Оdesa — Das mari­time Tor zur Ukraine

© Olga Shchelushchenko

Die Region Odesa gehört zu den wich­tigs­ten ukrai­ni­schen See­bä­dern, sie hat ein großes wirt­schaft­li­ches Poten­zial und ist für ihr reiches Kul­tur­ange­bot bekannt. Doch es gibt auch Pro­bleme wie Kor­rup­tion oder eine chao­ti­sche Bebau­ung der Stadt. Lokale Aktivist:innen kämpfen dagegen. Nach den schwe­ren Jahren 2013–2014 findet Odesa langsam zu ihrer Iden­ti­tät zurück – durch Humor, Tou­ris­mus, Koch­kunst und Kultur. Von Evelina Ganska

#RegioU­kraine erscheint in Koope­ra­tion mit Kyjiwer Gespräche.

In einem alten sowje­ti­schen Lied wird Odesa als „Perle am Schwar­zen Meer“ besun­gen. Wie kaum eine andere Stadt in der Ukraine ist Odesa ein Sehn­suchts­ort, bekannt für seinen Humor, seine Gelas­sen­heit, die schönen, wenn auch über­füll­ten Strände, eine gute Küche und das wich­tigste Fil­me­vent des Landes — das Odesa Filmfestival.

Auf­grund seiner geo­gra­fi­schen Lage gehört Odesa zu den wich­tigs­ten ukrai­ni­schen See­bä­dern, was die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung der Stadt wie der gesam­ten Region schon immer maß­geb­lich geprägt hat. In der warmen Jah­res­zeit ist Odesa voller Urlau­ber, und ein Groß­teil der Unter­neh­men in Odesa ist in der einen oder anderen Weise im Tou­ris­mus tätig. Nach der Anne­xion der Krim durch Russ­land stieg die Bedeu­tung von Odesa und der gleich­na­mi­gen Region als Urlaubs­ge­biete noch einmal erheb­lich, da den Ukrai­nern weniger inlän­di­sche Alter­na­ti­ven für eine Reise ans Meer geblie­ben sind. Auch als neuer Haupt­stütz­punkt der ukrai­ni­schen Marine (vor dem Krieg 2014 auf der Krim behei­ma­tet) gewinnt Odesa zuneh­mend an Bedeutung.

Odesa hat daneben auch einen großen, inter­na­tio­nal bedeu­ten­den Fracht­ha­fen und eines der größten Pas­sa­gier­ter­mi­nals in Europa, gleich­zei­tig auch den wich­tigs­ten ukrai­ni­schen Kreuz­fahrt­ha­fen. Was den Güter­um­schlag angeht, so ist der Hafen von Odesa lan­des­weit der größte. Das Hafen­ge­lände erstreckt sich über 205,7 Hektar, es stehen 55 Kais zur Ver­fü­gung. Leider ist der Odesaer Hafen außer für seine Bedeu­tung und Größe auch für zahl­rei­che Kor­rup­ti­ons­skan­dale bekannt.

Die Region Odesa ist flä­chen­mä­ßig die größte Region der Ukraine und liegt in der Bevöl­ke­rungs­sta­tis­tik auf dem sechs­ten Rang. Im Bereich der öko­no­mi­schen Kenn­zah­len gehört Odesa zur Spit­zen­gruppe der ukrai­ni­schen Regio­nen und belegte etwa 2019 den fünften Platz in der Kate­go­rie „Volumen getä­tig­ter Investitionen”.

Als offi­zi­el­les Grün­dungs­da­tum der Stadt gilt der 2. Sep­tem­ber 1794, als die ersten Pfähle für das Fun­da­ment einer neuen Stadt in den Boden getrie­ben wurden, die dann den Namen Odesa erhielt. 

