War die Ukraine eine sowje­ti­sche Kolonie?

Gestürzte Lenin-Statue in Kiew, © Nick Andros

Die Ukraine steckt mitten im Prozess der Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung und Natio­nen­bil­dung. Vor diesem Hin­ter­grund lässt sich Russ­lands Krieg gegen die Ukraine als post­ko­lo­nia­ler Kon­flikt begrei­fen.

Die Ukraine ist (erst) seit 1991 ein unab­hän­gi­ger Natio­nal­staat, ein Zer­falls­pro­dukt der Sowjet­union wie alle 15 ehe­ma­li­gen Uni­ons­re­pu­bli­ken, ein­schließ­lich Russ­lands. Ande­rer­seits: Die Ukraine hat eine mehr als 1000jährige Geschichte. Kiew war das Zentrum der ersten ost­sla­wi­schen Staats­bil­dung, hier nahm die Chris­tia­ni­sie­rung der Ost­sla­wen ihren Anfang. Aber eine unun­ter­bro­chene staat­li­che Kon­ti­nui­tät gab es nicht. Ver­su­che zu einer unab­hän­gi­gen Staats­bil­dung schei­ter­ten im 17. Jahr­hun­dert und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts nach dem Ersten Welt­krieg.

Das Impe­rium als „Anti-Impe­rium“

Was war die Ukraine also im späten Zaren­reich und in der Sowjet­union: ein loser Haufen von Pro­vin­zen, die zu ver­schie­de­nen Staaten gehör­ten? Eine Kolonie? Ein Teil der Metro­pole? Die Sowjet­union hat es in ihrer Selbst­dar­stel­lung geschafft, die Vor­stel­lung weit von sich zu weisen, die UdSSR sei ein Impe­rium wie jedes andere. Mehr noch: Die Wahr­neh­mung der Sowjet­union als „Anti-Impe­rium” wurde auch im Westen weit­ge­hend akzep­tiert. Es gelang der sowje­ti­schen Ideo­lo­gie und Pro­pa­ganda, das Sowjet­sys­tem als Über­win­dung und Befrei­ung vom Kolo­nia­lis­mus zu ver­mark­ten.

Im kom­mu­nis­ti­schen Nar­ra­tiv konnte es also keine sowje­ti­schen Kolo­nien geben. Heute – ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Ende der Sowjet­union – hat sich die Selbst­wahr­neh­mung in den ehe­ma­li­gen Uni­ons­re­pu­bli­ken in das Gegen­teil ver­kehrt: Überall wird mit mehr oder weniger Nach­druck das kolo­niale Erbe aus rus­si­scher und sowje­ti­scher Zeit beklagt und die Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung ver­langt und prak­ti­ziert. Mit einer Aus­nahme: Russ­land. Selbst in Belarus, der am stärks­ten sowje­ti­sier­ten und rus­si­fi­zier­ten Repu­blik, fordern oppo­si­tio­nelle Kräfte die Über­win­dung der kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit. Drei der fünf Staaten Zen­tral­asi­ens (Usbe­ki­stan, Turk­me­ni­stan, Kasach­stan) ver­wer­fen sogar die kyril­li­schen Buch­sta­ben und über­neh­men die latei­ni­schen.

Sowje­ti­scher Kolo­nia­lis­mus

Kein Zweifel, der sowje­ti­sche Kolo­nia­lis­mus hatte seine Beson­der­hei­ten und unter­schied sich von bri­ti­schen, fran­zö­si­schen und anderen Kolo­ni­al­im­pe­rien; das begüns­tigte die Mimikry. Hinzu kam: Die Bol­sche­wiki hatten nach 1917 im Bür­ger­krieg gesiegt, weil sie ver­spra­chen, das „zari­sche Völ­ker­ge­fäng­nis“ zu öffnen und die nicht­rus­si­schen Völker in die Frei­heit und staat­li­che Selb­stän­dig­keit zu ent­las­sen. Zwar hielten sie ihr Ver­spre­chen nicht, aber die Ukrai­ner und viele andere bekamen immer­hin eine eigene Sowjet­re­pu­blik. Die ukrai­ni­sche Sprache und Kultur wurden geför­dert und das Rus­si­sche zurück­ge­drängt. Die frühe sowje­ti­sche Natio­na­li­tä­ten­po­li­tik unter­schied sich massiv und positiv von der im späten Zaren­reich, als sogar die Bezeich­nung Ukraine ver­bo­ten war. Stalin nahm jedoch in den 1930er Jahren viele Zuge­ständ­nisse zurück; kein ukrai­ni­scher Natio­nal­kom­mu­nist über­lebte das Jahr 1939.

