute direkt in die rus­si­sche Schat­ten­flotte invol­viert sein könnten. Spe­zi­ell bei Tan­ker­be­sat­zun­gen steigt der mut­maß­li­che Anteil auf 12 bis 18 Prozent.

KRONOS geht davon aus, dass jähr­lich zwi­schen 600 und 900 ukrai­ni­sche See­leute über „graue“ Rekru­tie­rungs­ka­näle in das System der Schat­ten­flotte gelan­gen. Das bedeu­tet, dass demnach aktuell zwi­schen 1.500 und 2.500 ukrai­ni­sche Staats­bür­ger auf Schif­fen der rus­si­schen Schat­ten­flotte im Einsatz wären.

Bei diesen Zahlen handelt es sich um Schät­zun­gen und nicht um eine voll­stän­dige Erfas­sung der Besat­zun­gen. KRONOS kom­bi­niert bei seiner Analyse Infor­ma­tio­nen aus See­ver­kehrs­kon­trol­len, Hafen­staat­kon­trol­len und anderen öffent­lich zugäng­li­chen Quellen. Einige der Zahlen basie­ren auf Modell­rech­nun­gen und sollten nicht als direk­ter Beweis für Straf­ta­ten gewer­tet werden.

Die Rolle ukrai­ni­scher Besatzungsmitglieder

Ukrai­ni­sche See­leute sind beson­ders in den tech­ni­schen Rängen der Tan­ker­be­sat­zun­gen ver­tre­ten: als Chef­inge­nieure, Zweite Inge­nieure, lei­tende Deck­of­fi­ziere und elek­tro­tech­ni­sche Offiziere.

Dies ist von Bedeu­tung, da viele Schiffe der Schat­ten­flotte alt sind und unter Bedin­gun­gen betrie­ben werden, die in der kon­ven­tio­nel­len Schiff­fahrt ernst­hafte Sicher­heits­be­den­ken auf­wer­fen würden.

Die Recher­chen von KRONOS beinhal­ten mehrere Fälle von ukrai­ni­schen Besat­zungs­mit­glie­dern an Bord von sank­tio­nier­ten oder mut­maß­li­chen Tankern der Schat­ten­flotte. Beim Tanker „Grinch“, der im Februar 2026 von fran­zö­si­schen See­be­hör­den fest­ge­setzt worden ist, bestand das gesamte Maschi­nen­raum­team des Schif­fes aus ukrai­ni­schen Inge­nieu­ren, die über Ver­mitt­ler im Mit­tel­meer­raum ange­wor­ben worden waren.

Auf der „Arina 1“, die nach einem Motor­scha­den im Kieler Kanal ange­hal­ten wurde, fanden Inspek­to­ren neben schwer­wie­gen­den tech­ni­schen Mängeln auch gefälschte Zer­ti­fi­kate und aus­ste­hende Löhne vor. Zum Maschi­nen­raum­team des Schif­fes gehör­ten ukrai­ni­sche und rus­si­sche Offiziere.

Eine euro­pa­weite Rekrutierungskette

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Der mut­maß­li­che Mecha­nis­mus ist dabei relativ simpel: Einem Seemann wird über einen Ver­mitt­ler ein Kurz­zeit­ver­trag ange­bo­ten – manch­mal für ein Schiff, das als Eigen­tum einer neu­tra­len oder einer Off­shore-Ree­de­rei dar­ge­stellt wird. Das tat­säch­li­che Schiff oder die Ladung wird womög­lich erst später bekannt.

KRONOS-Recher­chen iden­ti­fi­zier­ten 18 in der Ukraine regis­trierte Besat­zungs­agen­tu­ren und sechs damit ver­bun­dene Struk­tu­ren in Lett­land und Zypern, die mut­maß­lich Besat­zun­gen für Schiffe rekru­tiert haben, die mit der Schat­ten­flotte in Ver­bin­dung stehen.

Zu den Unter­neh­men gehören Novomar, Euro­bulk, Zolos Ship­ping und Vista Ship­ping. Die Recher­chen bringen diese Unter­neh­men mit einem Netz­werk in Ver­bin­dung, das wohl Besat­zun­gen für rund 30 Schiffe bereit­ge­stellt hat, die rus­si­sches Öl transportierten.

