Droh­nen­ab­wehr neu organisiert

Mobile Luftabwehr-Feuergruppen der 112. separaten Territorialverteidigungsbrigade der Streitkräfte der Ukraine
Foto: IMAGO /​ Le Pictorium

Die ukrai­ni­sche Luft­waffe hat einen neuen stell­ver­tre­ten­den Kom­man­deur: Pawlo Jelisarow, bislang Kopf einer der besten Droh­nen­ab­wehr­trupps, soll die unter­schied­li­chen Systeme der Luft­ab­wehr zusam­men­füh­ren und einen ein­heit­li­chen „Droh­nen­ab­wehr­schirm“ errich­ten. Jelisarow, im Manage­ment genauso erfah­ren wie im Militär, ist dafür der rich­tige Mann. Doch ohne west­li­che Unter­stüt­zung kann auch er das Über­le­ben seines Landes nicht sichern.

Kaum eine mili­tä­ri­sche Luft­ver­tei­di­gung der Welt stand je vor der Her­aus­for­de­rung, mit der die Ukraine täglich kämpft: Immer wieder stellt Russ­land in seinem Angriffs­krieg neue Rekorde beim Einsatz von Drohnen und Raketen auf. Jüngs­tes Bei­spiel: der massive kom­bi­nierte Beschuss ukrai­ni­scher Ener­gie­an­la­gen am 3. Februar. Prä­si­dent Selen­skyj zufolge griff Russ­land die Ukraine an diesem Tag mit 32 bal­lis­ti­schen und elf anderen Raketen, 28 Marsch­flug­kör­pern und 450 Drohnen an – ein neuer Höchst­wert unmit­tel­bar nach einem Mora­to­rium, das nur wenige Tage hielt. 
Bei kom­bi­nier­ten Angrif­fen werden Drohnen, Marsch­flug­kör­per und bal­lis­ti­sche Raketen gleich­zei­tig ein­ge­setzt. Seit dem Beginn der jüngs­ten Angriffs­welle auf das ukrai­ni­sche Ener­gie­sys­tem am 10. Oktober fliegt die rus­si­sche Armee fast wöchent­lich solche Angriffe. Die Men­schen etwa in der Haupt­stadt Kyjiw müssen deshalb inzwi­schen im Schnitt 14 bis 15 Stunden pro Tag ohne Strom aus­kom­men und haben massive Pro­bleme mit der Wärme- und Was­ser­ver­sor­gung – bei zwei­stel­li­gen Minusgraden.

Droh­nen­schwärme greifen Infra­struk­tur an

Neben solchen kom­bi­nier­ten Angrif­fen stellen auch „bloße“ Droh­nen­an­griffe die ukrai­ni­sche Luft­ab­wehr vor schwere Her­aus­for­de­run­gen. Bereits seit dem Herbst 2022 greift die rus­si­sche Armee das ukrai­ni­sche Hin­ter­land massiv mit Lang­stre­cken­dro­hen an. Zunächst waren dies vor allem Schahed-Drohnen aus ira­ni­scher Pro­duk­tion, seit mehr als einem Jahr hat Russ­land die Droh­nen­pro­duk­tion im eigenen Land erheb­lich gestei­gert. Seitdem wird die Ukraine fast jede Nacht von hun­der­ten Drohnen ange­grif­fen – in Spit­zen­zei­ten sind es 700 bis 800 Flug­kör­per pro Nacht.

Dass die Flug­ab­wehr ange­sichts dessen an ihre Grenzen stößt, ver­wun­dert nicht – schließ­lich ist die Ukraine das zweit­größte Land Europas. Ihr gesam­tes Staats­ge­biet effek­tiv vor Luft­an­grif­fen zu schüt­zen, ist unter den gege­be­nen Umstän­den kaum möglich. Die Ukraine könne weder Flug­ab­wehr­ra­ke­ten selbst pro­du­zie­ren noch verfüge sie über eine voll­wer­tige Seri­en­pro­duk­tion von Luft­ver­tei­di­gungs­sys­te­men, betont Ana­to­lii Khrap­chyn­skyi, Reser­ve­of­fi­zier der ukrai­ni­schen Flugabwehr. 

Unter­stüt­zung aus dem Westen hilf­reich, aber zu spät

Als Russ­land die Ukraine am 24. Februar 2022 über­fiel, war Kyjiw daher lange auf Luft­ver­tei­di­gungs­sys­teme sowje­ti­scher Pro­duk­tion – vor allem der Reihe S‑300 – ange­wie­sen. Mit ihnen konnte die ukrai­ni­sche Armee ver­hin­dern, dass Russ­land die Luft­ho­heit über­nahm und feind­li­che Flug­zeuge tief in das ange­grif­fene Nach­bar­land schi­cken konnte, ohne größere Ver­luste befürch­ten zu müssen.

