Wie­der­auf­bau im ukrai­ni­schen Verkehrswesen

Durch russischen Beschuss zerstörte Eisenbahnwaggons, Fastiw, Region Kiew, Ukraine, am 10. Dezember 2025.
Foto: IMAGO /​ Ukr­in­form

Die marode und vom Krieg beschä­digte Ver­kehrs­in­fra­struk­tur der Ukraine muss erneu­ert werden. Auch deut­sche Unter­neh­men können eine pro­ak­tive Rolle einnehmen.

Beitrag in der Reihe Wie­der­auf­bau im Kriegs­zu­stand – Chancen und Risiken

Die Ver­kehrs­in­fra­struk­tur ist von kri­ti­scher Bedeu­tung für Wirt­schaft, Lebens­qua­li­tät und Sicher­heit. Auch von ihrem Zustand hängt ab, ob sich gegen­wär­tig im Ausland befind­li­che Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner für eine Rück­kehr nach Hause ent­schei­den. Stra­te­gisch und geo­po­li­tisch gesehen ist eine ent­wi­ckelte, funk­ti­ons­fä­hige und öko­no­misch erfolg­rei­che Ukraine für Deutsch­land und die EU von Vorteil. Die Ukraine stellt einen lukra­ti­ven Markt dar, ukrai­ni­sche Firmen sind ver­läss­li­che Lie­fe­ran­ten und Partner. Um dieses Poten­zial aus­zu­schöp­fen, ist eine moder­ni­sierte und zuver­läs­sige Ver­kehrs­in­fra­struk­tur unerlässlich.

Der schlechte Zustand ukrai­ni­scher Ver­kehrs­bau­werke ist nicht allein den Kriegs­fol­gen geschul­det, sondern vor allem Resul­tat eines enormen Inves­ti­ti­ons­staus. Der aktu­elle Bestand wurde fast aus­schließ­lich im Zeit­raum von 1950 bis 1990 erbaut bzw. erneu­ert. In den Jahren nach 1990, nach dem Zerfall der Sowjet­union und dem Sys­tem­wech­sel, wurden öffent­li­che Inves­ti­tio­nen zunächst auf die lange Bank gescho­ben. Nötige Sanie­rungs­maß­nah­men blieben aus, Lebens- und Betriebs­dauer wurden maximal aus­ge­reizt. In der Folge trifft man in der Ukraine man­cher­orts eine nahezu kom­plett marode Ver­kehrs­in­fra­struk­tur an. Wenn­gleich dieses Problem in Deutsch­land nicht unbe­kannt ist, nimmt es in der Ukraine viel größere Ausmaße an.

Das Stra­ßen­netz

In Bezug auf ihre Fläche ist die Ukraine ca. 50 Prozent größer als Deutsch­land. Obwohl das ukrai­ni­sche Stra­ßen­netz weniger dicht ist als das deut­sche, ist es mit über 150.000 Kilo­me­tern dennoch sehr umfang­reich. Für 52.000 Kilo­me­ter Straße ist Kyjiw ver­ant­wort­lich, weitere 100 000 Kilo­me­ter befin­den sich im Besitz regio­na­ler und kom­mu­na­ler Organe. Durch Ver­schleiß und sys­te­ma­ti­sche Unter­fi­nan­zie­rung geriet ein Groß­teil der Straßen nach 1990 in einen immer schlech­te­ren Zustand. Bei einer Erhe­bung von 2014/​2015 wurde fest­ge­stellt, dass sogar die Haupt­ver­kehrs­adern zwi­schen den Städten Kyjiw, Lwiw, Odesa, Dnipro und Win­nyzja mit tau­sen­den Schlag­lö­chern, Boden­wel­len und Rissen in einem schlim­men Zustand sind. Die jeweils im Früh­ling in großem Umfang durch­ge­führ­ten „Flick­ar­bei­ten“ ver­bes­ser­ten die Lage maximal bis zum kom­men­den Winter. Auf manchen Land­stra­ßen waren Autos mit einer Maxi­mal­ge­schwin­dig­keit von nur 25 bis 30 Stun­den­ki­lo­me­tern unter­wegs – kaum schnel­ler als ein Fahrrad.

