Düstere Aus­sich­ten

Toretsk
Foto: IMAGO /​ Anadolu Agency

Die rus­si­sche Armee rückt langsam, aber stetig vor; hun­dert­tau­sende Men­schen ver­har­ren ohne Wasser und Wärme und die USA als stra­te­gi­schen Partner Nummer eins gibt es nicht mehr – vier Jahre nach dem rus­si­schen Groß­an­griff ist die Lage der Ukraine ernster als je. Doch die Armee hält den Angrif­fen trotz mas­si­ver Per­so­nal­pro­bleme stand und Prä­si­dent Selen­skyj hat mit den jüngs­ten Umbe­set­zun­gen für innen­po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät gesorgt.

Seit dem 24. Februar 2022 steht die Ukraine poli­tisch wie mili­tä­risch unter kaum vor­stell­ba­rem Druck. Vier Jahre nach dem rus­si­schen Groß­an­griff ist dabei vor allem eines bemer­kens­wert: dass die Ukraine immer noch steht. Die Lage des ange­grif­fe­nen Landes könnte gerade in diesem Winter wid­ri­ger kaum sein. Denn neben der Tat­sa­che, dass die rus­si­sche Armee seit Oktober 2023 unun­ter­bro­chen in der stra­te­gi­schen Offen­sive ist, greift sie ukrai­ni­sche Ener­gie­an­la­gen seit dem 10. Oktober 2025 so stark an wie nie zuvor in diesem Krieg.

Dabei kon­zen­trierte sich der Beschuss – anders als in den vor­an­ge­gan­ge­nen Wintern – diesmal stark auf die Haupt­stadt Kyjiw. Massive Zer­stö­run­gen haben dazu geführt, dass die Men­schen in der Drei-Mil­lio­nen-Stadt inzwi­schen rund 14 bis 15 Stunden pro Tag ohne Strom aus­kom­men müssen und enorme Pro­bleme mit der Wärme- und Was­ser­ver­sor­gung haben. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass Russ­land durch die andau­ern­den Angriffe rund die Hälfte der für den Winter not­wen­di­gen Strom­erzeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten zer­stört hat.

Für die Ener­gie­si­cher­heit der Ukraine bedeu­tet dies vor allem zwei Dinge. Erstens ist auch über den Winter hinaus mit Strom­aus­fäl­len zu rechnen. Gerade im Sommer, wenn in ukrai­ni­schen Atom­kraft­wer­ken plan­mä­ßige Repa­ra­tur­ar­bei­ten anste­hen, könnte es erneut kri­tisch werden. Zwei­tens wird die Ukraine ver­mut­lich auch in den kom­men­den Wintern nicht in der Lage sein, Strom­aus­fälle aus­zu­schlie­ßen – selbst, wenn ein Wunder pas­sie­ren und der Krieg morgen enden sollte.

Mili­tär­hilfe aus den USA massiv geschrumpft

Mit Blick auf die Front muss sich die Ukraine in einer neuen außen­po­li­ti­schen Situa­tion zurecht­fin­den. Die USA sind seit Beginn der zweiten Amts­zeit von Prä­si­dent Donald Trump nicht mehr stra­te­gi­scher Partner Nummer eins, sondern ver­su­chen, als eine Art Ver­mitt­ler zu agieren. Die mili­tä­ri­sche Hilfe für die Ukraine ist deut­lich geschrumpft, seit die USA Waffen nur noch an euro­päi­sche Länder ver­kau­fen und nicht mehr direkt an die Ukraine liefern. Unter diesen Bedin­gun­gen hat Russ­land stark auf die Offen­sive im Sommer 2025 gesetzt, aber bei Weitem nicht alle Ziele erreicht.

Vom stra­te­gi­schen Vor­ha­ben, die gesamte Region Donezk zu beset­zen, bleibt der Kreml unver­än­dert weit ent­fernt. Nichts­des­to­trotz rückt die rus­si­sche Armee etwa in den Gebie­ten Donezk und Sapo­rischschja langsam, aber sicher voran. Das macht ukrai­ni­schen Soldat:innen mitten im eis­kal­ten Winter mental zu schaf­fen. Zwar ist trotz mas­si­ver Per­so­nal­pro­bleme in den Streit­kräf­ten und einer stei­gen­den Zahl an Deserteur:innen nicht abzu­se­hen, dass die Ver­tei­di­gungs­li­nie bald kol­la­biert; dennoch ist das Fehlen jeder neuen Dynamik an der Front psy­cho­lo­gisch schwer auszuhalten.

