Der vierte Jahrestag des Butscha-Massakers

Vor vier Jahren reagierte die internationale Öffentlichkeit schockiert, als die ukrainischen Streitkräfte bei der Rückeroberung des Kyjiwer Vororts Butscha Zeugnisse eines Massakers an der Zivilbevölkerung entdeckten. Seitdem hat die russische Armee viele weitere Kriegsverbrechen in der Ukraine begangen, doch die europäische Öffentlichkeit scheint sich an das Grauen gewöhnt zu haben.
Während der einmonatigen Besatzung Butschas zu Beginn der Vollinvasion der Ukraine erschossen russische Einheiten Zivilisten – sowohl auf der Straße als auch in Häusern und Kellern. Einige Bewohner Butschas wurden gefesselt und dann mit Kopfschuss hingerichtet, andere wurden gefoltert und vergewaltigt. Es kam zu willkürlichen Schüssen auf Personen, die flüchten wollten, und zu gezielten Angriffen auf ganze Familien. Bis zum Sommer des ersten Kriegsjahres bargen die Ukrainer in Butscha mehr als 400 Leichen, viele wiesen eindeutige Spuren von Gewalt auf.
Nachdem Butscha Anfang April 2022 befreit worden war, besuchten neben dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj auch zahlreiche ausländische Politiker und Würdenträger den Ort und bekundeten ihr Entsetzen über die Verbrechen, die hier verübt worden waren. Wie auch die zerstörte Großstadt Mariupol wurde Butscha zum Symbol russischer Brutalität in der Ukraine. Die Vereinten Nationen, der Internationale Strafgerichtshof und die ukrainischen Ermittler stuften dieses Massaker einhellig als Kriegsverbrechen ein. Vier Jahre später stellt sich die Frage, wie die Geschichte russischer Verbrechen in der Ukraine weiterging und was sie für Deutschland und Europa bedeutet.
Die Täter müssen belangt werden
Wir wissen inzwischen genau, welche russischen Einheiten die Verbrechen verübten und welche Kommandeure die Truppen führten. Der befehlshabende Kommandeur war Generaloberst Alexander Tschaiko, der sich bereits bei seinem Einsatz in Syrien durch rücksichtsloses Vorgehen auszeichnete und dafür mit dem Orden „Held Russlands“ dekoriert wurde. Wie auch in anderen Fällen haben die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden herausragende Arbeit geleistet. Über keinen anderen Krieg wissen wir so viel wie über den russischen Angriff auf die Ukraine – ukrainische Historikerinnen, Juristen, Denkmalschützer und Aktivistinnen leisten seit Beginn der Vollinvasion eine bewundernswerte Arbeit bei der Dokumentation des Kriegsgeschehens und der russischen Verbrechen. Dank ihrer unermüdlichen Arbeit kennen wir die Details der völkerrechtswidrigen Kriegsführung Moskaus. Jährlich werden die Ergebnisse dieser Arbeit auf einer Konferenz der unabhängigen Forschungsinstitution Center for Urban History in Lwiw dokumentiert. Sie zeigen nicht nur das Engagement, sondern auch die Professionalität der ukrainischen Kolleginnen, die ihre Ergebnisse unter den Bedingungen des Krieges zusammentragen.
Es bleiben jedoch Zweifel, ob am Ende die Täter belangt werden. Europa ist bereits jetzt kriegsmüde – werden wir nach dem Ende der Feindseligkeiten noch die Kraft haben, Gerechtigkeit zu fordern und durchzusetzen? Wird unsere Politik den erneuten Ausgleich mit Russland suchen oder wird sie die Bestrafung der Täter zur Bedingung für jede Annäherung machen? Das sind offene Fragen, die wir bereits jetzt diskutieren sollten. Denn die sowjetische Geschichte lehrt: Die Mörder des NKWD, die Schergen des Gulagsystems und des Geheimdienstes KGB wurden weder im Laufe der Perestroika noch in postsowjetischen Jahren zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil: Viele von ihnen verblieben in den Machtstrukturen und regieren heute Russland. Eine juristische Aufarbeitung sowjetischer Verbrechen fand nicht statt. Die Verbrechen Putins und seines Regimes hingegen sollten wir – auch aus eigenem Interesse – verfolgen.
