Wenn das Licht nicht ausgehen darf: Dezentrale Energiesysteme in ukrainischen Gemeinden

Die russischen Angriffe haben die Schwächen eines zentralisierten Energiesystems schonungslos offengelegt. Inzwischen stärkt eine dezentrale Energieversorgung die ukrainischen Gemeinden – technisch, wirtschaftlich und ökologisch. Was als Notlösung begann, entwickelt sich zur strategischen Antwort auf systemische Risiken.
Beitrag in der Reihe Wiederaufbau im Kriegszustand – Chancen und Risiken
Die Ukraine ist im vierten Kriegswinter. Und noch immer ist die Energieinfrastruktur – von Kraftwerken über Umspannwerke bis hin zu den Stromnetzen – Ziel russischer Luftangriffe. Die systematischen Attacken erschweren schnelle Reparaturen und führen zu längeren Ausfallzeiten. Resilienz im Energiebereich wird so zunehmend zu einer Sicherheitsfrage.
Historisch bedingt ist das ukrainische Energieversorgungssystem stark zentralisiert. Strom wird in großen Anlagen erzeugt und über Knotenpunkte in die lokalen Netze eingespeist. Vor dem Krieg lieferten Kernkraftwerke mit rund 55 Prozent den Hauptanteil der ins Netz eingespeisten Elektrizität. Der Anteil von Wärmekraftwerken lag bei etwas mehr als 30 Prozent, gefolgt von rund sieben Prozent Wasserkraft und acht Prozent erneuerbaren Energien.
Die Folgen jahrzehntelanger Zentralisierung
Über die Hälfte der Kraftwerke aus der Zeit vor dem Krieg ist mittlerweile zerstört. Zwischen 2022 und 2025 hat Russland das Energiesystem in über 7500 Angriffen mit Raketen oder Drohnen attackiert. Durch die zentralisierte Struktur ist es besonders verwundbar: Fällt ein Knotenpunkt aus – beispielsweise ein großes Umspannwerk – führt dies zu großflächigen Stromausfällen. Eine dezentralisierte Energieversorgung hat sich deshalb als wichtiger Baustein der Resilienz im Energiebereich erwiesen.
Eine dezentralisierte Energieversorgung meint die Produktion und Speicherung von Energie „nah am Konsumenten“. Konkret umfasst dies Photovoltaikanlagen auf Dächern oder Balkonen, mit Batteriespeichersystemen sowie Mechanismen, die es erlauben, weniger wichtige Bereiche im Notfall herunterzufahren, um dafür kritische Infrastrukturen weiter versorgen zu können. Diese Systeme sind modular, schnell zu installieren, sicher zu betreiben – und sie liefern greifbare Ergebnisse: eine mehrstündige autonome Stromversorgung sowie eine ausreichende Abdeckung kritischer Bereiche. Zudem sind solche Lösungen günstiger und klimafreundlicher.
Vor der russischen Vollinvasion war eine dezentrale Energieversorgung in den Gemeinden eher selten. Große Einrichtungen wie Krankenhäuser nutzten zur Absicherung ihrer Energieversorgung meist Dieselgeneratoren. Zwar installierten immer mehr private Haushalte Solaranlagen und auch in der Industrie gewannen erneuerbare Energien an Bedeutung. In den Gemeinden mangelte es jedoch für eine Umstrukturierung der Energieversorgung an praktischer Erfahrung, normierten technischen Lösungen und qualifiziertem Personal.
Ukrainische NGOs als Projektmanager
Nach den systematischen russischen Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur brachten zunächst ukrainische NGOs die Gemeindeverwaltungen mit Spendern und spezialisierten Firmen zusammen. Die Organisationen kümmerten sich um Finanzierungsmöglichkeiten, entwickelten standardisierte technische Lösungen und boten Management der Anlagen „aus einer Hand“ an.
