Ukrai­nisch-Ortho­doxe Kirche unter Druck

Foto: IMAGO /​ ZUMA Press Wire

Seit einem Jahr droht der Ukrai­nisch-Ortho­do­xen Kirche, die bis 2022 dem Mos­kauer Patri­ar­chat unter­stand, ein Verbot – zu eng schei­nen ihre Ver­bin­dun­gen nach Russ­land. Ob sich dies wirk­lich durch­set­zen ließe, hängt nicht nur von mög­li­cher­weise langen Gerichts­ver­fah­ren ab, sondern auch von den Ver­hand­lun­gen über ein Ende des Krieges – und von den Bezie­hun­gen Kyjiws zu den Repu­bli­ka­nern in den USA.

Im August 2024 ver­ab­schie­dete das ukrai­ni­sche Par­la­ment ein bemer­kens­wer­tes Gesetz, das die Tätig­keit reli­giö­ser Orga­ni­sa­tio­nen ver­bie­tet, die mit der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche ver­bun­den sind. Es sei ein Gesetz zuguns­ten „unserer geist­li­chen Unab­hän­gig­keit“, betonte Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj damals. „Wir werden die Ukraine und unsere Gesell­schaft weiter stärken.“ Das Gesetz richtet sich in erster Linie gegen die Ukrai­nisch-Ortho­doxe Kirche (UOK), die bis 2022 dem Mos­kauer Patri­ar­chat unter­stand und formell eine auto­nome Kirche inner­halb der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche (ROK) war.

Par­al­lel dazu exis­tiert die Ortho­doxe Kirche der Ukraine (OKU), die 2018 in Abgren­zung zum Mos­kauer Patri­ar­chat ent­stan­den war. Sie ist vor allem im Westen des Landes aktiv und wird von der heu­ti­gen Staats­füh­rung und zahl­rei­chen Gläu­bi­gen unter­stützt – während viele Pries­ter in der UOK ver­blie­ben sind.

Die UOK erklärte sich im Mai 2022 wegen des rus­si­schen Angriffs­krie­ges für „selb­stän­dig und unab­hän­gig“ von Moskau, vollzog diesen Schritt aller­dings nicht im stren­gen kir­chen­recht­li­chen Sinne – weshalb ukrai­ni­sche Behör­den bis heute anzwei­feln, wie auf­rich­tig die Geist­li­chen unter Metro­po­lit Onufrij ihre Erklä­rung meinten.

Schwie­rige Debatte um Gesetz zum Verbot reli­giö­ser Gruppen

Die Ver­ab­schie­dung des Geset­zes war sei­ner­zeit alles andere als einfach und nahm ins­ge­samt fast ein Jahr in Anspruch: Die erste Lesung fand bereits im Oktober 2023 statt. Zwar stand ein großer Teil der ukrai­ni­schen Gesell­schaft der UOK damals längst kri­tisch gegen­über – unter anderem, weil immer wieder Durch­su­chun­gen statt­fan­den und ein­zelne Mit­ar­bei­tende der UOK beschul­digt wurden, für rus­si­sche Geheim­dienste zu arbeiten.

Nichts­des­to­trotz ist die UOK immer­hin die zweit­größte Kirche des Landes, gerade in süd­öst­li­chen Regio­nen hat sie nach wie vor großen Ein­fluss. Deshalb lob­by­ier­ten nicht nur die im Par­la­ment ver­blie­be­nen Reste der ver­bo­te­nen pro­rus­si­schen Partei Oppo­si­ti­ons­platt­form und klei­nere Teile der Prä­si­den­ten­frak­tion Diener des Volkes gegen das Gesetz. Auch Über­le­gun­gen, im Falle der UOK müsse man im Sinne des gesell­schaft­li­chen Frie­dens mit Bedacht handeln, spiel­ten eine Rolle.

