Akkord für Akkord – wie Musik Veteranen Halt gibt

Im Superhumans Center in Lwiw werden ukrainische Veteran:innen nicht nur mit Prothesen ausgestattet, sondern erlangen auch mithilfe von Musiktherapie ihre Handlungsmacht zurück.
Eine Reportage von Christian-Zsolt Varga (Text), Mykhaylo Palinchak (Fotos)
Nazar Yurystovskyy sitzt vor einem E‑Piano und sucht mit der linken Hand nach den nächsten Tasten. Dort, wo einst die rechte war, hängt der Ärmel seines Hoodies lose in der Luft. „Ich klimper heute einfach nur ein bisschen auf dem Klavier herum“, sagt er, als ginge es um ein neues Hobby – und erzählt dann von der letzten Fahrt zu seiner Stellung als aktiver Soldat im Frühjahr 2025.

„Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie ich während der ganzen Fahrt über Amputationen nachdachte. Und ich sagte zu mir selbst: Hör auf, das reicht. Auch Menschen mit Amputationen leben wahrscheinlich ihr bestmögliches Leben. Es gibt Prothesen, wir leben im 21. Jahrhundert. Alles wird gut, selbst wenn ich eine Amputation über mich ergehen lassen müsste.“
Zehn Minuten später trifft eine russische Drohne das Fahrzeug – einen halben Meter von ihm entfernt. Yurystovskyy versucht auszusteigen, greift um sich und sieht, dass sein rechtes Handgelenk nicht mehr da ist. Das rechte Bein ist noch da, aber zertrümmert. Im Krankenhaus heißt es zunächst, man könne es vielleicht retten. Doch Nerven und Gefäße unter dem Knie sind zerstört, ohne Blutzufuhr, „ohne Informationen“, wie Yurystovskyy es nennt. Am nächsten Tag folgt die Amputation.
„Ich sehe mich als ziemlich glücklichen Menschen, denn wäre es 30 Zentimeter weiter links gewesen, würde ich jetzt vielleicht nicht mit euch sprechen“, sagt der 33-Jährige nun ein halbes Jahr nach dem Drohnenangriff ruhig und gefasst. „Ja, so war das. Und danach begann meine Reise als Versehrter.“
Sie führte ihn, wie viele andere Veteran:innen im Land, ins Superhumans Center in Lwiw, die modernste Reha-Klinik für Kriegsverletzte in der Ukraine. Hier werden Prothesen vorbereitet und angepasst, hier lernen Menschen neu zu gehen, zu greifen und ihren Körper wieder zu steuern. Und auch, im Alltag langsam wieder auf eigenen Beinen zu stehen – in ihrem neuen Leben als „Superhumans“, in dem sie sich erst zurechtfinden müssen.
Seit 2024 gibt es dafür im Center ein zusätzliches Angebot: tägliche Musiktherapie von Montag bis Freitag, mit den wechselnden Formaten Klavier, Gitarre, Schlagzeug, DJ-Pult, und am Freitag eine Entspannungseinheit mit Ambientklängen.

„Musik kann dabei helfen, Ängste loszulassen und Spannungen zu reduzieren“, sagt Solomiia Havryliak, Psychologin im Superhumans Center. „Wir geben den Veteranen einen Raum, um sich auszudrücken, zur Ruhe zu kommen und Stress abzubauen.“
Bereits beim Betreten des Gebäudeflügels für Prothesenbehandlungen ist ein ganz eigener Sound zu hören: Meditationsklänge liegen über dem hellen Foyer, Rollstuhlräder quietschen über die barrierefreien Flure und Prothesenfüße klackern auf dem Boden. Wer hier „vollständig“ ist, wie Yurystovskyy es ausdrückt, fällt eher auf als umgekehrt. Viele Patient:innen sind zum ersten Mal seit ihrer Verletzung in einer Umgebung, in der sie sich nicht erklären müssen. Im Schnitt bleiben sie drei Wochen. Bei Beinprothesen geht es oft schneller, bei Armprothesen kann es auch deutlich länger dauern.