Die Stiftung Energy Act for Ukraine war eine der ersten, die hybride Solarkraftwerke mit Speicherkapazität installierten. Seit 2022 stattet die Stiftung Schulen, Krankenhäuser und kommunale Wasserwerke mit derartigen Systemen aus. In Krankenhäusern werden ausschließlich jene Bereiche angeschlossen, die für das Überleben der Patienten entscheidend sind – Notaufnahmen, Intensivstationen, OP-Säle sowie Geburts- und Säuglingsstationen. Alle anderen Stationen können weiterhin über Generatoren versorgt werden. Im Durchschnitt liefern die von der Stiftung installierten Systeme zwischen vier und acht Stunden Strom und verfügen für den Fall eines längeren Stromausfalls über zusätzliche Speicherkapazität.
Vorteile hybrider Solarkraftwerke
Die hybriden Solarkraftwerke mit Speichersystemen bieten soziale, wirtschaftliche und ökologische Vorteile. Wird ein solches System etwa in einer Schule installiert, sorgt es dafür, dass die Schüler weiter in ihrem sozialen Umfeld lernen können, und der Unterricht in gewohnter Weise stattfindet. Lehrkräfte betonen immer wieder, wie wichtig es für Kinder ist, sich physisch zusammen mit anderen Kindern in einem Raum aufzuhalten und mit Altersgenossen auszutauschen.
Da die installierten Systeme so ausgelegt sind, dass ein Teil des Strombedarfs mit dem selbst erzeugten Solarstrom gedeckt werden kann, müssen die Einrichtungen weniger Strom aus dem herkömmlichen Netz beziehen und bei Stromausfällen kommen Batterien zum Einsatz. Auf diese Weise sparen die Einrichtungen Stromkosten, aber auch Treibstoff für Generatoren.
Zudem hat der Einsatz nachhaltiger Technologien einen nicht zu unterschätzenden Lerneffekt: Schüler und Schülerinnen, aber auch Mitarbeitende und Besucher:innen erfahren die Vorteile erneuerbarer Energie ganz unmittelbar.
Im November 2025 erlebte die Ukraine mehr Stromausfällen als je zuvor, von denen auch Bildungseinrichtungen nicht verschont blieben. Im Gymnasium von Bobryk in der Region Kyjiw, einem Gebiet, das unter Dauerbeschuss stand und 2022 zeitweise von russischen Truppen besetzt war, installierte Energy Act for Ukraine Anfang 2025 ein hybrides Solarkraftwerk mit einer Gesamtleistung und Speicherkapazität von je 30 kWh. Seither findet wieder Unterricht statt und der Schutzraum wird bei einem Stromausfall mit Strom versorgt. „Es war nur etwa 10 Minuten dunkel. Sobald sich das System zugeschaltet hatte, waren im Schutzraum freudige Ausrufe zu hören. Das Solarkraftwerk liefert uns nicht nur Strom, es bedeutet auch eine psychische Erleichterung für Schüler und Kollegium“, sagt die Schuldirektorin Tetjana Kuz.
Autonome Stromversorgung im Krankenhaus
Die Ausstattung der Intensivstation im Krankenhaus von Koselez mit einem hybriden Solarkraftwerk – eines der vielen Projekte von Energy Act for Ukraine im Rahmen der Kampagne „Sonnenstrom für 50 Krankenhäuser“ – zeigt bespielhaft die Effekte im Betrieb eines städtischen Krankenhauses. „2024 konnten dank der Stiftung 58 Solarpaneele und ein Speichersystem installiert werden. Damit werden in dem Krankenhaus Notfallmedizin, Anästhesiologie mit Intensivbetten und Chirurgie einschließlich der Röntgenapparate, Beatmungsgeräte, CT-Geräte und Patientenüberwachung mit Strom versorgt. Über den erzeugten Solarstrom ist ein autonomer Betrieb über vier bis sechs Stunden gewährleistet. Der Einsatz der Solarpaneele spart täglich Geld. Im Durchschnitt haben wir unsere jährlichen Stromkosten um 5500 Euro senken können“, so der Gemeindesratsvorsitzende Valentyn Bryhynets.
