Wie­der­auf­bau ohne Reform? Der Ener­gie­sek­tor der Ukraine am Scheideweg

Energieinfrastruktur Ukraine

Wie kann man die ukrai­ni­sche Energie-Infra­struk­tur trotz der anhal­ten­den geziel­ten Luft­an­griffe auf sie wie­der­her­stel­len? Derzeit kon­kur­rie­ren zwei ver­schie­dene Denk­wei­sen mit­ein­an­der. Die erste basiert auf Zen­tra­li­sie­rung und poli­ti­scher Lenkung und strebt eine Rekon­struk­tion des bis­he­ri­gen Modells an, die zweite ist hin­ge­gen dezen­tral ori­en­tiert, auf Resi­li­enz aus­ge­legt und steht für den Ausbau von Ener­gie­sys­te­men auf kom­mu­na­ler Ebene.

Beitrag in der Reihe Wie­der­auf­bau im Kriegs­zu­stand – Chancen und Risiken

Die unmit­tel­bar durch die rus­si­sche Voll­in­va­sion ent­stan­de­nen Ver­luste in der ukrai­ni­schen Energie- und Berg­bau­in­dus­trie belau­fen sich nach den neu­es­ten Schät­zun­gen der Welt­bank von Anfang des ver­gan­ge­nen Jahres auf über 20 Mil­li­ar­den Dollar. Durch Kor­rup­tion ent­ste­hende Ver­luste sind schwe­rer zu bezif­fern. Aller­dings dürften allein die in den ver­gan­ge­nen Jahren auf­ge­deck­ten Kor­rup­ti­ons­af­fä­ren im Ener­gie­sek­tor auf höchs­ter Ebene den Staat jeweils einige Mil­lio­nen Euro gekos­tet haben.

Der letzte auf­se­hen­er­re­gende Skandal im ver­gan­ge­nen Herbst, als die unab­hän­gi­gen Anti­kor­rup­ti­ons­be­hör­den NABU und SAP Kor­rup­tion im großen Stil beim Staats­kon­zern „Energ­oatom“ ent­hüllte – auch bekannt als „Min­dit­sch-Gate“ – bezeugt nicht nur ein erschre­cken­des Ausmaß an per­sön­li­chem Fehl­ver­hal­ten. Er führt auch vor, wie Kor­rup­tion bis in die inners­ten Zirkel der Staats­füh­rung vor­dringt und dort Ein­fluss auf regu­la­to­ri­sche wie poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen ausübt, von denen in Kriegs­zei­ten das Funk­tio­nie­ren des Staats­we­sens abhängt.

Für den Ener­gie­sek­tor ergeben sich daraus ganz kon­krete Folgen. Der Wie­der­auf­bau, für den inter­na­tio­nale Partner Mil­li­ar­den­be­träge zur Ver­fü­gung gestellt haben, ver­lang­samt sich. Statt der stra­te­gi­schen Maxime „build back better“ sehen wir häufig nur ober­fläch­li­che Refor­men, oder aber den Versuch einer Wie­der­her­stel­lung von Beschä­dig­tem „so wie es vorher war“. Bei einem solchen Vor­ge­hen ver­lie­ren inter­na­tio­nale Partner das Ver­trauen in staat­li­che Insti­tu­tio­nen, Unter­neh­men sind nicht länger zu Inves­ti­tio­nen bereit und der Staat ver­kehrt in einem per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stand, in dem er auf die immer neu auf­tau­chen­den Krisen jeweils nur reagie­ren kann. So ergibt sich ein Teu­fels­kreis: Wenn sich die Spiel­re­geln nicht ändern, betei­li­gen sich keine pri­va­ten Inves­to­ren, und dann gibt es wie­derum kein Wirt­schafts­wachs­tum. Der ange­strebte Wie­der­auf­bau ver­kommt zu einem per­ma­nen­ten Kom­pen­sie­ren der Ver­luste. Jeder erneute rus­si­sche Schlag gegen die ukrai­ni­sche Ener­gie­infra­struk­tur wirft uns auf Null zurück.

