Er hat es geschafft

Es mag überraschen, aber: Präsident Selenskyj kann aufatmen. Er steht unter starkem politischem Druck durch die USA und vor dem vermutlich schwersten Winter in der jüngeren Geschichte seines Landes. Aber er hat nach Korruptionsvorwürfen im Energiesektor eine heftige innenpolitische Krise gemeistert – und geht sogar gestärkt aus ihr hervor.
Sie hätten zu einer innenpolitischen Katastrophe führen können: die Enthüllungen über Korruption im Energiesektor, die das Nationale Antikorruptionsbüros (NABU) Mitte November rund um die Operation „Midas“ veröffentlichte. Zentrale Figur darin: der Geschäftsmann Tymur Minditsch, einst ein enger Verbündeter von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Der entließ in der Folge nicht nur Energieministerin Switlana Hrintschuk und Justizminister Herman Haluschtschenko, sondern zuletzt auch seine rechte Hand, den mächtigen Chef des Präsidialamts, Andrij Jermak – eine der unpopulärsten politischen Figuren der Ukraine. Denn gerade im Energiesektor ist Korruption ein äußerst sensibles Thema, schließlich leben die Menschen in Kyjiw inzwischen bis zu 17 Stunden am Tag ohne Strom.
Sie hätten also die Regierung zusammenbrechen lassen können, diese Enthüllungen – doch am Montag bestätigte das Kyjiwer Internationale Institut für Soziologie (KIIS), worüber in den letzten Tagen immer wieder gemutmaßt worden war: Die Affäre um Minditsch und seine korrupten Gefolgsleute hat das Vertrauen in den Präsidenten zwar zunächst tatsächlich etwas beschädigt. Das hat sich aber schnell wieder geändert und gereicht Selenskyj inzwischen sogar zum Vorteil: Laut KIIS vertrauten im Dezember 61 Prozent der Ukrainer:innen ihrem Präsidenten – ein Prozent mehr als vor den ersten Korruptionsenthüllungen.
Zusammenrücken um den Präsidenten
Das liegt vor allem an zwei Faktoren: Zum einen an dem Druck, den die Trump-Administration momentan in Bezug auf ihren sogenannten Friedensplan auf Selenskyj ausübt. Für den ukrainischen Präsidenten ist das innenpolitisch so etwas wie „Glück im Unglück“. Die Situation ähnelt der nach der berühmt-berüchtigten Szene im Oval Office am 28. Februar, als Selenskyjs Umfragewerte nach den Beleidigungen durch US-amerikanische Amtsträger in die Höhe schnellten.
Zum anderen trägt zu Selenskyjs Beliebtheit aber vor allem eines bei: der Rauswurf von Präsidialamtschef Andrij Jermak, der wegen seiner Machtfülle extrem unbeliebt war. Zwar gibt es trotz Ermittlungen und Hausdurchsuchung im Rahmen der Operation „Midas“ bisher keine offiziellen Anschuldigungen gegen Jermak. Doch seine Entlassung hatten zuletzt nicht nur Opposition und Zivilgesellschaft, sondern sogar einflussreiche Gruppen innerhalb der Präsidentenpartei Diener des Volkes gefordert. Selbst Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko und Außenminister Andrij Sybiha stellten sich offen hinter diese Forderungen – dabei verdanken sie ihre politische Karriere nicht zuletzt dem einst allgegenwärtigen Präsidentenberater.
Lang ersehnte Veränderung
Gerüchten darüber, dass im Kyjiwer Regierungsviertel nach der Nachricht über Jermaks Entlassung die Sektkorken knallten, kann man also getrost Glauben schenken. Auch große Teile der Bevölkerung reagierten erleichtert. Dass Selenskyj sich – wenn auch eher gezwungenermaßen – von seinem engsten Verbündeten trennte, wirkte wie ein lang ersehntes Zeichen der Veränderung.
Gleichzeitig befürchteten viele, das System Selenskyj könne dadurch komplett in sich zusammenfallen. Schließlich war Jermak in nahezu alle zentralen innen- und außenpolitischen Prozesse eingebunden – schwer vorstellbar, dass der Weggang einer so einflussreichen politischen Figur ohne Folgen bliebe. Tatsächlich aber ist die Ära Jermak, die erst am 28. November zu Ende ging, blitzschnell in Vergessenheit geraten. Geblieben sind die zentralen Probleme, vor denen Selenskyj und die Ukraine stehen: vor allem anderen der russische Angriffskrieg, dessen Ende trotz unzähliger Gesprächsrunden nach wie vor nicht in Sicht ist. Von Jermaks einstiger Allgegenwärtigkeit aber bleiben zweieinhalb Wochen nach seiner Entlassung kaum Spuren.