Odesa prä­sen­tiert sich sti­lis­tisch viel­schich­tig, mal zurück­hal­tend klas­si­zis­tisch, mal post­mo­dern. In der Archi­tek­tur der Odesaer Wahr­zei­chen hat der byzan­ti­nisch-grie­chi­sche Ein­fluss deut­li­che Spuren hin­ter­las­sen, Anord­nung und Fas­sa­den­ge­stal­tung vieler Wohn­ge­bäude belegen fran­zö­si­sche und ita­lie­ni­sche Motive. Diese Mul­ti­na­tio­na­li­tät in der Archi­tek­tur der Stadt ist inso­fern nicht ver­wun­der­lich, als das erste Bau­vor­ha­ben, das Hafen, Stadt­fes­tung und Sied­lungs­an­lage umfasste, auf den nie­der­län­di­schen Inge­nieur Franz de Volan zurück­geht, und Odesa dann mit de Ribas einen ita­lie­ni­schen, mit Riche­lieu und Lan­ge­ron zwei fran­zö­si­sche Bür­ger­meis­ter und mit Georgi Marasli schließ­lich ein Stadt­ober­haupt hatte, das zwar in Odesa geboren war, aber einer grie­chi­schen Familie entstammte.

Zwi­schen 1817 und 1858 erlebte Odesa dadurch einen Auf­schwung, dass ihr zweiter Bür­ger­meis­ter, Alex­andre And­rault de Lan­ge­ron, die Stadt zu einem Frei­ha­fen erklärte. In dieser Zeit sollen sich auch die Cha­rak­ter­züge aus­ge­bil­det haben, die Odesa bis heute prägen: Welt­of­fen­heit und Tole­ranz. Der Geist des 19. Jahr­hun­dert ist bei einem Spa­zier­gang durch Odesa auch jetzt noch zu spüren, wenn­gleich viele Gebäude baulich in einem schlech­ten Zustand sind.

Gleich­zei­tig ist die moderne Stadt voller Neu­bau­ten, die sich nicht immer har­mo­nisch in das alte Stadt­bild ein­fü­gen, manch­mal sogar jeg­li­chen bau­li­chen Stan­dards zuwi­der­lau­fen. Eines der heute drän­gends­ten Pro­bleme für die Odesaer Stadt­pla­ner ist die Bebau­ung der Hänge am Mee­res­ufer mit mehr­stö­cki­gen Bauten durch Pro­jekt­ent­wick­ler. Die Hänge sind nicht nur nicht aus­rei­chend befes­tigt und können in Anbe­tracht ihrer beson­de­ren Boden­ver­hält­nisse fak­tisch jeder­zeit ins Meer abrutschen.

Der Kampf gegen die Bebau­ung der Uferhänge

Wer heut­zu­tage durch die Odesaer Parks spa­ziert, hat keinen Meer­blick mehr. Alle Blick­ach­sen und Zugänge sind durch Hotel­bau­ten oder Luxus­apart­ment­häu­ser ver­stellt. Um das Wasser sehen zu können, muss man sich bis hin­un­ter an den Strand begeben. Der Bau von hoch­wer­ti­gen Woh­nun­gen mit Pan­ora­ma­fens­tern und Meer­blick ist natür­lich ein lukra­ti­ves Geschäft, früher oder später gerät dadurch aber auch der inner­städ­ti­sche Immo­bi­li­en­markt unter Druck. Deshalb hat sich der Kampf gegen die gesetz­wid­rige Bau­tä­tig­keit in Odesa als einen­des Element und als wich­ti­ger Impuls bei der Her­aus­bil­dung einer aktiven Zivil­ge­sell­schaft erwiesen.

Jurij Nikitin stellt sich seit knapp 15 Jahren mit vielen Mitstreiter:innen, die nicht selten dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzte poli­ti­sche Ansich­ten oder Prä­fe­ren­zen haben, immer wieder gegen diese Art Bau­tä­tig­keit und hat bereits mehr­fach Pro­zesse gegen Pro­jekt­ent­wick­ler ange­strengt, unzäh­lige Demons­tra­tio­nen orga­ni­siert und urba­nis­ti­sche Initia­ti­ven mit ins Rollen gebracht.