Zwei gegen­läu­fige Stra­te­gien für den Wiederaufbau

In diesem Kontext sind zwei gegen­läu­fige Denk­wei­sen rele­vant, die in der ukrai­ni­schen Ener­gie­in­dus­trie im Hin­blick auf den Wie­der­auf­bau kon­kur­rie­ren. Durch Kor­rup­tion moti­viert, befür­wor­tet die erste eine Aus­rich­tung auf Mega­pro­jekte, für die finan­zi­elle Mittel und poli­ti­sches Kapital gebün­delt werden. Als Bei­spiel dienen mag der Ankauf bul­ga­ri­scher Atom­re­ak­to­ren aus rus­si­scher Pro­duk­tion im Wert von 600 Mil­lio­nen Dollar, mit dem ein Neubau von Kraft­wer­ken noch während des andau­ern­den Krieges vor­ge­se­hen ist. Dieser Ansatz fußt auf einer Logik indi­vi­du­el­ler Bein­frei­heit im Manage­ment der großen staat­li­chen Ener­gie­kon­zerne, auf undurch­sich­ti­gen Stra­te­gien und Bud­get­pla­nun­gen, bei denen Wirt­schaft­lich­keit und Sicher­heit nicht selten zweit­ran­gige Aspekte sind. Diese Her­an­ge­hens­weise erhöht nicht die Resi­li­enz des Systems gegen­über den kriegs­be­ding­ten Her­aus­for­de­run­gen im Hier und Jetzt, sie zemen­tiert viel­mehr die Kon­trolle über die Ressourcen.

Die zweite Denk­weise gründet im Gedan­ken der Dezen­tra­li­sie­rung und folgt dem Gebot der Resi­li­enz – und somit der aktu­el­len Rea­li­tät des Ener­gie­sek­tors und seiner mög­li­chen, durch den Krieg vor­ge­ge­ben Wei­ter­ent­wick­lung. Grund­pfei­ler dieser Denk­weise sind eine Ener­gie­er­zeu­gung auf kom­mu­na­ler Ebene, lokale Ener­gie­clus­ter und das Streben nach sys­te­mi­scher Aus­ge­wo­gen­heit auf der Ebene der Regio­nen. Eine solche Archi­tek­tur macht das System mit­tel­fris­tig weniger ver­letz­lich gegen­über Angrif­fen, aber auch durch­schau­ba­rer für Inves­to­ren und Partner. Fak­tisch steht die Ukraine vor der Wahl, es noch einmal mit dem „großen Kraft­werk“ und seinen undurch­sich­ti­gen Kanälen zu ver­su­chen, oder aber auf ein fle­xi­bles, resi­li­en­tes und nach­hal­ti­ges Ener­gie­sys­tem zu setzen, das zur Ent­wick­lung der Regio­nen bei­trägt und das Ver­trauen in den Staat stärkt.

Das Problem besteht darin, dass der Kampf gegen die alte Denk­weise die Gesell­schaft viel Kraft kostet, während die zweite in der Praxis kaum vor­an­kommt. Ein hohes Maß an poli­ti­scher und admi­nis­tra­ti­ver Kraft muss dafür auf­ge­wen­det werden, Risiken abzu­si­chern, die mit den bis­he­ri­gen zwei­fel­haf­ten Ent­schei­dun­gen ein­her­ge­hen. In der Folge ver­liert die Ukraine neben finan­zi­el­len Res­sour­cen auch das Ver­trauen ihrer Partner und nicht zuletzt das im Krieg wohl teu­erste Gut: Zeit.

Die Wurzeln der Korruption

Eine Studie der Ukraine Faci­lity Plat­form weist nach: Haupt­grund für die Kor­rup­tion im Ener­gie­sek­tor sind der über­durch­schnitt­lich hohe Zen­tra­li­sie­rungs­grad sowie das Über­ge­wicht des Staates in seiner Dop­pel­rolle als Eigen­tü­mer und Betrei­ber. Über 400 Unter­neh­men unter­ste­hen offi­zi­ell dem Ener­gie­mi­nis­te­rium – weitaus mehr, als in den meisten euro­päi­schen Ländern. Der Löwen­an­teil dieser Unter­neh­men wurde durch Angriffe oder Kampf­hand­lun­gen zer­stört, befin­det sich in den von Russ­land besetz­ten Gebie­ten oder fährt Ver­luste ein. Nur ein gerin­ger Pro­zent­satz ist über­haupt funk­ti­ons­fä­hig, und der wird über­wie­gend manuell bedient. In einem solchen Umfeld gedei­hen Regel­lo­sig­keit und Miss­brauch. Wo poli­ti­scher Ein­fluss unter­neh­me­ri­sches Handeln ver­drängt, können Markt­me­cha­nis­men nicht mehr greifen.

