Krieg als Kinderspiel: Trumps Verhandlungsrhetorik 2025

Donald Trump gelang es nach seinem Amtsantritt nicht, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine „binnen 24 Stunden“ zu beenden. Die Schuld dafür schiebt er daraufhin bald mal Putin, mal Selenskij in die Schuhe und versucht, die Aufmerksamkeit der US-amerikanischen Öffentlichkeit auf andere Themen zu lenken. Dieser Text ist Teil einer Serie und analysiert die Äußerungen des US-Präsidenten von März bis Juni 2025. (2/3)
März: Druck auf die Ukraine, Ärger über Putin
Im März 2025 geht Trump dazu über, nicht mehr sich selbst als Friedensstifter in den Mittelpunkt zu stellen, sondern immer offener Druck auf die Ukraine auszuüben. Seine Rhetorik wird härter, emotionaler und fragmentarischer: Er droht Sanktionen an und setzt „Fristen“, zeigt sich nachsichtig gegenüber dem Kreml und erpresst die Ukraine faktisch immer deutlicher.
Anfang des Monats spielt Trump die Bedeutung der russischen Bedrohung demonstrativ herunter, indem er Putins Verhalten öffentlich hinter die innenpolitischen Probleme der USA – Migration und Kriminalität – stellt. Dieser Ansatz rückt den Krieg in der Ukraine in einen peripheren politischen Kontext und macht ihn zu einem Problem zweiten Ranges, das für den Westen keine existenzielle Herausforderung darstellt. Die Einstellung US-amerikanischer Direkthilfe begründet Trump mit der angeblich mangelnden Bereitschaft Kyjiws, den Krieg zu beenden. Damit verschiebt sich die Situation von rein rhetorischem Druck hin zu realen politischen Zwangsmaßnahmen.
Die Asymmetrie in Trumps Interpretationen und Forderungen wächst im März 2025 weiter: Er warnt die Ukraine, sie könne „nicht überleben“ und werde „mit großen Problemen konfrontiert“. An Russland hingegen übt er allenfalls sanfte Kritik und zeigt demonstrativ Verständnis für den Aggressorstaat. Der US-Präsident betont, es sei für ihn „einfacher“, mit Moskau zu kommunizieren, Putin wolle „Frieden“ und Russland sei für die USA ein „wertvolles Land“. Selbst als der Kreml Trumps Vorschlag für einen Waffenstillstand schroff ablehnt, verkündet Trump, das Gespräch mit Putin sei „gut und produktiv“ verlaufen.
Gleichzeitig zeigt sich der US-Präsident Ende März zum ersten Mal persönlich verärgert über den Kreml und erklärt, er sei „sehr wütend“ über Putins Äußerungen zur angeblichen Illegitimität der ukrainischen Regierung. Mehrfach droht er mit Sekundarzöllen auf russisches Öl – allerdings unter dem Vorbehalt, diese würden nur verhängt, wenn er zu dem Schluss komme, dass Russland verantwortlich sei für das Scheitern des Friedensprozesses. Solche Bedingtheit lässt dem Kreml einen großen Interpretations- und Handlungsspielraum.
Im März werden zunehmend offen Themen diskutiert, die zuvor am Rande des öffentlichen Diskurses lagen: die besetzten ukrainischen Gebiete, Kernkraftwerke und Bodenschätze sowie „psychologische Fristen“. Frieden erscheint in Trumps Rhetorik nunmehr zunehmend als eine komplexe Vereinbarung über die Umverteilung von Kontrolle und Eigentum – und nicht mehr nur als Frage eines schnellen Waffenstillstands. Es entsteht das Modell eines „Friedens durch Druck“, bei dem die Ukraine zum Ziel von Zwangsmaßnahmen wird, während Russland als schwieriger, aber rationaler Partner dargestellt wird, mit dem man sich einigen könne und müsse – selbst wenn dies bedeutet, rote Linien zu verwischen.
April: Widersprüche und prorussische Rhetorik
Im April 2025 zeigt sich Trump immer wieder offen verärgert über den Verlauf des Krieges und das Verhalten Russlands – was jedoch kein Umdenken im Weißen Haus bewirkt. Trump schiebt die Verantwortung für den Krieg weiterhin wahlweise Moskau, Kyjiw oder der vorherigen US-Regierung zu. Gleichzeitig reagiert er zum ersten Mal stärker auf russische Angriffe gegen die Zivilbevölkerung. Er bezeichnet die Bombardierungen als „schrecklich“ und fordert Russland auf „sich zu bewegen“.