Jurij Nikitin © Max Pshybyshevski

Sein per­sön­li­cher Kampf begann 2006, als der dama­lige Bür­ger­meis­ter einer groß­flä­chi­gen Bebau­ung der Ufer­hänge zustimmte. Anfang 2013, als Nikitin gemein­sam mit etli­chen gleich­ge­sinn­ten Odesaer Bürgern und Bür­ge­rin­nen die Orga­ni­sa­tion „Gene­ral­nyj Protest” ins Leben rief, stellte sich die Bür­ger­schaft geschlos­sen hinter das Ziel, einen frag­wür­di­gen Mas­ter­plan für die Stadt­ent­wick­lung zu ver­hin­dern: „Wir fanden, es sei Zeit, die Dif­fe­ren­zen für eine Weile außer Acht zu lassen, schließ­lich ging es uns in erster Linie darum, den Stadt­rat von der Ver­ab­schie­dung dieses Plans abzu­brin­gen, mit dem sich die Behör­den von allen Zuge­ständ­nis­sen rein­wa­schen wollten, die sie den pri­va­ten Bau­her­ren ille­ga­ler­weise gemacht hatten,” so Nikitin.

Er berich­tet weiter, die Anti-Bau-Bewe­gung habe sich seither ver­än­dert und wandle sich noch immer fort­lau­fend, die Werte aber, hinter denen die Gemein­schaft steht, der Wunsch, die Ufer­hänge offen und unbe­rührt zu halten und zu ver­hin­dern, dass sie sich in Amei­sen­hü­gel aus Hotel­bur­gen und Apart­ment­kom­ple­xen ver­wan­deln, seien unver­än­dert gültig.

Kul­tur­tou­ris­mus

Nicht unbe­leuch­tet bleiben dürfen die tra­gende Rolle und posi­tive Ent­wick­lung des Kul­tur­tou­ris­mus in Odesa. Die Odesaer Museen sind heute keine Orte mehr, an denen aus­schließ­lich das kul­tu­relle Erbe der Stadt gepflegt und berei­chert wird. Sie haben sich daneben zu wich­ti­gen Kno­ten­punk­ten der Kunst- und Kul­tur­szene ent­wi­ckelt. Nächt­li­che Füh­run­gen, Film­s­cree­nings, Kon­zerte und die Ein­bin­dung der lokalen Kuli­na­rik sind nur einige Optio­nen aus der Palette hoch­wer­ti­ger kul­tu­rel­ler Frei­zeit­ge­stal­tungs­an­ge­bote, wie Odesa sie im Rahmen seiner viel­fäl­ti­gen Kultur- und Muse­ums­land­schaft bietet.

Einer der Haupt­ak­teure ist das Museum für West­li­che und Ori­en­ta­li­sche Kunst, eines der größten Kunst­mu­seen der Ukraine, im Herzen der Stadt gelegen. Der him­mel­blaue Palast, 1856–1858 für den Groß­grund­be­sit­zer Olek­sandr Abas errich­tet, steht heute unter Denk­mal­schutz. Das Innere des Gebäu­des erin­nert mit seinen Stu­cka­tu­ren, Mar­mor­trep­pen und den teuren, alten Par­kett­bö­den an die Resi­denz eines Königs.

Besu­cher können sich im Museum nicht nur mit der Kunst der Antike, West­eu­ro­pas und des Nahen Ostens ver­traut machen, das Museum kura­tiert auch Aus­stel­lun­gen ukrai­ni­scher und inter­na­tio­na­ler Maler:innen und Fotograf:innen oder the­ma­ti­sche Aus­stel­lun­gen, wie die Schau zu Mili­tär­pla­ka­ten aus dem Kalten Krieg, die in Zusam­men­ar­beit mit der Ver­tre­tung der NATO in der Ukraine entstand.

Kate­ryna Miche­j­zewa © Max Pshybyshevski

Daneben tritt das Museum für West­li­che und Ori­en­ta­li­sche Kunst auch mit Vor­le­sun­gen für Kinder und Erwach­sene und Film­rei­hen zu Men­schen­rechts­the­men hervor. In seinem Innen­hof finden Kon­zerte bekann­ter Musiker:innen sowie Lesun­gen statt. Das Museum resi­diert seit 1924 im Gebäude von Abas, seine Stell­ver­tre­tende Lei­te­rin Kate­ryna Miche­j­zewa ist seit zehn Jahren dort tätig. Ihr zufolge wird das berühmte Gemälde „Judas­kuss” von Michel­an­gelo Merisi da Cara­vag­gio in nächs­ter Zukunft wieder die Odesaer Samm­lung bereichern.