Die Refor­men der Jahre 2014 bis 2017 und die Schaf­fung des Staat­li­chen Fonds für das Stra­ßen­we­sen erlaub­ten es der Regie­rung schließ­lich, lang über­fäl­lige Mittel in den Stra­ßen­bau zu leiten. Mit­hilfe staat­li­cher Inves­ti­tio­nen konnten bis 2022 10.000 Kilo­me­ter staat­li­cher Straßen (20 Prozent) saniert werden. Bei den ver­blei­ben­den 80 Prozent aller­dings sind keine nen­nens­wer­ten Maß­nah­men ergrif­fen worden. Und auch das Stra­ßen­netz auf regio­na­ler und kom­mu­na­ler Ebene ist in einem unbe­frie­di­gen­den Zustand, teil­weise gar gänz­lich marode.

Im Hin­blick auf den Zustand der Straßen macht sich der Krieg durch ein lan­des­weit höheres Güter­ver­kehrs­auf­kom­men bemerk­bar. Da der Luft­ver­kehr ein­ge­stellt ist und der Betrieb in den Häfen nur ein­ge­schränkt funk­tio­niert, laufen zivile wie mili­tä­ri­sche Logis­tik vor allem über die Straße.

Brücken und Überführungen

Brücken ver­die­nen beson­dere Auf­merk­sam­keit. Laut einer vom Ver­fas­ser dieses Bei­trags durch­ge­führ­ten umfang­rei­chen Unter­su­chung gibt es lan­des­weit etwa 28.000 Brücken, von denen 14.000 älter sind als 60 Jahre. Damit nähern sie sich ent­we­der dem Ende ihrer Lebens­dauer oder können bereits als „kli­nisch tot“ gelten. Allein den offi­zi­el­len Daten der rele­van­ten staat­li­chen Stelle zufolge gelten ein Viertel aller Brücken in der Ukraine als bau­fäl­lig und erfor­dern drin­gend eine umfang­rei­che Sanie­rung bzw. einen Abriss und Neubau. Für 35 Prozent der Brü­cken­bau­werke ver­fü­gen die Behör­den über kei­ner­lei Angaben zum Zustand, weil keine Begut­ach­tun­gen durch­ge­führt werden konnten. Sogar einige der stra­te­gisch wich­ti­gen Que­run­gen des Flusses Dnipro mit Längen zwi­schen 600 und 1.500 Metern sind bau­fäl­lig und müssten theo­re­tisch sofort geschlos­sen werden, was jedoch mangels Alter­na­ti­ven nicht ver­an­lasst wird.

Die Unter­su­chung ergab zudem, dass Planung und Bau von Brücken in der Ukraine einer kri­ti­schen Betrach­tung bedür­fen. Es kommt vor, dass Brücken an unge­eig­ne­ten Stellen oder viel zu groß geplant wurden. Ein viel dis­ku­tier­tes Bei­spiel dafür ist eine Brücke bei Tscher­ni­hiw, für die bei der Planung vier Fahr­spu­ren vor­ge­se­hen wurden, obwohl die Zufahrt nur zwei­spu­rig und das Ver­kehrs­auf­kom­men eher gering ist. Nach ukrai­ni­schen Normen erbaute Brücken sind zudem erheb­lich teurer als solche, die gemäß der euro­päi­schen Norm erbaut werden. Von 2022 bis 2024 lagen die Kosten pro Qua­drat­me­ter im Ver­gleich mit neuen Brücken in Polen um 48 Prozent höher (4.949,40 Euro pro Qua­drat­me­ter in der Ukraine im Ver­gleich zu 3.345,50 Euro in Polen).

