Leben auf Standby. Warum die Ukraine den pri­va­ten Miet­sek­tor refor­mie­ren muss

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Die neue Studie „Miet­woh­nun­gen in der Ukraine: Aktu­el­ler Stand und Her­aus­for­de­run­gen” des Think Tanks Centre for Society Rese­arch (Cedos) offen­bart viele Schwie­rig­kei­ten im pri­va­ten Miet­sek­tor. Was bedeu­tet das für künf­tige Wiederaufbaumaßnahmen?

Beitrag in der Reihe Wie­der­auf­bau im Kriegs­zu­stand – Chancen und Risiken

„Wir haben keinen Miet­ver­trag im eigent­li­chen Sinne, da wir eine Wohnung von Bekann­ten mieten. Wir hatten münd­lich ver­ein­bart, dass sie während des Krieges die Miete nicht erhöhen würden. Im ersten Jahr hat uns die Ver­mie­te­rin in Ruhe gelas­sen. Dann begann sie, die Miete stark zu erhöhen. Buch­stäb­lich jeden Monat, zwei bis drei Wochen vor dem Zah­lungs­ter­min, erhöhte sie die Miete um tausend Hrywna [umge­rech­net 20 Euro, Anm. d. Red.]“, gab eine Bin­nen­ver­trie­bene, die derzeit eine Wohnung in Kyjiw mietet, gegen­über Cedos an. Sie habe sich den Launen der Ver­mie­te­rin gefügt, da es ihr mit einem Kind und drei Katzen schwer fallen würde, eine neue Wohnung zu finden. Diese Geschichte ist kein Ein­zel­fall und ver­deut­licht die beiden Haupt­merk­male des pri­va­ten Miet­sek­tors in der Ukraine: Infor­ma­li­tät und Unsicherheit.

Welche Refor­men müssten im pri­va­ten Miet­sek­tor der Ukraine mit den Wie­der­auf­bau­be­mü­hun­gen ein­her­ge­hen, um Wohn­raum erschwing­li­cher und siche­rer zu machen – ins­be­son­dere für die Mil­lio­nen von Binnenvertriebenen?

Der Krieg ver­än­derte den Woh­nungs­markt fundamental

Nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union war der private Miet­sek­tor zunächst eine Rand­er­schei­nung, da die Men­schen die staat­li­chen Woh­nun­gen, in denen sie lebten, ­zu einem sym­bo­li­schen Preis oder gar völlig kos­ten­los pri­va­ti­sie­ren konnten. Deshalb befand sich der über­wie­gende Groß­teil der Woh­nun­gen in der Ukraine in Eigen­nut­zung. Seit den 1990er Jahren kon­zen­trierte sich die ukrai­ni­sche Woh­nungs­po­li­tik haupt­säch­lich auf die Eta­blie­rung und For­ma­li­sie­rung des Woh­nungs­mark­tes sowie auf die Ent­wick­lung von Pro­gram­men zur wei­te­ren För­de­rung des Wohn­ei­gen­tums. Der Beginn der rus­si­schen Aggres­sion 2014 und die voll­um­fäng­li­che Inva­sion 2022 haben jedoch die Grenzen dieses ein­sei­ti­gen Ansat­zes aufgezeigt.

Im Jahr 2021 waren die meisten Woh­nun­gen in der Ukraine eigen­ge­nutzt, nur etwa vier Prozent der Men­schen lebten zur Miete. Für das Jahr 2025 zeigen jedoch aktu­elle Daten, dass nach anhal­ten­den Schäden und Zer­stö­run­gen am Woh­nungs­be­stand durch den Krieg der Anteil der Mieter im pri­va­ten Sektor 14 Prozent erreicht hat. Mehr als die Hälfte der rund 4,6 Mil­lio­nen Bin­nen­ver­trie­be­nen lebt zur Miete. Die Frage, wie das Ver­hält­nis zwi­schen Mietern und Ver­mie­tern aus­ge­gli­chen und das Mieten zu einer siche­ren und ange­mes­se­nen Option gemacht werden kann, wird immer dringlicher.