Im Juli 2008 war es aus dem Museum ent­wen­det worden, ein Jahr später tauchte es in Berlin auf. Die Diebe waren in das Museum ein­ge­bro­chen und hatten die Lein­wand aus dem Rahmen geschnit­ten. In Berlin wollten sie sich mit einem poten­zi­el­len Käufer treffen, doch die deut­sche Polizei stellte sie. Von einem Sach­ver­stän­di­gen konnte damals bestä­tigt werden, dass es sich um das in Odesa gestoh­lene Bild handelte.

Was das heutige Publi­kum der Odesaer Museen angeht, so fällt gegen­über früher eine Ver­jün­gung auf, auch kommen häufig ganze Fami­lien gemein­sam zu Füh­run­gen. Miche­j­zewa beschreibt ihre Arbeit am Museum als einen Dienst an der Kunst. Ihr Beruf habe viel dazu bei­getra­gen, sie zu der­je­ni­gen zu machen, die sie heute ist: eine Person, die ihre Stadt liebt und sie ver­bes­sern möchte: „Um zu ver­ste­hen, wohin wir uns bewegen, wohin wir gehen, muss man eine Vor­stel­lung davon haben, woher wir gekom­men sind, und die bekommt man nicht ohne die Kunst. Ich spüre eine enorme Ver­ant­wor­tung dafür, was im Museum und in der Stadt im All­ge­mei­nen geschieht.”

Auf dem Gelände eines wei­te­ren Museums, des Museums für Zeit­ge­nös­si­sche Kunst, befin­det sich eine Insti­tu­tion mit Kult­sta­tus in der Odesaer Szene — die Kneipe „Dwa Karla”, zu Deutsch „Zwei Karle”. Eigent­lich resi­diert das Lokal in einem his­to­ri­schen Gebäude an der Kreu­zung zweier großer Straßen, die vor der Umbe­nen­nung im Rahmen der Ent­kom­mu­ni­sie­rungs­po­li­tik Karl-Marx-Straße und Karl-Lieb­knecht-Straße hießen. So kam es zu diesem Namen für eine gemüt­li­che Kneipe mit bes­sa­ra­bi­scher Küche und lokaler Weinkarte.

Dmytro Sikorsky © Max Pshybyshevski

Anfang 2020 began­nen in besag­tem Gebäude Sanie­rungs­maß­nah­men, und so zog die Gast­stätte für die Som­mer­mo­nate auf die Muse­ums­ter­rasse um. Restau­rant­be­sit­zer, Sammler, Restau­ra­tor und Kunst­kri­ti­ker Dmytro Sikorsky emp­fängt nicht nur häufig seine Gäste per­sön­lich am Tresen, er ist auch ver­narrt in seine Arbeit und kann stun­den­lang über die Ent­ste­hungs­ge­schichte lokaler Gerichte oder den Zusam­men­hang von Kuli­na­rik und Politik in der ukrai­ni­schen Stadt­ent­wick­lung erzäh­len, wobei er seine Gäste mit Kost­pro­ben von Speisen und Weinen aus seinem Keller verwöhnt.

Die Region Odesa ist bekannt für ihre Weine. Der dort mil­lio­nen­fach abge­füllte Sekt und ver­schie­dene Cuvée­weine sind zur Tou­ris­ten­at­trak­tion gewor­den. Im Sommer 2018 star­tete die Region ein Projekt, in dessen Rahmen die Wein­pro­duk­tion nach Sorten und Her­künf­ten den EU-Kenn­zeich­nun­gen ange­gli­chen werden sollte, um die Kon­kur­renz­fä­hig­keit der lokalen Erzeug­nisse auf den inter­na­tio­na­len Absatz­märk­ten zu stei­gern. Zu den ein­fluss­reichs­ten Wein­pro­du­zen­ten der Region gehören heute das Zentrum für Wein­kul­tur Schabo, das Natio­nal­in­sti­tut für Wein­pro­duk­tion Tajrow und das Weingut Kolo­nist, wo man, ebenso wie in Koblewe auch Füh­run­gen durch die Kel­te­reien buchen kann.