Ver­hand­lun­gen in der Sackgasse

Gleich­zei­tig steckt der von den USA ange­sto­ßene Ver­hand­lungs­pro­zess in einer Sack­gasse. Der Druck aus Washing­ton auf die Ukraine, inak­zep­ta­ble Kom­pro­misse ein­zu­ge­hen, ist enorm. Dabei geht es in erster Linie um die For­de­rung, den Norden der Region Donezk um größere Städte wie Kra­ma­torsk und Slo­wjansk herum frei­wil­lig zu räumen. Die USA bringen dies in Ver­bin­dung mit der Frage von Sicher­heits­ga­ran­tien immer wieder ins Spiel.

Wie auch immer eine solche „Lösung“ konkret aus­se­hen sollte – nicht nur mili­tä­risch bleibt unklar, warum die Ukraine gut aus­ge­baute Ver­tei­di­gungs­stel­lun­gen räumen sollte, die Russ­land momen­tan nicht ein­neh­men kann. Auch der huma­ni­täre Aspekt ist dabei zentral, schließ­lich würde ein solches Vor­ge­hen Zehn­tau­sende Ukrainer:innen rus­si­scher Besat­zung ausliefern.

Vor allem aber bliebe es nur eine Frage der Zeit, bis ein neues Ulti­ma­tum aus Moskau folgen würde, sollte sich die Ukraine auf so etwas ein­las­sen. Schließ­lich sind Groß­städte wie Cherson und Sapo­rischschja eben­falls – zu Unrecht – Teil der rus­si­schen Ver­fas­sung. Es würde ver­mut­lich nicht lange dauern, bis Russ­land den Abzug der ukrai­ni­schen Truppen auch aus diesen regio­na­len Zentren fordern würde. Eben­falls unge­klärt mit wenig Aus­sicht auf eine baldige Eini­gung ist der Status des besetz­ten Atom­kraft­werks Sapo­rischschja. Dass sich bald eine Formel findet, um die mas­si­ven Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten in diesen Fragen zu über­win­den, ist nicht zu erwarten.

Hoff­nung auf fri­schen Wind in der Diplomatie

Gleich­zei­tig haben Per­so­nal­ver­än­de­run­gen auf der ukrai­ni­schen Seite zumin­dest ein klein wenig fri­schen Wind in den Ver­hand­lungs­pro­zess gebracht. Über­nom­men hat die Ver­hand­lun­gen de facto der neue Leiter des Prä­si­di­al­amts, Kyrylo Budanow, zuvor Chef des Mili­tär­ge­heim­diensts HUR. Eine weitere Schlüs­sel­fi­gur ist mit dem mäch­ti­gen Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den der Prä­si­den­ten­par­tei Diener des Volkes, David Arak­ha­mia, hin­zu­ge­kom­men. Arak­ha­mia leitete schon unmit­tel­bar nach dem rus­si­schen Groß­an­griff die ukrai­ni­sche Dele­ga­tion bei Gesprä­chen mit der rus­si­schen Seite.

Wie Budanow gilt Arak­ha­mia als geschick­ter Unter­händ­ler, der zudem ver­gleichs­weise gute Bezie­hun­gen in die US-Admi­nis­tra­tion von Trump pflegen soll. Darauf musste auch die rus­si­sche Seite reagie­ren. Sie setzt nun ver­stärkt auf Mili­tärs, die mit ihren ukrai­ni­schen Gesprächpartner:innen kon­krete tech­ni­sche Fragen bespre­chen. Bei der letzten Ver­hand­lungs­runde in Genf wurde die rus­si­sche Dele­ga­tion aller­dings erneut von Wla­di­mir Medin­s­kij ange­führt, Pseu­do­his­to­ri­ker und „Kul­tur­be­ra­ter“ Putins, der jeg­li­ches Fort­kom­men blockierte.

Klit­ze­klei­nes Fenster der Möglichkeit

Auch wenn die Posi­tio­nen Russ­lands und der Ukraine in zen­tra­len Fragen denkbar weit aus­ein­an­der liegen: Dass beide Kon­flikt­par­teien sich nicht in der Posi­tion sehen, den Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen von US-Prä­si­dent Trump direkt eine Absage zu ertei­len, hält wei­ter­hin ein klit­ze­klei­nes Fenster der Mög­lich­keit offen.

Die Haupt­auf­gabe der ukrai­ni­schen Diplo­ma­tie bleibt dabei nach wie vor, den Status quo der brö­ckeln­den Unter­stüt­zung zu erhal­ten, welche die US-Admi­nis­tra­tion der Ukraine momen­tan noch gewährt. Denn an eine Kehrt­wende im poli­ti­schen Washing­ton und daran, dass Donald Trump ein­sieht, wie wenig Russ­land gewillt ist, den Krieg in nächs­ter Zukunft zu halb­wegs adäqua­ten Bedin­gun­gen zu beenden, glaubt niemand mehr.

