Neue Verteidigungsstrategien Made in Ukraine

Die moderne Kriegsführung verlangt Anpassungsfähigkeit und Kooperation. Europas Sicherheit entsteht nicht durch Lagerbestände, sondern durch die gemeinsame Produktion und Skalierung ukrainischer Innovationen.
Die iranischen Luftangriffe im Nahen Osten zeigen, wie relevant die ukrainische Erfahrung bei der Abwehr von Drohnen und Marschflugkörpern ist. Seit Herbst 2022 attackiert Russland mit ursprünglich von Iran entwickelten Shahed Drohnen Ziele in der gesamten Ukraine. Kein anderes Land verfügt über so viel Erfahrung bei der Drohnenabwehr. Entsprechend sind die von der ukrainischen Luftverteidigung gewonnenen Erkenntnisse von großem Wert für die USA und die Golfstaaten sowie auch für Europa, das bereits erste Erfahrungen mit russischen Drohnen gemacht hat.
Innovation und industrielle Skalierung für Europas Sicherheit
Zwischen der Realität des modernen Drohnenkriegs und den derzeitigen Strukturen vieler europäischer Armeen klafft eine große Lücke. Die „schockierenden“ Ergebnisse der NATO-Militärübung „Hedgehog“, an der ukrainische Drohnen-Experten und fronterfahrene Soldaten teilnahmen, demonstrierten, dass die Ukraine zur allgemeinen Sicherheit in Europa beitragen kann. Europa und die Ukraine müssen enger zusammenarbeiten – strategisch, industriell und operativ.
Vor einem Monat begleitete ein Team des Zentrums Liberale Moderne eine Delegation von Mitarbeiter:innen des Deutschen Bundestags auf einer Ukraine-Reise, bei der die Verteidigungskooperation Schwerpunktthema war. In Kyjiw sprachen wir mit Sicherheitsexpert:innen, Vertreter:innen von Defence-Tech-Unternehmen, dem Reform Support Office im Verteidigungsministerium und Abgeordneten des ukrainischen Parlaments (Werchowna Rada) – aber auch mit Veteranen und zivilgesellschaftlichen Initiativen.
Krieg der Innovationen
Im russischen Krieg gegen die Ukraine sind nicht einzelne Wunderwaffen entscheidend, sondern Geschwindigkeit, Flexibilität und Skalierung. Oft bezeichnen Expert:innen die Ukraine als ein Labor für Verteidigungsinnovation und moderne Kriegsführung. Stand September 2025 gab es in der Ukraine 240 Defence Tech Unternehmen mit eigener Produktentwicklung. Insgesamt waren im März 2025 auf der staatlichen Plattform Brave1 1500 Unternehmen registriert, die an der Produktion von Rüstungstechnologien in der Ukraine beteiligt waren. Diese Innovationskraft ist möglich, weil staatliche Institutionen, Start-ups, Freiwilligennetzwerke und das Militär eng zusammenarbeiten.
Die Ukraine zählt zu den führenden Akteuren bei der Entwicklung und Produktion von Drohnen. Die Hauptkategorien sind UAVs (Unmanned Aerial Vehicles) – Unbemannte Luftfahrzeuge, UGVs (Unmanned Ground Vehicles) – Unbemannte Bodenfahrzeuge und USV (Unmanned Surface Vehicles) – Unbemannte Wasserfahrzeuge, maritime Drohnen. Gerade bei UGVs schreitet die Entwicklung schnell voran: Im Wochenrythmus kommen neue Modelle zum Einsatz. Die ukrainische Luftverteidigung und die Bodentruppen profitieren von heimisch produzierten elektronischen Kampfführungssystemen (EW) und Interceptor-Drohnen. Letztere sind zu einem wichtigen Bestandteil ukrainischer Luftabwehrsysteme geworden und bieten eine kostengünstigere Möglichkeit, die oft zu Hunderten gleichzeitig von Russland eingesetzten Kamikaze-Drohnen abzuwehren.
Die Ukraine baut parallel ihre Munitions‑, Artillerie- und Raketenproduktion massiv aus. Ein wichtiges Beispiel ist die Radhaubitze Bohdana, deren Produktion 2025 40 Stück pro Monat erreichte. Der bereits mehrmals erfolgreich gegen russische Ziele eingesetzte Marschflugkörper Neptun und das Raketenprogramm Sapsan verdeutlichen den Anspruch der Ukraine, NATO-kompatible, skalierbare Systeme zu entwickeln.