Butscha ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel
Im Falle des Massakers von Butscha wurden vielfach Analogien zu den Verbrechen der Jugoslawienkriege oder des Zweiten Weltkriegs gezogen. Experten für die post-sowjetische Zeit waren auch wenig überrascht: Sie erkannten den modus operandi der sowjetischen und der russischen Armee, die von Afghanistan über Tschetschenien bis Georgien und Syrien durch ihren Terror gegen die Zivilbevölkerung Spuren der Verwüstung und zahllose Tote Zivilisten hinterlassen hat. Butscha ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Es handelt sich dabei keineswegs um abweichendes Verhalten einzelner Truppenteile, sondern um ein systematisches Vorgehen. Deportationen und Morde an der Zivilbevölkerung, Zerstörung von Kulturgut, Museen und Kirchen, die Verwüstung ziviler Infrastruktur, brutale Folter und sexualisierte Gewalt sind an der Tagesordnung. Die russische Armee ist eine Gewaltmaschine, die keine Grenzen kennt. Die Täter werden für ihr Mordbrennen mit höchsten Orden ausgezeichnet. Kurzum: Die russischen Streitkräfte sind nicht nur Aggressoren in einem brutalen Krieg, sie sind eine verbrecherische Organisation. Ihre Morde an Unschuldigen lassen sich mindestens bis zum Afghanistankrieg der 1980er Jahre zurückverfolgen – doch lange hat der Westen seine Augen davor verschlossen. Die Geschäfte mit dem Kreml wogen schwerer – gerade in Deutschland.
Vier Jahre nach Butscha müssen wir konstatieren: Kriegsverbrechen sind in Europa zur Normalität geworden. Die Ukraine hat gerade einen Winter hinter sich gebracht, in dem die zivile Infrastruktur des Landes von Russland konsequent zerstört wurde. Die Folgen waren Stromausfälle und Millionen, die in ungeheizten Wohnungen ausharren mussten. Doch der Aufschrei, den Butscha hervorgerufen hatte, blieb nun weitgehend aus. Das ukrainische Leid spielte nur eine Nebenrolle in unseren Medien. Wir haben uns an die russischen Verbrechen gewöhnt, wir möchten nicht mehr so genau hinsehen. Wir empören uns kaum, wenn Rettungssanitäter von Kamikazedrohnen gejagt werden, wenn Raketen in Wohnhäuser einschlagen, wenn Kinderkliniken bombardiert werden. Butscha ist allgegenwärtig, aber es ist kein Skandal mehr.
Auch in Deutschland muss man die Gefahr aus Russland ernst nehmen
Dabei sollte uns in Europa Butscha eine Warnung sein. Denn die vier Wochen der Hölle, die vor den Toren Kyjiws herrschten, können sich morgen oder übermorgen in Narwa, an der Suwałki-Lücke oder in Lettgallen wiederholen. Butscha, das ist die Realität russischer Besatzung. Und diese würde auf NATO-Gebiet nicht anders aussehen als nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt. Sind wir darauf vorbereitet? Während die Gesellschaften im Baltikum und in Polen offensiv ihre Resilienz stärken, schauen wir in Deutschland immer noch auf uns selbst und hoffen insgeheim, dass das Gewitter, das sich am Horizont zusammenbraut, an uns vorbeiziehen möge. Das könnte sich als trügerisch herausstellen. Wir sind es den Opfern von Butscha schuldig, dass wir uns an sie erinnern und dass wir endlich Konsequenzen ziehen. Sonst besteht die Gefahr, dass es in Europa noch viele weitere Butschas geben wird.
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