Klare Distan­zie­rung von Moskau verlangt

Am 24. August nun lief die Frist ab, inner­halb der sich die UOK laut Gesetz formell voll­stän­dig von der ROK hätte distan­zie­ren müssen. Die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche steht poli­tisch klar auf der Seite des Kreml, unter­stützt offen den Angriffs­krieg und ist deshalb in der Ukraine ver­bo­ten. Dem Gesetz ent­spre­chend werden Kirchen, die der Zusam­men­ar­beit mit der ROK ver­däch­tigt werden, zunächst von einer Exper­ten­kom­mis­sion über­prüft. Stellt diese Ver­feh­lun­gen fest, hat die betrof­fene Reli­gi­ons­ge­mein­schaft zunächst neun Monate Zeit, um ihre Ver­bin­dun­gen nach Russ­land abzu­bre­chen und einem Verbot zu entgehen.

Der zustän­dige Staat­li­che Dienst für Eth­no­po­li­tik und Gewis­sens­frei­heit hat der UOK, nachdem diese Frist nun abge­lau­fen ist, noch einmal 30 Tage Zeit gegeben, um sich voll­stän­dig aus den Struk­tu­ren der ROK zurück­zu­zie­hen. Theo­re­tisch könnte die UOK danach noch einmal 60 Tage Zeit bean­tra­gen, um einen ent­spre­chen­den Bericht ein­zu­rei­chen. Ver­streicht auch diese Frist ergeb­nis­los, würden über ein Verbot der UOK ver­mut­lich Gerichte ent­schei­den – was sehr lange dauern könnte.

Kir­chen­recht­li­che Streit­punkte mit poli­ti­scher Sprengkraft

Konkret dreht sich der Streit um fol­gende Punkte: Die UOK soll ihre sat­zungs­mä­ßi­gen Organe aus den Struk­tu­ren der ROK wie der Synode und dem Bischofs­rat ent­fer­nen; sie soll die Satzung der ROK – welche die UOK nach wie vor als Teil des Mos­kauer Patri­ar­chats defi­niert – für sich selbst als ungül­tig erklä­ren und sich öffent­lich gegen die Anne­xion ukrai­ni­scher Diö­ze­sen durch die ROK stellen. Die UOK hat die Zuge­hö­rig­keit zum Mos­kauer Patri­ar­chat im Früh­jahr 2022 durch eine Sat­zungs­än­de­rung zwar aus ihrem Namen ent­fernt – doch ihre Ver­bin­dun­gen nach Moskau sind offen­sicht­lich nach wie vor stark.

„Die Anzei­chen einer Zuge­hö­rig­keit [zur ROK] sind im Gesetz sehr klar defi­niert“, sagte Viktor Yelen­skyi, Chef des Staat­li­chen Diens­tes für Eth­no­po­li­tik und Gewis­sens­frei­heit, gegen­über der ukrai­ni­schen Redak­tion der Deut­schen Welle. „Es gibt sieben Anzei­chen. Und unsere Unter­su­chung hat ergeben, dass vier dieser sieben Anzei­chen bei der UOC vor­lie­gen.“ Es gehe nicht darum, dass die UOK lit­ur­gi­sche Bräuche oder die Sprache des Got­tes­diens­tes ändern oder die Auto­ke­pha­lie aus­ru­fen solle, erläu­terte Yelen­skyi, ver­langt werde ledig­lich eine deut­li­che und glaub­wür­dige Distan­zie­rung von der ROK.

Aus­ge­bür­ger­ter Metro­po­lit und Spionagevorwürfe

Für Schlag­zei­len sorgte in diesem Sommer auch die Aus­bür­ge­rung von Metro­po­lit Onufrij, dem lang­jäh­ri­gen Ober­haupt der UOK. Der Inlands­ge­heim­dienst SBU hatte behaup­tet, Onufrij hätte 2002 frei­wil­lig die rus­si­sche Staats­bür­ger­schaft ange­nom­men, ohne ukrai­ni­sche Behör­den darüber zu infor­mie­ren. „Nach SBU-Infor­ma­tio­nen unter­hält Onufrij Bezie­hun­gen zum Mos­kauer Patri­ar­chat und hat sich bewusst gegen die kano­ni­sche Unab­hän­gig­keit der ukrai­ni­schen Kirche vom Mos­kauer Patri­ar­chat gestellt, dessen Ver­tre­ter die rus­si­sche Aggres­sion gegen die Ukraine offen unter­stüt­zen“, heißt es in der Meldung des Geheim­diens­tes. Prä­si­dent Selen­skyj unter­zeich­nete dar­auf­hin einen ent­spre­chen­den Erlass, um Onufrij die ukrai­ni­sche Staats­bür­ger­schaft zu ent­zie­hen – wobei die Aus­bür­ge­rung ukrai­ni­scher Staats­bür­ger juris­tisch frag­wür­dig ist, selbst wenn sie den Pass eines feind­li­chen Staates besitzen.