Das Eisen­bahn­netz

Die Ukraine verfügt über 19.000 Kilo­me­ter Schiene. Doch das Netz leidet neben Über­al­te­rung und der Zer­stö­rung durch Kampf­hand­lun­gen auch unter geziel­ten rus­si­schen Angrif­fen mit Raketen und Kampf­droh­nen, die ins­be­son­dere in der zweiten Jah­res­hälfte 2025 noch einmal stark zuge­nom­men haben. Nach offi­zi­el­len Angaben der staat­li­chen Ukrai­ni­schen Eisen­bahn­ge­sell­schaft Ukr­sa­lis­nyzja (UZ) ver­sucht Russ­land nicht nur das Strom­netz in der Ukraine zu zer­stö­ren, sondern auch den Bahn­ver­kehr zum Erlie­gen zu bringen, indem es Stell­werke, Bahn­höfe, Ran­gier­an­la­gen und sogar direkt Züge und Loko­mo­ti­ven mit Drohnen und Raketen angreift.

Die Eisen­bahn­brü­cken und die Schie­nen­in­fra­struk­tur sind im Durch­schnitt noch älter als die Straßen. 83 Prozent wurden vor über 60 Jahren erbaut. Auf­grund der län­ge­ren Lebens­dauer und der bes­se­ren Wartung ist der Anteil gefähr­de­ter Objekte gerin­ger als im Stra­ßen­we­sen. Mit über 6.000 Objek­ten besteht dennoch bei fast allen Eisen­bahn­brü­cken inner­halb von 10 bis 30 Jahren nach Kriegs­ende Bedarf nach einer Gene­ral­sa­nie­rung oder sogar einem Neubau.

Daneben sind bei hun­der­ten Bahn­hö­fen und Hal­te­punk­ten Auf- oder Umbau­ar­bei­ten fällig, um sie bar­rie­re­frei zu machen und in die kom­mu­nale Infra­struk­tur zu inte­grie­ren. Über die Hälfte der Gleise, nämlich 53 Prozent, sind noch nicht elek­tri­fi­ziert, und seit 2013 sind kaum neue elek­tri­fi­zierte Stre­cken hin­zu­ge­kom­men. Zum Ver­gleich: In Deutsch­land sind 61 Prozent des Schie­nen­net­zes elek­tri­fi­ziert, in Polen 63 Prozent. Ob Elek­tri­fi­zie­rung von Stre­cken, Moder­ni­sie­rung von Ver­bin­dun­gen oder Bau­ar­bei­ten an Bahn­hö­fen – in den kom­men­den 40 Jahren wird es hun­derte Bau­pro­jekte geben, die für deut­sche Unter­neh­men große Chancen bereithalten.

Gra­vie­rende Pro­bleme bei Loko­mo­ti­ven und Waggons sind eine Folge von Über­al­te­rung und Über­nut­zung der Fahr­zeuge. Nach Recher­chen des Ver­fas­sers dieses Bei­trags sind von den 3.500 im Einsatz befind­li­chen Loko­mo­ti­ven nur 42 Prozent jünger als 40 Jahre. Im Jahr 2030 wird ihr Anteil auf 10 Prozent gefal­len sein. Im Per­so­nen­ver­kehr kommen über­wie­gend in den 1970er und 1980er Jahren in der DDR gefer­tigte Waggons zum Einsatz, die nach und nach von innen moder­ni­siert werden.

Inner­städ­ti­sche Transportsysteme

Die Mehr­heit der Men­schen in der Ukraine lebt in Städten. Die städ­ti­sche Infra­struk­tur ist – nicht nur beim Trans­port, sondern auch bei­spiels­weise in den Berei­chen Wasser und Abwas­ser – stark ver­al­tet. Stra­ßen­bahn- und Trol­ley­bus­netze sowie Metro­sys­teme benö­ti­gen auf­grund des Inves­ti­ti­ons­staus in den ver­gan­ge­nen 30 bis 50 Jahren eine Gene­ral­sa­nie­rung. Für die gibt es aller­dings eine gute Aus­gangs­lage. Die Ukraine ist tra­di­tio­nell ein Land, in dem der elek­tri­sche Per­so­nen­nah­ver­kehr weit ver­brei­tet ist – die Anzahl der elek­tri­schen Ver­kehrs­mit­tel ist größer als in vielen anderen euro­päi­schen Ländern. Noch immer verfügt die Ukraine über 33 in Betrieb befind­li­che Trol­ley­bus­netze und 18 Stra­ßen­bahn­netze. Davon sind aller­dings bei den meisten Gleise, Ober­lei­tun­gen, Kabel oder Steue­rungs­tech­nik mehr oder minder sanierungsbedürftig.