Es handelt sich um schwer­wie­gende Vor­würfe gegen iden­ti­fi­zier­bare Unter­neh­men und Per­so­nen. Sie erfor­dern daher eine unab­hän­gige Über­prü­fung anhand von Unter­neh­mens­un­ter­la­gen, Sank­ti­ons­da­ten­ban­ken, mari­ti­men Daten­ban­ken und den Stel­lung­nah­men der betrof­fe­nen Unter­neh­men. Bei den Recher­che­er­geb­nis­sen von KRONOS handelt es sich nicht um eine gericht­li­che Fest­stel­lung von Fehlverhalten.

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Die Sank­ti­ons­po­li­tik der EU geht daher mitt­ler­weile über ein­zelne Tanker hinaus. Im April 2026 wurden weitere 46 Schiffe in das Sank­ti­ons­re­gime auf­ge­nom­men. Im Juli fügte die EU noch einmal 41 Schiffe hinzu und weitete die Beschrän­kun­gen auf Schiffe aus, die Dienst­leis­tun­gen für die Schat­ten­flotte erbrin­gen. Wichtig ist, dass das Maß­nah­men­pa­ket auch auf Orga­ni­sa­tio­nen abzielt, die inner­halb des Öko­sys­tems der Schat­ten­flotte tätig sind, dar­un­ter erst­mals eine Besatzungsvermittlungsagentur.

Diese Ent­wick­lung deutet darauf hin, dass die euro­päi­sche Sank­ti­ons­po­li­tik all­mäh­lich erkennt, dass die Schat­ten­flotte mehr ist als einfach nur eine Ansamm­lung von Schiffen.

Ein Dilemma für die Ukraine

Für die Ukraine ist die Ange­le­gen­heit beson­ders kom­pli­ziert. Ukrai­ni­sche See­leute sind nicht gleich­be­deu­tend mit der rus­si­schen Schat­ten­flotte. Die über­wie­gende Mehr­heit ist in der legi­ti­men inter­na­tio­na­len Schiff­fahrts­bran­che tätig. Doch der Krieg hat Tau­sende von Schiff­fahrts-Fach­kräf­ten von inter­na­tio­na­len Beschäf­ti­gungs­netz­wer­ken außer­halb der Ukraine abhän­gig gemacht. Dies schafft Mög­lich­kei­ten für Ver­mitt­ler, die in einer Grau­zone agieren.

Die Frage ist daher nicht einfach, wie See­leute bestraft werden sollten, die sich auf einem sank­tio­nier­ten Schiff befin­den. Es geht viel­mehr darum, die Rekru­tie­rungs­kette so trans­pa­rent zu gestal­ten, dass ein risi­ko­be­haf­te­tes Schiff iden­ti­fi­ziert werden kann, bevor ein Seemann an Bord geht.

Mög­li­che Maß­nah­men umfas­sen eine stren­gere Über­prü­fung von Arbeits­ver­trä­gen, sys­te­ma­ti­sche Abglei­che mit inter­na­tio­na­len Sank­ti­ons­da­ten­ban­ken und einen ver­stärk­ten Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zwi­schen See­ver­kehrs­be­hör­den und euro­päi­schen Hafenbehörden.

Die jüngste Ent­schei­dung der EU, eine Besat­zungs­agen­tur mit Sank­tio­nen zu belegen, zeigt, dass die Per­so­nal­ver­mitt­lung selbst zuneh­mend Teil der Sank­ti­ons­de­batte wird. Russ­lands Schat­ten­flotte kann ohne Schiffe, Ver­si­che­run­gen, Häfen, Finan­zie­rung und Logis­tik nicht funk­tio­nie­ren. Aber sie kann auch nicht ohne Men­schen funk­tio­nie­ren. Hinter jedem in die Jahre gekom­me­nen Tanker, der rus­si­sches Öl trans­por­tiert, stehen Inge­nieure, Offi­ziere und See­leute, deren Arbeit das Schiff in Bewe­gung hält.

Für euro­päi­sche Ent­schei­dungs­trä­ger kommt so eine Frage auf, die noch weit­ge­hend unbe­ant­wor­tet ist: Wie können Sank­tio­nen gezielt gegen die Netz­werke vor­ge­hen, die Besat­zun­gen für die Schat­ten­flotte rekru­tie­ren, ohne dabei die Tau­sen­den ukrai­ni­schen See­leute zu kri­mi­na­li­sie­ren, deren Lebens­un­ter­halt von der inter­na­tio­na­len Schiff­fahrts­in­dus­trie abhängt?