Infor­ma­li­tät und Unvorhersehbarkeit

Vor­her­seh­bar­keit und Sicher­heit sind für Men­schen, die unter den Bedin­gun­gen von Ver­trei­bung und Krieg leben, beson­ders wichtig. Nach ihrer Eva­ku­ie­rung mussten viele Bin­nen­ver­trie­bene erneut umzie­hen: von Woh­nun­gen ihrer Ver­wand­ten in Sam­mel­un­ter­künfte wie Wohn­heime, umfunk­tio­nierte Schulen oder Sana­to­rien. Die Woh­nungs­su­che einiger Men­schen begann bereits 2014, als der Krieg im Osten des Landes anfing. Für diese Bin­nen­ver­trie­be­nen bietet ein sta­bi­les Zuhause nicht nur eine immense Erleich­te­rung, sondern ist auch Vor­aus­set­zung für die Inte­gra­tion in neue Gemeinschaften.

Bei der Mehr­heit der Ver­mie­ter in der Ukraine handelt es sich um Pri­vat­per­so­nen, die ihre Woh­nun­gen unter der Hand ver­mie­ten und deshalb keine Steuern zahlen. Das erklärt, weshalb sie sich oftmals weigern, Miet­ver­träge aufzusetzen.

Obwohl das Zivil­ge­setz­buch sowohl Mietern als auch Ver­mie­tern bestimmte Garan­tien bietet, schränkt die man­gelnde For­ma­li­sie­rung in diesem Sektor die Mög­lich­kei­ten einer Durch­set­zung ein. So ver­sto­ßen Ver­mie­ter häufig gegen Ver­trags­ver­ein­ba­run­gen, indem sie uner­war­tet die Preise erhöhen, die Ver­län­ge­rung von Ver­trä­gen ver­wei­gern oder die Pri­vat­sphäre der Mieter ver­let­zen. Ver­mie­ter betrach­ten Bin­nen­ver­trie­bene zudem als „ris­kante Mieter” und bevor­zu­gen kurz­fris­tige, infor­melle Vereinbarungen.

Ver­träge selbst bieten nicht immer mul­ti­la­te­ra­len Schutz, die Posi­tion der Mieter ist prekär. Typi­sche Miet­ver­träge in der Ukraine haben eine Lauf­zeit zwi­schen sechs Monaten und einem Jahr. Es gibt auch keine Vor­schrif­ten für jähr­li­che Miet­erhö­hun­gen, sodass Ver­mie­ter Miet­ver­träge inner­halb relativ kurzer Zeit­räume erheb­lich ändern können. Schließ­lich sind der gericht­li­chen Praxis zum Schutz der Mie­ter­rechte in der Ukraine de facto Grenzen gesetzt. Orga­ni­sa­tio­nen, die Mietern Unter­stüt­zung bei Tarif­ver­hand­lun­gen bieten, bestehen erst seit Kurzem. „Ob man einen Miet­ver­trag hat oder nicht, spielt keine Rolle, denn sie können einen einfach aus dem Haus werfen oder die Miete erhöhen“, fasst ein Bin­nen­ver­trie­be­ner die Lage zusam­men, der in der Region Chmel­nyz­kyj zur Miete wohnt.

Hohe Miet­preise und Miss­brauch durch Vermieter

Hinzu kommen unver­hält­nis­mä­ßig hohe Miet­preise. Nach Angaben der Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tion für Migra­tion geben etwa die Hälfte der Bin­nen­ver­trie­be­nen mehr als ein Drittel ihres monat­li­chen Haus­halts­ein­kom­mens für die Miete aus, weshalb sie schon die geringste Miet­erhö­hung in eine Notlage bringen kann. Die stei­gen­den Miet­preise hindern auch Bin­nen­ver­trie­bene, die noch in Sam­mel­un­ter­künf­ten leben, daran, selbst nach einer lang­fris­ti­gen Unter­kunft zu suchen. „Die Miete zusam­men mit den Neben­kos­ten kann ich mir nicht leisten“, berich­tet eine Bin­nen­ver­trie­bene, die in einer Sam­mel­un­ter­kunft in der Region Iwano-Fran­kiwsk lebt.