Die gesamte UOK als eine von Russ­land kon­trol­lierte Struk­tur dar­zu­stel­len, wäre mit Sicher­heit unan­ge­mes­sen. Unbe­strit­ten ist jedoch, dass Moskau nach wie vor großen Ein­fluss auf die Kirche hat. Das Inves­ti­ga­tiv­pro­jekt Bihus.Info berich­tete im Früh­jahr 2024 über eines der bisher größten auf­ge­deck­ten Spio­na­ge­netz­werke inner­halb der UOK. Dem­zu­folge hätten rus­si­sche Agenten Infor­ma­tio­nen über die Unter­drü­ckung von Gläu­bi­gen, Geist­li­chen und „reli­giö­sen Medi­en­schaf­fen­den“ in Umlauf gebracht. Orga­ni­sa­tio­nen wie der „Verband ortho­do­xer Jour­na­lis­ten“ und mehrere der UOK nahe­ste­hende Medien hätten diese mit dem Ziel wei­ter­ver­brei­tet, die ukrai­ni­sche Führung zu dis­kre­di­tie­ren und die Situa­tion im Land zu desta­bi­li­sie­ren – und rus­si­sche Pro­pa­gan­da­me­dien hätten solche Nar­ra­tive aufgegriffen.

Kir­chen­ver­bot als poli­ti­sche Verhandlungsmasse

Ob die UOK letzten Endes tat­säch­lich ver­bo­ten wird, ist aller­dings auch abge­se­hen von einem mög­li­cher­weise Jahre dau­ern­den Gerichts­pro­zess durch viele Instan­zen und der nach wie vor großen Gefolg­schaft der UOK eine viel­schich­tige Ange­le­gen­heit. Denn die Rechte der UOK sind Teil der rus­si­schen For­de­run­gen im aktu­el­len Diplo­ma­tie-Mara­thon rund um die Been­di­gung des Krieges. Für die Ukraine gibt es dabei klare rote Linien. So ist aus­ge­schlos­sen, dass Kyjiw die besetz­ten Gebiete offi­zi­ell als rus­sisch aner­ken­nen und sich von dort zurück­zie­hen wird. Ebenso wenig vor­stell­bar ist, dass die ukrai­ni­sche Armee frei­wil­lig die bisher noch von ihr kon­trol­lier­ten Teile der Region Donezk mit grö­ße­ren Städten wie Kra­ma­torsk und Slo­wjansk und deren gut aus­ge­bau­ten Ver­tei­di­gungs­stel­lun­gen räumt.

Doch ein Waf­fen­still­stand ist längst nicht in Sicht, und ob die Ukraine ihre Bedin­gun­gen durch­set­zen kann, bleibt frag­lich. Das Thema der UOK oder auch der Status der rus­si­schen Sprache beinhal­ten viel gesell­schaft­li­chen Spreng­stoff – was Russ­land gezielt aus­nutzt, um die Ukraine zu desta­bi­li­sie­ren. Ande­rer­seits wären auf diesem Gebiet Zuge­ständ­nisse möglich, die im Ver­gleich zu anderen Maxi­mal­for­de­run­gen Moskaus leich­ter umzu­set­zen wären. Bezüg­lich der UOK kommt es zudem auf das rechts­kon­ser­va­tive Lager inner­halb der Repu­bli­ka­ni­schen Partei in den USA an, deren Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter sich immer wieder besorgt über angeb­li­che reli­giöse Repres­sio­nen in der Ukraine äußern.

Portrait von Denis Trubetskoy

Denis Tru­bets­koy ist in Sewas­to­pol auf der Krim geboren und berich­tet als freier Jour­na­list aus Kyjiw.

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