Der selek­tive Cha­rak­ter von Refor­men erhöht das Kor­rup­ti­ons­ri­siko weiter. Formal wird die ukrai­ni­sche Gesetz­ge­bung den euro­päi­schen Stan­dards ange­gli­chen, doch etliche ent­schei­dende Ände­run­gen sind „auf bessere Zeiten“ ver­scho­ben worden. Ins­be­son­dere in dieser unde­fi­nier­ten Grau­zone eröff­nen sich Spiel­räume für kor­rup­tes Handeln, das häufig unter dem Deck­man­tel sozi­al­po­li­ti­scher Maß­nah­men erfolgt. So ist es etwa trotz der Ein­füh­rung des euro­päi­schen Modells auf dem Ener­gie­markt in der Ukraine nach wie vor so, dass der Staat auf Kosten der staat­li­chen Unter­neh­men die Ener­gie­ta­rife für Haus­halte sub­ven­tio­niert. Die Zuschüsse hängen dabei nicht einmal vom Ein­kom­men oder dem Ver­brauch der Abneh­mer ab. Die staat­li­chen Betriebe Energ­oatom und Ukrhy­dro­en­ergo ver­lie­ren durch diese Sub­ven­tio­nen jähr­lich zwi­schen 100 und 150 Mil­li­ar­den Hrywnja, für die sie aus dem Haus­halt nicht ent­schä­digt werden. Dabei geht es nicht um eine soziale För­der­maß­nahme, sondern um eine Umver­tei­lung von Res­sour­cen mittels poli­tisch-admi­nis­tra­ti­ver Ent­schei­dung. Besteht so ein System lange genug, beginnt es, sich selbst zu schüt­zen. Pro­fes­sio­nelle Manager treffen auf Wider­stand oder Pro­bleme mit dem Per­so­nal. Infor­melle Abspra­chen erset­zen insti­tu­tio­na­li­sierte Mecha­nis­men. Kor­rup­tion ver­liert ihren Aus­nah­me­cha­rak­ter und eta­bliert sich als regu­lä­res Instru­ment des Managements.

Während der Jahre der rus­si­schen Voll­in­va­sion haben die inter­na­tio­na­len Partner der Ukraine 5 Mil­li­ar­den Euro für den Umbau des ukrai­ni­schen Ener­gie­sek­tors zur Ver­fü­gung gestellt. In einer gesun­den Volks­wirt­schaft würde eine solche Summe Moder­ni­sie­rungs­schritte, Inno­va­tion und Kon­kur­renz­fä­hig­keit fördern. In der ukrai­ni­schen Rea­li­tät droht sie jedoch, die bereits bestehen­den Ver­zer­run­gen weiter zu ver­stär­ken. Die Gefahr liegt nicht so sehr darin, dass Gelder direkt ver­un­treut werden. Weitaus bedenk­li­cher ist, dass sie dafür aus­ge­ge­ben werden, ein Modell auf­recht­zu­er­hal­ten, bei dem der Staat keinen funk­tio­nie­ren­den Markt mit den ent­spre­chen­den Insti­tu­tio­nen aufbaut, sondern den Zugang zu Res­sour­cen ver­teilt und kontrolliert.

Wie die Zusam­men­ar­beit mit inter­na­tio­na­len Part­nern besser gelingt

Nach „Min­dit­sch-Gate“ kün­dig­ten die Behör­den in den Staats­be­trie­ben Neu­be­set­zun­gen in den Auf­sichts­gre­mien und im höheren Manage­ment an. Diese Maß­nahme ist richtig, doch wird sie nichts ändern, wenn die Macht­ver­ti­kale unan­ge­tas­tet bleibt und die­sel­ben Per­so­nen ledig­lich ihre Posten tau­schen. Echter Wandel beginnt da, wo nicht mehr die Bezie­hun­gen zu poli­ti­schen Entscheidungsträger:innen das Haupt­kri­te­rium sind, sondern Kom­pe­tenz und Ver­trau­ens­wür­dig­keit aus­schlag­ge­bend werden. Für unsere inter­na­tio­na­len Partner gilt, dass sie nicht die Rhe­to­rik, sondern die Praxis bewer­ten: Werden trans­pa­rente Aus­schrei­bun­gen durch­ge­führt? Wird poli­ti­sche Ein­fluss­nahme auf staat­li­che Assets zurück­ge­drängt und werden regu­la­to­ri­sche Prä­fe­ren­zen, die jah­re­lang Anreize für kor­rup­tes Ver­hal­ten gesetzt haben, abgeschafft?