Doch nicht alle Bezie­hun­gen zwi­schen Ver­mie­tern und Mietern sind von Miss­trauen und Miss­brauch geprägt – manche basie­ren auf Mit­ge­fühl und Soli­da­ri­tät. Eine Befragte berich­tete bei­spiels­weise, dass ihr Ver­mie­ter die Miete absicht­lich niedrig hält, da er von den für sie anfal­len­den medi­zi­ni­schen Kosten weiß. Gleich­zei­tig kann sich die Woh­nungs­po­li­tik nicht auf glück­li­che Zufälle ver­las­sen und ledig­lich an das Gerech­tig­keits­emp­fin­den der Ver­mie­ter appel­lie­ren. Die Politik benö­tigt Instru­mente, um den Schutz beider Par­teien, aber ins­be­son­dere der Mieter, zu gewährleisten.

Refor­men für bezahl­ba­ren und siche­ren Wohnraum

Die Ukraine hat sich zur Reform ihrer Woh­nungs­po­li­tik ver­pflich­tet. Der Ukraine Faci­lity Plan ver­weist darauf, dass ein wirk­sa­mes System für sozia­len und bezahl­ba­ren Wohn­raum ent­wi­ckelt werden muss, das unter­schied­li­chen Bedürf­nis­sen gerecht wird. In dem Doku­ment wird auch die Not­wen­dig­keit einer Aktua­li­sie­rung der ukrai­ni­schen Gesetz­ge­bung her­vor­ge­ho­ben. Das Minis­te­rium für Gemeinde- und Ter­ri­to­ri­al­ent­wick­lung der Ukraine arbei­tet derzeit an einer staat­li­chen Woh­nungs­bau­stra­te­gie, und der Entwurf des Geset­zes über die Grund­prin­zi­pien der Woh­nungs­po­li­tik wird aktuell für die zweite Lesung im Par­la­ment vor­be­rei­tet. Im nächs­ten Jahr wird sich das Minis­te­rium auch mit der neuen Gesetz­ge­bung zum sozia­len Woh­nungs­bau befas­sen. Die Schaf­fung eines bere­chen­ba­ren und geschütz­ten pri­va­ten Miet­sek­tors muss ein zen­tra­ler Bestand­teil dieser Reform sein.

Inner­halb der ukrai­ni­schen Regie­rung wird derzeit darüber dis­ku­tiert, die For­ma­li­sie­rung in diesem Sektor durch eine Senkung der Ein­kom­mens- und Mili­tärsteuer für Ver­mie­ter zu ver­stär­ken. Es gibt jedoch kaum Anhalts­punkte dafür, dass eine Steu­er­sen­kung ohne ver­stärkte Steu­er­kon­trolle den Mietern Sicher­heit und Vor­her­seh­bar­keit bieten würde. Das jüngste Pro­gramm des Minis­te­ri­ums für Sozi­al­po­li­tik, Familie und Einheit der Ukraine etwa, das Miet­zu­schüsse für Bin­nen­ver­trie­bene bei gleich­zei­ti­ger Steu­er­ver­gü­tung für die Ver­mie­ter vor­sieht, zeigte nur ein­ge­schränkte Wirkung. Zwi­schen Januar und Sep­tem­ber 2025 bean­trag­ten gerade einmal 184 Haus­halte die Teil­nahme an dem Pro­gramm, und nur 86 Anträge wurden geneh­migt. Darüber hinaus ist unklar, ob sich eine Steu­er­sen­kung für Ver­mie­ter über­haupt positiv auf die Erschwing­lich­keit von Wohn­raum aus­wir­ken wird.