Aber die Fassade des Sowjet­fö­de­ra­lis­mus blieb bestehen, und sie war kei­nes­wegs bedeu­tungs­los. Nur außer­halb der Sowjet­union, ins­be­son­dere in Deutsch­land, wurde es sowohl vor als auch nach 1945 üblich, in der Sowjet­union nur die Russen wahr­zu­neh­men und die Ukrai­ner und die anderen – d.h. die Hälfte der Bevöl­ke­rung – zu ver­ges­sen; Sowjet­russ­land galt in Deutsch­land als inof­fi­zi­elle Staats­be­zeich­nung.

Mit der Sowjet­union kehrte das Russ­län­di­sche Reich also in neuer Form auf die Land­karte zurück. Die Bol­sche­wiki ver­schärf­ten und ver­fei­ner­ten die zen­tra­len Ele­mente impe­ria­ler Herr­schaft, deren Ziel die Unter­wer­fung der Kolo­nien war. Die Zen­tra­li­sie­rung aller wich­ti­gen und vieler unwich­ti­ger Ent­schei­dun­gen in Moskau blieb bis zum Ende der Sowjet­union Gene­ral­li­nie der Kom­mu­nis­ti­schen Partei, deren strikt hier­ar­chi­scher Aufbau die Garan­tie für die Auf­recht­erhal­tung impe­ria­ler Herr­schaft bot. Zwar ver­füg­ten die Ukraine und die anderen Uni­ons­re­pu­bli­ken (nach sowje­ti­scher Lesart) über eigene Staat­lich­keit, aber eine Macht­tei­lung mit Moskau oder ein Aus­han­deln von Kom­pe­ten­zen zwi­schen Metro­pole und Kolo­nien kam nicht in Frage. Inso­fern war der Sowjet­fö­de­ra­lis­mus das Gegen­teil des Föde­ra­lis­mus im west­lich-demo­kra­ti­schen Ver­ständ­nis.

Wer aber war die Metro­pole im sowje­ti­schen Impe­rium? Das rus­si­sche Volk ins­ge­samt war weder in zari­scher noch in sowje­ti­scher Zeit Herr­scher oder Nutz­nie­ßer des Impe­ri­ums. Inhaber der Macht waren die lei­ten­den Appa­rate und Funk­tio­näre der Kom­mu­nis­ti­schen Partei, der bewaff­ne­ten Kräfte, der Sicher­heits­dienste, des Staats­ap­pa­ra­tes und der Wirt­schaft (die sog. Nomen­kla­tura). Zwar bil­de­ten Russen eine über­pro­por­tio­nale Mehr­heit dieser Macht­elite, aber es wurden auch zahl­rei­che Nicht­rus­sen, dar­un­ter viele Ukrai­ner, koop­tiert.

Die Ukraine als Kolonie

Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirt­schaft und Kultur ver­fügte die Ukraine über keine eigen­stän­di­gen Ent­schei­dungs­kom­pe­ten­zen. Obgleich das Land seit 1945 Mit­glied der Ver­ein­ten Natio­nen war, gab es keine von Moskau unab­hän­gige Außen­po­li­tik. Schon in den 1920er Jahren beklag­ten ukrai­ni­sche Öko­no­men auch öffent­lich die kolo­niale Abhän­gig­keit von Moskau. Nur dort wurde über die Ver­tei­lung von Inves­ti­tio­nen ent­schie­den. Wie ein roter Faden zieht sich durch die gesamte sowje­ti­sche Zeit die ukrai­ni­sche Behaup­tung, das Land zahle mehr in den Gesamt­haus­halt ein als es zurück­er­halte. Die Ukraine sei also der Zahl­meis­ter der Union. Die einzige Mög­lich­keit für Kiew, Ein­fluss auf wirt­schafts­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen der Zen­trale zu nehmen, bestand bis zuletzt in inof­fi­zi­el­ler Lob­by­tä­tig­keit bzw. Kor­rup­tion der Metro­pole. Davon wurde umfas­send und nicht ohne Erfolg Gebrauch gemacht.

Während die Ukraine in der sowje­ti­schen Früh­zeit im Bereich der Kultur einen weiten Spiel­raum genoss, wurde die Bewe­gungs­frei­heit gerade hier gegen Ende der Sowjet­union immer enger. Moskau ent­schied darüber, in welchen Hoch­schu­len und Schulen Rus­sisch oder Ukrai­nisch Unter­richt­spra­che war, oder wie viele Bücher auf Ukrai­nisch erschei­nen durften.