Wichtig für die Ukraine ist deshalb vor allem, dass die USA wei­ter­hin Waffen und Muni­tion ver­kau­fen und mili­tä­ri­sche Auf­klä­rungs­da­ten teilen – was nicht nur mit Blick auf die Front, sondern auch auf den fort­wäh­ren­den Luft­krieg von höchs­ter Bedeu­tung ist. Schließ­lich ist die Ukraine ohne das US-ame­ri­ka­ni­sche Flug­ab­wehr­sys­tem Patriot kaum in der Lage, bal­lis­ti­sche und aero­bal­lis­ti­sche Raketen aus Russ­land abzu­weh­ren, die bei soge­nann­ten kom­bi­nier­ten Luft­an­grif­fen den mit Abstand größten Schaden verursachen.

Neue Minis­ter sta­bi­li­sie­ren innen­po­li­ti­sche Lage

Neben ihren außen­po­li­ti­schen Impli­ka­tio­nen sind die Per­so­nal­ver­än­de­run­gen im poli­ti­schen Kyjiw aber vor allem von innen­po­li­ti­scher Bedeu­tung. Die zweite Jah­res­hälfte 2025 stand in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt unter den Vor­zei­chen der soge­nann­ten Ope­ra­tion Midas der Anti­kor­rup­ti­ons­or­gane, die Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj zwi­schen­zeit­lich in die bisher größte innen­po­li­ti­sche Krise seiner Amts­zeit stürzte.

Sie führte unter anderem zur Ent­las­sung des mäch­ti­gen Chefs im Prä­si­di­al­amt, Andrij Jermak, der bis dahin sowohl in der Innen­po­li­tik als auch in der ukrai­ni­schen Diplo­ma­tie auf inter­na­tio­na­ler Ebene die erste Geige gespielt hatte. Bei aller Umstrit­ten­heit Jermaks war es eine offene Frage, ob ein derart an ihn gebun­de­nes und zen­tra­li­sier­tes Macht­sys­tem ohne diesen wich­tigs­ten „Manager“ an der Seite des Prä­si­den­ten über­haupt weiter funk­tio­nie­ren würde.

Die fak­ti­sche Beför­de­rung des belieb­ten Gene­ral­leut­nants Budanow zum Chef des Prä­si­di­al­amts wurde in der Ukraine als posi­ti­ves Zeichen der Ver­än­de­rung wahr­ge­nom­men – zumal Budanow mit seinen 40 Jahren noch relativ jung ist. Auch eine zweite Neu­be­set­zung kam in der Gesell­schaft zunächst einmal extrem gut an: die Ernen­nung des 35-jäh­ri­gen erfolg­rei­chen Digi­tal­mi­nis­ters, Mycha­jlo Fedorow, zum neuen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter. Fedorow, der als Pionier bei der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung der Armee gilt und die Droh­nen­ab­wehr ent­schei­dend mit­ge­stal­tet hat, genießt von allen Mit­glie­dern der ukrai­ni­schen Regie­rung das wohl größte Ansehen in der Bevöl­ke­rung. Viele erwar­ten mit Recht von ihm, sein oft als „Cha­os­mi­nis­te­rium“ bezeich­ne­tes Ressort gründ­lich zu reformieren.

Her­aus­for­de­run­gen werden größer

Mit diesen Per­so­nal­ent­schei­dun­gen hat Prä­si­dent Selen­skyj auch nach innen demons­triert, dass er zu ris­kan­ten Ent­schei­dun­gen bereit ist, ohne dabei zu sehr auf dem eta­blier­ten Regie­rungs­sys­tem zu behar­ren. Mitten im für die Ukraine äußerst schwe­ren Winter 2025/​26 ver­schafft ihm dies zumin­dest eine Weile lang innen­po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät – kaum etwas könnte derzeit von grö­ße­rer Bedeu­tung sein.

Denn die Her­aus­for­de­run­gen, vor denen die Ukraine vier Jahre nach Beginn des Groß­an­griffs durch Russ­land steht, werden mit der Zeit nur noch gewal­ti­ger. Und leider ist fast davon aus­zu­ge­hen, dass das Land auch zum fünften Jah­res­tag des rus­si­schen Ein­marschs in einem Jahr wei­ter­hin damit beschäf­tigt sein wird, sich mili­tä­risch gegen seine Ver­nich­tung zu wehren – allen Ver­su­chen, den Krieg diplo­ma­tisch zu beenden, zum Trotz.

Portrait von Denis Trubetskoy

Denis Tru­bets­koy ist in Sewas­to­pol auf der Krim geboren und berich­tet als freier Jour­na­list aus Kyjiw.

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestellen

Tragen Sie sich in unseren News­let­ter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich einverstanden.