 

Die Analyse in ukrai­ni­scher Sprache: Тіньовий флот РФ: Від 12% до 18% українських танкеристів працюють на підсанкційні рейси

Porträt Beck

Marie­luise Beck ist eine über Par­tei­gren­zen hinaus geach­tete Außen­po­li­ti­ke­rin mit dem Schwer­punkt Ost- und Südosteuropa.

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Foto: TT

Laut einer neuen Analyse der ukrai­ni­schen For­schungs­or­ga­ni­sa­tion KRONOS arbei­ten wohl zwi­schen 12 und 18 Prozent der ukrai­ni­schen Tan­ker­be­sat­zungs­mit­glie­der auf sank­tio­nier­ten Schif­fen. Diese Erkennt­nis ver­weist auf einen weit­ge­hend über­se­he­nen Teil der rus­si­schen Schat­ten­flotte: die Men­schen, die die altern­den Tanker auf See halten. „Ukraine ver­ste­hen“ ver­öf­fent­licht die KRONOS-Recher­che nun in deut­scher Sprache.

Russ­lands soge­nannte Schat­ten­flotte hat sich trotz west­li­cher Sank­tio­nen und der Preis­ober­grenze der G7 zu einem der wich­tigs­ten Mecha­nis­men für den Trans­port von rus­si­schem Öl ent­wi­ckelt. Es handelt sich um ein Netz­werk, das sich auf ver­al­tete Tanker, undurch­sich­tige Eigen­tü­mer­struk­tu­ren, billige Flaggen und eine Reihe von mari­ti­men Dienst­leis­tun­gen stützt, die es schwie­rig zu ermit­teln machen, wer die Schiffe letzt­end­lich kontrolliert.

Die EU nimmt zuneh­mend nicht nur ein­zelne Schiffe, sondern das gesamte Öko­sys­tem um sie herum ins Visier. Bis Juli 2026 wurden mehr als 670 Schiffe auf die Schat­ten­flot­ten­liste der EU gesetzt. Die EU-Maß­nah­men richten sich auch gegen Unter­neh­men und Ein­zel­per­so­nen, die am Betrieb oder an der Unter­stüt­zung des Netz­werks betei­ligt sind.

Doch es gibt noch einen wei­te­ren Teil des Systems, dem weitaus weniger Auf­merk­sam­keit geschenkt wird: die Besatzungen.

Recher­chen zu sank­tio­nier­ten Tankern

Die Ukraine ist seit Langem eine der welt­weit wich­tigs­ten Quellen für Arbeits­kräfte in der See­schiff­fahrt. Vor der Voll­in­va­sion Russ­lands waren laut KRONOS rund 76.400 ukrai­ni­sche See­leute auf dem inter­na­tio­na­len Arbeits­markt tätig.

Der Krieg hat die geo­gra­fi­sche Ver­tei­lung dieser Arbeits­kräfte dra­ma­tisch ver­än­dert. Zehn­tau­sende ukrai­ni­sche See­leute befan­den sich bereits außer­halb des Landes oder ver­lie­ßen es kurz nach der Inva­sion, und viele wech­seln nun zwi­schen mari­ti­men Dreh­kreu­zen in Rumä­nien, Bul­ga­rien, Polen, der Türkei, Zypern und den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten hin und her.

Die meisten arbei­ten für seriöse inter­na­tio­nale Ree­de­reien. KRONOS schätzt jedoch, dass zwi­schen drei und fünf Prozent der aktiven ukrai­ni­schen See­leute direkt in die rus­si­sche Schat­ten­flotte invol­viert sein könnten. Spe­zi­ell bei Tan­ker­be­sat­zun­gen steigt der mut­maß­li­che Anteil auf 12 bis 18 Prozent.

KRONOS geht davon aus, dass jähr­lich zwi­schen 600 und 900 ukrai­ni­sche See­leute über „graue“ Rekru­tie­rungs­ka­näle in das System der Schat­ten­flotte gelan­gen. Das bedeu­tet, dass demnach aktuell zwi­schen 1.500 und 2.500 ukrai­ni­sche Staats­bür­ger auf Schif­fen der rus­si­schen Schat­ten­flotte im Einsatz wären.

Bei diesen Zahlen handelt es sich um Schät­zun­gen und nicht um eine voll­stän­dige Erfas­sung der Besat­zun­gen. KRONOS kom­bi­niert bei seiner Analyse Infor­ma­tio­nen aus See­ver­kehrs­kon­trol­len, Hafen­staat­kon­trol­len und anderen öffent­lich zugäng­li­chen Quellen. Einige der Zahlen basie­ren auf Modell­rech­nun­gen und sollten nicht als direk­ter Beweis für Straf­ta­ten gewer­tet werden.