Eine zen­trale Stoß­rich­tung, in die sich die Zusam­men­ar­beit mit den Part­nern der Ukraine künftig ent­wi­ckeln könnte, wäre ein Über­gang von all­ge­mei­nen Unter­stüt­zungs­pro­gram­men zu einer För­de­rung kon­kre­ter Inves­ti­tio­nen in ganz bestimmte Pro­jekte, vor allem in den Berei­chen dezen­trale Erzeu­gung, Infra­struk­tur­aus­bau und lokale Ener­gie­clus­ter. Wo es klar umris­sene Geschäfts­mo­delle gibt, eine part­ner­schaft­li­che Koope­ra­tion mit den Kom­mu­nen und eine Kultur der Trans­pa­renz und Rechen­schaft, können Kor­rup­ti­ons­ri­si­ken ver­rin­gert und die poli­ti­sche Ein­fluss­nahme zurück­ge­drängt werden. Aller­dings werden der­ar­tige Pro­jekte nur dann im großen Stil anlau­fen, wenn der Staat struk­tu­rell gute Bedin­gun­gen für eine Zusam­men­ar­beit zwi­schen Gemein­den und Unter­neh­men her­stellt. Bestre­bun­gen in diese Rich­tung werden dann auch inter­na­tio­na­len Part­nern oder Spen­dern signa­li­sie­ren, dass sich das System auf dem Weg der Bes­se­rung befin­det. Die heute genutzte, State Single-Project-Pipe­line DREAM, eines im Rahmen einer Reform ein­ge­führ­ten ein­heit­li­chen Ansat­zes für die Ver­wal­tung öffent­li­cher Inves­ti­tio­nen, bringt noch keinen der­ar­ti­gen Effekt: Vie­ler­orts ist nicht bekannt, wie man Zugang zu Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten erhält oder diese für lebens­nahe Inves­ti­ti­ons­pro­jekte nutzbar macht. Darum ist neben inter­na­tio­na­len Finanz­hil­fen auch insti­tu­tio­nelle Unter­stüt­zung von­nö­ten – in Form von Aus­bil­dung, Exper­tise und Bera­tungs­leis­tun­gen. So können ukrai­ni­sche Kom­mu­nen zu voll­wer­ti­gen Ver­trags­part­nern bei der Inves­ti­tion in ihre eigene Ener­gie­re­si­li­enz werden.

Nach der­sel­ben Logik lassen sich auch größere öko­no­mi­sche Poten­ziale angehen. Schät­zun­gen des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds und der Welt­bank zufolge könnten Refor­men im Ener­gie­sek­tor für private Inves­to­ren ein Volumen von 36 Mil­li­ar­den Dollar allein bei den Wie­der­auf­bau­vor­ha­ben eröff­nen. Für neue Ener­gie­pro­jekte kämen poten­zi­ell noch einmal knapp 132 Mil­lio­nen Dollar hinzu. Unter der Vor­aus­set­zung, dass es klare Regeln gibt, wäre die Unter­stüt­zung durch Partner so nicht länger eine „Über­le­bens­sub­ven­tion“, sondern viel­mehr Kata­ly­sa­tor für die Schaf­fung pri­va­ten Ver­mö­gens, das zur lang­fris­ti­gen Resi­li­enz des Landes bei­tra­gen würde.

Für die Zivil­ge­sell­schaft in der Ukraine und die Part­ner­län­der gelten Ver­än­de­run­gen in der Praxis der Steue­rung des Ener­gie­sek­tors sowie des gesam­ten staat­li­chen Unter­neh­mens­sek­tors als wich­tigste Indi­ka­to­ren einer Gesun­dung. Denn Wie­der­auf­bau bedeu­tet, dass schritt­weise ein resi­li­en­ter und auf regio­nale Ent­wick­lung, Ver­trauen und Insti­tu­tio­nen­bil­dung aus­ge­rich­te­tes Ener­gie­sys­tem geschaf­fen wird. Ansons­ten wird der Sektor nicht moder­ni­siert, sondern ledig­lich in seiner Ver­letz­lich­keit kon­ser­viert. Und das ist kein rein ukrai­ni­sches Problem mehr, wie der jüngste Black­out in Berlin bezeugt. Die Ener­gie­re­si­li­enz der Ukraine ist inte­gra­ler Bestand­teil einer gesamt­eu­ro­päi­schen Sicherheitsarchitektur.

 

Aus dem Ukrai­ni­schen von Beatrix Kersten

Geför­dert durch Stra­te­gic Com­mu­ni­ca­ti­ons and Advo­cacy Lab

Mariia Tsa­tu­rian ist Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­to­rin der Ukraine Faci­lity Plat­form, Exper­tin für Kri­sen­kom­mu­ni­ka­tion und Analystin.

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