Die Flug­ab­wehr­ra­ke­ten aus den dama­li­gen Bestän­den aller­dings sind längst auf­ge­braucht. Zwar sind wei­ter­hin einige Boden-Luft-Rake­ten­sys­teme der Reihe S‑300 im Einsatz, sie werden inzwi­schen aber mit west­li­chen Raketen bestückt. Auch in dieser Hin­sicht ist die Ukraine also ent­schei­dend von Lie­fe­run­gen aus dem Ausland abhängig.

Dass sich west­li­che Länder erst nach der ersten rus­si­schen Angriffs­welle auf die ukrai­ni­sche Ener­gie­infra­struk­tur im Herbst 2022 dazu durch­rin­gen konnten, moderne Flug­ab­wehr­sys­teme zu liefern, hatte für die Ukraine fatale Folgen. Dabei erwies sich nicht zuletzt das deut­sche Flug­ab­wehr­sys­tem IRIS‑T als äußerst effek­tiv gegen­über angrei­fen­den Marsch­flug­kör­pern. Beson­ders die Hilfe aus Deutsch­land, das Kyjiw zudem drei Patriot-Systeme zur Ver­fü­gung stellte, ist deshalb nicht zu unter­schät­zen. Dennoch fiel die Ent­schei­dung, die Ukraine bei der Flug­ab­wehr zu unter­stüt­zen, einfach zu spät.

Abwehr­sys­teme gegen bal­lis­ti­sche Raketen fehlen

Die größte Gefahr für die ukrai­ni­sche Zivil­be­völ­ke­rung und ihre Infra­struk­tur geht unver­än­dert von bal­lis­ti­schen oder aero­bal­lis­ti­schen Raketen aus, etwa der Hyper­schall­ra­kete Kin­schal. Gegen sie kann sich die Ukraine nur mit dem Flug­ab­wehr­ra­ke­ten­sys­tem Patriot in seiner moderns­ten Version PAC‑3 schüt­zen – oder mit dessen euro­päi­schem Pendant SAMP/​T aus ita­lie­nisch-fran­zö­si­scher Pro­duk­tion. Sie stellen die soge­nannte „große Flug­ab­wehr“ dar.

Beide Systeme stehen der Ukraine jedoch nur in sehr begrenz­ter Zahl zur Ver­fü­gung und Muni­tion dafür ist teuer. Gerade bei SAMP/​T dürfte das Land ledig­lich über zwei Systeme ver­fü­gen, die größ­ten­teils im Süden der Ukraine ein­ge­setzt werden. Die Raketen dafür gehen immer wieder aus. Dass ein Teil der angrei­fen­den Raketen aus Russ­land nicht abge­fan­gen werden kann, ist unter diesen Umstän­den also fast unver­meid­bar – erst recht, wenn es nicht um die Haupt­stadt geht, die beson­ders im Visier Moskaus steht, sondern um ent­le­ge­nere Regionen.

Droh­nen­ab­wehr aus ver­schie­de­nen Komponenten

Die „kleine Flug­ab­wehr“ der Ukraine, die vor allem gegen den täg­li­chen Droh­nen­be­schuss ein­ge­setzt wird, besteht aus kleinen, mobilen Boden­ein­hei­ten der Luft­streit­kräfte, elek­tro­ni­scher Kriegs­füh­rung, Kurz­stre­cken-Flug­ab­wehr­sys­te­men und inno­va­ti­ven Abfang­droh­nen. Letz­tere stellt die Ukraine Prä­si­dent Selen­skyj zufolge inzwi­schen in einer Zahl von etwa 1.000 Stück pro Tag selbst her.  

Zu den effek­tivs­ten Flug­ab­wehr­sys­te­men mit klei­ne­rer Reich­weite gehören der deut­sche Gepard-Panzer, das aus­tra­li­sche Droh­nen­ab­wehr­sys­tem Slinger, bei dem eine Maschi­nen­ka­none auf die Lade­flä­che eines Pick-ups mon­tiert ist, sowie das bri­ti­sche Flug­ab­wehr­sys­tem Ter­ra­hawk Paladin, das durch seinen Radar eine 360-Grad-Rund­um­sicht ermög­licht und mit hoher Prä­zi­sion feuern kann.

Mobile Boden­ein­hei­ten an vor­ders­ter Front

Die vor­derste Front der „kleinen Luft­ver­tei­di­gung“ aber bilden mobile Flug­ab­wehr­trupps: Sol­da­ten, die mit Pick-ups oder Jeeps dorthin fahren, wo Angriffe erwar­tet werden, und mit schwe­ren Maschi­nen­ge­weh­ren ver­su­chen, die feind­li­chen Drohnen vom Himmel zu holen. In der Praxis ist das eine extreme Her­aus­for­de­rung, denn es geht nicht nur darum, zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort zu sein. Die Flug­bahn von Drohnen lässt sich oft schwer vor­aus­sa­gen, immer wieder fliegen die Geschosse seit­wärts oder zu hoch, um sie mit Maschi­nen­ge­weh­ren zu errei­chen. Dennoch ist der Einsatz der mobilen Ein­hei­ten uner­läss­lich – und sei es zu Aufklärungszwecken.