Zudem müssten hun­derte neuer Stra­ßen­bah­nen und Trol­ley­busse ange­schafft werden. Die geschätz­ten Kosten für eine Moder­ni­sie­rung allein der vor­han­de­nen Systeme liegt bei 11 Mil­li­ar­den Euro. Nimmt man noch den Netz­aus­bau und eine ver­kürzte Taktung hinzu, die zusätz­li­che Fahr­zeuge erfor­der­lich macht, dann ent­steht ein Markt im Umfang von 20 Mil­li­ar­den Euro. Deut­sche Firmen liefern bereits Kom­po­nen­ten für in der Ukraine pro­du­zierte Schie­nen­fahr­zeuge. Ein Wachs­tum auf diesem Markt würde deut­schen Unter­neh­men vollere Auf­trags­bü­cher und Mög­lich­kei­ten für eine engere und stra­te­gisch ange­legte Zusam­men­ar­beit mit ukrai­ni­schen Part­nern ver­schaf­fen, etwa im Hin­blick auf neue, gemein­same Bau­rei­hen. Im Moment sind neue Stra­ßen­bah­nen in der Ukraine nur in gerin­ger Anzahl im Einsatz und ent­stam­men über­wie­gend der Pro­duk­tion des pol­ni­schen Her­stel­lers Pesa. Ein ver­schwin­dend gerin­ger Anteil kommt aus hei­mi­scher, ukrai­ni­scher Pro­duk­tion der Unter­neh­men Tatra-Jug oder Elec­tron. Dagegen erhal­ten viele aus­ran­gierte Stra­ßen­bah­nen aus Deutsch­land und der Schweiz, unter anderem aus Berlin und Leipzig, in der Ukraine ein zweites Leben.

Der Wie­der­auf­bau hat bereits begonnen

Russ­lands Krieg gegen die Ukraine ist in vollem Gange. Dennoch hat die Ukraine im Bereich Wie­der­auf­bau schon seit 2022 enga­gierte Schritte unter­nom­men und eine inter­na­tio­nale Betei­li­gung ange­strebt. Zusätz­lich zu Foren, Messen und Kon­fe­ren­zen wurden etliche bedeu­tende Pro­jekte ange­sto­ßen. Der Wert von Bau­vor­ha­ben und gelie­fer­ten Gütern geht inzwi­schen in die Milliarden.

Seit 2015 fertigt die Ukraine keine eigenen Loko­mo­ti­ven mehr. Das einzige Werk für Die­sel­lo­ko­mo­ti­ven lag in Luhansk und stellte mit der rus­si­schen Besat­zung seine Arbeit ein. Umso wich­ti­ger sind Her­stel­ler aus dem Ausland gewor­den. Seit über fünf Jahren setzt UZ im Güter­ver­kehr die Die­sel­loks des ame­ri­ka­ni­schen Unter­neh­mens GE ein. Im Per­so­nen­ver­kehr fahren Hoch­ge­schwin­dig­keits­züge von Hyundai aus Süd­ko­rea. Erst kürz­lich kün­digte die ukrai­ni­sche Regie­rung an, mit süd­ko­rea­ni­scher staat­li­cher Unter­stüt­zung weitere 20 dieser Züge erwer­ben zu wollen. Ende 2025 wurde mit Alstom ein Vertrag zur Lie­fe­rung von 55 Elek­tro­loks unter­zeich­net – ein Auftrag, der auch in Deutsch­land, wo der in Paris behei­ma­tete Konzern seine Pro­duk­ti­ons­stät­ten hat, tau­sende Arbeits­plätze sichert.

