Der Krieg als Comic

Mal kein trockenes Sachbuch, sondern ein Comic, der die grausame Gegenwart zu erklären versucht: „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges“ verwebt gekonnt historische Exkurse mit Schilderungen des entbehrungsreichen Alltags der Menschen im Krieg. Es ist eine der ersten ukrainischen Graphic Novels auf dem deutschen Buchmarkt.
Es ist zwei Uhr morgens, als Vika aus dem Schlaf gerissen wird. „Achtung! Luftalarm“ zeigt eine App der jungen Frau an. Aus dem Fenster sieht sie, wie in der Nachbarschaft Flammen aus Plattenbauten lodern. Noch hatte sie Glück. Aber was, wenn als nächstes auch ihr Haus zur Zielscheibe wird? Solche schlaflosen Nächte gehören inzwischen zum Alltag der Menschen in der Ukraine. Die russische Armee überzieht ukrainische Städte Nacht für Nacht mit Luftangriffen, bei denen zahlreiche Zivilist:innen ums Leben kommen oder verletzt werden.
Doch wie verhält man sich in solchen Situationen? Wer nicht in den Luftschutzkeller gehen kann oder möchte, sollte dafür sorgen, dass sich zwischen ihm selbst und der Straße zumindest zwei Wände befinden – die erste, um die Druckwelle aufzufangen, die zweite, um die Splitter zurückzuhalten. Deshalb richtet sich Vika ein provisorisches Nachtlager im Flur ein und versucht weiterzuschlafen.
Mit dieser Schilderung und den als „Kriegshandbuch“ verpackten Tipps zum Verhalten bei Luftangriffen beginnt die Graphic Novel „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges. Russland gegen die Ukraine“. Geschrieben hat sie die ukrainische Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mariam Naiem. Yulia Vus und Ivan Kypibida haben ihren Text auf gelungene Weise illustriert, farblich reduziert auf Schwarz, Weiß und Orange.
Die deutsche Fassung des Buches erschien im Oktober 2025 in der Übersetzung von Daria Velychko im Avant-Verlag; das ukrainische Original hatte der ukrainische Comic- und Belletristik-Verlag Vydavnytstvo bereits 2024 veröffentlicht.
Die Graphic Novel verwebt Geschichten aus dem Kriegsalltag mit anschaulich aufbereiteten Exkursen zu den wichtigsten Kapiteln der russisch-ukrainischen Beziehungen, in denen Gewalt und die Unterdrückung des ukrainischen Volkes schon oft eine Rolle spielten. Zu wissen, dass die ukrainische Sprache in Musik, Kirche und Theater unter Zar Alexander II 1867 durch den Emser Erlass verboten wurde, hilft dabei, die Gegenwart besser zu verstehen. Denn an genau dieser Politik der Russifizierung unter den Zaren und später in der Sowjetunion liegt es, dass manche Ukrainer:innen auch heute noch das Russische besser beherrschen als das Ukrainische – was überhaupt nicht bedeutet, dass sie Russ:innen sind, wie Wladimir Putin es gern darstellt.
Die historische Darstellung im Comic beginnt mit der Geschichte der Kyjiwer Rus und bezieht die Werke renommierter Historiker wie Serhii Plokhy, Orest Subtelny und Timothy Snyder mit ein. So früh anzusetzen ist notwendig, weil auch die russische Propaganda es tut: Sie nutzt den vom 9. bis 13. Jahrhundert bestehenden Staat der Kyjiwer Rus, um zu behaupten, es gäbe gar kein eigenständiges ukrainisches Volk, vielmehr seien alle Menschen in dieser Region Russ:innen. So wird die ukrainische Staatlichkeit in Frage gestellt und der aktuelle Krieg begründet. Dass sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Staaten, Sprachen und Kulturen auf dem Territorium der Kyjiwer Rus herausbildeten, übergeht der Kreml dabei geflissentlich.
Auch die jüngste Geschichte beleuchtet der Comic ausführlich, vor allem die beiden Maidan-Revolutionen – die Orangene Revolution 2004, die sich gegen Wahlfälschungen durch den prorussischen Kandidaten Wiktor Janukowitsch richtete, sowie die Revolution der Würde 2013 bis 2014, in deren Folge Janukowitsch abgesetzt wurde und nach Russland floh. Lange konnten die Ukrainer:innen diesen Sieg jedoch nicht auskosten, der russischen Führung war er ein Dorn im Auge. Im März 2014 annektierte Russland die Krim, wenig später begann es den Krieg im Osten des Landes in den Regionen Luhansk und Donezk.
Die Graphic Novel vermittelt dabei auch Schlüsselbegriffe, die in der Ukraine zum Allgemeinwissen zählen, international jedoch wenig geläufig sind. Dazu gehören die „Himmlischen Hundert“ (auch „Himmlische Hundertschaft“), wie man die Opfer der Revolution der Würde in der Ukraine nennt. Die meisten von ihnen wurden am 20. Februar 2014 erschossen, als Scharfschützen auf Protestierende auf dem Maidan zielten. Den „Himmlischen Hundert“ sind heute zahlreiche neue Denkmäler im gesamten Land gewidmet.
Mariam Naiem, die Autorin des Buches, ist in Kyjiw geboren und hat afghanische Wurzeln. Bekannt ist sie unter anderem durch ihren Podcast Dekolonisatorky (dt. Dekolonisiererinnen) im öffentlich-rechtlichen Sender Suspilne, in dem sie zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Valentyna Sotnykova (pop-)kulturelle Phänomene aus dekolonialen Perspektiven beleuchtet. Diese Perspektiven sind auch für Naiems Graphic Novel prägend. So vermag es das Buch, sowohl visuell als auch narrativ eine beeindruckende Stoffmenge auf verständliche und mitreißende Weise zu vermitteln.
Allerdings könnte die Erzählung bisweilen etwas differenzierter sein. Selbstverständlich steht die Ukraine im Fokus, wenn es um den Holodomor geht, die 1932/33 von der Sowjetmacht herbeigeführte Hungerkatastrophe, die Deutschland seit November 2022 als Völkermord anerkennt. Doch die Grausamkeit des sowjetischen Regimes richtete sich nicht, wie im Text behauptet, allein „bewusst“ gegen das ukrainische Volk. Unter den nomadisch lebenden Völkern in Kasachstan beispielsweise starb damals etwa jede:r Dritte. Auch zahlreiche Belaruss:innen, Tatar:innen, Wolgadeutsche und selbst ethnische Russ:innen kamen durch den Hunger um. Diese Komplexität anzuerkennen, mindert das eigene Leid nicht – es hätte jedoch die Erzählung fundierter und damit für ein internationales Publikum überzeugender gemacht.
Auch das Schlusslektorat der deutschen Comic-Fassung hätte aufmerksamer sein können. Immer wieder fallen Flüchtigkeitsfehler oder der Übersetzung geschuldete allzu sperrige Formulierungen ins Auge. Mit einigen leichten Verbesserungen würde sich diese Graphic Novel hervorragend für den Unterricht in höheren Klassenstufen eignen – denn sie erreicht, anders als herkömmliche Sachbücher, auch Leser:innen ohne Vorwissen.
Mariam Naiem, Yulia Vus, Ivan Kypibida, „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges“, avant-verlag, Berlin 2025, 104 Seiten, Flexcover, 25,00 Euro.
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