Stadt­füh­run­gen für Touristen

Wie in jedem ukrai­ni­schen Feri­en­ort sind auch in Odesa geführte Touren beliebt. Die Nach­frage wird hier durch Agen­tu­ren und selb­stän­dige Guides bedient. Einer von ihnen ist Olek­sandr Babytsch, der mitt­ler­weile seine eigene Agentur für Stadt­füh­run­gen leitet und in den ver­gan­ge­nen zehn Jahren in seiner Hei­mat­stadt eine Viel­zahl von Exkur­sio­nen und Füh­run­gen für Ein­zel­per­so­nen wie Gruppen orga­ni­siert und durch­ge­führt hat.

Olek­sandr Babytsch © Max Pshybyshevski

Babytschs Geschichte ist inso­fern inter­es­sant, als er bis 2010 bei der Polizei war, bei seinem Abschied in der Funk­tion eines Pid­pol­kow­niks (Oberst­leut­nant). Nach eigener Aus­kunft verließ er die Polizei, weil er nicht mehr mit­tra­gen wollte, wie es damals bei den Sicher­heits­kräf­ten zuging. Babytsch war schon zuvor als Dreh­buch­au­tor ukrai­ni­scher und rus­si­scher Kino­filme erfolg­reich gewesen und eigent­lich hatte er geplant, sich nach dem Ende seiner Poli­zei­kar­riere ganz dem Kino zu widmen.

Als er sich aber gezwun­gen sah, wegen Zen­sur­auf­la­gen die Zusam­men­ar­beit mit rus­si­schen Auf­trag­ge­bern ein­zu­stel­len, fand er sich ohne Arbeit und ohne einen Plan für seine Zukunft wieder. Da beschloss er, Füh­run­gen anzu­bie­ten, denn Bekannte bestä­tig­ten ihm immer wieder, dass er sehr inter­es­sant über Odesa zu erzäh­len wusste. Als seine Touren gut ankamen, war Babytschs Weg vor­ge­zeich­net: Zunächst beglei­tete er selbst als Guide seine Kunden, später grün­dete er sein eigenes Unter­neh­men, das inzwi­schen zu den besten in Odesa im Bereich Exkur­sio­nen und Stadt­füh­run­gen gehört.

„Über Odesa zu spre­chen, hat aus mir einen gemach­ten Mann gemacht, aber es ist für mich als Men­schen, der Odesa liebt, eigent­lich gar nicht so einfach”, gibt Babytsch zu. „Dabei würde ich noch nicht einmal behaup­ten, ich liebte Odesa über alles, wie es viele hier tun. Mir ist eben klar gewor­den, dass ich unseren Besu­chern aus dem Ausland einfach alles das nahe­brin­gen muss, was sie sich unwei­ger­lich in Odesa ver­lie­ben lässt, zum Bei­spiel den euro­päi­schen Beitrag zur Ent­wick­lung der Stadt.“

Babytsch erklärt: „Nehmen wir etwa die Geschichte der deut­schen Kolo­nis­ten im frühen 19. Jahr­hun­dert. Das waren Men­schen, die mit Pferd und Wagen aus Sachsen über den halben Kon­ti­nent gereist waren, um auf einer wilden Ebene am Meer anzu­kom­men, einer rie­si­gen, unbe­wohn­ten Region, in der sie sich ein Para­dies schaf­fen wollten, aber Bedin­gun­gen vor­fan­den wie im Wilden Westen. Europa war damals schon ein zivi­li­sier­tes, geord­ne­tes Gebiet, die Ukraine kei­nes­wegs. Die Deut­schen begru­ben hier ihre Kinder, erleb­ten Miss­ern­ten und Dürren, Nie­der­la­gen und Siege und letzt­end­lich, dank ihrer Arbeits­wil­lig­keit und ihres Durch­hal­te­ver­mö­gens, konnten diese Männer und Frauen das Blatt zu ihren Gunsten wenden.“

Es ent­stan­den die 62 deut­schen Kolo­nien rund um das moderne Odesa mit diesen sehr typi­schen Namen: Ljus­t­dorf, Groß-Lie­ben­tal, Selz, Baden, Leipzig und so weiter. Die Deut­schen bauten Kran­ken­häu­ser und Schulen und för­der­ten das Hand­werk. „Die lokale Bevöl­ke­rung lernte viel von ihnen“, meint Babytsch, „war doch die Gegend außer von den Deut­schen nur von Kosaken bevöl­kert, von Sol­da­ten, Straf­ge­fan­ge­nen und flüch­ti­gen Leib­ei­ge­nen, die noch nicht einmal ein eiser­nes Fens­ter­git­ter hätten schmie­den können.”