Matière, ein wei­te­res großes fran­zö­si­sches Unter­neh­men, baute bereits 2022/​2023 in der Region Tscher­ni­hiw Brücken wieder auf. Nach zahl­rei­chen Besu­chen und Treffen von Exper­ten der fran­zö­si­schen Regie­rung mit Akteu­ren auf der ukrai­ni­scher Seite unter­zeich­nete Frank­reich ein inter­na­tio­na­les Abkom­men mit der Ukraine und eröff­nete in Kyjiw ein „Büro für Wie­der­auf­bau“.  Zu dessen Auf­ga­ben gehört es, sowohl für fran­zö­si­sche Leis­tun­gen und Pro­dukte zu werben als auch auf Absi­che­rungs- und Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten hin­zu­wei­sen, die über vom fran­zö­si­schen Staat auf­ge­legte Pro­gramme bereit­ge­stellt werden. Schwe­den und die Schweiz gehen ähnlich vor. Leider ist von deut­scher Seite noch keine ver­gleich­bare Stra­te­gie zur Bewer­bung deut­scher Unter­neh­men und Pro­dukte in der Ukraine zu beob­ach­ten. Dabei wären für Deutsch­land die Start­be­din­gun­gen auf­grund seines Rufs gerade im Bereich Verkehr und Mobi­li­tät gut. Lang­jäh­rige GIZ-Pro­jekte im nach­hal­ti­gen Stadt­ver­kehr und inte­grierte Stadt­ent­wick­lung haben den Boden berei­tet. Nach dem Aus­lau­fen dieser Pro­jekte 2022/​2023 ist jedoch ein Vakuum ent­stan­den, das nun statt Deutsch­land andere Länder füllen.

Kor­rup­tion und (De-)Zentralisierung

Kor­rup­tion ist in der Ukraine ein Problem, auch wenn der enga­gierte Kampf gegen sie gute Resul­tate zeigt. Durch die Arbeit der Anti­kor­rup­ti­ons­be­hör­den und einen all­ge­mei­nen Kul­tur­wan­del ist das Phä­no­men immer weniger ver­brei­tet. Auf beson­ders schwere Fälle stehen Haft­stra­fen, wie etwa beim Geschäfts­mann und Poli­ti­ker Ihor Kolo­mo­js­kyj oder beim ehe­ma­li­gen Leiter der Steu­er­be­hörde Roman Nasirow. In den Jahren 2023 bis 2025 wurde in vielen Kor­rup­ti­ons­fäl­len ermit­telt, die das Bau­ge­werbe betra­fen und zu deren Prot­ago­nis­ten auch Per­so­nen aus dem Umfeld des ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Wolo­dymyr Selen­skyj und des Kyjiwer Bür­ger­meis­ters Vitali Klit­schko zählen.

Kor­rup­tion als Motiv in Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zes­sen und beim Ver­trags­ab­schluss ist ein Risiko, dessen man sich bewusst sein sollte. Dennoch muss eine Betei­li­gung am Wie­der­auf­bau des­we­gen nicht aus­blei­ben. Das Kor­rup­ti­ons­ri­siko ist real, aber über­schau- und mini­mier­bar. Das gilt in beson­de­rem Maße für Berei­che mit inter­na­tio­na­ler Finan­zie­rung und der Betei­li­gung inter­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen. Hun­derte von west­li­chen Unter­neh­men in der Ukraine bereits durch­ge­führte Pro­jekte, bei denen es keine Pro­bleme mit Kor­rup­tion gab, bezeu­gen dies. Inter­na­tio­nale Ver­ga­be­ver­fah­ren und streng gere­gelte Aus­schrei­bun­gen ver­rin­gern das Kor­rup­ti­ons­ri­siko zudem erheblich.