Die Rolle ukrai­ni­scher Besatzungsmitglieder

Ukrai­ni­sche See­leute sind beson­ders in den tech­ni­schen Rängen der Tan­ker­be­sat­zun­gen ver­tre­ten: als Chef­inge­nieure, Zweite Inge­nieure, lei­tende Deck­of­fi­ziere und elek­tro­tech­ni­sche Offiziere.

Dies ist von Bedeu­tung, da viele Schiffe der Schat­ten­flotte alt sind und unter Bedin­gun­gen betrie­ben werden, die in der kon­ven­tio­nel­len Schiff­fahrt ernst­hafte Sicher­heits­be­den­ken auf­wer­fen würden.

Die Recher­chen von KRONOS beinhal­ten mehrere Fälle von ukrai­ni­schen Besat­zungs­mit­glie­dern an Bord von sank­tio­nier­ten oder mut­maß­li­chen Tankern der Schat­ten­flotte. Beim Tanker „Grinch“, der im Februar 2026 von fran­zö­si­schen See­be­hör­den fest­ge­setzt worden ist, bestand das gesamte Maschi­nen­raum­team des Schif­fes aus ukrai­ni­schen Inge­nieu­ren, die über Ver­mitt­ler im Mit­tel­meer­raum ange­wor­ben worden waren.

Auf der „Arina 1“, die nach einem Motor­scha­den im Kieler Kanal ange­hal­ten wurde, fanden Inspek­to­ren neben schwer­wie­gen­den tech­ni­schen Mängeln auch gefälschte Zer­ti­fi­kate und aus­ste­hende Löhne vor. Zum Maschi­nen­raum­team des Schif­fes gehör­ten ukrai­ni­sche und rus­si­sche Offiziere.

Eine euro­pa­weite Rekrutierungskette

Die Anwer­bung erfolgt über ein kom­ple­xes Netz­werk, das sich über die Ukraine, Moldau, EU-Länder, die Türkei und den Nahen Osten erstreckt.

Der mut­maß­li­che Mecha­nis­mus ist dabei relativ simpel: Einem Seemann wird über einen Ver­mitt­ler ein Kurz­zeit­ver­trag ange­bo­ten – manch­mal für ein Schiff, das als Eigen­tum einer neu­tra­len oder einer Off­shore-Ree­de­rei dar­ge­stellt wird. Das tat­säch­li­che Schiff oder die Ladung wird womög­lich erst später bekannt.

KRONOS-Recher­chen iden­ti­fi­zier­ten 18 in der Ukraine regis­trierte Besat­zungs­agen­tu­ren und sechs damit ver­bun­dene Struk­tu­ren in Lett­land und Zypern, die mut­maß­lich Besat­zun­gen für Schiffe rekru­tiert haben, die mit der Schat­ten­flotte in Ver­bin­dung stehen.

Zu den Unter­neh­men gehören Novomar, Euro­bulk, Zolos Ship­ping und Vista Ship­ping. Die Recher­chen bringen diese Unter­neh­men mit einem Netz­werk in Ver­bin­dung, das wohl Besat­zun­gen für rund 30 Schiffe bereit­ge­stellt hat, die rus­si­sches Öl transportierten.

Es handelt sich um schwer­wie­gende Vor­würfe gegen iden­ti­fi­zier­bare Unter­neh­men und Per­so­nen. Sie erfor­dern daher eine unab­hän­gige Über­prü­fung anhand von Unter­neh­mens­un­ter­la­gen, Sank­ti­ons­da­ten­ban­ken, mari­ti­men Daten­ban­ken und den Stel­lung­nah­men der betrof­fe­nen Unter­neh­men. Bei den Recher­che­er­geb­nis­sen von KRONOS handelt es sich nicht um eine gericht­li­che Fest­stel­lung von Fehlverhalten.

Die euro­päi­sche Sanktionspolitik

Für die euro­päi­schen Länder geht es hier nicht nur um die Umge­hung von Sank­tio­nen, sondern auch um die Gefähr­dung der Sicher­heit im See­ver­kehr. Die EU hat gewarnt, dass die Schat­ten­flotte Risiken wie Umwelt­schä­den, See­un­fälle und Bedro­hun­gen für die kri­ti­sche Unter­was­ser­in­fra­struk­tur sowie Ver­stöße gegen inter­na­tio­nale See­ver­kehrs­stan­dards birgt.