Diese erweisen sich nicht nur an der Front als wirkungsvoll. So gelang es der ukrainischen Armee 2023 mittels maritimer Drohnen, die russische Flotte aus dem westlichen Teil des Schwarzen Meeres zu vertreiben, wodurch es der Ukraine 2023 gelungen ist, einen Korridor für Getreideexporte zu sichern.
Um Schritt zu halten, rückt die Ukraine Forschung und Entwicklung so nah wie möglich an die Front. In mobilen Werkstätten arbeiten Ingenieur:innen direkt mit Soldat:innen zusammen, modifizieren Systeme vor Ort und testen neue Komponenten im Gefecht, wodurch ein effizienter Feedback-Loop entsteht. Einige Mitarbeiter:innen verbringen bis zu 80 Prozent ihrer Arbeitszeit an der Front.
Dezentrale Beschaffung als strategischer Vorteil
Bei der Beschaffung stehen die Hersteller ebenfalls in direktem Kontakt mit Einheiten an der Front. Das gilt auch für in der Ukraine aktive deutschen Defence-Tech- und Dual-Use-Start-ups. Viele Unternehmen stellen den Einheiten ihre neuen Produkte zur Verfügung – als Spende oder Leihgabe. Soldaten setzen Drohnen, Sensoren oder Fahrzeuge unter realen Gefechtsbedingungen ein. Bewährt sich ein System, empfehlen die Einheiten es weiter. Häufig folgt eine schnelle Aufnahme in offizielle Beschaffungskataloge.
Das Verteidigungsministerium unterstützt diese Agilität mit einem zweigleisigen Beschaffungssystem. Laut Lesia Ogryzko, Leiterin des Reform Support Office im Verteidigungsministerium, ermöglicht die dezentrale Beschaffung den Einheiten, zügig auf akute Bedarfe zu reagieren, während die Unified Acquisition Agency standardisierte Großaufträge abdeckt. Über die Vorteile des dezentralen Ansatzes herrscht in der Ukraine weitgehend Konsens. Auch das Parlament will mehr Flexibilität und Verantwortung den Brigaden geben, sagt der Abgeordnete Yehor Cherniev, Mitglied im Verteidigungsausschuss.
Seit 2025 existieren zwei digitale Plattformen, die den Beschaffungsprozess beschleunigen: der vom Ministerium für Digitale Transformation entwickelte Brave1 Market und der digitale Marktplatz DOT-Chain Defence, der einen genehmigten Produktkatalog anbietet, sodass Einheiten einen Überblick über alle Lieferungen bekommen. Brave1 Market, oft als „Amazon fürs Militär“ bezeichnet, hat sich außerdem zum Ziel gesetzt, die Verbreitung wenig bekannter wirksamer Technologien zu fördern, um so die Kampfkraft der Truppen zu erhöhen.
Im März 2026 führte das Verteidigungsministerium eine neue Reform des Beschaffungssystems für Militärdrohnen ein: Der Bedarf wird künftig automatisch auf Grundlage realer Front- und Kampfdaten ermittelt, um nur nachweislich effektive Systeme zu kaufen und menschliche Einflussnahme sowie Korruptionsrisiken zu reduzieren. Dieses System umfasst 80 Prozent der Finanzmittel, während 20 Prozent für Innovationen und die Beschaffung neuer Entwicklungen zum Testen unter Kampfbedingungen reserviert werden, was eine schnelle Erprobung neuer Technologien ohne unnötige Bürokratie ermöglicht.
Der Flaschenhals: Skalierung und Finanzierung
Trotz dieser Dynamik stößt die Ukraine an ihre Grenzen. Die industrielle Kapazität wuchs schneller als die staatlichen Haushaltsmittel. Innovationen entstehen, die Nachfrage existiert, auch liegen Verträge unterschriftsreif vor – was fehlt ist oftmals die Finanzierung. Dabei verliert die Ukraine wertvolle Zeit. Die Lebensdauer vieler Technologien beträgt nur drei bis sechs Monate. Danach neutralisieren Gegenmaßnahmen der Russen ihren Vorteil. Außerdem kopiert Moskau erfolgreiche Konzepte und investiert in deren Massenproduktion.