Bis November 2025 hat Energy Act for Ukraine 24 Solarsysteme in elf Schulen, zehn Krankenhäusern, zwei Wasserwerken und einem Verwaltungskomplex installiert. Alle Einrichtungen befinden sich in frontnahen oder nach Besatzung befreiten Gebieten in den Regionen Kyjiw, Tschernihiw, Odesa, Mykolajiw, Saporischschja, Charkiw und Dnipropetrowsk. Der erste internationale Partner der Stiftung war 2022 der Bundesverband Solarwirtschaft e.V., der Projekte in Butscha und Irpin unterstützt hat.
Internationale Unterstützung im Zusammenspiel mit fachkundigen Unternehmen vor Ort ermöglichen die Umsetzung auch umfangreicherer Projekte. So realisiert die GIZ im Rahmen der internationalen Klimaschutzinitiative und mit Unterstützung des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit das Projekt „Erneuerbare Energien für eine resiliente Ukraine“. Damit stärkt sie auch die Arbeit, die ukrainische NGOs bereits seit 2023 leisten.
Zusammenarbeit von NGOs und Gemeinden
Für Gemeinden bietet die Zusammenarbeit mit NGOs neben einer sicheren Stromversorgung weitere Vorteile: transparente Verfahren und schnelle Resultate. NGOs können zudem einen Teil des Verwaltungsaufwandes für die Baumaßnahme tragen. Da NGOs ihren Geldgebern detailliert Rechenschaft ablegen müssen, ist auch das Korruptionsrisiko geringer. Und steht die Finanzierung, kann ein Projekt innerhalb von vier Monaten realisiert werden – von der Ausschreibung zum fertigen Bau.
Darüber hinaus profitieren die Gemeinden von der Expertise der NGOs. Bei der Installation der Solaranlagen sind die NGOs während des gesamten Prozesses ein verlässlicher Ansprechpartner, der Erfahrung und technisches Know-how kostenfrei zur Verfügung stellt. Doch auch über die Bauphase hinaus können die Organisationen die Kontrolle, Wartung und nötige Reparaturen übernehmen. Die Gemeinden wären ansonsten darauf angewiesen, einen Wartungsvertrag mit einem kommerziellen Anbieter abzuschließen.
Die NGOs kümmern sich zudem um Projektgelder oder Fördermittel und entlasten damit die kommunalen Haushalte. Gleichzeitig eröffnen die NGOs so Möglichkeiten für zukünftige Kooperationen zwischen den Gemeinden und potenziellen Partnern und Spendern.
Eigenverantwortung und Aufbau eigener Kapazitäten
Die Fördergelder sollten jedoch keine neuen Abhängigkeiten schaffen. Die Gemeinden müssen parallel eigene Kompetenzen aufbauen – von Bestandsaufnahme der Energieversorgung und Potential der Energieeffizienzmaßnahmen über technische Planungen bis hin zu langfristigen Wartungslösungen. Damit eine Gemeinde bestmöglich auf Stromausfälle reagieren kann, bedarf es individueller und an die Gegebenheiten vor Ort angepasster Lösungen. Doch oft fehlt es den Gemeinden an Mittel für Machbarkeitsstudien. Eine solche qualitativ hochwertige Analyse, die mit Unterstützung von NGOs erstellt wurde, ist ein wesentlicher Faktor im Entscheidungsfindungsprozess von Investoren.
Spendengelder und die Unterstützung durch NGOs können akute Bedarfe zwar decken, doch langfristig erzielen wirtschaftliche Anreize nachhaltigere Effekte. In Programmen, in denen Gemeinden, Nichtregierungsorganisationen und Investoren gemeinsam agieren, trägt die Kommune einen Teil der Material- oder Baukosten – und somit auch Verantwortung.
Der Krieg hat eine simple Tatsache aufgezeigt: Resilienz entsteht von unten. Dezentrale Microgrids auf Basis erneuerbarer Energien und Speicherkapazitäten lassen sich schnell installieren, sind sicher und wirksam. Zwar ersetzen sie keine großen Kraftwerke, doch sie sorgen dafür, dass dort, wo es um Leben, Gesundheit und sozialen Zusammenhalt geht, das Licht auch im Krieg nicht ausgeht.
Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten
Gefördert durch Strategic Communications and Advocacy Lab
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