Aufbruchstimmung im politischen Kyjiw
Stattdessen herrscht im Kyjiwer Regierungsviertel Aufbruchstimmung. Präsident Selenskyj scheint mit einem Mal Zugang zu deutlich mehr Personen aus seiner Umgebung zu haben, die er zu unterschiedlichsten Fragen anhört. Unter Jermak war es nur noch wenigen möglich gewesen, den Präsidenten direkt zu kontaktieren – die meisten hatten zunächst und vor allem mit seinem mächtigen Büroleiter zu tun.
Sogar Selenskyj selbst, hört man, soll lockerer und auf eine gewisse Art sogar erleichtert wirken. Das bekommen nicht nur seine Vertrauten zu spüren, sondern auch Journalist:innen. In kürzester Zeit ist es üblich geworden, dass der Präsident während seiner Flüge zu internationalen Verhandlungen per Sprachnachricht auf ausgewählte Fragen aus dem Journalistenchat des Präsidialamts antwortet – unter Jermak unvorstellbar.
Wer den allerdings ersetzen soll, ist bislang unklar und mit einer schnellen Personalentscheidung in dieser Angelegenheit ist nicht zu rechnen. Es sei leichter, das Präsidialamt ganz abzuschaffen als einen neuen Büroleiter zu finden, scherzte Selenskyj in einer Antwort auf oben angesprochene Journalistenfragen.
Als Favorit für die Stelle galt lange der erste Vizepremier und erfolgreiche Digitalminister, Mychajlo Fedorow, der erst 34 Jahre alt ist und einen ausgesprochen guten Ruf hat. Er war einer von fünf potenziellen Kandidaten, die der Präsident offiziell bestätigte. Doch inzwischen halten Beobachtende Fedorows Ernennung für eher unwahrscheinlich. Sicher ist: Egal ob Fedorow oder jemand anderes – einen zweiten Jermak wird es nicht geben.
Mehr Macht für Regierung und Parlament
Langfristig ist damit zu rechnen, dass Selenskyj sich künftig – wie bereits erkennbar – auf das politische Urteil diverser Expert:innen aus unterschiedlichen Bereichen verlassen wird. Der Job an der Spitze des Präsidialamts wäre damit wieder in erster Linie administrativer Natur – so, wie es die Verfassung eigentlich vorsieht. Erst unter Jermak und dessen Vorgänger Andrij Bohdan war die Präsidialverwaltung de facto zum Aufsichtsorgan über Parlament und Regierung geworden. Künftig werden Werchowna Rada und Kabinett vermutlich wieder deutlich mehr Mitspracherecht haben, etwa bei der Ernennung von Minister:innen.
In der jetzigen Situation gibt es für Selenskyj eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist, dass er mit der Entlassung von Jermak eine tiefere parlamentarische Krise verhindern konnte. Ein erstes positives Zeichen dafür war die überraschend reibungslose Abstimmung über den Staatshaushalt für 2026, der wegen der hohen Defizite äußerst umstritten war. Kaum jemand hatte hier an eine schnelle Einigung geglaubt, schließlich hatte die Fraktion der Präsidentenpartei kurz davor gestanden, wegen des Unmuts über Jermak auseinanderzubrechen.
Gesucht: Führung im Energieministerium
Was sich hingegen als ausgesprochen schwierig erweist, ist die Suche nach neuen Minister:innen. Nach den Korruptionsenthüllungen sind unter anderem die Spitzen von Justiz- und Energieministerium unbesetzt. Letzteres ist wegen der massiven russischen Angriffe auf das ukrainische Stromnetz von zentraler Bedeutung – erscheint aber gerade deswegen auch wie ein potenzieller Weg in den politischen Selbstmord. Diesmal hat der Präsident die eigene Fraktion damit beauftragt, geeignete Kandidat:innen vorzuschlagen. Bisher führte die Suche zu keinem Ergebnis und es ist unwahrscheinlich, dass das Parlament in der letzten Plenarwoche des Jahres noch über diese Personalien abstimmt.
Also wird die Ukraine einen nicht unbedeutenden Teil des wohl schwersten Winters ihrer modernen Geschichte ohne feste:n Energieminister:in erleben. Dennoch kann sich Wolodymyr Selenskyj am Jahresende darüber freuen, dass er die größte Krise seiner seit 2019 andauernden Amtszeit zunächst einmal abwehren konnte. Wie es 2026 für ihn weitergeht, hängt vor allem von der Entwicklung im russisch-ukrainischen Krieg ab – aber auch davon, was die Antikorruptionsbehörden im Rahmen der Operation „Midas“ möglicherweise noch aufdecken.
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