Daher muss die Aus­ge­wo­gen­heit der Bezie­hun­gen zwi­schen Mietern und Ver­mie­tern durch eine Stär­kung des Mie­ter­schut­zes die vor­ran­gige Aufgabe der lau­fen­den Woh­nungs­re­form sein. Anstatt Anreize für Ver­mie­ter zu schaf­fen, müssen lang­fris­tige Ver­träge ein­ge­führt und durch­ge­setzt, eine Infra­struk­tur für eine ein­fa­che Ver­trags­re­gis­trie­rung bereit­ge­stellt, Mecha­nis­men zur Miet­preis­sta­bi­li­sie­rung ein­ge­führt und die Über­wa­chung und Kon­trolle der Ver­mie­ter, ein­schließ­lich der Steu­er­kon­trolle, ver­stärkt werden.

Refor­men müssen nach­hal­tig sein und sich an den realen Bege­ben­hei­ten orientieren

Refor­men im pri­va­ten Miet­sek­tor müssen mit der Ent­wick­lung eines nach­hal­ti­gen Systems für sozia­len Woh­nungs­bau ein­her­ge­hen. Sozia­ler Woh­nungs­bau mit erschwing­li­chen Mieten, der von gemein­nüt­zi­gen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten ver­wal­tet wird, könnte als Gegen­ge­wicht zum pri­va­ten Sektor dienen. Mit einem solchen System wäre es möglich, Qua­li­täts­stan­dards für Miet­woh­nun­gen durch­zu­set­zen und die Miet­preise zu beein­flus­sen. Inves­ti­tio­nen in Pro­gramme zur För­de­rung des sozia­len Woh­nungs­baus, ähnlich zum kürz­lich von der Euro­päi­schen Inves­ti­ti­ons­bank ange­kün­dig­ten Pro­gramm, wären ein ent­schei­den­der Schritt im Reform­pro­zess. Daneben besteht auch Bedarf an der Unter­stüt­zung beim Kapa­zi­täts­auf­bau für Kom­mu­nen, die letzt­end­lich für die Umset­zung der Woh­nungs­bau­pro­gramme ver­ant­wort­lich sein werden.

Refor­men der Woh­nungs­po­li­tik müssen auf den tat­säch­li­chen Bedürf­nis­sen und Her­aus­for­de­run­gen basie­ren, denen Men­schen bei der Suche nach geeig­ne­tem Wohn­raum begeg­nen. Eine regel­mä­ßige Erhe­bung rele­van­ter Daten ist not­wen­dig, um ein tie­fe­res Ver­ständ­nis der Lebens­be­din­gun­gen im Miet­sek­tor zu erlan­gen, ebenso wie ver­stärkte Bemü­hun­gen zur Sen­si­bi­li­sie­rung für bestehende Vor­schrif­ten und Mie­ter­rechte. Inves­ti­tio­nen in die ent­spre­chen­den zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen würden es diesen erlau­ben, den Woh­nungs­markt, ein­schließ­lich des Miet­sek­tors, regel­mä­ßig zu beob­ach­ten und zu unter­su­chen. Letzt­lich würde die Unter­stüt­zung von Basis­in­itia­ti­ven wie der Mie­ter­ver­ei­ni­gung auch die Posi­tion der Mieter stärken und die Trans­pa­renz und Rechen­schafts­pflicht der Ver­mie­ter erhöhen.

Diese Maß­nah­men würden dazu bei­tra­gen, dass der private Miet­sek­tor zu einer ver­läss­li­chen Option für alle Mieter, ein­schließ­lich der Bin­nen­ver­trie­be­nen, wird.

 

Geför­dert durch Stra­te­gic Com­mu­ni­ca­ti­ons and Advo­cacy Lab

Ana­sta­sia Bobrova ist Lei­te­rin des Centre for Society Rese­arch (Cedos).

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