Mobi­li­sie­rung mitten im Krieg: eine kaum zu lösende Herausforderung

Ukrainische Infanterie führt Wintertraining in der Region Charkiw durch
Foto: IMAGO /​ Anadolu Agency

Per­so­nal­man­gel, Kor­rup­tion, Erschöp­fung – ohne die Unter­stüt­zung ihrer Partner kann die Ukraine die Pro­bleme bei der Mobi­li­sie­rung im vierten Jahr des lan­des­wei­ten Krieges nicht lösen. West­li­che Staaten sollten nicht nur Lang­stre­cken­waf­fen liefern und den ukrai­ni­schen Luft­raum schüt­zen, sie könnten auch bei der Ver­sor­gung von Ver­wun­de­ten und im Kampf gegen die Kor­rup­tion helfen.
Der Artikel fasst die Ergeb­nisse eines aktu­el­len SCEEUS-Berichts zusammen.

In den ersten Monaten nach Beginn des rus­si­schen Groß­an­griffs im Februar 2022 mel­de­ten sich viele Ukrai­ner und Ukrai­ne­rin­nen frei­wil­lig zum Mili­tär­dienst, um ihre Heimat zu ver­tei­di­gen. Dass sie es anfangs schaff­ten, die um ein Viel­fa­ches größere rus­si­sche Armee zurück­zu­drän­gen, über­raschte die Außen­welt. Ebenso erstaunt die Fähig­keit der Ukraine, die Front gegen Russ­land bis heute weit­ge­hend zu halten. Nur wenige andere euro­päi­sche Natio­nen wären dazu in der Lage gewesen.

Doch seit 2023 ist die Rekru­tie­rung wei­te­rer Männer und Frauen für den Dienst in den Streit­kräf­ten zuneh­mend zur Her­aus­for­de­rung gewor­den. Die Kluft zwi­schen den­je­ni­gen, die in der Armee dienen und nicht wissen, wann sie demo­bi­li­siert werden, und den­je­ni­gen, die sich der Mobi­li­sie­rung bisher ent­zie­hen konnten, wächst. Dies emp­fin­den viele nicht nur als unge­recht; es demo­ra­li­siert die Men­schen auch stark und gefähr­det den sozia­len und poli­ti­schen Zusam­men­halt der Ukraine.

Soziale Ermü­dung und mentale Erschöpfung

Haupt­ur­sa­chen für den Per­so­nal­man­gel bei den Streit­kräf­ten sind die Schwä­che vieler Insti­tu­tio­nen in der Ukraine und die weit ver­brei­tete Kor­rup­tion sowie soziale Ermü­dung und mentale Erschöp­fung. Dazu kommen Mängel in der mili­tä­ri­schen Aus­bil­dung und Führung, demo­gra­fi­sche und wirt­schaft­li­che Zwänge und nicht zuletzt der Ein­fluss rus­si­scher Pro­pa­ganda. Öffent­lich­keit, Politik und Fach­welt dis­ku­tie­ren inten­siv darüber, wie sich diese Hürden über­win­den lassen und wie mehr Men­schen dazu moti­viert werden können, sich frei­wil­lig zum Mili­tär­dienst zu melden, rekru­tiert zu werden und wei­ter­hin in der Armee zu dienen.

Ein Mobi­li­sie­rungs­ge­setz von 2024 sowie weitere Refor­men, die derzeit umge­setzt werden oder geplant sind, sollen hier Abhilfe schaf­fen. So haben Par­la­ment und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium unter anderem das System zur Regis­trie­rung von wehr­pflich­ti­gen Männern und poten­zi­el­len Sol­da­tin­nen ver­bes­sert und die Mobi­li­sie­rungs­vor­schrif­ten prä­zi­siert. Weitere Ände­run­gen umfas­sen Lohn­er­hö­hun­gen für Mili­tär­an­ge­hö­rige aller Dienst­grade, Prämien bei der Unter­zeich­nung von Ver­pflich­tungs­ver­trä­gen, bessere Dienst­be­din­gun­gen für junge Men­schen zwi­schen 18 und 24 Jahren sowie mehr Mit­spra­che darüber, in welcher Einheit die Rekru­tier­ten dienen und mit welchen Waffen sie kämpfen werden. Doch auch diese Refor­men konnten den Mangel an Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten bisher nicht reduzieren.

Schlim­mer noch, die unge­löste Frage der Mobi­li­sie­rung erschwert das Ver­hält­nis der Ukraine zu ihren inter­na­tio­na­len Part­nern. So argu­men­tier­ten bei­spiels­weise einige Stimmen in den USA, die Ukraine habe Waffen von west­li­chen Part­nern erhal­ten – nun liege es an Kyjiw, die not­wen­di­gen per­so­nel­len Res­sour­cen bereit­zu­stel­len, um diese Waffen auch ein­zu­set­zen. Die Glaub­wür­dig­keit der Ukraine hängt also auch davon ab, ob sie die Pro­bleme bei der Rekru­tie­rung in den Griff bekommt.