Die Sank­ti­ons­po­li­tik der EU geht daher mitt­ler­weile über ein­zelne Tanker hinaus. Im April 2026 wurden weitere 46 Schiffe in das Sank­ti­ons­re­gime auf­ge­nom­men. Im Juli fügte die EU noch einmal 41 Schiffe hinzu und weitete die Beschrän­kun­gen auf Schiffe aus, die Dienst­leis­tun­gen für die Schat­ten­flotte erbrin­gen. Wichtig ist, dass das Maß­nah­men­pa­ket auch auf Orga­ni­sa­tio­nen abzielt, die inner­halb des Öko­sys­tems der Schat­ten­flotte tätig sind, dar­un­ter erst­mals eine Besatzungsvermittlungsagentur.

Diese Ent­wick­lung deutet darauf hin, dass die euro­päi­sche Sank­ti­ons­po­li­tik all­mäh­lich erkennt, dass die Schat­ten­flotte mehr ist als einfach nur eine Ansamm­lung von Schiffen.

Ein Dilemma für die Ukraine

Für die Ukraine ist die Ange­le­gen­heit beson­ders kom­pli­ziert. Ukrai­ni­sche See­leute sind nicht gleich­be­deu­tend mit der rus­si­schen Schat­ten­flotte. Die über­wie­gende Mehr­heit ist in der legi­ti­men inter­na­tio­na­len Schiff­fahrts­bran­che tätig. Doch der Krieg hat Tau­sende von Schiff­fahrts-Fach­kräf­ten von inter­na­tio­na­len Beschäf­ti­gungs­netz­wer­ken außer­halb der Ukraine abhän­gig gemacht. Dies schafft Mög­lich­kei­ten für Ver­mitt­ler, die in einer Grau­zone agieren.

Die Frage ist daher nicht einfach, wie See­leute bestraft werden sollten, die sich auf einem sank­tio­nier­ten Schiff befin­den. Es geht viel­mehr darum, die Rekru­tie­rungs­kette so trans­pa­rent zu gestal­ten, dass ein risi­ko­be­haf­te­tes Schiff iden­ti­fi­ziert werden kann, bevor ein Seemann an Bord geht.

Mög­li­che Maß­nah­men umfas­sen eine stren­gere Über­prü­fung von Arbeits­ver­trä­gen, sys­te­ma­ti­sche Abglei­che mit inter­na­tio­na­len Sank­ti­ons­da­ten­ban­ken und einen ver­stärk­ten Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zwi­schen See­ver­kehrs­be­hör­den und euro­päi­schen Hafenbehörden.

Die jüngste Ent­schei­dung der EU, eine Besat­zungs­agen­tur mit Sank­tio­nen zu belegen, zeigt, dass die Per­so­nal­ver­mitt­lung selbst zuneh­mend Teil der Sank­ti­ons­de­batte wird. Russ­lands Schat­ten­flotte kann ohne Schiffe, Ver­si­che­run­gen, Häfen, Finan­zie­rung und Logis­tik nicht funk­tio­nie­ren. Aber sie kann auch nicht ohne Men­schen funk­tio­nie­ren. Hinter jedem in die Jahre gekom­me­nen Tanker, der rus­si­sches Öl trans­por­tiert, stehen Inge­nieure, Offi­ziere und See­leute, deren Arbeit das Schiff in Bewe­gung hält.

Für euro­päi­sche Ent­schei­dungs­trä­ger kommt so eine Frage auf, die noch weit­ge­hend unbe­ant­wor­tet ist: Wie können Sank­tio­nen gezielt gegen die Netz­werke vor­ge­hen, die Besat­zun­gen für die Schat­ten­flotte rekru­tie­ren, ohne dabei die Tau­sen­den ukrai­ni­schen See­leute zu kri­mi­na­li­sie­ren, deren Lebens­un­ter­halt von der inter­na­tio­na­len Schiff­fahrts­in­dus­trie abhängt?

 

Die Analyse in ukrai­ni­scher Sprache: Тіньовий флот РФ: Від 12% до 18% українських танкеристів працюють на підсанкційні рейси

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Marie­luise Beck ist eine über Par­tei­gren­zen hinaus geach­tete Außen­po­li­ti­ke­rin mit dem Schwer­punkt Ost- und Südosteuropa.

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