In Odesa ist man im All­ge­mei­nen sehr kreativ, dabei aber gelas­sen und gemäch­lich, wie Babytsch meint: „In Odesa gibt es zu viel Sonne, um sich zu über­an­stren­gen. Trüge Odesa nicht am Erbe der Sowjet­zeit, in der Arbeit und Gigan­to­ma­nie kul­ti­viert wurden, gäbe es in unserer Stadt defi­ni­tiv den Brauch der Siesta” — dieser Tra­di­tion des warmen Südens, wo sich am Nach­mit­tag alle offi­zi­ell eine Auszeit nehmen, die Hitze des Tages abklin­gen lassen, bevor sie in der ein­set­zen­den Abend­kühle wieder mit der Arbeit beginnen.

Während der Revo­lu­tion der Würde in der Ukraine ver­wan­delte sich Babytschs Agentur in eine Art Hil­fe­zen­trum für die lokale Bevöl­ke­rung und seine Beleg­schaft in einen Kri­sen­stab: Er und seine Mit­ar­bei­ter halfen den Demons­tran­ten wie auch den Opfern der tra­gi­schen Ereig­nisse vom 2. Mai 2014, als das lokale Gewerk­schafts­haus abbrannte und viele Men­schen dabei zu Tode kamen.

Odesa war 2014 ähnlich wie Donezk, Luhansk, Charkiw und Dnipro von den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen pro-rus­si­schen Sepa­ra­tis­ten und pro-ukrai­ni­schen Akti­vis­ten   betrof­fen. Die Region Odesa gehörte wie die später besetz­ten Gebiete von Luhansk und Donezk zu einem Ter­ri­to­rium, das der Kreml auf­grund der ver­brei­te­ten pro-rus­si­schen Stim­mung unter dem Namen „Neu­russ­land” zu ver­ei­ni­gen beab­sich­tigte, um so den eigenen Ein­fluss in der Region zu ver­stär­ken und die Ukraine zu destabilisieren.

Was im Donbas daraus wurde, ist bekannt: Ein Krieg mit über 13 000 Opfern. In Odesa ist dieser Plan nicht auf­ge­gan­gen. Nach einer schwie­ri­gen Phase der Klärung der eigenen Iden­ti­tät vor dem Hin­ter­grund der Revo­lu­tion der Würde und des Krieges findet Odesa heute zu  seinem ange­mes­se­nen Platz auf der Land­karte der moder­nen Ukraine — als eine Stadt der Kultur und der Rekrea­tion, der Rück­ge­win­nung ver­brauch­ter Kräfte.

Aus dem Ukrai­ni­schen von Beatrix Kersten.

  • Das berühmte Opern­haus von Odesa des Wiener Büros „Fellner & Helmer“ von 1887. © Max Pshybyshevski
  • Die Stadt mit dem beson­de­ren Flair. © Max Pshybyshevski
  • Die Kolon­nade vor dem Woron­zow-Palast. © Max Pshybyshevski
  • Das Schwarze Meer ist zugleich das Herz der Stadt. © Max Pshybyshevski
  • Am Strand von Lan­ge­ron. © Max Pshybyshevski
  • Seit Jahr­hun­der­ten ein bedeu­ten­der Ort: der Hafen von Odesa. © Max Pshybyshevski
  • Die Gemäl­de­ga­le­rie in der Sofi­e­jew­ska vul. © Max Pshybyshevski
  • Auch in der Innen­stadt, die Straße „Dewo­la­niw­skyj uswis“. © Max Pshybyshevski
  • Das Museum für west­eu­ro­päi­sche und ori­en­ta­li­sche Kunst. © Max Pshybyshevski
  • Im Golf von Odesa liegt das Mün­dungs­ge­biet Kul­ja­nik. Auch eine beliebte Gegend zur Erho­lung. © Max Pshybyshevski
  • Odesa ist auch als Stadt der Katzen bekannt. © Max Pshybyshevski
  • Es kann nie genug Katzen geben. © Max Pshybyshevski

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