Obwohl die Ukraine es auf diese Weise schafft, den Groß­teil der feind­li­chen Luft­an­griffe abzu­weh­ren, richten nicht abge­fan­gene Drohnen immer noch erheb­li­chen Schaden an. Das zeigte schon der erste große Angriff Russ­lands auf die Ener­gie­infra­struk­tur in diesem Winter: Am 10. Oktober wurden zwei Kraft­werke in Kyjiw durch Drohnen stark beschä­digt. Wolo­dymyr Selen­skyj hatte die unzu­rei­chende Droh­nen­ab­wehr zuvor bereits mehr­fach kri­ti­siert. 

Ukraine braucht einen „Droh­nen­ab­wehr­schirm“

Im Januar stellte der Prä­si­dent deshalb die Kurz­stre­cken-Luft­ab­wehr der Ukraine kom­plett neu auf und beför­derte Pawlo Jelisarow zum stell­ver­tre­ten­den Kom­man­deur der Luft­waffe. Der ehe­ma­lige TV-Fern­seh­pro­du­zent hatte seit 2022 eine der erfolg­reichs­ten ukrai­ni­schen Droh­nen­ein­hei­ten ange­führt. Jeder fünfte zer­störte rus­si­sche Panzer, so Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Michajlo Fedorow, gehe auf das Konto der Gruppe Lasar unter seinem Kommando.

Die wich­tigste Aufgabe des 57-Jäh­ri­gen besteht nun darin, die „kleine Flug­ab­wehr“ besser zu koor­di­nie­ren, also die Ein­sätze von mobilen Flug­ab­wehr­trupps, Abfang­droh­nen und anderen Sys­te­men der Kurz­stre­cken-Flug­ab­wehr sinn­voll auf­ein­an­der abzu­stim­men. Oder, wie es Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Mycha­jlo Fedorow for­mu­liert: Die Ukraine brauche einen „Droh­nen­ab­wehr­schirm“ – ein System, das „nicht erst nach­träg­lich reagiert“, sondern die Bedro­hung bereits im Anflug iden­ti­fi­ziert und zer­stört. Die Luft­ab­wehr dürfe nicht nur punk­tu­ell aktiv sein, sie müsse wie ein Netz über das ganze Land gespannt sein.

Ohne Hilfe aus dem Westen kann das Land nicht überleben

Dafür soll der erfah­rene Manager Jelisarow nun vor allem ein­heit­li­che Stan­dards in der „kleinen Flug­ab­wehr“ eta­blie­ren – was bisher nicht gelun­gen ist und ein koor­di­nier­tes Vor­ge­hen erschwert. Lan­de­sys­teme müssen ver­ein­heit­licht, Radar­ge­räte und unter­schied­li­che Waf­fen­sys­teme in ein ein­heit­li­ches Netz­werk inte­griert, Tech­no­lo­gien und Soft­ware auf­ein­an­der abge­stimmt werden. Auf­grund zahl­rei­cher pri­vat­wirt­schaft­li­cher Initia­ti­ven in der Luft­ver­tei­di­gung sind derzeit dut­zende unter­schied­li­che Systeme im Einsatz. Was fehlt, ist eine ein­heit­li­che Soft­ware für alle – nicht zuletzt für die auto­ma­ti­sche Ziel­er­fas­sung und ‑bekämp­fung.

Daneben gibt es eine Reihe wei­te­rer prak­ti­scher Pro­bleme bei der Arbeit der Luft­waffe, die Jelisarow angehen muss. So erweist es sich im Lan­des­in­ne­ren trotz gel­ten­den Kriegs­rechts de facto oft als schwie­rig, Luft­ver­tei­di­gungs­sys­teme auf zivilen Hoch­häu­sern zu sta­tio­nie­ren, was in der Praxis über­le­bens­wich­tig sein kann. Auch die sys­te­ma­ti­sche Errich­tung spe­zi­el­ler Flug­ab­wehr­stel­lun­gen muss aus­ge­baut werden.

Jelisarows muss in seiner neuen Posi­tion sicher­stel­len, dass Daten und Infor­ma­tio­nen bei dro­hen­der Gefahr in einen ein­heit­li­chen Zyklus inte­griert werden und die Men­schen im Kampf­ein­satz recht­zei­tig errei­chen. Vor allem Kom­man­deure und Soldat:innen in den Regio­nen und Stel­lun­gen vor Ort haben die Ernen­nung Jelisarows, der früher vor allem als Pro­du­zent von Politik-Talk­shows bekannt war, als ein posi­ti­ves Signal wahrgenommen.

Noch mehr als einen sys­te­ma­ti­schen und effek­ti­ven Manager wie Jelisarow aber braucht die ukrai­ni­sche Luft­waffe die stär­kere Unter­stüt­zung ihrer west­li­chen Partner. In einer Zeit mas­si­ver Angriffe auf die Ener­gie­infra­struk­tur ist diese überlebensnotwendig.

Portrait von Denis Trubetskoy

Denis Tru­bets­koy ist in Sewas­to­pol auf der Krim geboren und berich­tet als freier Jour­na­list aus Kyjiw.

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