In den Jahren 2022 bis 2025 zeigten Politik und Ver­wal­tung in der Ukraine deut­li­che Zen­tra­li­sie­rungs­ten­den­zen und beweg­ten sich damit in die genaue Gegen­rich­tung zu den 2014 bis 2020 umge­setz­ten Dezen­tra­li­sie­rungs­be­stre­bun­gen. Die Dop­pe­lung staat­li­cher Ein­rich­tun­gen durch die Schaf­fung der Mili­tär­ad­mi­nis­tra­tio­nen wurde von der Ver­ei­ni­gung ukrai­ni­scher Städte als Zen­tra­li­sie­rungs­ver­such kri­ti­siert. Indus­trie­ver­bände führen eine zen­tra­lis­ti­sche Vor­ge­hens­weise als eine der Haupt­ur­sa­chen für die schwie­rige Woh­nungs­si­tua­tion an, in die Men­schen geraten, die ihr Zuhause im Krieg ver­lo­ren haben.

Der Trend zur Zen­tra­li­sie­rung wirkt sich auch auf die Gewal­ten­tei­lung aus. Abge­ord­nete des ukrai­ni­schen Par­la­ments spre­chen sogar von einem Versuch der Mono­po­li­sie­rung der Macht durch Selen­skyj und seinen engsten Bera­ter­kreis. Die vor­ma­lige Stra­ßen­bau­be­hörde Ukrav­to­dor wurde 2023 umstruk­tu­riert und in State Agency for Res­to­ra­tion and Infra­struc­ture Deve­lo­p­ment umbe­nannt. Auf der Web­seite der Behörde findet man nunmehr nicht nur Vor­ha­ben zum Wie­der­auf­bau von Straßen und Brücken, sondern auch Pro­jekte aus den Berei­chen Was­ser­ver­sor­gung, Ener­gie­bau­werke, Woh­nungs­bau und sogar „digi­tale Infra­struk­tur“. Auch hier lässt sich ein Zen­tra­li­sie­rungs­ver­such aus­ma­chen. Dennoch gilt wei­ter­hin, dass viele Pro­jekte ohne Ein­be­zug der natio­na­len Ebene ablau­fen, weil Kom­mu­nen oder Organe der lokalen Selbst­ver­wal­tung die Auf­trag­ge­ber sind. Auch dürfte die skiz­zierte Zen­tra­li­sie­rungs­ten­denz mit den Par­la­ments- und Prä­si­dent­schafts­wah­len, die nach dem Ende des Kriegs­rechts in der Ukraine abge­hal­ten werden, ihr Ende finden.

Schluss­fol­ge­run­gen

Für eine pro­ak­tive Betei­li­gung Deutsch­lands am Wie­der­auf­bau der ukrai­ni­schen Ver­kehrs­in­fra­struk­tur könnte es kaum einen güns­ti­ge­ren Zeit­punkt geben. Sowohl die Ukraine als auch Deutsch­land würden davon pro­fi­tie­ren. Tau­sende von Pro­jek­ten werden im Bereich Wie­der­auf­bau und Moder­ni­sie­rung der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur in der Ukraine rea­li­siert werden müssen. Bei einem signi­fi­kan­ten Anteil davon könnten deut­sche Lösun­gen, deut­sche Tech­no­lo­gie und deut­sches Know-how zum Einsatz kommen.

Erfolg­reich umge­setzte Wie­der­auf­bau­pro­jekte unter Betei­li­gung deut­scher Akteure wären im Inter­esse der deut­schen Gesell­schaft. Politik und Bürger befürch­ten ein Fort­schrei­ten der Rezes­sion in der deut­schen Wirt­schaft. Vor dem Hin­ter­grund der Pro­bleme in der Auto­in­dus­trie, der wach­sen­den chi­ne­si­schen Kon­kur­renz und der unfreund­li­chen Politik der Ver­ei­nig­ten Staaten birgt der Wie­der­auf­bau in der Ukraine enormes Potenzial.

 

Aus dem Ukrai­ni­schen von Beatrix Kersten

Geför­dert durch Stra­te­gic Com­mu­ni­ca­ti­ons and Advo­cacy Lab

Viktor Zagreba ist ukrai­ni­scher Ver­kehrs­experte und Politikanalyst.

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