Der Weg zur Musiktherapie ist nicht zu verfehlen, das Trommeln hört man schon auf dem Flur. Ein Veteran mit Zopf und Vollbart sitzt in einem Sitzsack, mit überschlagenen Beinen – das untere ein Prothesenbein – und klopft, fast nebenbei, einen Rhythmus mit seinen Händen. In der Ecke wartet ein Schlagzeug, daneben Synthesizer mit Laptop, ein DJ-Pult und ein E‑Piano. In den Regalen liegen Rasseln, Klangschalen und Trommeln; an ihnen lehnen akustische und elektrische Gitarren. Viele der Instrumente sind Spenden.
Heute steht Gitarrenunterricht auf dem Programm. Ein Patient im Rollstuhl rollt herein, zum ersten Mal. Sein rechter Unterschenkel fehlt, der Stumpf ist sichtbar. Während der nächsten Stunde sagt er kein Wort. Konzentriert hört er den Anweisungen eines anderen Veteranen zu, dem selbst ein Bein fehlt, nickt manchmal kurz. Gemeinsam stimmen sie die Gitarre des Neuen.

Zwei Musiker sind an diesem Nachmittag als Freiwillige vorbeigekommen. Sie reißen Witze, geben kleine Anweisungen. Den Finger hier, die Hand locker halten, nur einen Akkord, dann vielleicht noch einen. Alles darf, nichts muss. In einer Ecke probiert ein Veteran kurz eine Ukulele aus. Ein anderer stellt mit seiner Krücke en passant etwas am Verstärker um, als wäre es das selbstverständlichste der Welt.
Dann stimmt die Gruppe den ukrainischen Rockklassiker „Wona“ („Sie“) von Taras Chubay an – die einen spielen schon sicher, die anderen zupfen die ersten neu gelernten Töne. Wer mitsingen möchte, singt mit. Als alles kurz zusammen passt und harmoniert, strahlt auch der Neue für einen Moment.

Psychologin Havryliak betont, wie niedrigschwellig Musik dabei helfe, Emotionen auszudrücken, für die es oft keine Worte gebe. Gerade für viele der „strengeren” Veteranen, die nicht sofort reden wollen und gelernt haben, Gefühle zu kontrollieren oder wegzuschieben.
„Ich kann mir nicht vorstellen, was sie fühlen oder was sie in der Vergangenheit an der Front gesehen haben. Wir drängen sie nicht dazu, uns etwas zu erzählen. Sie tragen vielleicht gemischte Gefühle in sich, vielleicht auch Aggressionen. Dann können sie Schlagzeug oder Percussion spielen und diese einfach ‚aus sich herausschlagen‘,” sagt sie.
Was dabei oft wie nebenbei entsteht, sei weniger klassische Therapie im engeren Sinn als ein Rahmen, in dem zum ersten Mal wieder etwas möglich wird: sich ausprobieren, scheitern, erneut ansetzen und merken, dass Körper und Geist noch reagieren. Und eine Anschauung dafür, was im Haus als Leitidee in vielen Fluren mitschwingt: dass die neuen Einschränkungen nicht automatisch Stillstand bedeuten. „Wir zeigen unseren neuen Patienten auch, dass trotz ihrer Behinderungen alles möglich ist. Wirklich alles!”, erklärt Havryliak voll aufrichtigem Optimismus. „Wir haben zum Beispiel einen Patienten, der mit einer Hand Gitarre spielt, und einen, der mit zwei Prothesenhänden Klavier spielt.”