Die von Wolodymyr Selenskyj ausgerufene Initiative Build in Ukraine bietet eine Lösung für diese Herausforderung. Sie zielt darauf ab, ausländische Rüstungsunternehmen dazu zu bewegen, direkt in der Ukraine zu produzieren, um die Versorgungssicherheit, die technologische Souveränität und die wirtschaftliche Resilienz zu stärken.
Mindestens ebenso wichtig ist eine zweite staatliche Initiative namens Build with Ukraine, deren Ziel es ist, gemeinsame industrielle Projekte mit Partnerländern zu initiieren und die Produktion ukrainischer Rüstungstechnologien außerhalb der Ukraine aufzubauen. Der Vorteil ist, dass die Produktion so vor russischen Luftangriffen abgesichert ist. Auch ist man nicht von der instabilen Energieversorgung in der Ukraine abhängig. Zugleich sichern Partnerländer durch Joint Ventures und Technologiepartnerschaften eigene industrielle Kompetenzen.
Gemeinsame Finanzierung und industrielle Souveränität
Innovative Finanzierungsmodelle sind ein zentraler Hebel für die Skalierung der ukrainischen Rüstungsproduktion. Ukrainische Rüstungsunternehmen erhalten Aufträge im Wert von rund 11,5 Milliarden Dollar, wobei sie über Kapazitäten verfügen, um Waffen im Wert von bis zu 45 Milliarden Dollar herzustellen. Als Dänemark damit begann, direkt in ukrainische Rüstungsunternehmen zu investieren, veränderte das die Logik der Kooperation. Weitere Staaten – darunter die Niederlande, Schweden, Norwegen und Deutschland – griffen dieses Prinzip auf und passten es an ihre rechtlichen Rahmenbedingungen an. Das „dänische Modell“ schließt die Lücke zwischen dem, was ukrainische Unternehmen produzieren können und dem, was der ukrainische Staatshaushalt derzeit selbst finanziert bekommt.
Verteidigung kann nicht in Isolation stattfinden. Sie gleicht einem Ökosystem, in dem Rohstoffe, Zulieferer, Softwareentwickler, Universitäten, Forschungsinstitute, Investoren und das Militär eng zusammenarbeiten müssen. Um industrielle Abhängigkeiten zu minimieren, sollten Europa und die Ukraine einen vollständigen Produktionszyklus innerhalb des Kontinents etablieren. Insbesondere in der Drohnenproduktion ist der Anteil von aus China importierten Einzelteilen gefährlich hoch. Die Produktion kritischer Komponenten und Sprengstoffe sollte rasch in die Ukraine und nach Europa verlagert werden.
Forschung für die Verteidigung
In einem von Technologie getriebenen Krieg spielt die Forschung eine zentrale Rolle. Ukrainische Universitäten führen wissenschaftliche Forschungsprojekte zur Entwicklung von Waffen durch, aber durch Personalmangel und fehlende Mittel sind sie zu langsam, um mit den Innovationen des Krieges Schritt zu halten.
Das neue Projekt Science for Defence soll nun Abhilfe schaffen. Ins Leben gerufen haben es das ukrainische Ministerium für Bildung und Wissenschaft, das Ministerium für Digitale Transformation, die Brave1-Plattform sowie einzelne Abgeordnete der Werchowna Rada. Das Projekt will, „Exzellenzzentren“ an ukrainischen Universitäten einrichten. Diese Zentren sollen neben der eigentlichen Forschung auch als Orte für die Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte und die Integration moderner Technologien in die Verteidigung dienen.
Integration in eine europäische Verteidigungsstrategie
Abschreckung im Drohnenzeitalter, wenn Technologien nach wenigen Wochen veralten, funktioniert nicht mehr durch prall gefüllte Lagerbestände. Entscheidend sind Produktionsbereitschaft, flexible Lieferketten und Anpassungsfähigkeit. Die Lösung liegt nahe: Europa sollte in ukrainische Innovationen investieren, seine industrielle Basis für deren Massenproduktion nutzen und die Systeme an die ukrainische Front liefern. Das stärkt die europäische Verteidigungskapazität und verschiebt zugleich das Kräftegleichgewicht im Kampf gegen die russische Aggression zugunsten der Ukraine.
Europa benötigt eine gemeinsame Verteidigungsstrategie, welche die Ukraine systematisch einbindet. Die Grundlage dafür bilden gemeinsame Fähigkeitsziele, eine abgestimmte Industriepolitik, innovative Finanzierungsmodelle sowie ein integriertes Ökosystem für Rüstung und Verteidigung.
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