Mehr Sold und gere­gelte Demo­bi­li­sie­rung gefordert

Nicht nur die ukrai­ni­sche Regie­rung und rele­vante NGOs dis­ku­tie­ren inten­siv, wie diese Pro­bleme gelöst werden können, sondern auch Fach­leute im Ausland. Zusam­men­ge­fasst sollten Regie­rung und Par­la­ment in der Ukraine demnach fol­gende Ziele ver­fol­gen: (a) gerech­tere und attrak­ti­vere Bedin­gun­gen für den Mili­tär­dienst; (b) Demo­bi­li­sie­rung nach trans­pa­ren­ten Regeln; (c) ent­schlos­se­ner Kampf gegen Kor­rup­tion und Füh­rungs­pro­bleme und (d) Wahrung des öffent­li­chen Ver­trau­ens, des sozia­len Zusam­men­halts und der natio­na­len Einheit.

Ansätze, um die Attrak­ti­vi­tät des Mili­tär­diens­tes zu erhöhen, reichen von höheren finan­zi­el­len Anrei­zen für den Dienst an der Front über ver­bes­serte Aus­bil­dung und mili­tä­ri­sche Führung sowie den ver­stärk­ten Einsatz unbe­mann­ter Fahr­zeuge für Angriffs­ope­ra­tio­nen bis hin zu erhöh­ter Per­so­nal­ro­ta­tion und län­ge­ren Urlaubs­zei­ten für Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten. Auch über die Ein­füh­rung der Wehr­pflicht für Frauen und die ver­stärkte Rekru­tie­rung aus­län­di­scher Söldner und Söld­ne­rin­nen wird nachgedacht.

Lang­stre­cken­waf­fen und Schutz des ukrai­ni­schen Luftraums

Inter­na­tio­nale Part­ner­län­der können der Ukraine dabei helfen, ihren Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten attrak­tive Bezah­lung, best­mög­li­che Aus­rüs­tung und medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung sowie aus­rei­chend moderne Waffen zur Ver­fü­gung zu stellen. Ver­bün­dete Staaten sollten die Fähig­keit der ukrai­ni­schen Streit­kräfte stärken, ihr Ter­ri­to­rium mit Lang­stre­cken­waf­fen zu ver­tei­di­gen und mit Hilfe unbe­mann­ter Fahr­zeuge so viele Auf­ga­ben an der Front wie möglich zu lösen. Auch ukrai­ni­sche Orga­ni­sa­tio­nen und Ein­zel­per­so­nen, die sich für Mili­tär­re­for­men und die Bekämp­fung der Kor­rup­tion ein­set­zen, sollten aus dem Ausland unter­stützt werden – genau wie die Behand­lung ver­wun­de­ter oder trau­ma­ti­sier­ter Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten und die gesell­schaft­li­che Reinte­gra­tion derer, die von der Front zurückkehren.

Darüber hinaus sollten die euro­päi­schen Partner der Ukraine im Rahmen der soge­nann­ten Sky Shield-Initia­tive Abfang­jä­ger in der West- und Zen­tralukraine ein­set­zen, um eine inte­grierte Luft­schutz­zone zu schaf­fen, die es Kyjiw ermög­li­chen würde, Mili­tär­per­so­nal und Aus­rüs­tung aus dem Hin­ter­land an die Front im Osten zu ver­le­gen. Nicht zuletzt sollten die Länder, die heute eine bedeu­tende Zahl von Geflüch­te­ten auf­neh­men, gemein­sam mit den ukrai­ni­schen Bot­schaf­ten über­le­gen, welche Initia­ti­ven und Maß­nah­men ukrai­ni­sche Männer und Frauen moti­vie­ren könnten, in ihre Heimat zurück­zu­keh­ren und sich der Armee anzuschließen.

Sou­ve­rä­ni­tät der Ukraine stärken

In den der­zei­ti­gen, von den USA geführ­ten Ver­hand­lun­gen über einen Waf­fen­still­stand sollten die Partner Kyjiws die Ukraine mit allen ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und sicher­heits­po­li­ti­schen Mitteln unter­stüt­zen, um die Sou­ve­rä­ni­tät des Landes zu wahren und die Vor­aus­set­zun­gen für einen gerech­ten und dau­er­haf­ten Frieden zu schaffen.

Russ­lands Kern­for­de­rung ist wei­ter­hin, die Sou­ve­rä­ni­tät der Ukraine so zu beschrän­ken, dass sie die Größe ihrer Armee nicht selbst bestim­men und nur ein­ge­schränkt von west­li­chen Ländern unter­stützt werden kann. Solche Ein­schrän­kun­gen würden sowohl die der­zei­ti­gen Rekru­tie­rungs­pro­bleme als auch gesell­schaft­li­che Span­nun­gen in der Ukraine nur ver­schär­fen. Sie würden die Wahr­schein­lich­keit einer wei­te­ren rus­si­schen Aggres­sion in Zukunft erhöhen, die dann nicht nur die Ukraine betref­fen könnte, sondern unmit­tel­bar auch andere euro­päi­sche Länder.

Jakob Hedens­kog und Andreas Umland sind Ana­lys­ten am Stock­hol­mer Zentrum für Ost­eu­ro­pa­stu­dien (SCEEUS) des Schwe­di­schen Insti­tuts für Inter­na­tio­nale Ange­le­gen­hei­ten (UI).

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