Auch Zahar Birukov schaut immer wieder im Proberaum vorbei – weil er ohnehin ständig hier ist. Der 37-Jährige ist Patient und Mitarbeiter zugleich. Wenn neue Veteranen im Superhumans Center ankommen, hilft er ihnen dabei, sich zurechtzufinden. Und wenn jemand nach ein paar Tagen immer noch nicht weiß, was er mit den langen Nachmittagen anfangen soll, erwähnt Birukov auch die Musiktherapie: „Schau es dir vielleicht mal an, es ist echt cool.“
Dass er weiß, wovon er spricht, sieht man sofort. Birukov hat zwei Arme und ein Bein verloren; dazu kommen Brandverletzungen, Probleme mit dem Gehör, eine Augenprothese. Seine Handprothesen sind elektrisch – am E‑Piano sind sie deshalb eher Hindernis als Hilfe. Dann spielt er eben ohne, nur mit den Stümpfen. Für ihn ist die Musiktherapie ein Werkzeugkasten, aus dem er nimmt, was gerade passt. „Manchmal komme ich einfach nur zum Chillen, und manchmal, wenn ich etwas lernen möchte, dann lerne ich es einfach.“
Besonders das DJing hat es ihm angetan. „Als ich die DJ-Konsole zum ersten Mal ausprobiert habe, spürte ich ganz neue Möglichkeiten. Ich habe plötzlich eine tiefe Emotion empfunden, weil ich etwas Neues geschaffen habe.“
Und manchmal, sagt Birukov, gehe es gar nicht nur um die Zukunft: „Es ist, als würde man dem inneren Kind der Patienten helfen, jetzt einfach drauflos zu spielen. Einfach alle Instrumente auszuprobieren, die wir haben.“

Das ist ganz im Sinne von Volodymyr Nedogoda. Der 42-Jährige hat im Frühjahr 2024 die Musiktherapie zu Superhumans gebracht. Mit seiner NGO Victory Beats entwickelt er Musikformate für Menschen mit Kriegstraumata, darunter auch solche, die Gefangenschaft überlebt haben. An diesem Nachmittag sitzt er hinter dem Schlagzeug und hält den Takt, während die Gitarristen die Akkorde anstimmen.
Nedogoda kommt ursprünglich aus der IT-Branche, bringt sich aber seit Jahren in künstlerische Projekte ein und hat auch selbst welche ins Leben gerufen. Dabei hat er sich nebenbei in die Musik und ihre psychologische Wirkung eingearbeitet. Lange bevor er anfing, mit Veteranen und Kriegsversehrten zu musizieren, leitete er Entspannungssessions, begleitete ekstatische Tänze und experimentierte mit Klang und Atmosphäre. „Das war natürlich für ein Festivalpublikum“, sagt er, „hier ist es komplett anders. Wirklich komplett. Es war wie eine Terra Incognita, denn es gibt nicht viel Forschung und Literatur über Musiktherapie für Menschen mit Kriegstraumata.“

Die Nachmittage bei Superhumans sind für Nedogoda ausdrücklich keine Musikschule. Es geht nicht um Technik oder Tonleitern, sondern um den Moment, in dem der Mensch wieder spürt, dass er etwas steuern kann, auch wenn der Körper sich gerade erst an die neuen Grenzen gewöhnt.
„Unser Ziel ist es, ihnen zu zeigen, dass alles möglich ist. Sie sind ganz normale Menschen mit unbegrenzten Möglichkeiten, und wir können gemeinsam einen Weg finden, wie wir das erreichen können. Und dann können sie einen Weg finden, wie sie sich am besten ausdrücken können.“
Nazar Yurystovskyy übt derweil weiter am Klavier, heute die Melodie von „Jingle Bells“. Das sei einfach, und er, früher Rechtshänder, versuche seine verbliebene linke Hand damit zu trainieren. „Außerdem ist ja bald Weihnachten, dann werde ich vielleicht vor meinen Freunden damit angeben”, scherzt er und grinst.
Nach dem Abschied ist plötzlich ein dumpfes Geräusch zu hören. Die Krücke ist weggerutscht, Yurystovskyy liegt ausgestreckt auf dem Boden. „Alles okay”, sagt er. Er möchte keine Hilfe und richtet sich ganz langsam wieder selbst auf.
Spenden an Victory Beats: https://send.monobank.ua/jar/GrbADWySA
Spenden an Superhumans Center: https://superhumans.com/en/donate-en/
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