Zu der von oben ver­ord­ne­ten und durch­ge­setz­ten Kolo­nia­li­sie­rung kam die Selbst­ko­lo­nia­li­sie­rung im vor­aus­ei­len­den Gehor­sam. Lange ein­ge­übte Ver­hal­tens­mus­ter, die weit in zari­sche Zeit zurück­rei­chen, die Erfah­run­gen mit dem Terror der Sta­lin­zeit sowie die Angst vor einer unge­wis­sen Zukunft haben die Aus­bil­dung einer eigen­stän­di­gen euro­päi­schen Iden­ti­tät in der Ukraine erschwert und Min­der­wer­tig­keits­kom­plexe geför­dert. Es passt durch­aus in dieses Bild, dass es ande­rer­seits radikal-natio­na­lis­ti­sche Gruppen gab und gibt, für die die Ukraine „über allem“ steht.

Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung

Par­al­lel zur Kolo­nia­li­sie­rung fanden schon in sowje­ti­scher Zeit Pro­zesse der Deko­lo­ni­sie­rung statt. Sie führten dazu, dass die ukrai­ni­sche Nation am Ende der sowje­ti­schen Periode bedeu­tend fester gefügt und hand­lungs­fä­hi­ger war als nach dem Ersten Welt­krieg. Die sowje­ti­sche Natio­na­li­tä­ten­po­li­tik hat somit ent­ge­gen ihrer Inten­tion nicht zur „Ver­schmel­zung“ der Natio­nen geführt, sondern zu ihrer Unab­hän­gig­keit bei­ge­tra­gen.

Die Gegen­läu­fig­keit der Ent­wick­lun­gen in den letzten sowje­ti­schen Jahr­zehn­ten hat den Bruch am Ende der Pere­stro­jka vor­be­rei­tet: Einer­seits wuchs das Selbst­be­wusst­sein der neuen ukrai­ni­schen Eliten gegen­über Moskau, die nicht mehr auf den „großen Bruder“ ange­wie­sen waren, ande­rer­seits ver­suchte die Metro­pole mit klein­li­cher Bevor­mun­dung in der Spra­chen- und Kul­tur­po­li­tik gegen­zu­steu­ern. Die Gleich­zei­tig­keit der ungleich­zei­ti­gen Pro­zesse von Nati­ons­bil­dung und Kolo­nia­li­sie­rung führte am Ende zu einer explo­si­ven Mischung, die zum Zusam­men­bruch der Sowjet­union wesent­lich beitrug.

Heute besteht in der ukrai­ni­schen Öffent­lich­keit ein breiter Konsens darüber, dass die Deko­lo­ni­sie­rung ein unum­kehr­ba­rer Prozess ist, der aller­dings noch nicht abge­schlos­sen ist; Rück­schläge gelten als denkbar. Das Land hat sich im ver­gan­ge­nen Vier­tel­jahr­hun­dert kul­tu­rell sowie in der Innen- und Außen­po­li­tik weit von der Metro­pole ent­fernt, und ist auf dem Weg vom Objekt zum Subjekt der inter­na­tio­na­len Politik ein großes Stück vor­an­ge­kom­men.

Russ­lands post­ko­lo­nia­ler Krieg gegen die Ukraine

Eine Haupt­be­dro­hung der Selb­stän­dig­keit besteht darin, dass Russ­land den Verlust des Impe­ri­ums nicht aner­kennt und seit 2014 einen post­ko­lo­nia­len Krieg gegen die Ukraine führt mit dem Ziel, die Ukraine ent­we­der in die hege­mo­niale Abhän­gig­keit zurück­zu­füh­ren oder zu einem failed state zu machen; jeden­falls aber die Inte­gra­tion einer freien Ukraine in die euro­päi­sche Staa­ten­ge­mein­schaft zu ver­hin­dern. Diese rus­si­schen Posi­tio­nen haben auch in der Ukraine Anhän­ger, wenn auch – das zeigen die Wahlen der ver­gan­ge­nen Jahre und Umfra­gen – mit deut­lich abneh­men­der Tendenz. Der Krieg im Donbas hat dazu bei­ge­tra­gen, dass die Anhän­ger einer Reinte­gra­tion mit Russ­land als Alter­na­tive zu Europa inzwi­schen eine kleine Min­der­heit sind.

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