Dennoch bleibt seine Kritik allgemein: Einen russischen Angriff auf Sumy am 13. April, bei dem 35 Zivilist:innen ums Leben kommen, bagatellisiert Trump als „Fehler“ und entlässt den Kreml damit aus der politischen Verantwortung. Die Empörung des US-Präsidenten geht einher mit dem erneuten Hinweis darauf, es handele sich um „Bidens Krieg“.
Im April 2025 gibt Donald Trump zum ersten Mal direkt der Ukraine und ihrer Führung die Schuld an den Kämpfen. Er bezeichnet Präsident Selenskyj nicht mehr nur als „Hindernis für den Frieden“, wie er das noch im Winter getan hatte, sondern als einen der Verursacher des Krieges. In verschiedenen Formulierungen wiederholt Trump die Behauptung, die Ukraine habe den Krieg „zugelassen“. In dieser Verantwortungsumkehr erscheint die russische Aggression als eine Reaktion Moskaus und nicht als Ursache des Krieges.
Im Laufe des Monats normalisiert Trump territoriale Verluste der Ukraine als Ausgangspunkt für Verhandlungen. Die Krim ist in seiner Rhetorik kein Thema mehr; sie sei „vor vielen Jahren“ verloren gegangen. Die Art und Weise, wie Kyjiw die Frage nach der Zukunft der Halbinsel stelle, behindere die Beendigung des Krieges. Trumps Behauptung, es sei „ein großes Zugeständnis“ durch Russland, nicht die gesamte Ukraine zu besetzen, verschiebt den Diskurs zu einer Logik, die den Aggressor für die angebliche Mäßigung seiner Ambitionen belohnt.
Trumps Rhetorik wird im April immer widersprüchlicher: Er verkündet eine Frist für den Friedensschluss – und widerruft sie dann wieder. Er spricht von starkem Druck auf Russland – lehnt aber neue Sanktionen ab. Er äußert Zweifel daran, dass Putin ehrlich handelt – und beharrt gleichzeitig darauf, dass dieser angeblich „den Krieg beenden möchte“.
Während ein strategischer Durchbruch ausbleibt, werden die Äußerungen Trumps im April 2025 immer emotionaler. Sein Standpunkt wird formal härter, aber inhaltlich zunehmend prorussisch. Frieden scheint nur durch Zugeständnisse der Ukraine möglich. Russland bleibt in dieser Sichtweise ein Akteur, den man zum Frieden überreden müsse, statt ihn zu zwingen.
Mai: Optimismus, Enttäuschung, Drohungen
Im Mai 2025 stellt US-Präsident Trump sich selbst und seine persönliche Beziehung zu Wladimir Putin als Schlüssel zum Frieden dar. Er schwankt zwischen Optimismus, Enttäuschung und Drohungen „sich zurückzuziehen“. So entsteht der Eindruck, der Friedensprozess hänge nicht von Institutionen und Verhandlungen, sondern von der Stimmung eines einzelnen Staatsoberhaupts ab.
Zugleich zeigt sich Trump im Mai zum ersten Mal öffentlich skeptisch und räumt ein, dass ein Friedensabkommen aufgrund des „großen Hasses“ zwischen den Parteien unmöglich sein könnte. Dennoch glaubt er, Putin würde durch den Rückgang der Ölpreise und damit wirtschaftlichen Druck „friedfertiger“ werden.
Charakteristisch ist Trumps Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass Russland sich weigert, auf seine Forderung nach einer Waffenruhe einzugehen. Nicht einmal die schroffe Ablehnung auch nur eines 30-tägigen Waffenstillstands durch den Kreml löst eine unmittelbare Reaktion aus. Stattdessen fordert der US-Präsident Kyjiw auf, „unverzüglich“ direkten Verhandlungen in dem von Putin vorgeschlagenen Format zuzustimmen. Dies setzt die bereits erwähnte Asymmetrie fort: Trump begrüßt Russlands Initiativen, während er die Position der Ukraine als Hindernis darstellt.
Mitte Mai behauptet Trump erneut, es werde „nichts passieren“, wenn er und Wladimir Putin sich nicht persönlich träfen. So wird ein möglicher Friedensschluss als Ergebnis direkter Gespräche zwischen den beiden Staatschefs dargestellt, während alle anderen Akteure – einschließlich der Ukraine – in den Hintergrund geraten. Telefonate mit Putin beschreibt Trump in warmen, fast schmeichelhaften Tönen, auch wenn sie zu keinerlei Ergebnis führen.
Wenig später verschärft sich Trumps Rhetorik wieder. Nach massivem russischem Beschuss der Ukraine sagt Trump, Putin sei „verrückt geworden“, „spiele mit dem Feuer“ und wolle „die ganze Ukraine“. Er droht sogar offen mit einem Untergang Russlands und neuen Sanktionen. Gleichzeitig kritisiert er Wolodymyr Selenskyj und wirft ihm vor, „Probleme zu schaffen“.
Trump begründet das Ausbleiben weiterer Sanktionen mit seinem Unwillen, ein in Vorbereitung befindliches „Abkommen zu gefährden“. Ende Mai räumt der US-Präsident ein, dass Wladimir Putin ihn täuschen könnte, gibt diesem aber dennoch weitere „eineinhalb bis zwei Wochen“ Zeit. Obwohl Trumps Strategie einer Personalisierung der Verhandlungen, Nachsicht gegenüber dem Aggressor und Druck auf das Opfer keinen Fortschritt bringt, ist er nicht bereit sie aufzugeben.
Juni: Krieg als Kinderspiel
Im Juni 2025 verschiebt sich Trumps Rhetorik von Nachsicht gegenüber Russland zur faktischen Legitimierung von dessen Angriffen. Er erklärt die Gewalt durch eine Logik von „Auslöser“ und „Folge“, wobei die Ukraine immer häufiger nicht als Opfer, sondern als Verursacherin der Eskalation dargestellt wird.
Nach einem Angriff ukrainischer Drohnen auf russische Militärflugplätze sagt Trump, die Ukraine habe „Putin einen Vorwand gegeben, um sie in Grund und Boden zu bombardieren“. Er übernimmt damit die russische Logik einer kollektiven Bestrafung der ukrainischen Bevölkerung für die Taten ihrer Regierung. Auch unterscheidet Trump nicht zwischen einer Operation gegen militärische Ziele in Russland und gezielten Angriffen auf zivile Infrastruktur in der Ukraine. Die russische Reaktion auf die ukrainischen Verteidigungsschläge wird als verständlich, ja unvermeidlich dargestellt.
Der US-Präsident vergleicht den Krieg mit einem „Kinderspiel im Park“. Mit dieser Metapher reduziert er Russlands vollumfängliche Aggression, genozidale Praktiken und systematische Kriegsverbrechen auf das Ergebnis eines Missverständnisses zweier Seiten, die sich einfach „nicht einigen können“. So kann er seine Position als externer Schiedsrichter bewahren, ohne die Asymmetrie der Kriegsverantwortung anzuerkennen.
Trump gibt öffentlich zu, dass er den Gesetzentwurf über umfassende Sanktionen gegen Russland nicht gelesen hat, obwohl der US-Senat diesen mit großer Mehrheit unterstützt hat. Er knüpft die Verhängung von Sanktionen öffentlich an Bedingungen: Sie seien nur „bei Bedarf“ nötig und nur, wenn er – Trump – zu dem Schluss komme, Russland wolle „das Blutvergießen nicht beenden“. Auf diese Weise wird die Frage neuer Sanktionen von einer Frage US-amerikanischer Außenpolitik zu einer persönlichen Angelegenheit Trumps.
Gleichzeitig taucht in Trumps Rhetorik das Motiv des Kontrollverlusts auf. Die Situation in der Ukraine ist laut Trump „außer Kontrolle geraten“. Der US-Präsident behauptet jedoch weiterhin, eine persönliche Vereinbarung zwischen ihm und Putin sei möglich und wundert sich öffentlich, dass diese bisher nicht zustande gekommen ist.
Im Juni 2025 kehrt Trump außerdem zu zeitgeschichtlichen Spekulationen zurück: Es hätte keinen Krieg gegeben, wenn Russland nicht aus der G8 ausgeschlossen worden wäre oder wenn er, nicht Joe Biden, die Präsidentschaftswahlen von 2020 gewonnen hätte. In beiden Fällen entbindet Trump Moskau von der Verantwortung für den Krieg und überträgt sie stattdessen auf den Westen bzw. die US-amerikanische Innenpolitik.
Die erste Jahreshälfte 2025 endet mit einem widersprüchlichen Signal: Trump zieht in Erwägung, der Ukraine Luftabwehrsysteme vom Typ Patriot zu liefern. Dies erscheint jedoch nicht als strategische Kehrtwende, sondern als taktische Korrektur – womöglich vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass sich die Situation in der Ukraine trotz Trumps Friedensbemühungen verschlechtert.
Fortsetzung folgt
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